H-O

Hexenverfolgungen Köln (Reichsstadt) 

Gerd Schwerhoff 

28.06.00  

Köln war im 16. und 17. Jahrhundert mit ca. 35.000 bis 40.000 Einwohnern immer noch eine der größten deutschen Städte. Trotz zahlreicher Krisensymptome blieb sie ein wichtiges Wirtschafts- und Handelszentrum, das ökonomische Einbrüche in einigen Bereichen durch Expansion in anderen ausgleichen konnte. Auch politisch blieb die Reichsstadt von Bedeutung: Ihre politische Führungsschicht verweigerte sich - obwohl durchaus einige Sympathien für die protestantische Sache bestanden - konsequent der Reformation und so avancierte die Niederrheinmetropole im 16. Jahrhundert zum Bollwerk der katholischen Konfession im Nordwesten. Der Rat wurde halbjährlich durch die Gaffeln, politische Körperschaften der Kölner Einwohnerschaft, gewählt; dabei konzentrierte sich politische Macht tatsächlich in den Händen einer Handvoll bedeutender Familien. Außergewöhnlich waren die Verhältnisse im Bereich der Justiz: Die peinliche Kriminaljustiz und damit auch die Hexenjustiz in der Stadt wurden vom Hohen Weltlichen Gericht ausgeübt, dessen Schöffen vom Erzbischof als ehemaligem Stadtherren eigesetzt werden mußten und dessen Vorsitzender, der Greve, diesem mit Treueid verpflichtet war. Für den Kurfürsten stellte die Gerichtsbarkeit ein willkommenes Unterpfand für seine Ansprüche auf die Stadtherrschaft dar, deren Reichsstandschaft er nie anerkannt hatte. Freilich war die Kompetenz der Schöffen eng begrenzt, denn der Rat besaß das alleinige Recht auf Vorermittlungen und Verhaftungen. Nur über diejenigen Gefangenen, die er dem Gericht überstellte, konnten die Schöffen ihr Urteil sprechen.  

Sieht man von einer Notiz in der Chronik des Lampert von Hersfeld ab, nach der eine berüchtigte Zauberin während des Aufstandes gegen Erzbischof Anno 1074 vom wütenden Mob von den Zinnen der Stadtmauer gestürzt wurde, stammen die ersten, dichteren Nachrichten über die Verfolgung von Zauberinnen aus dem 15. Jahrhundert. Nach einer Lütticher Chronik wurden in Köln im Jahr 1456 sogar zwei "mulieres sortilegiae" verbrannt; aus städtischen Quellen, nämlich aus den Briefbüchern, erfahren wir lediglich, daß der Rat über eine als Wettermacherin berüchtigte Frau namens Ydette in Metz um Auskunft nachsuchte. Andere Hinrichtungen wegen Zauberei sind in den Quellen nicht zu belegen, bislang aber auch nicht auszuschließen. 

Während es hier lediglich um konventionelle Zauberei ging, deutet ein Verhör aus dem Jahr 1507 auf das ausgebildete Hexereistereotyp hin. Tringin von Breisig gesteht hier, der Teufel hätte sie in ihrem Haus auf dem Holzmarkt besucht, hätte sie Gott und den Heiligen abschwören lassen, ihr zum Zeichen des Paktes ein Zeichen auf die Stirn gedrückt und sie genotzüchtigt. Bei einem Sabbat in der Ville hätte die Hexengesellschaft getanzt, gegessen und getrunken sowie ein großes Gewitter gemacht. Tringin wurde wahrscheinlich der Stadt verwiesen. In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts lassen sich quellenmäßig etliche Untersuchungsverfahren gegen Segenssprecher und Hexenbanner, angebliche Zauberer und Hexen nachvollziehen; das kann seinen Grund in der besseren Überlieferungssituation haben, aber auch schon auf eine gewisse Verschärfung des Verfolgungsklimas hindeuten. Um das Jahr 1590 häufen sich dann die Ermittlungen; so erzählen z.B. einige Frauen von nächtlichen Umtrieben und Besuchen, von Feen und Teufelserscheinungen - rätselhafte Einzelheiten, die durchaus als Indizien für Hexerei herhalten konnten und anderswo auch so interpretiert worden wären. Noch zeigten sich die Ermittler jedoch weitgehend desinteressiert. Eine Hinrichtung wegen Zauberei oder Hexerei scheint im gesamten 16. Jahrhundert nicht stattgefunden zu haben. Ausweisungen durch den Magistrat oder das Schöffengericht war die schärfste Sanktion. 

Als Gründe für die zurückhaltende Verfolgungspraxis wird häufig eine, durch großstädtische Lebensart geprägte Skepsis angeführt. Berühmtester Beleg dafür sind jene kritischen Bemerkungen, die der Ratsherr Hermann von Weinsberg 1589 in sein 'Hausbuch' eintrug (vgl. Beilage). Auch das professionelle und vorsichtige Ermittlungsverfahren der Beamten des Kölner Rates wird als Argument angeführt. Entscheidend aber war die konservative Rechtspraxis des Schöffengerichts. Offenbar folgte es bis zum Beginn des 17. Jahrhunderts der neuen Lehre von der Hexerei als 'crimen exceptum' nicht, sondern verlangte vollgültige Beweise für das Vorliegen eines schädigenden Zaubers. Entsprechend zurückhaltend machte das Gericht von der Tortur Gebrauch.

Zu Beginn des 17. Jahrhunderts steigerte sich der Verfolgungsdruck in der Stadt Köln offenbar weiter. Wohl ins Jahr 1610 fällt der Lynchmord an einer als Hexe berüchtigten Frau. Im Dezember 1617 bzw. im Februar 1618 wurden dann die ersten drei Frauen als "hexen" auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Der "Druck von unten" wurde nun von den Institutionen aufgenommen. Nicht die Praxis des Kölner Rates hatte sich verändert, aber die Rechtsauffassung der Kölner Schöffen. Zwischen 1604 und 1613 hatte das Kollegium einen Generationswechsel erfahren; unter den fünf neuen Schöffen waren mit Walram Blankenberg und Johann zum Romschwinckel zwei Männer, die später in der ganzen Region als reisende 'Hexenkommissare' zu trauriger Berühmtheit gelangen sollten. Ebenso wie vier weitere neue Schöffen, die zwischen 1623 und 1627 ihr Amt antraten, hatten sie an der Kölner Universität ihre wissenschaftliche Sozialisation erfahren.

Damit war der Boden für die "große" Verfolgungswelle zwischen 1627 und 1630 bereitet. Sie setzte mit dem Prozeß und der Hinrichtung von Katharina Henot ein, einer wohlhabenden Witwe der Kölner Oberschicht, Tochter des ehemaligen Postmeisters Jacob Henot. Ausgangspunkt für das Verfahren bildeten Beschuldigungen einiger besessener Laienschwestern des Klosters St. Klara, Katharinas Pakt mit dem Teufel sei die Quelle ihres Leidens. Schnell nahm die öffentliche Meinung der Stadt, das "gemeine Geschrei", die Anschuldigungen auf. Ihr Echo fanden sie in der Besagung der zu Lechenich gefangenen und hingerichteten Sophia Agnes von Langenberg. Trotz des Widerstandes ihrer Familie wurde Katharina am 19. Mai 1627 auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Während der Verfahrensablauf bisher als rätselhaft, widersprüchlich und sogar als "Justizmord" angesehen wurde, nimmt die jüngste, sehr plausible Deutung von Thomas Becker dem Fall seinen Charakter als spektakuläre Ausnahme. 

Insgesamt kam es zwischen 1627 und 1630 zu 33 Prozessen mit mindestens 24 Hinrichtungen. Bis auf eine Ausnahme handelte es sich bei den restlichen Verurteilten nur um Frauen; ungefähr ein Drittel davon waren Hebammen und Geburtshelferinnen. Das hat seinen Grund nicht in der fälschlich als Hauptgrund der Hexenverfolgung überhaupt postulierten "Vernichtung der weisen Frauen" zur Ausrottung des Verhütungswissens. Vielmehr kann diese Konzentration auf die Hebammen nur aus einer speziellen Kölner Verfolgungsdynamik heraus verstanden werden; Auskunft gibt vor allem die Hauptquelle für die Hochzeit der Verfolgungen, das kürzlich edierte "Hexenprotokoll". Die Besagungskette gegen Geburtshelferinnen reichte bis zum Jahr 1618, dem Verfahren gegen Anna Maria von Menningen, zurück. Offenbar arbeiteten die Hebammen in Köln besonders eng zusammen bzw. wurden als eine zusammenhängende Gruppe wahrgenommen, auf die sich das 'gemeine Geschrei' mit der Zeit immer stärker konzentrierte. Ohne treibende Kräfte 'von oben' ist die Verfolgungswelle jedoch nicht zu verstehen. Einzelne Schöffen und auch Geistliche, etwa der Dechant von St. Severin, Heinrich Glimbach, trieben als moralische Unternehmer die Hexereiverfahren voran. Gleichwohl blieben Rechtsgelehrte wie Geistlichkeit offenbar gespalten; selbst auf dem Höhepunkt der Prozesse gab es einzelne Freisprüche.  

Höhe- und zugleich Wendepunkt der Massenprozesse bildete das Verfahren gegen die vierundzwanzigjährige Christina Plum, Tochter des Gaffelboten der Gürtelmacher. Ihre freiwilligen Aussagen stellten jedoch (zumindest in der ersten Phase des Prozesses) keineswegs, wie oft behauptet, "Selbstanklagen" dar. Vielmehr stilisierte sie sich zur Kronzeugin, die viele angebliche Hexen belastete, die sie als Magd der Katharina Henot beim Hexensabbat beobachtet haben wollte; selbst habe sie jedoch dem Ansinnen, Gott abzusagen und den Teufel zu buhlen, widerstanden. Ihre Aussagen, mit denen sie auch andere Angehörige der Kölner Oberschicht belastete, verunsicherten die Verantwortlichen. Vom Rat ans Hohe Gericht geliefert, wurde sie zunächst freigesprochen. Nachdem sie mit ihren Anklagen die Gerüchteküche kräftig aufgeheizt hatte, wurde sie im Dezember vom Rat erneut verhaftet und im Januar dem Gericht überstellt. Unter der Folter gestand sie nun, selbst eine Hexe zu sein und durch ihre falschen Anschuldigungen Unschuldige ins Verderben bringen zu wollen. Als sie am 16. Januar 1630 hingerichtet wurde, wurden in einem symbolischen Akt mit ihr die Denunziationen verbrannt. Zwar wurden nach ihr weitere acht Personen dem Scheiterhaufen überantwortet. Dennoch hatte ihr Fall zu einer Vertrauenskrise geführt, die längerfristig eine Ausweitung der Besagungen verhinderte und der Verfolgungswelle ein Ende setzte, nachdem die aktuellen Fälle abgearbeitet worden waren. Einvernehmlich beschlossen Rat, Gericht und Erzbischof, die einschlägigen Akten in einer eisernen Kiste im Schöffenarchiv wegzuschließen. Einzelne Anklagen des Kurfürsten gegen den Rat als "Hexenpatron" dürfen deswegen nicht darüber hinwegtäuschen, daß der Rat die Prozeßwelle keineswegs im Alleingang beendete.

Nach zwanzig Jahren sollte es jedoch erneut zu einer Reihe von Hinrichtungen kommen; insgesamt fünf Personen wurden zwischen 1647 und 1655 als angebliche Hexen zu Tode gebracht. Darunter befanden sich mit dem fünfzehnjährigen Peter von Rodenkirchen und der noch zwei Jahre jüngeren Entgen zwei Kinder. Erst 1662 kehrte man zu einer älteren, vorsichtigeren Verfahrensweise zurück: Die zweiundzwanzigjährige Anna Toer bezichtigte sich beim Gericht selbst als Hexe, um "vom leben gehollfen zu werden", wurde aber offenbar nicht hingerichtet. 

Insgesamt kamen in der Reichsstadt Köln zwischen 1617 und 1655 32 Menschen als angebliche Hexen zu Tode; die Zahl der Anklagen, Ermittlungen und Prozesse während des 16. und 17. Jahrunderts dürfte doppelt bis dreifach so hoch gewesen sein. Zwar kann die Stadt damit nicht - wie etwa die Reichsstädte Frankfurt a. M. oder Nürnberg - als 'verfolgungsarmes' Gebiet gewertet werden; im Verhältnis zur Bevölkerungszahl und im Vergleich zu vielen anderen Territorien hielt sich die Zahl der Prozesse jedoch durchaus in Grenzen. Urbane Lebensart und Skepsis und die insgesamt eher professionelle und vorsichtige Ermittlungsarbeit der städtischen Beamten mögen dazu beigetragen haben. Entscheidend aber war der institutionelle Bremsmechanismus, der in der Konkurrenz zwischen Rat und Hochgericht lag. Wurde anderswo die Prozeßdynamik durch die personelle Identität zwischen Verfolgungsmilieu und Entscheidungsinstanzen angeheizt, so sorge der heilsame Anachronismus der Kriminaljustiz in der Rheinmetropole für genügend 'Sand im Getriebe'. 

Beilagen 

Reflexionen des Kölner Ratsherrn Herman von Weinsberg über die Zauberei (aus dem Buch Weinsberg)

Quellen 

Jürgen Macha/ Wolfgang Herborn (Bearb.): Kölner Hexenverhöre aus dem 17. Jahrhundert, Köln 1992 

Literatur 

Friedrich Wilhelm Siebel: Die Hexenverfolgung in Köln, Diss. jur. Bonn 1959 

Franz Irsigler/Arnold Lassotta: Bettler und Gaukler, Dirnen und Henker. Randgruppen und Außenseiter in Köln 1300-1600, Köln 1984 

Gerd Schwerhoff: Köln im Kreuzverhör. Kriminalität, Herrschaft und Gesellschaft in einer frühneuzeitlichen Stadt, Bonn/Berlin 1991 

Franz Irsigler: Zauberei- und Hexenprozesse in Köln 15.-17. Jahrhundert, in: Gunther Franz/ders. (Hg.): Hexenglaube und Hexenprozesse im Raum Rhein-Mosel-Saar, Trier 1995, S.169-179 

Gerd Schwerhoff: Hexenverfolgung in einer frühneuzeitlichen Großstadt - das Beispiel der Reichsstadt Köln, in: Hexenverfolgung im Rheinland. Ergebnisse neuerer Lokal- und Regionalstudien (Bensberger Protokolle 85), Bensberg 1996, S.13-56 

Albrecht Burkhardt: A false living saint in Cologne in the 1620s. The case of Sophia Agnes von Langenberg, in: Marijke Gijswijt-Hofstra u.a. (Hg.): Illness and Healing Alternatives in Western Europe, London 1997, S. 80-97 

 

Siehe auch folgende Artikel:  

Henot, Katharina von Thomas Becker

 

Empfohlene Zitierweise

Schwerhoff, Gerd: Köln - Hexenverfolgungen. Aus: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller u. Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: http://www.historicum.net/no_cache/persistent/artikel/1638/

Bitte setzen Sie beim Zitieren dieses Beitrags hinter der URL-Angabe in runden Klammern das Datum Ihres letzten Besuchs dieser Online-Adresse.



Erstellt: 15.02.2006

Zuletzt geändert: 03.01.2008