H-O

Injurienprozess 

Ralf-Peter Fuchs 

16. April 2008 

Der gelegentlich auch gegen Zaubereibeschimpfungen und –beschuldigungen eingeleitete Injurienprozess war ein nach bestimmten Regeln ablaufendes gerichtliches Verfahren, das auf eine öffentliche Wiederherstellung der Ehre nach einer vorausgegangenen Beleidigung abzielte (Fuchs 1999, S. 43ff). Er konnte sowohl auf zivilrechtlicher als auch kriminalrechtlicher Basis geführt werden. Der  zivilrechtliche Injurienprozess lief auf ein Entschädigungsgeld hinaus, das der Injuriant neben einem öffentlichen Widerruf und einer Abbitte der injurierten Person gegenüber abzuleisten hatte. Die Höhe dieser Entschädigungssumme wurde über einen Eid festgelegt, über den die beleidigte Person erklärte, lieber auf dieses Geld verzichten zu wollen als die Ehrverletzung zu dulden. Im kriminalrechtlichen Injurienprozess konnte ein Injuriant auch zur Prangerstrafe oder Landesverweisung verurteilt werden. Voraussetzung für eine Verurteilung war der Nachweis einer absichtlichen Ehrverletzung (animus iniuriandi). Vom regulären Injurienprozess sind jene Beleidigungsverfahren zu unterscheiden, die im Rahmen der lokalen Rügegerichtsbarkeit durchgeführt wurden und in denen die Diffamanten zu Geldstrafen verurteilt wurden, die an die Obrigkeit zu entrichten war.

Abwehr des Zaubereiverdachts über den Verbalinjurienprozess 

Sowohl zivilrechtliche als auch kriminalrechtliche Injurienprozesse sind als Reaktionen auf Hexereibeschimpfungen oder –beschuldigungen nachweisbar (Fuchs 1995, S. 8ff). Vor allem konkrete Beschuldigungen, Vorwürfe von Schadenzauber oder Hexentänzen beinhaltend, führten in einigen Fällen dazu, dass dieser aufwendige und kostenintensive Weg, der Anwälte einbezog, beschritten wurde. Ziel war die Außerkraftsetzung dieser Vorwürfe, indem man sie zu Ehrverletzungen mit Worten (Verbalinjurien) erklärte.

Die mit dem Hexereiverdacht konfrontierten Personen hatten im Injurienprozess im Gegensatz zum Hexenprozess einen wichtigen Vorteil. Dieser ergab sich daraus, dass sie die Initiative ergriffen hatten und damit offensiv auf rechtlicher Ebene gegen ihre Gegner vorgingen. Im Rahmen der Prozesslogik gerieten zuerst die Diffamanten als vermeintliche Ehrenräuber ins Visier der Obrigkeit. Den Klägern wurde Raum für die negative Profilierung des Gegners zugestanden, während sie sich selbst als „ehrliche“ Personen darstellen konnten. Dabei rekurrierten sie auf gesellschaftliche Verhaltensnormen, indem sie von regelmäßigem Kirchgang, Hilfsbereitschaft und freundlichem Umgang mit Nachbarn berichteten. Zudem verwiesen die Kläger unter Umständen auf eine „ehrliche“ Herkunft, in der Regel die Unbescholtenheit ihrer Eltern und Voreltern (Fuchs 1995, S. 16f). Im Fall der Margarete Volmars aus Bremscheid wurde sogar behauptet, von Vorfahren abzustammen, die bis ins vierte Glied hinein frei vom Hexereiverdacht gewesen seien. 

Im Zentrum des Injurienprozesses stand, sofern der Beklagte nicht schon vorher einlenkte, der Zeugenbeweis. Auch hierbei boten sich für die Klägerpartei beträchtliche Gestaltungsmöglichkeiten, indem sie mit „ihren“ Zeugen aufwartete und diese nach einem von ihr selbst entworfenen Katalog von ‘Beweisartikeln’ befragen ließ (Fuchs, Schulze 2002, S. 23ff). Hierbei ging es um eine Bestätigung „ehrlichen“ Verhaltens durch Nachbarn, zuweilen auch Geistliche im Ort, die die Unglaubwürdigkeit des Zaubereivorwurfs darlegen sollten. Darüber hinaus konnten Hinweise auf Personen, die man verdächtigte, das Zaubereigerücht aus feindschaftlichen Motiven ausgestreut zu haben, wichtige Entlastungsmomente hervorbringen. 

Andererseits standen dem Beklagten im Injurienverfahren durchaus Reaktionsmöglichkeiten offen, die den Kläger in Bedrängnis bringen konnten. Die Beklagtenpartei konnte Einreden gegen bestimmte Zeugen vorbringen, die von der Befangenheit bis zum pauschalen Vorwurf der Unehrlichkeit reichten. Sie konnte zudem die Zeugen des Gegners über ihre eigenen ‘Fragstücke’ (Interrogatoria), die im Anschluss an die ‘Beweisartikel’ zum Zug kamen, unter Druck setzen und Ungereimtheiten zu Tage fördern. Darüber hinaus stand es ihr frei, eigene Zeugen zu benennen und zu Sachverhalten befragen zu lassen, die ihre Vorwürfe untermauerten. Auch wenn die Klägerpartei ihrerseits wiederum ‘Fragstücke’ gegen diese Zeugen aufbringen konnte, bestand die Gefahr, über das Injurienverfahren selbst mit erheblichen Belastungsmomenten konfrontiert zu werden. Obwohl die Einreichung einer Injurienklage als präventive Maßnahme gegen einen Hexenprozess durchaus Sinn machte, wirkte diese Aussicht abschreckend, wie eine Äußerung im Dorstener Burich-Prozess belegt, nachdem der Vorwurf erhoben worden war, eine Injurienklage nicht frühzeitig eingereicht zu haben (Fuchs 2002, S. 126). Dies deutet zugleich die Grenzen des Verfahrens an. Vom frühen Zeitpunkt der Klage bis zur Fähigkeit, sich über Zeugen als sozial vollkommen integrierte Person darstellen zu können, reichten die notwendigen Bedingungen für einen Erfolg. 

Realinjurienklage beim Reichskammergericht 

Im Alten Reich bestand zudem die Möglichkeit, Injurienprozesse direkt beim Reichskammergericht einzureichen. Ausgehend von der allgemeinen Bedeutung einer Injurie, unter der sämtliche Arten von Unrecht zu begreifen waren („iniuria dicitur omne quod non iure fit“, Corpus Iuris Civilis, Institutiones 4.4) wurden auch Justizverstöße der Obrigkeiten als tätliche Injurien (Realinjurien) beanstandet (Oestmann 1997, S. 60ff). Die als Realinjurienprozesse am Reichskammergericht verhandelten Hexereisachen waren den ebenfalls dort verhandelten Nichtigkeitsbeschwerden und Mandatsverfahren recht ähnlich. Sie beinhalteten allerdings nicht nur die Forderung der Rehabilitation von Prozessopfern, sondern auch der Entschädigung für die erlittenen Verletzungen an Leib und Ehre.

Injurienklagen der Obrigkeit 

Injurienprozesse wurden überdies auch von den Vertretern der Obrigkeit selbst eingeleitet, wenn Familienmitglieder von Personen, die der Hexerei angeklagt waren, unrechtmäßiges Verhalten der Justiz anprangerten. So schlugen etwa die Hexenkommissare, die 1597 die Hexenprozesse im paderbornischen Etteln durchgeführt hatten mit einer Verbalinjurienklage zurück, nachdem ein Untertan sie „Erzschelme“, „Mörder“, „Totschläger“ und „blutgierige und grimmige Tyrannen“ gescholten hatte (Fuchs 1994, S. 65). Dass Kritik an der Art und Weise der Abhaltung von Hexenprozessen auch Richter und Anwälte veranlassen konnte, sich gegenseitig der Injurien zu bezichtigen, zeigt sich im Fall Salome Gebweiler aus Kaysersberg. Dem Reichskammergerichtsprokurator, der die wegen Hexerei verhaftete und später unter der Folter umgekommene Frau vertreten hatte, wurde es als Injurie ausgelegt, dass er den Rat zu Kaysersberg des unrechtmässigen, nichtigen Prozedierens beschuldigt hatte. Umgekehrt verwahrte dieser sich mit einer Injurienklage gegen die Vorhaltungen des Rates, er selbst habe dabei als Anwalt wider sein Gewissen und die Gepflogenheiten seines Standes gehandelt. Mit Blick auf das Phänomen der frühneuzeitlichen Hexenprozesse offenbart sich in solchen Verfahren das Bewusstsein von Juristen, sich in einem Grenzbereich des Justizsystems zu befinden. Dennoch: Es kam zwar vor, dass im Rahmen des Injurienprozesses grundlegende Zweifel an Elementen der Hexenlehre, so an der Möglichkeit des Hexenfluges, formuliert wurden (Fuchs 1995, S. 23f.). Die Verfolgungen an sich wurden jedoch kaum in Frage gestellt. 

Literatur 

Karlheinz Bartels, Die Dogmatik der Ehrverletzung in der Wissenschaft des Gemeinen Rechts bis zum Ausgang des 18. Jahrhunderts, Göttingen 1955.

Ralf-Peter Fuchs, Der Vorwurf der Zauberei in der Rechtspraxis des Injurienverfahrens. Einige Reichskammergerichtsprozesse westfälischer Herkunft im Vergleich, in: Zeitschrift für Neuere Rechtsgeschichte 17, 1995, S. 1-29.

Ralf-Peter Fuchs, Hexerei und Zauberei vor dem Reichskammergericht. Nichtigkeiten und Injurien, Wetzlar 1994 (Schriftenreihe der Gesellschaft für Reichskammergerichtsforschung 16).

Ralf-Peter Fuchs, Um die Ehre. Westfälische Beleidigungsprozesse vor dem Reichskammergericht (1525 - 1805), Paderborn 1999.

Ralf-Peter Fuchs, Hexenverfolgung an Ruhr und Lippe. Die Nutzung der Justiz durch Herren und Untertanen, Münster 2002.

Ralf-Peter Fuchs; Winfried Schulze, Zeugenverhöre als historische Quellen – einige Vorüberlegungen, in: Ralf-Peter Fuchs; Winfried Schulze (Hg.): Wahrheit, Wissen, Erinnerung. Zeugenverhörprotokolle als Quellen für soziale Wissensbestände in der Frühen Neuzeit. Münster u. a. 2002, S. 7-40.

Peter Oestmann, Hexenprozesse am Reichskammergericht, Köln, Weimar, Wien 1997.

Paul Wigand, Denkwürdigkeiten für deutsche Staats- und Rechtswissenschaft, für Rechtsalterthümer, Sitten und Gewohnheiten des Mittelalters; gesammelt aus dem Archiv des Reichskammergerichts zu Wetzlar; nebst einer Denkschrift über Geschichte, Schicksale, Inhalt und Bedeutung jenes Archivs, Osnabrück 1964 (Neudruck der Ausgabe 1854).

Bayerisches Hauptstaatsarchiv (BayHStA) RKG G 6066 (Fall Dr. Johann Groenberger ./.  Rat und Syndicus zu Kaysersberg).

Empfohlene Zitierweise

Fuchs, Ralf-Peter: Injurienprozess. In: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller und Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: http://www.historicum.net/no_cache/persistent/artikel/5822/

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Erstellt: 16.04.2008

Zuletzt geändert: 16.04.2008