H-O

Invokationen 

Peter Dinzelbacher 

(Übersetzung von Johannes Peisker) 

11. Januar 2011 

Mit dem lateinischen Begriff „invocatio“ bezeichneten die Römer für gewöhnlich die geeigneten Gebete für das Eingreifen der Götter. Spätantike Theurgie kann als eine Form der Invokation betrachtet werden. Im römischen Katholizismus ist Invokation der technische Begriff für das liturgische Gebet für göttliche Intervention, besonders bei der Weihe des heiligen Abendmahls, als auch für ein Gebet für das helfende Eingreifen der Heiligen. 

Obwohl die Invokation phänomenologisch mit Beschwörung, Zauber, Inkantation, Exorzismus, Gebet und Fluch verwandt ist – allesamt Manifestationen des heiligen und machtvollen Wortes – besteht ihr Differenzierungsmerkmal (wenn es eines gibt) in ihrem mehr oder weniger durchgesetztem Anspruch, einen gewissen Zwang über die adressierten Wesen auszuüben, deren Willfährigkeit impliziert ist. Sie ist nicht nur ein Bitten, sondern auch ein Befehl; andere Elemente, etwa erzählerische, können kombiniert werden, ein erfolgreiches Beispiel „in illo tempore“ zitierend (vgl. Zauber). In einem engeren Sinne ist der Begriff Invokation auf die Teile von Beschwörung begrenzt, welche die Namen der Mächte enthalten, um deren Hilfe gebeten wird („im Namen der und der Gottheiten oder Dämonen“). Auch wenn gesprochene Worte den Kern jeder Invokation ausmachen, wird sie regelmäßig mit entsprechenden Gesten kombiniert, ebenfalls sehr oft unter Nutzung von Opfern, magischen Objekten und Symbolen. Wenn die angesprochenen Mächte nicht sofort reagieren, was die Regel ist, muss die Invokation wiederholt oder intensiviert werden. 

Bezüglich der Hexerei in Europa müssen wir uns hier mit Invokationen beschäftigen, die für Schwarze Magie benutzt werden, seien es Invokationen von Gott, von Ereignissen der heiligen Geschichte (Passion, Jüngstes Gericht), von Heiligen, seien es die von Dämonen und Geistern. Gott und seine Heiligen wurden wieder und wieder für magische Zwecke angerufen, dabei beweisend, dass die meisten Menschen, die Zauberei benutzten, sich keinesfalls außerhalb des christlichen Religionssystems sahen. Ein Beispiel für eine Invokation, gesprochen, um einen Toten zu erwecken, kann aus einem deutschen Handbuch eines Nekromanten des 15. Jahrhundert zitiert werden: „by the virtue and power of the divine majesty, and by the thrones and dominations and powers and principalities of Him…, and by those [angels] who do not cease to cry out with one voice, saying, ‘Holy, holy, holy…, and by these names, which cause you fear and terror: Rator, Lampoy, Despan, Brulo…” (Kieckhefer 1998, S. 128). Der Verstorbene wird beschworen, den Instruktionen des Magiers zu folgen. Dieses breite Spektrum numinoser Instanzen die um Hilfe angerufen werden, von Gott selbst bis zu den fantastischsten Namen unbekannter Dämonen, ist durchaus charakteristisch für die Formen von Zauberei, welche intendierten, einen Vorteil für den Zauberer oder seinen Klienten zu erreichen. Ähnliche Formen wurden angewandt, um versteckte Schätze zu finden, einen Toten die Zukunft vorhersagen lassen, etc. Die ausschließliche Anrufung des Teufels oder seiner Wirte scheint auf Häretiker und Hexen beschränkt gewesen zu sein, zumindest in der Meinung ihrer Verfolger. Ein früher Fall der Verdammung des „invocator daemonum“ kann im Codex Theodosianus 9, 16, 5 gefunden werden, verkündet im Jahr 438. Der Bann von Dämoneninvokationen sollte bis zur Neuzeit ein beständiger Gegenstand in den Strafgesetzbüchern bleiben, auffindbar beispielsweise im frühmittelalterlichen Leges Visigothorum ebenso wie in Ulrich Tenglers Laienspiegel im 16. Jahrhundert, und so fort. Diese Verbote reflektieren die Standardmentalität des Christentums. Sehr selten sind tolerantere Positionen bekannt. So schrieb circa 1370 der spanische Dominikaner (!) Raimundus von Tarrega, ein konvertierter Jude, eine Abhandlung De invocatione daemonum, nach der es uns erlaubt ist, Dämonen anzurufen und anzubeten, wenn wir beachten, dass sie als gottgemachte Wesen verehrt werden können. Nicholas Eymerich ließ das Buch verbrennen und schrieb selbst eines gegen jene, die Dämonen anrufen.

Ungeachtet der Inklusion invokationaler Praktiken in das christliche Stereotyp von Häretikern und Hexen kann es keinen Zweifel geben, dass Dämonen von vielen tatsächlich angerufen wurden; es wäre ausreichend, die Zahl der seit dem Spätmittelalter erhaltenen Zauberbücher zu bedenken, Manuskripte und Drucke, die eindeutig für die praktische Anwendung intendiert waren. Viele von diesen sind in Latein geschrieben, was deren Zirkulation innerhalb der gelehrten Gruppen der Gesellschaft beweist, d. h. zumindest während des Mittelalters die Kleriker. Biographische, historische, rechtliche und andere Quellen bieten weitere Belege.  

Ein frühes berühmtes Beispiel ist das Erlebnis des Kaisers Julian (361-363), der sehr zu seinem Schrecken die Invokation von Dämonen in einem heidnischen Tempel beobachtete, den er wiedereröffnet hatte (Theodoret, Kirchengeschichte III, 3, 130). Die Neuen Manichäer, eine der frühesten Häretikergruppen des Mittelalters, wurden auf der Synode von Orléans (1022) des rituellen Deklamierens der Namen von Dämonen beschuldigt, bis diese in Tierform erschienen. Für das Spätmittelalter, beispielsweise, enthält der Prozess gegen den perversen Marschall von Frankreich Gilles des Rais (1404-1440) viel Material zur Invokation böser Geister und zeigt den fachsprachlichen Charakter, den diese „Kunst“ erreicht hatte. Alle typischen Komponenten einer professionellen Invokation, Opfer, Magischer Kreis, Zauberbücher, etc., stellen einen Teil der von seinen Kollaborateuren beschriebenen Rituale dar. Ein anderer Fall, zur Zeit Ludwig XIV., ist derjenige in Verbindung mit dem Namen La Voisin, wo die diabolischen Invokationen einen Teil von schwarzen Messen darstellten. Gilles des Rais war einer der mittelalterlichen Satanisten, deren Wirken in Form einer Sekte von einigen Historikern bezweifelt wird. Allerdings ist es dahingehend sehr wahrscheinlich, dass solche Sekten seit dem 12. Jahrhundert an auf lokaler Ebene tatsächlich existierten und dass diese Satan oder Dämonen anriefen. Das Vorhandensein ähnlicher Gruppen in Neuzeit und Gegenwart kann nicht verleugnet werden.

Die Invokation von Toten, d. h. Nekromantie, stellte ebenfalls einen Teil der magischen Künste dar. Ihr häufigstes Ziel war es, die Toten dazu zu bringen, Informationen über die Zukunft zu liefern. Tote Menschen anzurufen hat eine lange Tradition, die mit dem Zitieren des Propheten Samuel durch die Hexe Endor (1 Sam 28) und Odysseus Erwähnung des Sehers Theiresias (Homer, Odyssee 11, S. 23ff.) beginnt. Es gibt umfangreiche Belege für ähnliche Praktiken, besonders aus der Spätantike, die allerdings nach der Christianisierung des Römischen Reiches ebenfalls nicht enden, obwohl echte Fälle im Mittelalter und danach eher selten werden. In Legenden und gotischen Romanen, wie dem des berühmten Gelehrten Faust, bleibt die Invokation von Toten jedoch ein Topos; Faust brachte den Schatten Alexanders des Großen und seiner Gattin vor den Kaiser Karl V. (wie das Faustbuch von 1587, ca. 33, erzählt).

Anrufungen von Toten sind ebenfalls als Taten von Heiligen festgehalten worden, dann selbstverständlich qualifiziert als Wunder. So bat St. Spyridon, Bischof von Trimythontos (+ ca. 350) seine tote Tochter, ihm die Stelle zu verraten, an der sie einige wertvolle Objekte versteckt hatte, und sie antwortete ihm aus ihrem Grab. St. Severin von Noricum (+ 482) belebte einen toten Priester wieder, von dem er wollte, dass er mit seinen pastoralen Verpflichtungen fortfuhr. St. Fridolin von Säckingen ließ einen seiner Gönner namens Urso aus dem Grab hervorsteigen und brachte den wiederbelebten Leichnam mit sich an den Gerichtshof, um eine Bezeugung für die umstrittene Spende von Glarus, die er von Urso während seiner Lebenszeit erhalten hatte. Des Heiligen regelmäßiges ikonographisches Attribut ist deshalb ein kleines Skelett oder Leichnam. 

Formal enthalten Invokationen typischerweise einen Benannten (den Adressaten), mit oder ohne weitere Spezifikationen, und einen Befehl. Meistens werden auch die Namen der Gottheiten oder Dämonen angeführt, von deren Kräften geglaubt wird, dass die Worte wirken. Zum Beispiel lautet die von Matteuccia di Francesco gesungene Formel, wenn sie ihr Tierdämon rufen will: „O Lucibello, / demonio dello inferno, / poichè sbandito fosti, / el nome cagnasti, / et ay nome Lucifero maiure, / vieni ad me o manda un tuo servitore.” (Processo, ed. D. Mammoli, Todi 2nd. ed. 1983, p. 32 f.). (O Lucibello, demon of hell, having been banned you changed the name, and into the name Lucifer the greater. Come to me or send me one of your servants!” „O Lucibello, Dämon der Hölle, verbannt hast Du den Namen gewechselt, und in den Namen Lucifer der größere, komm‘ zu mir oder sende mir einen deine Diener“). Auch die christliche Version der Invokation enthält dieselben Elemente, wie wir beispielsweise von St. Severin, oben zitiert, wissen: „Thus the holy man spoke to the corpse: ‘In the name of our Lord Jesus Christ, saint priest Silvinus, speak with your brothers!’”(Eugippius, Vita S. Severini c. 16, ed. Th. Nüßlein, Bamberg 1985). (Also sprach der heilige Mann zu dem Leichnam: ‘Im Namen unseres Herrn Jesus Christus, heiliger Priester Silvinus, spreche mit deinem Bruder!‘“)

Quellen 

Conrad Wolff Platz, Kurtzer, nothwendiger und wolgegründter Bericht von dem Zauberischen Beschweren und Segensprechen. Nürnberg 1681.

Literatur 

Richard Kieckhefer, Forbidden Rites, University Park 1998.

Joseph Klapper, Das Gebet im Zauberglauben des Mittelalters. In: Mitteilungen der schlesischen Gesellschaft für Volkskunde 9, 1907, S. 5-41.

Gladys A. Reichard, The Compulsive Prayer, New York 1944.

Jeffery B. Russell, Witchcraft in the Middle Ages, Ithaca 1972.

Marianne Schusser, Beschwörung, beschwören, in: Hanns Bächtold-Stäubli (Hg.), Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens I. Berlin 1927, Sp. 1109-1129.

Gerhard Zacharias, Satanskult und Schwarze Messe, Wiesbaden 1979.

Empfohlene Zitierweise

Dinzelbacher, Peter: Invokationen. In: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller und Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: http://www.historicum.net/no_cache/persistent/artikel/8374/

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Erstellt: 12.01.2011

Zuletzt geändert: 12.01.2011