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Hexenverfolgungen Liechtenstein, Fürstentum  

Manfred Tschaikner  

10. Dezember 2012 

Das heutige Fürstentum Liechtenstein bestand in der Frühen Neuzeit aus der Grafschaft Vaduz und der Herrschaft Schellenberg, die in Personalunion regiert wurden (1507-1613 Grafen von Sulz, 1613-1699 Grafen von Hohenems). Obwohl beide Territorien über die Hochgerichtsbarkeit verfügte, leiteten die – zumindest letzten – Hexenprozesse nicht die vom Volk gewählten Landammänner, sondern der herrschaftliche Landvogt in Vaduz.  

Wie in vielen anderen Regionen fanden in der Grafschaft Vaduz und in der Herrschaft Schellenberg am Ende des 16. Jahrhunderts, in den dreißiger Jahren und in der Mitte des 17. Jahrhunderts Gerichtsverfahren gegen vermeintliche Hexenpersonen statt. Den quantitativen Höhepunkt der gerichtlichen Verfolgung erlebten die beiden Territorien in den Jahren von 1648 bis 1651: Damals wurden etwa 100 Personen hingerichtet. Danach kam es wieder in den sechziger Jahren zu Gerichtsverfahren, in deren Gefolge man mindestens neun Personen als Hexen und Hexer verbrannte. Weitere Prozesse fanden 1675/76 statt, nachdem der junge Graf Ferdinand Karl von Hohenems die Regierung übernommen hatte. Über die damaligen Vorgänge ist wie über die vorhergehenden nur wenig bekannt. Allein für die letzte Phase der Hexenverfolgungen um 1679/80 liegen aufschlussreichere Quellen vor.

Im Frühjahr 1679 führte Landvogt Dr. Romarich Brügler von Herkulesberg (auch: Romaricus Prügler von Herkelsberg) in der Grafschaft Vaduz Hexenprozesse, die 20 Personen das Leben kosteten. Obwohl das Gericht die Unterlagen vorschriftsgemäß durch einen Juristen, nämlich Dr. Thomas Welz aus Lindau, hatte begutachten lassen, stießen die Prozesse, die Vaduz-Schellenberg überregional in einen schlechten Ruf als „Hexenland“ brachten, bald auf breiten Widerstand. Den Hauptgrund dafür scheinen schwere Verfahrensmängel und die Tatsache gebildet zu haben, dass der Landvogt bis in die führenden Kreise, ja sogar über den Landesherrn inquirieren ließ. Als der Graf letztlich einwilligte, die Prozessunterlagen zur rechtlichen Überprüfung an eine Universität zu übersenden, fanden die gerichtlichen Hexenverfolgungen durch Brüglers Flucht ein abruptes Ende.

Davor schon hatte der hoch verschuldete Landesherr den Ständen zur Verzinsung und Abzahlung ihrer Kredite sämtliche Herrschaftseinkommen überlassen. Auch die Einnahmen aus den Hexenprozessen sollten an die ständische Kasse fallen. Unter diesen Umständen wandelten sich einstige Kritiker bald zu Befürwortern neuer Verfolgungen. Gegen die Hexenprozesse des Jahres 1680 unter Landvogt Joseph Andreas Walser aus Feldkirch, die insgesamt 25 Personen das Leben kosteten, sind keine Proteste von Seiten der Stände mehr bekannt. 

Wurden 1679 noch zu 75 Prozent Männer hingerichtet, dominierten im Jahr danach die weiblichen Delinquenten mit 59 Prozent; ihr Anteil hatte sich somit mehr als verdoppelt. Das Ende des ständischen Widerstands gegen die Hexenprozesse war also auch mit einer stärkeren Verlagerung der Verfolgungen auf das weibliche Geschlecht verbunden.  

Den ersten Schritt zur Beendigung der Vaduzer Hexenprozesse setzte Maria Eberlin von Planken, nachdem ihr eine abenteuerliche Flucht aus dem Schlossgefängnis gelungen war. Sie schaltete einen Feldkircher Notar ein. Bald darauf wurde der Triesner Pfarrer Valentin von Kriss vor Ort gegen die Hexenprozesse aktiv. Durch einen Einspruch bewahrte er im Dezember 1680 eine Frau aus seiner Pfarre vor der Verbrennung. Kurze Zeit später wandten sich der Pfarrer und fünf weitere Personen, die wegen der Hexenverfolgungen aus der Grafschaft Vaduz geflohen waren, über Vermittlung der Innsbrucker Regierung in zwei getrennten Memorialen, worin sie die unrechtmäßige Vorgangsweise bei den Prozessen schilderten und um Hilfe baten. an den Kaiser. 

Diese Eingaben belasteten den Grafen in einer bereits bedenklichen politischen Lage. Bald wurde ihm die Fortsetzung der Inquisitionen und der Prozesse untersagt. Eine vom Kaiser eingesetzte Kommission unter Leitung des Kemptener Fürstabts Rupert von Bodman übersandte die Gerichtsakten an die juridische Fakultät der Universität Salzburg, die 1682 in einem Rechtsgutachten sämtliche Prozesse der Jahre 1679 und 1680 erwartungsgemäß für rechtswidrig erklärte. Zu diesem Ergebnis gelangte der Gutachter Dr. Johann Baptist Moser vor allem dadurch, dass er – anders als der vom Vaduzer Gericht konsultierte Lindauer Jurist – verschärfte Verfahrensweisen, die bei den meisten Hexenprozessen angewandt wurden, ablehnte und die Einhaltung der gewöhnlichen Strafprozessnormen in allen Details forderte.

Nachdem weitere Konflikte mit den Untertanen zu eskalieren drohten und der Landesherr zusehends psychopathisch agierte, wurde er im März 1684 vom kaiserlichen Kommissar verhaftet und ins Allgäu gebracht, wo er 1686 in Gefangenschaft verstarb. Im Sommer 1684 entzog ihm der Kaiser die Kriminaljurisdiktion. Die Herrschergewalt wurde ihm formal jedoch nie aberkannt. 

Auch erfolgte keine ausdrückliche Ungültigkeitserklärung der Urteile in den Hexenprozessen. Verstärkt durch die Probleme bei der angeordneten Rückerstattung von konfiszierten Gütern steuerte der Konflikt zwischen den Anhängern und den Gegnern der Hexenverfolgungen deshalb bald auf einen neuen Höhepunkt zu. Kaiserliche Subkommissare sahen sich deshalb im März 1685 gezwungen, ein Mandat zu veröffentlichen, das weitere Agitationen der Verfolger unter Strafe stellte und den Ruf ihrer Opfer offiziell rehabilitierte. Die starken Gegensätze in der Bevölkerung fanden aber – zumindest in zwei Gemeinden – eine Fortsetzung in einer generationenlangen Feindschaft zwischen den Familien der Opfer und den Sippen der ehemaligen Ankläger oder Denunzianten, die man bis ins ausgehende 20. Jahrhundert als „Tobelhocker“ sozial ächtete.  

Bei den Hexenprozessen in Vaduz-Schellenberg fehlten die verwaltungstechnischen Hürden, die in großräumigen Herrschaftskomplexen Fehlentscheidungen lokaler Obrigkeiten entgegenwirkten. Obwohl das quantitative Ausmaß der Gerichtsverfahren gegen vermeintliche Hexenpersonen in der Literatur lange Zeit überschätzt wurde – insgesamt ist von etwa 200 Hinrichtungen auszugehen –, wiesen die Prozesse der Jahre 1679/80, bezogen auf die geringe Einwohnerzahl der Territorien, nicht nur eine hohe Intensität auf, sondern zeitigten auch außergewöhnliche politischen Folgewirkungen. Gemeinsam mit zahlreichen anderen Konflikten trugen sie dazu bei, dass sich die Misswirtschaft und die Unfähigkeit des Landesherrn von einer Finanzkrise zu einer Herrschaftskrise ausweitete, die zum Übergang der Territorien von den Grafen von Hohenems an das Haus Liechtenstein führte.  

Bis in die Gegenwart wird in der Literatur versucht, dem Grafen Ferdinand Karl von Hohenems die Alleinschuld an den letzten Hexenprozessen zuzuschreiben und das massive Verfolgungsbedürfnis von Teilen der Bevölkerung sowie das Interesse der Stände an den Konfiskationsgeldern auszublenden. Das Engagement des Triesner Pfarrers gegen die Hexenverfolgungen kann keineswegs als repräsentativ für die gesamte Geistlichkeit gelten. Auch erfolgte gegen den Hohenemser Grafen keine Reichsexekution. 

Ausgewählte Literatur 

Otto Seger, Der letzte Akt im Drama der Hexenprozesse in der Grafschaft Vaduz und Herrschaft Schellenberg. In: Jahrbuch des Historischen Vereins für das Fürstentum Liechtenstein 57 (1957), S. 135–227.

Otto Seger, Aus der Zeit der Hexenverfolgungen. Ein Nachtrag zur Arbeit „Der letzte Akt im Drama der Hexenprozesse in der Grafschaft Vaduz und der Herrschaft Schellenberg“ (Jahrbuch 1957). In: Jahrbuch des Historischen Vereins des Fürstentums Liechtenstein 59 (1959), S. 329–349.

Manfred Tschaikner, "Der Teufel und die Hexen müssen aus dem Land ..." Frühneuzeitliche Hexenverfolgungen in Liechtenstein. In: Jahrbuch des Historischen Vereins für das Fürstentum Liechtenstein 96 (1998), S. 1-197.

Manfred Tschaikner, Hohenemser Schreckensherrschaft in Vaduz und Schellenberg? – Graf Ferdinand Karl von Hohenems und die Hexenprozesse (1675–1685). In: Montfort 64/2 (2012), S. 87–99.

Empfohlene Zitierweise

Tschaikner, Manfred: Liechtenstein - Hexenverfolgungen. Aus: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller u. Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: http://www.historicum.net/no_cache/persistent/artikel/1621/

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Erstellt: 15.02.2006

Zuletzt geändert: 10.12.2012