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Hexenverfolgungen Kurtrier 

Walter Rummel  

16.02.00  

Hexenverfolgungen im Kurfürstentum Trier 

Das politische Herrschaftsgebiet des Erzbischofs von Trier zog sich im Westen von lothringischen, nassau-saarbrückischen und spanisch-luxemburgischen Gebieten entlang Saar und Mosel mit unterschiedlich weiten Ausläufern durch Eifel und Hunsrück über den Mittelrheinraum bis in den Westerwald. 

Verfolgungen im Kurfürstentum Trier und im Trierer Land 

Frühe Prozesse (Weisenstein) sind bislang nur vereinzelt für die Stadt Trier ab der Mitte des 15. Jahrhunderts nachweisbar. Zu einer ersten größeren Verfolgung kommt es Ende des 15. Jahrhunderts im Trierer Land und am Mittelrhein (Amt Boppard), für die wir auch die Rezeption der neuen Dämonologie greifen (Bekehrungszeugnis des Eberhardsklausener Mirakelchronisten Wilhelm von Bernkastel ). Die durchaus vorhandene Skepsis weltlicher Amtsträger, worüber sich noch der Hexenhammer für Koblenz beklagt, wird dadurch unterminiert. Persönliche Unterstützung erhält dieser Vorgang durch das Erscheinen des Heinrich Institoris an der Mittelmosel, wo er der Gemeinde Ediger als Gegenleistung für eifriges Beten gegen die Hexen einen Ablaß gewährt. Dennoch ist auch weiterhin bei weltlichen Amtsträgern noch Skepsis vorhanden.  

Ende des 16. Jahrhunderts kommt es im Raum Trier zum Ausbruch einer regionalen Verfolgung, die reichsweit alles bis dahin Bekannte in den Schatten stellt ("His celebribus trevirensibus inquisitionibus": Nikolaus von Hontheim ) und sich rasch auch in die anderen Regionen des Territoriums ausbreitet. Das Ausmaß der Eskalation verdeutlichen die Prominentenprozesse in der Stadt Trier gegen den kurfürstlichen Stadtschultheiß Dr. Dietrich Flade, den Hochgerichtsschöffen Niklas Fiedler und dessen Schwiegervater, Ratsmitglied und Bürgermeister Hans Reuland; ferner gegen den Hochgerichtsschöffen und Bürgermeister Hans Kesten und vermutlich auch gegen Bürgermeister Behr. In dem kondominal verfaßten Beltheimer Gericht (-> Hintere Grafschaft Sponheim) im Hunsrück kommt es 1592-1597 wegen des Übergreifens der Verfolgung zu Spannungen mit den verfolgungsunwilligen Mitgemeinsherrn. 

Auf eher vereinzelte Prozesse in den beiden ersten Jahrzehnten des 17. Jahrhunderts folgt ab 1628 in zeitlicher Nähe zu ähnlichen Vorfällen in anderen Gebieten des Reiches erneut eine heftige Verfolgung, die wir sowohl im Trierer Land entlang der Mosel, in Eifel, Hunsrück und Westerwald (Montabaur) sowie am Mittelrhein greifen. Mit dem Eintreffen der Schweden am Mittelrhein um 1631 bricht diese Welle ab, um aber schon ab 1634 wieder in vereinzelt nachweisbaren Prozessen ihr Werk fortzusetzen. Seit 1640 ist davon wieder verstärkt das Mittelrhein-Westerwaldgebiet betroffen. Um 1652 läßt die gleiche Region abermals einen Verfolgungsansatz erkennen, dem jedoch schon 1653/54 politischer Widerstand von seiten des neuen Erzbischofs und Kurfürsten Carl Caspar von der Leyen (1652-1676) entgegengesetzt wird. Nach einigen letzten Versuchen besonders in Kondominien des Hunsrücks, der Untermosel und der Westerwald-Taunus-Region (Beltheim, Alken, Wehrheim, Camberg, Mensfelden), enden mit dem Jahr 1660 die bislang bekannten Belege. 

Zahlen  

Eine quantitative Gewichtung der kurtrierischen Verfolgung ist durch den fast völligen Verlust der Gerichtsakten (sie sind vermutlich zum größeren Teil einer gezielten Vernichtung am Ende der Verfolgungsperiode zum Opfer gefallen; Reste gingen später zugrunde) unmöglich geworden. Das reichsweite Aufsehen, welches die große Verfolgung vom Ende des 16. Jahrhunderts hervorrief, und die in diesem Zusammenhang kolportierten Zahlen (bis 7500 bei David Meder ) lassen mit Sicherheit auf eine Opferzahl über 1000 schließen; in einer ähnlichen Größenordnung könnte man die Gesamtzahl derer, die den folgenden Wellen zum Opfer fielen, ansetzen. Eine neuere Übersicht (Dillinger) des äußerst bruchstückhaft überlieferten Quellenmateriales kommt zu immerhin 788 Verfahren bzw. 699 Todesurteilen, muß sich aber ebenfalls noch auf unsichere Belege stützen (so sind die in der ortsgeschichtlichen Literatur kolportierten 24 Todesurteile im Koblenzer Ratsprotokoll bislang nicht bewiesen worden). Allein das Verzeichnis des Maximiner Amtmannes Claudius von Musiell weist für den Zeitraum von 1588 bis 1594 die Hinrichtung von ca. 400 Personen aus ca. 36 Dörfern der Abtei St. Maximin bei Trier und weiteren umliegenden Orten, darunter auch solche mit kurtrierischer Zugehörigkeit, aus. 

Nicht überprüfbar, aber durchaus glaubwürdig, sind zeitgenössische Angaben wie im Nachruf der Jesuiten auf den Pater Lukas Ellentz, der 200 Menschen zum Scheiterhaufen begleitet haben soll. Ähnlich das Zeugnis der Neusser Chronik, die nur für das Amt Pfalzel für 1587 von 118 Hinrichtungen spricht, wozu die Nachricht des Humanisten Franciscus Modius paßt, der seinem Tagebuch anvertraute, er habe bei seinem Aufenthalt um 1590 bei Trier eine Hinrichtungsstätte gesehen, wo man aufgrund der dort stehenden Pfähle erkennen konnte, daß hier noch kürzlich über 100 Menschen, Männer wie Frauen hingerichtet worden seien. Für die gleiche Zeit berichtet der kurtrierische Amtmann des vor der Stadt gelegenen Amtsortes Pfalzel, seine Gefängnisse seien überfüllt. Für das Jahr 1593 gibt die Limburger Chronik an, daß im westerwäldischen Amt Montabaur "wol an die 30 weiber verbrent" worden seien "wegen zauberei". Und in den Jahren 1628-1631 heißt es erneut für Montabaur, daß die die zahlreichen Verhafteten - 81 laut Angabe eines Chronisten am Ende des 18. Jahrhunderts - in den Bögen der Stadtmauer angekettet werden mußten.  

Angesichts der disparaten Überlieferungslage können alle Versuche zur näheren Bestimmung des Verhältnisses von Anklagen zu Freilassungen bzw. Todesurteilen keine Repräsentativität beanspruchen. Einzeln dokumentierte Verfolgungsmilieus lassen nur eine ganz geringe Freilassungsquote erkennen, wobei die Freilassung eher durch Ertragen der Folter als durch juristischen Beistand herbeigeführt wurde. Der Frauenanteil liegt in diesen Fällen um 80%. Dillinger bestimmt das Verhältnis im Rahmen seiner Gesamtübersicht (bei 30% Fällen mit fehlenden Angaben) auf 57% Frauen zu 11% Männern.  

Einzelne Verfolgungswellen: Prozeß- und Strukturanalyse, auch zahlenmäßige Gewichtung. Auslöser und treibende Kräfte 

Deutlich greifbar sind die auslösenden Faktoren für die Welle am Ende des 16. Jahrhunderts: Mehrere chronikalische Belege berichten übereinstimmend (Gesta Treverorum; Annales Novesienses; Limburger Chronik) von anhaltend schlechten Witterungsverhältnissen, die mit überdurchschnittlich viel Regen, bis ins Frühjahr reichendem Frost und Schnee zu erheblichen Engpässen in der Nahrungsmittelversorgung führten. Vor dem Hintergrund dieser sog. "kleinen Eiszeit" kam lokalen Unwettern eine extreme katalytische Wirkung bei der Entstehung einer örtlichen Pogromstimmung zu. Einen hohen Grad an Verselbständigung erhielt das Geschehen infolge der Besagungen (denunciatio complicorum), die als Kernstück der Beweisführung im Mittelpunkt der Verhöre standen, Aufschluß über weitere Verdächtige gaben und prozessual wie auch im gesellschaftlichen Umfeld handlungsanleitend wirkten. Das Vorbild von Prozeßaktivitäten benachbarter Regionen und Orte wirkte sich stets in Form von Nachforschungen zu oder Gerüchten über dort ergangene Bezichtigungen von Personen der eigenenen Gemeinde aus. In diesem Zusammenhang kann der Einfluß des Trierer Weihbischofs Petrus Binsfeld als regionalem Verfolgungsprotagonisten sicherlich nicht überschätzt werden, da er mit seinem Werk "De confessionibus maleficarum" zentral die damals schon umstrittene Glaubwürdigkeit der Besagungen untermauern wollte. Darüber hinaus wird Binsfelds Einfluß neuerdings (Dillinger) auch in seiner radikalen Aberglaubenskritik gesucht, welche sogar die akzeptierte katholische Sakralmagie verwarf und damit keine anderen Möglichkeiten zur Abwehr der Hexengefahr zuließ als den prozessualen Kampf. 

Verlauf und Hintergründe: Verantwortliche Institutionen und treibende Kräfte 

Eine für die Verfolgungen in Kurtrier (nicht in der Stadt Trier) wie in vielen benachbarten Territorien (-> Grafschaft Wied, Kurköln) spezifische Struktur war die Bildung gemeindlicher Ausschüsse zum Aufspüren und Anklagen vermeintlicher Hexen. Dabei entstanden die Ausschüsse direkt aus den Gemeinden heraus, welche ihre Hexenjäger in Gemeindeversammlungen per Akklamation ernannten. Schon der Rückgriff auf solche Formen kommunaler Eigenständigkeit ist Ausdruck der beträchtlichen gesellschaftlichen Dynamik, welche die Rezeption der Verfolgungsideologie erzeugt hatte. Mit Einsetzung der Ausschüsse wurde der Druck 'von unten' institutionalisiert. Die lokalen Vertreter des Landesherrn kooperierten in der Regel mit den dörflichen Hexenjägern, um die Erfolgschancen ihres eigenen Handelns zu vergrößern. Kurfürst Johann VII. von Schöneberg (1581-1599) reagierte erst, als die kommunale Verfolgungsbewegung begann, seine landesherrlichen Prärogativen im Bereich des Gerichtswesens deutlich zu unterminieren. Doch war seine Hexenprozeßverordnung vom 18.12.1591 nicht der Versuch, die Verfolgung zu unterbinden, sondern von der Absicht getragen, sie den landesherrlichen Institutionen zu unterwerfen und prozeßrechtlich durch Anbindung an die "Carolina" zu rationalisieren. Inwieweit es dem Kurfürsten dabei eher um mehr Rechtsschutz für die Angeklagten ging (Dillinger) oder lediglich um eine Verfahrensrationalisierung (Rummel) wird zu diskutieren sein. Unbestreitbar reflektiert diese Verordnung (wie auch die nachfolgende) das Eindringen vielfältiger sozialer Elemente in das vorprozessuale und prozessuale Geschehen, womit den Verfolgungen immer wieder neue Impulse zuwuchsen: Neben den Ausschüssen und ihren dörflichen Helfern waren es Notare, Scharfrichter, Juristen und Wirte, die von den Prozessen profitierten und sich daher eher prozeßfördernd verhielten als prozeßverhindernd.  

Verfahren 

Die 1591 erlassene Hexenprozeßverordnung Kurfürst Johanns hat dieser Dynamik kaum entgegenwirken können. Die darin konstatierten Verfahrensmängel und Mißstände sind bis zum Ende der Verfolgungen im 17. Jahrhundert notorisch geblieben und daher noch mehrfach (etwa unter Kurfürst Philipp Christoph von Sötern 1630) Gegenstand von Normierungsversuchen gewesen. Die Carolina wurde zwar seit der Schöneberg'schen Verordnung anerkannt, doch im Konfliktfall stets dem Verfolgungsinteresse der kommunalen Ankläger und ihrer Verbündeten bzw. dem Erfolgsinteresse der das Verfahren leitenden Beamten und Juristen unter Verweis auf die Crimen-Exceptum-Theorie untergeordnet. Archaische Verfahrensweisen wie die Wasserprobe spielten nach dem bisherigen Kenntnisstand keine Rolle, was sicherlich auch mit ihrer grundsätzlichen Ablehnung durch Petrus Binsfeld zu tun hat. Andererseits bedingte die Unterminierung der Verfahren durch die lokalen Verfolgungsträger, daß von ihnen völlig von der Norm abweichende exzessive Foltern ausgeübt wurden ("tormentum vigiliarum", Verbrennen von Schwefel auf der Haut). 

Kritik und Widerstand 

Massive Kritik an den Verfahren wie auch ihren dämonologischen Grundlagen (und besonders der durch sie gedeckten schamlosen Bereicherung) wurde schon 1592 unter Kurfürst Johann von Schöneberg durch den aus Gouda stammenden Theologen Cornelius Loos in Trier in seiner Schrift "De vera et de falsa magia" geübt, doch durch Binsfeld unterdrückt. Die Jesuiten zerfielen damals in Befürworter (Trier) und Gegner (Koblenz) der Verfolgungen. Daß Besagungen gegen Ende der 1580er Jahre zunehmend gegen Nonnen, Priester und Mönche, darunter auch Jesuiten, aufkamen, dürfte eine gewisse Ernüchterung bewirkt haben. Ähnlich werden sich Skandale ausgewirkt haben, die aber schon damals erst mit dem Aufbegehren Einzelner (Opfer oder Familien) ruchbar wurden. So etwa in Cochem 1595, wo der Skandal einer vollständigen Instrumentalisierung des Gerichtswesens durch einen gemeindlichen Verfolgungsausschuß zur Ausschaltung der städtischen Führungsschicht direkt in die Kanzlei des Kurfürsten getragen wurde. Doch spiegelt es dessen Machtlosigkeit wider, daß über den Abbruch der Verfolgung hinaus den Verantwortlichen kein Strafgericht widerfahren ist. Die im 17. Jahrhundert allgemein wachsende intellektuelle Skepsis (Friedrich Spee, 1591-1635) erhielt im Koblenzer Raum um 1650 Nahrung durch die Überführung eines städtischen Notars, der Besagungen gefälscht und dadurch mehrere Menschen zur Anklage und Folter geführt hatte. Um 1652 ist in Koblenz eine Gruppe von Advokaten nachweisbar, die sich um die Verteidigung von Angeklagten bemühte; in diesem Zusammenhang wurde auch die "Cautio Criminalis" unter namentlicher Nennung von Spee benützt, obgleich noch keine Ausgabe existierte, die ihn als Autor auswies.  

Ende der Verfolgung 

Schon kurz nach dem Amtsantritt des neuen Erzbischofs und Kurfürsten Carl Caspar von der Leyen (1652-1676) sind Hinweise auf ein politisch gewolltes Ende der Hexenverfolgungen greifbar. Im Rückblick aus dem Jahre 1660 spricht der Kurfürst in diesem Zusammenhang von einem generellen Verbot, doch konnte eine offizielle Proklamation dieser Art bislang nicht nachgewiesen werden. Verfahrensverschleppung, wachsende Auflagen und Aktenvernichtung waren statt dessen die bevorzugten Mittel, um die kurtrierische Wende durchzusetzen, ohne eine offizielle Kritik vergangener Praxis wie der sie legitimierenden Theologie zu riskieren. Dies beleuchtet das allgemein herrschende Dilemma: Eine generelle Abkehr ließ sich eigentlich nur in Verbindung mit einer Absage an das Delikt begründen, doch fehlte gerade dazu noch das gedankliche Instrumentarium, das erst Christian Thomasius liefern sollte. Doch ließ Kurfürst Carl Caspar keinen Zweifel daran, daß die unter seinen Vorgängern wie unter seiner Herrschaft vorgefallenen skandalösen Umstände der Verfolgungen ihn bewogen hatten, diese "generaliter verbieten" zu lassen. Daß er dabei auch intern heftigen Widerstand und düstere Prognosen hervorgerufen hatte, beweist der trotzig klingende Nachsatz seines Rückblicks: "warbey wir uns dann, Gott Lob, bishero wohl befunden [haben]". 

Deutungsmodelle  

Extreme wirtschaftliche Not in Verbindung mit einem von der Dämonologie inspirierten und von der Bevölkerung rezipierten Deutungsangebot sind im Hintergrund der großen Verfolgungswelle der 1580er und 1590er Jahre zu erkennen. Binsfelds Entwertung kirchlich-magischer Gegenmittel ("Tractatus...") dürfte dabei noch zusätzlichen Druck zur Wahrnehmung der gerichtlichen Option geliefert haben. Speziell das Phänomen einer (außerhalb der Residenzstädte) kommunalistisch getragenen lokalen Verfolgungsorganisation mitsamt einer sie begleitenden massiven sozialen Unterwanderung des Gerichtswesens läßt strukturelle Schwächen der zentralen Herrschaft eines geistlichen Territoriums am Vorabend des Absolutismus erkennen, demgegenüber vitale Elemente gemeindlicher Selbstbehauptung standen. Verstärkt wurde der Mangel an landesherrlicher Durchsetzungsfähigkeit im Falle Johanns VII . durch den religionspolitischen Rigorismus, den ihm seine Selbstbindung an die Ziele der Gegenreformation abverlangte, während Kurfürst Philipp Christoph von Sötern (1623-1652) durch seine spanische Gefangenschaft weitgehend handlungsunfähig war. So gelang es erst Carl Caspar von der Leyen (1652-1676) im Zuge der Wiederherstellung geordneter politischer und wirtschaftlicher Verhältnisse nach 1648 auch die unselige Hinterlassenschaft der Hexenprozesse zu beseitigen. 

Bis dahin bestimmten die vielfältigen Möglichkeiten gesellschaftlicher Nutzung des Hexereiverdachts, also die Umdeutung sozialer Gegner zu Hexen und ihre Vernichtung mit Hilfe der Justiz sowie die Verfolgung anderer sozialer Ziele, das Geschehen. Letztlich beruhte diese Nutzung auf dem Handlungsspielraum, den die kommunale Bewegung mit der Protektion lokaler Beamter und bürgerlicher Fachleute hinter dem Schutzschild der Dämonologie gewinnen konnte. Am deutlichsten wird dies am Beispiel der Cochemer Ereignisse von 1594: Die Einsetzung eines Ausschusses war eine Erhebung der handwerklich-landwirtschaftlich tätigen Bevölkerungsgruppe gegen die kaufmännische Ratsfamilienschicht; zugleich nutzten einzelne ihr Engagement in dieser Verfolgung zur beruflich-sozialen Profilierung. Dieser Typus der gemeindlichen Hexenjagd mit seiner Einladung an vielfältig motivierte soziale Trittbrettfahrer war, wie das Cochemer Beispiel zeigt, zu erschreckenden Akten organisierter Lynchjustiz imstande; in Verbindung mit einem Mindestmaß durchgesetzter obrigkeitlicher Beaufsichtigung bzw. der Kooperation mit lokalen Beamten und juristischen Fachleuten entwickelte sich eine weniger exzessive als vielmehr kontinuierliche Verfolgungstätigkeit. Deren Opferselektion folgte einer sozialen Logik, die sich hier überproportional gegen Mitglieder der Oberschicht richtete. Prozeßrechtlich beruhte dies auf dem hier üblichen Zwang zur Präsentation von Realindizien zusätzlich zu den prozeßgenerierten Besagungen. Dies alles begründet die Unterschiede zur Massenverfolgung würzburgischen und bambergischen Typs. 

Quellen  

Zenz, Emil (Hg.): Die Taten der Trierer - Gesta Treverorum, Bd. VII, Trier 1964. 

Knetsch, Carl (Hg.): Die Limburger Chronik des Johannes Mechtel, Wiesbaden 1909. 

Hoffmann, Paul; Dohms, Peter (Hg.): Die Mirakelbücher des Klosters Eberhardsklausen, Düsseldorf 1988. 

Binsfeld, Petrus: Tractatus de confessionibus maleficorum et sagarum, Trier 1589 (dt.: Tractat von Bekantnuß der Zauberer unnd Hexen, Trier 1590).  

Voltmer, Rita u. Weisenstein, Karl (Hg.): Das Hexenregister des Claudius von Musiell. Ein Verzeichnis von hingerichteten und besagten Personen aus dem Trierer Land (1586-1594), Trier 1996. 

Literatur 

1.Territorialgeschichte: 

Janssen, Franz Roman: Kurtrier in seinen Ämtern vornehmlich im 16. Jahrhundert. Studien zur Entwicklung moderner Staatlichkeit, Bonn 1985. 

2. Hexenprozeßforschung  

Behringer, Wolfgang: Das "Reichskündhig Exempel" von Trier. Zur paradigmatischen Rolle einer Hexenverfolgung in Deutschland, in: Gunther Franz und Franz Irsigler (Hg.), Hexenglaube und Hexenprozesse im Raum Rhein - Mosel - Saar, Trier 1995, S. 435-448. 

Biesel, Elisabeth: Die Pfeifer seint alle uff den baumen gesessen. Der Hexensabbat in der Vorstellungswelt der ländlichen Bevölkerung, in: Gunther Franz und Franz Irsigler (Hg.): Methoden und Konzepte der historischen Hexenforschung, Trier 1998, S. 289-302. 

Dillinger, Johannes, "Böse Leute". Hexenverfolgungen in Schwäbisch-Österreich und Kurtrier im Vergleich, Phil. Diss. Univ. Trier 1998. 

Franz, Gunther: Hexenprozesse in der Stadt Trier und deren Umgebung, in: Gunther Franz und Franz Irsigler (Hg.), Hexenglaube und Hexenprozesse im Raum Rhein - Mosel - Saar, Trier 1995, S. 333-354. 

Labouvie, Eva: "Gott zu Ehr, den Unschuldigen zu Trost und Rettung..." Hexenverfolgungen im Saarraum und in den angrenzenden Gebieten, in: Gunther Franz und Franz Irsigler (Hg.), Hexenglaube und Hexenprozesse im Raum Rhein - Mosel - Saar, Trier 1995, S. 389-404. 

Labouvie, Eva: Zauberei und Hexenwerk. Ländlicher Hexenglaube in der frühen Neuzeit, Frankfurt a. M. 1991. 

Labouvie, Rekonstruktion einer Verfolgung. Hexenprozesse und ihr Verlauf im Saar-Pfalz-Raum und der Baillage Allemande (1520-1690), in: Franz, Gunther; Gehl, Günther; Irsigler, Franz (Hg.): Hexenprozesse und deren Gegner im trierisch-lothringischen Raum, Weimar 1997, S. 43-58. 

Rummel, Walter, Bauern, Herren und Hexen. Studien zur Sozialgeschichte sponheimischer und kurtrierischer Hexenprozesse, Göttingen 1991. 

Ders., Friedrich Spee und das Ende der kurtrierischen Hexenverfolgungen, in: Jb. für westdeutsche Landesgeschichte 15 (1989), S. 105-116. 

Ders., Gutenberg, der Teufel und die Muttergottes von Eberhardsklausen. Erste Hexenverfolgung im Trierer Land, in: Andreas Blauert (Hg.), Ketzer, Zauberer, Hexen. Die Anfänge der europäischen Hexenverfolgungen, Frankfurt a. M. 1990, S. 91-117. 

Ders., Phasen und Träger kurtrierischer und sponheimischer Hexenverfolgungen, in: Gunther Franz und Franz Irsigler (Hg.), Hexenglaube und Hexenprozesse im Raum Rhein - Mosel - Saar, Trier 1995, S. 255-331. 

Ders., Soziale Dynamik und herrschaftliche Problematik der kurtrierischen Hexenverfolgungen. Das Beispiel der Stadt Cochem (1593-1595), in: Geschichte und Gesellschaft 16 (1990), S. 26-55. 

Scholer, Othon: "O Kehrricht des Aberglaubens, o leerer Wahn der Täuschungen und Gespenster der Nacht!". Der Angriff des Cornelius Loos auf Petrus Binsfeld, in: Gunther Franz und Franz Irsigler (Hg.): Methoden und Konzepte der historischen Hexenforschung, Trier 1998, S. 255-276. 

Weisenstein, Karl: Zaubereiprozesse in der Stadt Trier, in: Gunther Franz und Franz Irsigler (Hg.), Hexenglaube und Hexenprozesse im Raum Rhein - Mosel - Saar, S. 469-484. 

Zenz, Emil: Dr. Dietrich Flade, ein Opfer des Hexenwahns, in: Kurtrierisches Jb. 2 (1962), S. 41-69. 

 

Siehe auch folgende Artikel:  

Binsfeld, Peter von Johannes Dillinger

St. Maximin bei Trier (Reichsabtei) - Hexenverfolgungen von Rita Voltmer

Hintere Grafschaft Sponheim - Hexenverfolgungen von Walter Rummel

 

Empfohlene Zitierweise

Rummel, Walter: Kurtrier - Hexenverfolgungen. Aus: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller u. Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: http://www.historicum.net/no_cache/persistent/artikel/1620/

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Erstellt: 15.02.2006

Zuletzt geändert: 09.06.2006