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Hexenverfolgung in Hessen 

Thomas Lange 

11. Februar 2009

Der Raum „Hessen“ 

Diese Übersicht muss mit einer geografischen Abgrenzung beginnen. Das heutige Bundesland Hessen wurde 1945 von der amerikanischen Militärregierung aus verschiedenen, bis dahin selbständigen Landesteilen zusammengefügt: Den ehemals preußischen Provinzen Kurhessen und Nassau sowie dem rechtsrheinischen Gebiet des Volksstaats Hessen. Im 16. und 17. Jahrhundert, den Hauptzeiten der Hexenverfolgung, war die territoriale Zersplitterung noch weit größer. (Übersicht siehe Karte der Territorien.)

Neben den Landgrafschaften von Hessen-Kassel und Hessen-Darmstadt, den nassauischen Grafschaften, den Freien Reichsstädten Frankfurt, Wetzlar, Friedberg, Gelnhausen (alle protestantisch) sowie den umfangreichen Besitzungen des Kurfürstentums und Erzbistums Mainz an Rhein und Main und der Fürstabtei Fulda existierte noch eine Reihe kleinerer Grafschaften in der Wetterau und im Odenwald. Die hier angesprochenen Territorien waren weitgehend zum protestantischen Glauben übergewechselt. Die wichtigste Ausnahme bildet das Erzbistum Mainz.

Auf diese genannten Territorien – ohne die Grafschaft Nassau und das Stift Fulda, zu denen bereits Artikel vorliegen - wird sich die folgende Übersicht beschränken. Die Erforschung der Hexenverfolgung im heutigen Bundesland Hessen ist in den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts für einige Teil-Territorien intensiver vorangetrieben worden. Aufgrund der starken territorialen Zersplitterung in der Vergangenheit kann man allerdings nur von einer partiell gründlichen Aufarbeitung sprechen. Insbesondere die kleineren Grafschaften (mit Ausnahme Isenburg-Büdingens) sind noch nicht ausreichend erforscht (z. B. Solms, Erbach, Hanau-Münzenberg). In Frankfurt scheinen so gut wie keine Prozesse stattgefunden zu haben. Insgesamt erlaubt es der Forschungsstand bis heute nur partiell, die sozial-ökonomischen Funktionen und rechtshistorischen Grundlagen der Hexenverfolgungen fundiert zu analysieren.

Hexenverfolgungen 

Als generelle Tendenz kann festgehalten werden, dass in den größeren Herrschaften – mit Ausnahme der zerstreuten Besitzungen des Mainzer Erzbistums – die Verfolgungsdichte geringer war als in den kleineren. Die Gesamtzahl der Opfer kann für die heute zum Bundesland Hessen gehörenden Gebiete – mit den üblichen Unsicherheiten bei solchen Zahlenangaben – mit etwa 2.000 Personen angegeben werden. Der männliche Anteil betrug im hessischen Durchschnitt 8,4%, in einzelnen Gebieten stieg er aber auf 22% (Hessen-Bingenheim) oder sogar 32,6% (Fürstentum Waldeck), ein konfessioneller Unterschied ist nicht feststellbar.

Geurteilt wurde im Prinzip nach der Carolina. Spezielle Strafverfahrensordnungen zu Hexenprozessen gab es in Kurmainz seit 1612: Einen Fragenkatalog (Interrogatorium) sowie eine Konfiskationsordnung (Güterbeschlagnahmung als Teil der Strafe). Gutachten wurden in Kurmainz eher selten eingeholt (Pelizaeus 2004). In anderen Territorien (Landgrafschaft Hessen-Kassel, Ganerbschaft Busecker Tal) wurden häufiger Gutachten von den Universitäten Frankfurt, Gießen, Marburg, Heidelberg, Straßburg eingeholt. In Hessen-Darmstadt gab es seit 1575 eine Peinliche Gerichtsordnung, die auch Bestimmungen zur Verfolgung der Zauberei enthielt. Güterkonfiskationen waren hier nicht vorgesehen, die Gerichtskosten sollten durch die Zent beglichen werden (Lange/Wolf 1994, S. 148f.). In Hessen-Kassel erlaubte die Prozessordnung hingegen, für die Gerichtskosten das Vermögen der Verurteilten heranzuziehen (Schleichert 1993, S. 45). Aufgrund der Aktenverluste bzw. noch ungenügender Erforschung – eine neuere Arbeit über Strafjustiz in Kurmainz lässt die Hexenprozesse sogar ganz beiseite (Härter  2005, S. 543, 550) – kann zur Urteilsstruktur nur das Beispiel der Landgrafschaft Hessen-Kassel angeführt werden: 30% der Prozesse endeten mit dem Todesurteil, 10% mit Pranger oder Landesverweis, ca. 30% mit Freispruch oder geringeren Strafen, bei den übrigen ca. 30% sind aufgrund Aktenverlustes keine sicheren Aussagen zu machen (Schleichert 1993, S. 65f.).

In den heute hessischen Gebieten des geistlichen Kurfürstentums Mainz war die Verfolgungsintensivität – gemessen an den Vorgängen in anderen Mainzer Territorien –  eher gering (Pelizaeus 2004, Pohl 1988). Die Hauptverfolgungszeit dauerte von 1593 bis 1630. In einigen Ortschaften am Main kam es zu Hinrichtungswellen mit hohen Verfolgungszahlen (Höchst, 1597-1602: 26 Opfer; Flörsheim, 1615-1618: 26 Opfer; Groß-Krotzenburg 1628: 98 Opfer). Das Zentrum der Verfolgungen bildete allerdings die – von protestantischen Territorien umgebene – katholische Kleinstadt Dieburg mit insgesamt 194 Opfern zwischen 1597 und 1630 (bei einer angenommenen Stadtbevölkerung von ca. 600 Menschen). Hier stieg auch der Anteil der Männer in einzelnen Verfolgungsperioden auf 17 bis 30 %. Insgesamt lässt sich beobachten, „dass besonders in Ämtern, die an evangelische Gebiete angrenzten, die Verfolgung sehr hoch war und in Orten wie Dieburg, Spannungen zwischen den katholischen Pfarrern und der teilweise evangelischen Bevölkerung herrschten“ (Pelizeus 2004).

Im größten hessischen Territorium, der Landgrafschaft Hessen-Kassel, fanden relativ wenige Prozesse und Hinrichtungen statt. Die Tradition von Landgraf Wilhelm IV (1567-1592), größtmögliche Zurückhaltung zu üben (Lange 2006), wurde auch von seinen Nachfolgern fortgesetzt. Hier fiel der Schwerpunkt der Verfolgungen mit 40 Hinrichtungen in die Jahre 1650-1680 (Schleichert 1993, Roos 2008). In der viel kleineren Landgrafschaft Hessen-Darmstadt gab es nur in der Regierungszeit Landgraf Georgs I. (1567-1596) 37 Hinrichtungen (Lange/Wolf 1994).

Wirklich dramatische und teilweise an den gesetzlichen Vorgaben völlig vorbeigehende Verfolgungen fanden in kleineren Territorien statt. Im zu Hessen-Darmstadt gehörenden, aber weit abliegenden Amt Homburg wurden zwischen 1582 und 1590 20 Menschen hingerichtet. Als das Amt nach 1622 als Landgrafschaft Hessen-Homburg selbständig wurde, richtete man dort bis 1656 über 70 Personen hin (Hafner 1993). Landgraf Wilhelm-Christoph, der dort 1650 bis 1681 regierte, aber vor allem in Hessen-Bingenheim wohnte, ließ dort gemeinsam mit seinem Amtmann über 53 Personen hinrichten (Kießling 1959/60). In der nur etwas größeren, bis 1806 selbständigen Grafschaft Isenburg-Büdingen fanden zwischen 1633-1635 und 1651-1654 unter Leitung des Amtmanns Johann Hartlieb zahlreiche Prozesse statt, die zu insgesamt 283 Hinrichtungen führten (Niess 1982). Hier wie in Hessen-Homburg wurden die Verfolgungen übrigens durch immer wieder an die Obrigkeit gerichtete Bittschriften der Einwohner neu angefacht, was das enge Wechselspiel zwischen Verfolgungsdrängen von „unten“ und verfolgungsbereiter lokaler Obrigkeiten dokumentiert. Eigene Hexenkommissare oder -ausschüsse sind nicht bekannt, allerdings haben manche Amtmänner (wie der erwähnte Johann Joachim Hartlieb in Büdingen) vergleichbar agiert.

Ähnlich strukturiert scheinen die noch wenig erforschten Verfolgungen in der Grafschaft Hanau-Münzenberg (ca. 100 Opfer zwischen 1580-1618, Spielmann 1932) oder im Fürstentum Waldeck (ca. 49 Opfer 1589-1666; Flagmeier 1991, Eichler 1927). Verfolgungen, die eindeutig auf die Persönlichkeiten einzelner Richter zurückgeführt werden können, sind die in der Freien Reichsstadt Gelnhausen (22 Hinrichtungen 1596-1599 durch Bürgermeister Johannes Koch; Spielmann 1932, S. 144) bzw. der winzigen Ganerbschaft Lindheim (25 Hinrichtungen zwischen 1662 – 1664 durch den korrupten Schultheißen Georg Ludwig Geiß, Demandt 1975).

Nach 1680 nahm die Verfolgung in Hessen zunehmend ab. Die letzte Hinrichtung wurde in Gambach (Grafschaft Solms-Braunfels) nach einer Anklage wegen Brandstiftung und Zauberei 1718 vollzogen (Vetter 1983/84). Der letzte Prozess – mit unbekanntem Ausgang – fand in dem zum Kurfürstentum Mainz gehörenden Nieder-Mörlen 1739 statt (Hönack 1997).

Literatur 

Im Internet ist eine Ausstellung der Hessischen Staatsarchive aus dem Jahr 1994 einsehbar, die eine – allerdings nicht vollständige – Übersicht über die Hexenverfolgungen in Hessen bietet und diese in einen thematischen Rahmen der Geschichte von „Ausgrenzung und Verfolgung“ einbettet: http://www.hstad-online.de/ausstellungen/online/webhexen/index.htm

Karl Ernst Demandt, Lindheimer Chronik, Gießen 1975.

Karl Eichler, Die Wildunger Hexenprozesse, in: Geschichtsblätter für Waldeck und Pyrmont 24, 1927, S. 103-126.

Ralf Flagmeier, Hexenprozesse und sozialer Wandel in Korbach. In: Geschichtsblätter für Waldeck 79, 1991, S. 67-118.

Rolf Hafner, Wahnsinn und Aberglaube - Arbeit für den Henker. Hexenwahn und Hexenprozesse in der Landgrafschaft Homburg vor der Höhe, in: Alt-Homburg, September 1992 - September 1993.

Härter, Karl: Policey und Strafjustiz in Kurmainz. Gesetzgebung, Normdurchsetzung und Sozialkontrolle im frühneuzeitlichen Territorialstaat (=Studien zur europäischen Rechtsgeschichte 190). 2 Bde. Frankfurt am Main, 2005.

Joachim Hönack, Der Hexenprozeß von 1739. Nach den Akten der kurfürstlichen Regierung in Mainz über einen Hexenprozeß und des Oberamtes Königstein über eine Injurienklage, Nieder-Mörler Geschichtsverein e.V. (Hg.), Bad Nauheim 1997.

Rudolf Kießling, Die Hexenprozesse im Amt Bingenheim. In: Büdinger Geschichtsblätter 3/4, 1959/60, S. 129-135

Thomas Lange / Jürgen Rainer Wolf, Hexenverfolgung in Hessen-Darmstadt zur Zeit Georgs I. - Mit einer Edition des Briefwechsels zwischen den Landgrafen Georg I. und Wilhelm IV. über Hexereifälle im Jahre 1582, in: Archiv für Hessische Geschichte und Altertumskunde  52, 1994, S. 139-198.

Thomas Lange, „Wolf Weber, 11 Jahre…“ Anne aus Dreieich, 16 Jahre, hingerichtet im August 1582 in Darmstadt“ in: historicum.net. Hexenforschung, Edierte Einzelquellen, 2006, [20.01.2009] URL: http://www.historicum.net/no_cache/persistent/artikel/917/.

Walter Niess, Hexenprozesse in der Grafschaft Büdingen Büdingen 1982.

Ludolf Pelizaeus (Arbeitskreis "Hexenprozesse in Kurmainz"), Hexenprozesse in Kurmainz: "bestraffung des abscheulichen lasters der zauberey",Archäologische und volkskundlichen Arbeitsgemeinschaft Dieburg (Hg.), Dieburger Kleine Schriften, Dieburg  2004 - CD-ROM.

Herbert Pohl, Hexenglaube und Hexenverfolgung im Kurfürstentum Mainz. Ein Beitrag zur He­xenfrage im 16. und beginnenden 17. Jahrhundert, (Veröffentlichungen des In­stituts für Geschichtliche Landeskunde an der Universität Mainz 32), Stuttgart 1988.

Christian Roos, Hexenverfolgung und Hexenprozesse im alten Hessen, Marburg  2008.

Sabine Schleichert, Hexenprozesse in der Landgrafschaft Hessen-Kassel. Hessisches Jahrbuch für Landesgeschichte 43, 1993, S. 39-76.

Karl Heinz Spielmann, Hexenprozesse in Kurhessen. Marburg 1932

Horst Vetter, Tragödie einer zum Tode verurteilten Hexe, in: Butzbacher Geschichts­blätter 1983/3 und 1984/4.

Empfohlene Zitierweise

Lange, Thomas: Hexenverfolgung in Hessen. In: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller und Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: http://www.historicum.net/no_cache/persistent/artikel/6146/

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Erstellt: 27.10.2008

Zuletzt geändert: 21.11.2008