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Kerkmann, Heinrich, Lippe, Grafschaft (Lemgo) 

Nicolas Rügge  

13.12.99  

* 1587 in Lemgo, + 1666 ebd. 

Bürgermeister, Hofgerichtsassessor 

He(i)nrich Ker(c)kman(n) wurde am 13. Dezember 1587 in Lemgo ( Lemgo, Stadt ) in der westfälischen Grafschaft Lippe geboren. Sein Vater Henrich (+ 1603) entstammte einer Familie von landesherrlichen Bedienten in der benachbarten Grafschaft Ravensberg; als juristisch gebildeter Kanzler bekleidete er eines der ranghöchsten bürgerlichen Ämter im Dienst des lippischen Grafen. Die Mutter Anna Erp-Brockhausen gehörte einer seit Jahrhunderten in Lemgo ansässigen Bürgermeister- und Gelehrtenfamilie an. 

Kerkmann wuchs in einem lutherischen Elternhaus auf und besuchte Schulen in Lemgo und Salzuflen; als Hauslehrer überliefert sind Anton Backhaus (später luth. Pfarrer zu Lemgo St. Marien, + 1637) und Valentin Melasius (später Jurist in Jena). Gemeinsam mit diesem bezog er 1608 die Universität Rostock, wo er vier Semester lang Jura studierte. Nach einem zwischenzeitlichen Aufenthalt von etwa einem Jahr bei der Mutter in Lemgo folgten nochmals insgesamt fünf Jahre Studium in Gießen, wo er 1616 mit einer Arbeit aus dem Bereich des Zivil-, Kirchen- und Lehnsrechts promovierte. Bislang nicht nachweisen ließ sich die Angabe der Leichenpredigt, wonach er in Gießen nur den Lizentiatentitel erwarb und erst 1619 an der Universität Marburg den Doktorgrad. 

Für kurze Zeit trat Dr. Kerkmann nun als Rat in den Dienst des Herzogs August zu Braunschweig-Wolfenbüttel, bis ihn familiäre Pflichten wiederum zurückriefen. Um 1621 wurde er dauerhaft im Lemgoer Elternhaus auf der Neustadt ansässig. Durch seine Ehe mit Elisabeth, einer Tochter des wohlhabenden Kaufmanns Jobst Wippermann, festigte Kerkmann seine soziale und familiäre Spitzenposition in der Stadt. So war es nicht verwunderlich, daß er seit 1626 mehrfach zum Bürgermeister von Lemgo gewählt wurde, obwohl er bislang noch keine niedrigeren Ratsämter bekleidet hatte. Zugleich stand er beim lippischen Herrscherhaus in hohem Ansehen: Für den Grafen Otto aus der Nebenlinie zur Lippe-Brake unternahm er eine Reise nach Prag; um 1640 war er für mehrere Jahre als Geheimer Rat des Grafen Philipp zu Schaumburg-Lippe tätig; und nicht zuletzt unterhielt er zeitlebens enge Beziehungen zur Stammresidenz in Detmold, wo man ihn 1649 zum Hofgerichtsassessor berief, d. h. zum Beisitzer an einem der beiden lippischen Obergerichte. Nicht nur von der Herkunft, sondern auch vom Werdegang her gesehen, verkörperte Kerkmann somit einen Mischtyp zwischen dem Stadtbürger und dem bürgerlichen Gelehrten im Fürstendienst. 

Doch diese glänzende soziale Ausgangsposition erfuhr eine harte Bewährungsprobe im Dreißigjährigen Krieg, der auch für Lemgo und für Kerkmann persönlich zur Leidenszeit geriet. Die Stadt wurde zweimal geplündert, das undankbare Amt des Bürgermeisters kostete nun zweifellos besonders viel Zeit und Kraft. Nachdem seine Frau 1634 verstorben war, ging Kerkmann zwei Jahre später eine neue Ehe mit Maria Magdalena Vilthut ein, die aber nur acht Wochen später einer Pestepidemie erlag. Obwohl selbst ebenfalls erkrankt, kam der Witwer mit dem Leben davon. Auffällig lange, fünf Jahre, wartete er, bis er ein drittes Mal heiratete. Die Wahl zum Bürgermeister 1637 nahm er nicht an. 

Gleichzeitig mit der öffentlichen und privaten Zuspitzung der Krise häuften sich die Hexenprozesse in Lemgo - wie vielerorts zu dieser Zeit. In den Jahren 1628-37 fielen der ersten großen Verfolgungswelle des 17. Jahrhunderts mindestens 86 Personen, davon 81 Frauen, zum Opfer. In seinen ersten Amtsperioden zwischen 1626 und Januar 1631 wirkte Kerkmann daran mit, die städtische Hexenjustiz zu perfektionieren und die Hinrichtungskosten durch Abkehr von der Verbrennungsstrafe niedrig zu halten, was eine Ausweitung der Exekutionen ermöglichte. Entsprechend dem in Lemgo üblichen Brauch von zwei einander abwechselnden Ratsbesetzungen, wurde Kerkmann seit 1639 regelmäßig alle zwei Jahre zum Bürgermeister gewählt. So war er, der in der Stadt als Experte für Hexensachen galt, auch an der zweiten, ebenfalls sehr intensiven Lemgoer Prozeßwelle von 1653/56 maßgeblich beteiligt, gemeinsam mit seinem Studienfreund und langjährigen Mitarbeiter, dem Stadtsekretär Johannes Berner.  

Obwohl sich gegen Kerkmanns autoritäres Regiment zeitweise aus den Reihen der Bürgerschaft und konkurrierender Führungsfamilien ( Kleinsorge ) heftiger Widerstand regte, behielt er das Heft bis zum Schluß in der Hand. Folgenschwer war die Tatsache, daß es ihm gelang, noch kurz vor seinem Tod seinem Nachfolger Hermann Cothmann den Weg zur Macht zu ebnen: Die harte Kerkmannsche Linie eigentlich nur fortsetzend, blieb allein dieser als "Hexenbürgermeister" im kollektiven Gedächtnis der Stadt Lemgo. 

Nach kurzer Krankheit starb Kerkmann am 26. März 1666 in seiner Geburtsstadt. Als Kampf eines "christlichen Ritters" gegen den Teufel und gegen "die Welt / die gantz im Argen liegt" (Leichenpredigt), wollte er seine Amtsführung verstanden wissen. Aus seiner dritten Ehe mit Catharina Elisabeth Than aus Lübbecke (1641) überlebten ihn sechs Kinder, wovon ein Sohn ebenfalls zum Lemgoer Bürgermeister gewählt wurde. Nach dessen Tod zog die Witwe fort, und das Wohnhaus verfiel allmählich. Bekannt als "Alte Abtei", beherbergt es heute die städtische Volkshochschule. Schräg gegenüber erinnert das Museum " Hexenbürgermeisterhaus " auch an Kerkmanns Wirken in der Stadt. 

Quellen 

Bürgerbuch der Stadt Lemgo von 1506 bis 1886, bearb. v. Hans Hoppe, Detmold 1981 

Kerckmannus, Henricus, Decades tres quaestionum ex illustrioribus iuris civilis, canonici ac feudalis, captibus depromptae, Gießen 1616 

Ludovici, Daniel, Militis Christiani Officium ... Bey volckreicher und ansehnlicher Leich-Begängnüß Des weiland Wol=Edlen / Vest und Hochgelahrten Herrn Henrici Kerckmans ... [Leichenpredigt], Lemgo 1667 

Staatsarchiv Detmold, Bestände L 28, L 86 u.a. 

Stadtarchiv Lemgo, Familiengeschichtl. Slg. Plöger u.a. 

Literatur 

Bender-Wittmann, Ursula, There and Back Again. Zum Verhältnis von Ergebnis, Fragestellung und diskursivem Rahmen am Beispiel der Lemgoer Hexenjagden, in: Gisela Wilbertz/Gerd Schwerhoff/Jürgen Scheffler (Hg.), Hexenverfolgung und Regionalgeschichte. Die Grafschaft Lippe im Vergleich, Bielefeld 1994, S. 71-81 

Meier, Karl, Lemgo, eine Hochburg der Hexeninquisition, in: Mitteilungen aus der lippischen Geschichte und Landeskunde, 16, 1938, S. 5-62 

Miele, Jürgen, Das lippische Hofgericht 1593-1743, Göttingen 1984 

Rügge, Nicolas, Hermann Cothmann - Annäherungen an die historische Person des "Hexenbürgermeisters" von Lemgo, in: Gisela Wilbertz u. Jürgen Scheffler (Hg.), Biographieforschung und Stadtgeschichte. Lemgo in der Spätphase der Hexenverfolgung, Bielefeld 2000 (i. Vorb.) 

 

Empfohlene Zitierweise

Rügge, Nicolas: Kerkmann, Heinrich. Aus: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller u. Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: http://www.historicum.net/no_cache/persistent/artikel/1646/

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Erstellt: 15.02.2006

Zuletzt geändert: 05.05.2006