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Isidor von Sevilla 

Wolfram Drews 

10. Oktober 2007

Führender Universalgelehrter des westgotischen Spanien (ca. 560-636), Bischof von Sevilla (vor Ende 601), Übermittler antiker Traditionen an das lateinische Mittelalter, Kompilator der in dieser Epoche einflussreichsten Enzyklopädie (Etymologiae oder Origines).

Im Zuge der Behandlung magischer Künste in seiner Enzyklopädie (etym. 8, 9), wozu er auch Weissagungen, Orakelpraktiken und Totenbeschwörungen zählt, erwähnt Isidor zunächst die maga famosissima Circe, die (entsprechend der homerischen Darstellung) die Gefährten des Odysseus in Tiere verwandelt haben soll (etym. 8, 9, 5). Er weist darüber hinaus auch auf die Zauberin aus der Aeneis hin, bei der es sich nach Vergil um eine Priesterin des Tempels der Hesperiden handelte (Verg. Aen. 4, 487-491). Schließlich behandelt Isidor auch die „Pythonissa“, die sogenannte Hexe von Endor, die nach alttestamentlicher Darstellung auf Geheiß des israelitischen Königs Saul den Geist des verstorbenen Propheten Samuel beschwört (1 Sam. 28, 3-25; s. u.); er äußert allerdings die Vermutung, hierbei könnte es sich um eine satanische Täuschung gehandelt haben (aliqua phantasmica inlusio Satanae fallacia facta: etym. 8, 9, 6f.). Die Bezeichnung Pythonissa geht nach Isidor auf den Pythischen Apollon (von Delphi) zurück, der Urheber der Wahrsagekunst gewesen sei (etym. 8, 9, 21; vgl. Harmening 1979, S. 207-214); diese wird somit nicht polemisch mit Frauen in Verbindung gebracht.

Isidors Darstellung magischer Verwandlungskünste ist nicht geschlechtsspezifisch konnotiert (etym. 11, 4). Beispiel für die Verwandlung von Menschen in Tiere ist zwar zunächst erneut die homerische Circe. Auch Isidors Hinweis, „einige“ würden behaupten, aus Menschen könnten strigas entstehen (etym. 11, 4, 2), könnte sich auf „alte Hexen“ beziehen, die Kindern Verderben bringen; allerdings sagt der Autor nicht, was diese „Hexen“ denn tun. Außerdem distanziert er sich durch die indirekte Wiedergabe zumindest bis zu einem gewissen Grade von dieser Annahme. In der Folge erwähnt er zwar magische Lieder und Kräuterzauber, doch werden wegen der passivischen Konstruktion keinerlei Urheber, auch keine Frauen, explizit genannt, und überdies führt er die im Folgenden behandelten Verwandlungen auf die Natur selbst zurück, ohne Magie ins Spiel zu bringen. Insgesamt kann Isidors Darstellung „hexerischer“ Verwandlungskünste somit vergleichsweise große Zurückhaltung attestiert werden, womit er im Wesentlichen patristische Positionen bezüglich magischer Praktiken übernimmt und tradiert.

Im Kapitel seiner Enzyklopädie, das heidnischen Göttern gewidmet ist, erwähnt er auch Lamien (lamias), eine Art weiblichen Vampir, die Kindern und schönen Jünglingen das Blut ausgesaugen und sie zerfleischt haben sollen (etym. 8, 11, 102). Bezeichnend ist auch hier die indirekte Formulierung, durch die Isidor diese legendarische Tradition auf bloßes Hörensagen (fabulae) zurückführt. Anderen, männlichen Dämonen schreibt er unkeusches Verhalten gegenüber Frauen zu: Sie hätten unentwegt mit ihnen Geschlechtsverkehr (etym. 8, 11, 103). Hieran ist auffällig, dass die Frauen völlig passiv geschildert werden; sie sind Objekte der Begierde männlicher Incubi bzw. Dusios. Diese Konstellation weicht erheblich ab von späteren Vorstellungen, wonach „Hexen“ Menschen angeblich aktiv Schaden zufügen.

Ein umfangreiches, allerdings nur zum geringen Teil von Isidor selbst verfasstes Kapitel seiner Auslegung des Alten Testaments (Quaestiones in Vetus Testamentum) ist der bereits oben angesprochenen Geschichte vom Besuch König Sauls bei der sogenannten Hexe von Endor (nach dem hebräischen Text eigentlich einer Totenbeschwörerin, nach der griechischen Fassung der Septuaginta einer Frau, die „aus dem Bauch heraus“ wahrsagen kann) gewidmet (Isid. quaest. in Reg. 2, 20 [PL 83, 407-410]), deren Praxis als Nekromantie bezeichnet werden kann (zum Begriff Harmening 1979, S. 205ff.). Zur Beantwortung der Frage, ob die Pythonissa wirklich den verstorbenen Propheten Samuel aus dem Infernum heraufbeschwor oder aber eine dämonische Illusion herbeizauberte, zitiert Isidor ausführlich und ausdrücklich Ausführungen des Kirchenvaters Augustinus (vgl. Aug. div. quaest. ad Simpl. 2, 3, 1-3 [CCL 44, 81-86]; quaest. Dulc. 6, 1-4 [CCL 44A, 282-287]), der bezüglich der Möglichkeit einer Totenbeschwörung unentschieden bleibt: Es sei letztlich nicht auszuschließen, dass die Totenbeschwörerin entsprechend dem Willen Gottes gehandelt habe. Isidors Problemhorizont bleibt auch hier ganz in der Tradition der Kirchenväter, die keineswegs gegen eine „Hexe“ von Endor polemisieren, sondern theoretisch die theologische Möglichkeit der Heraufbeschwörung eines Toten erörtern; die Mehrheit sah hier betrügerische Dämonen am Werk (Thraede 1988, Sp. 1273f.). Die alttestamentliche Prophetin Hulda (Olda) erwähnt Isidor ohne weiteren Kommentar im Prooemium zum Propheten Jeremia (prooem. 52 [PL 83, 168]), womit er die Möglichkeit weiblicher Prophetie im Rahmen der Heilsgeschichte einräumt.

Auf dem unter Isidors Vorsitz abgehaltenen, für die weitere Geschichte des westgotischen Spanien bedeutsamen 4. Konzil von Toledo (633) wurde im 29. Kanon dekretiert, dass kein Bischof, Presbyter, Diakon oder sonstiger Kleriker irgendwelche Zauberer konsultieren dürfe (magos aut haruspices aut hariolos, aut certe augures vel sortilegos vel eos qui profitentur artem aliquam, aut aliquos eorum similia exercentes: Gonzalo Martínez Díez / Félix Rodríguez [Hg.], La colección canónica hispana 5 [Madrid 1992] 218). Auffällig ist, dass neben den zahlreichen unterschiedlichen Arten männlicher Zauberer nicht eine einzige Gruppe von Zauberinnen erscheint; ebenso wenig werden männliche oder weibliche Laien (einschließlich Nonnen) als mögliche Auftraggeber magischer Praktiken erfasst. Andererseits wird aber eine Zauberin im Text eines Urteils erwähnt, dem Exemplar iudicii inter Martianum et Aventium episcopos, das sich auf einen unter Isidors Vorsitz ca. 624 behandelten Streitfall zwischen zwei südspanischen Bischöfen bezieht, der allerdings in einem Justizirrtum endete und daher in den Quellen nur schwer greifbar ist (Zeddies 2003, S. 179f.) Immerhin wird deutlich, dass Bischof Martianus von seinem Konkurrenten beschuldigt wurde, eine Wahrsagerin über das Leben des Königs befragt zu haben (divinam nomine Simpliciam ... quam ille de vita regis, aut sua consuluisset [Suplementos al Concilio Nacional VI, ed. Fidel Fita y Colomé [Madrid 1881] 12).

Abschließend kann festgestellt werden, dass nach Isidors Vorstellung magische Künste in erster Linie von Männern ausgeübt werden; Zauberinnen spielen für ihn insgesamt nur eine untergeordnete Rolle. Sein Ansatz, Hexen nicht als eigenes Phänomen, sondern im Zusammenhang mit der Magie abzuhandeln, folgt der Tradition des frühen Christentums (Thraede 1988, Sp. 1271). Urheber der Magie ist seiner Meinung nach immerhin der „König“ Zarathustra (etym. 8, 9, 1), woraus sich keine prinzipiell negative Wertung ableiten lässt, zumal Isidor als Gewährsmann Aristoteles und in der Folge Demokrit (bezeichnenderweise als Zeitgenossen des Hippokrates) nennt; die genannten Autoritäten rücken die magischen Künste in ein alles andere als schlechtes Licht. 

Literatur 

Marco Frenschkowski, Magie, in: Reallexikon für Antike und Christentum (in Vorbereitung).

Dieter Harmening, Superstitio. Überlieferungs- und theoriegeschichtliche Untersuchungen zur kirchlich-theologischen Aberglaubensliteratur des Mittelalters, Berlin 1979.

Jocelyn N. Hillgarth, Popular Religion in Visigothic Spain, in: Edward James (Hg.), Visigothic Spain. New Approaches, Oxford 1980, S. 3-60.

Stephen McKenna, Paganism and Pagan Survivals in Spain up to the Fall of the Visigothic Kingdom (The Catholic University of America Studies in Mediaeval History NS 1), Washington 1938.

Joyce E. Salisbury, Iberian Popular Religion, 600 B.C. to 700 A.D.: Celts, Romans, and Visigoths (Texts and Studies in Religion 20), New York 1985.

Klaus Thraede, Hexen, in: Reallexikon für Antike und Christentum 14, 1988, Sp. 1269-1276.

Nicole Zeddies, Religio et sacrilegium. Studien zur Inkriminierung von Magie, Häresie und Heidentum (4.-7. Jahrhundert) (Europäische Hochschulschriften 3, 964), Frankfurt/M. u. a. 2003.

Empfohlene Zitierweise

Drews, Wolfram: Isidor von Sevilla. In: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller und Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: http://www.historicum.net/no_cache/persistent/artikel/5526/

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Erstellt: 09.10.2007

Zuletzt geändert: 12.10.2007