H-O

Hexenregister des Claudius Musiel (1586-1594) 

St. Maximin bei Trier (Reichsabtei)

Rita Voltmer 

07.05.01  

Das sog. "Hexenregister des Claudius Musiel" enthält in Listenform Besagungen, die man 306 wegen Hexerei hingerichteten Personen aus 36 Ortschaften des Territoriums der Abtei St. Maximin sowie aus weiteren Dörfern der unter kurtrierischen Landeshoheit stehenden Hochgerichte St. Matthias, St. Paulin und der kurfürstlichen Ämter Pfalzel, Saarburg und Grimburg unter der Folter abgepreßt hat. Die Einträge folgen einem relativ einheitlichen Schema: Name der/des Hingerichteten, Herkunftsort, Datum der Hinrichtung (manchmal auch der Verhaftung), Liste der von ihr/ihm besagten Personen. Die Zahl der von den einzelnen Verurteilten angegebenen Frauen und Männer variiert dabei erheblich; im Schnitt waren es 20 Personen. In einem Fall werden aber nicht weniger als 150 angebliche Komplizen genannt. Hier dokumentiert sich wie kaum an anderer Stelle die große Bedeutung, welche man in St. Maximin der Besagung als einem verdachtleitenden Indiz beimaß und die der Trierer Weihbischof Binsfeld so betont hatte. 

Das Hexenregister umfaßt den Zeitraum zwischen dem 12. März 1586 und dem 4. August 1594 und verzeichnet insgesamt mehr als 6.300 Besagungen, die sich auf rund 1.380 denunzierte Personen aus 97 Ortschaften beziehen. Dabei werden nicht alle in diesem Zeitraum im Territorium der Reichsabtei hingerichteten Personen erfaßt. Der paläographische Befund ergibt, daß vierzehn Schreiber mit 23 Schreibaufnahmen abwechselnd an dem Text geschrieben haben; dies läßt auf eine kontinuierliche Führung des Registers in der Kanzlei von St. Maximin, wohl unter Leitung des Notars Peter Omsdorf, schließen. 

Ein Vergleich der Komplizenlisten aus den Prozeßakten mit denen des Hexenregisters zeigt, daß zwischen 1586 und 1593/1594 die Besagungslisten aus den Akten vollständig übernommen wurden. Wie kleinere Abweichungen nahelegen, muß der Schreiber dabei die Originalmitschriften und nicht die Reinschriften der Prozeßakten benutzt haben. Erst ab 1594, als Musiel endgültig an die Spitze der Ämterhierarchie in St. Maximin avancierte und sein Name als verantwortlicher Amtmann im Register genannt wird (Abbildung), ging man dazu über, die Besagungen nur noch selektiv zu erfassen. Dabei orientierte man sich offensichtlich an ihrer "Brauchbarkeit" für weitere Verfolgungen; denn zwangsläufig waren die Komplizenlisten zu einem hohen Prozentsatz mit Namen von mittlerweile hingerichteten oder schon Angeklagten gefüllt. Deshalb wurden jetzt die Namen bereits Hingerichteter nicht mehr in das Hexenregister übertragen.

Aus dem Aufbau des Musiel-Registers ergibt sich auch seine Funktion: Als kontinuierlich geführtes Verzeichnis von hexereiverdächtigten Personen diente es offensichtlich dazu, dem verhörenden Beamten ein umfassendes und übersichtlich geordnetes Namensmaterial an die Hand zu geben, das zudem ständig erweitert werden konnte. Sein praktisches Format erlaubte es, das Register überallhin mitzunehmen, und sein Gebrauch machte ein langwieriges Suchen in den verschiedenen Prozeßakten überflüssig. Denkbar ist außerdem, daß in dieses Register sogar die Ausschußmitglieder, mit denen Piesport und Musiel so perfekt zusammenarbeiteten, Einblick nehmen durften. Das Hexenregister ist mit Sicherheit genutzt worden, um neue Verdächtige aufzuspüren und weitere Besagungen gegen eine schon im Verdacht stehende Person zusammenzustellen, d.h., mit seiner Hilfe wurde die Verfolgung vorangetrieben. Darauf verweist eine Reihe von Bearbeitungsspuren. Bei einer Vielzahl von Namen finden sich Zusätze wie ist hingericht , ist tot , ist gestorben , ist entlaufen , ist gefangen . Die Mehrzahl der Namen wurde mit einem Kreuz gekennzeichnet, das entweder auf eine vollzogene Hinrichtung oder - gemäß einem nicht mehr rekonstruierbaren Merk- oder Zählverfahren - auf die Häufigkeit von Besagungen verwies. Warum die Eintragungen mit dem 14. August 1594 abbrechen, obwohl noch bis 1596 Prozesse erfolgt sind, läßt sich noch nicht klären.

Die Anlage dieses Verzeichnisses könnte natürlich auch auf Johann von Piesport zurückgehen. Da aber Musiel nachweislich auch andere einschlägige Listen und Verzeichnissen anlegen ließ und angesichts seiner Karriere über ausgesprochene verwaltungstechnische Fähigkeiten verfügte, ist er wohl eher der Initiator gewesen. Ein amtlicher Auftrag für die Erstellung dieses Registers muß vorgelegen haben; denn niemand hätte sich ohne Aussicht auf Entlohnung an diese mühevolle Arbeit gemacht. Außerdem muß den Schreibern das Maximiner Archiv zugänglich gewesen sein, da in dem Register sowohl die Originalakten als auch Extrakte und Besagungslisten aus anderen Ämtern verwertet worden sind. 

Zur Zeit der zweiten Verfolgungswelle im Amt St. Maximin wurde im Jahr 1629 noch einmal ein ähnliches Verzeichnis über hingerichtete Hexen und die von ihnen genannten angeblichen Komplizen erstellt; allerdings erreichte es bei weitem nicht die monströsen Ausmaße des Hexenregisters. Daneben sind zahlreiche weitere Verzeichnisse für die erste Verfolgungsperiode (1596-1596) überliefert, deren Namensmaterial sich z.T. mit dem des Hexenregister überschneiden, und in denen Besagungen, Hinrichtungen und Prozeßkosten aufgeführt werden. 

Das sogenannte Hexenregister markiert den Beginn einer extremen Hexenverfolgung im Gebiet der Abtei St. Maximin und steht am Anfang einer langer Reihe weiterer Verzeichnisse. Die Verschriftlichung der unter der Folter erpreßten Geständnisse sowie ihre Erfassung in amtlichen Listen und Registern war den Zeitgenossen durchaus bekannt. Die den Besagungen nachspürenden und selbst eigene Register führenden Ausschußmitglieder durften sie wahrscheinlich einsehen. Allein das Vorkommen in einem dieser Verzeichnisse konnte zum Ausgangspunkt für Verfolgung, zum Indiz, letztlich auch zum "Beweis" für die Zugehörigkeit der verdächtigten Person zur gefürchteten Hexensekte werden. 

 

Edition 

Rita Voltmer / Karl Weisenstein (Bearb).: Das Hexenregister des Claudius Musiel. Ein Verzeichnis von hingerichteten und besagten Personen aus dem Trierer Land (1586-1594) (Trierer Hexenprozesse. Quellen und Darstellung 2). Trier 1996 

Literatur 

Rita Voltmer: Einleitung. In: Dies., Karl Weisenstein (Bearb).: Das Hexenregister des Claudius Musiel. Ein Verzeichnis von hingerichteten und besagten Personen aus dem Trierer Land (1586-1594) (Trierer Hexenprozesse - Quellen und Darstellung 2). Trier 1996, S. 9*-104*. 

Dies.: Claudius Musiel oder die Karriere eines Hexenrichters. Auch ein Beitrag zur Trierer Sozialgeschichte des späten 16. Jahrhunderts. In: Methoden und Konzepte der historischen Hexenforschung, hg. v. Gunther Franz u. Franz Irsigler. Redaktion: H. Eiden u. R. Voltmer (Trierer Hexenprozesse - Quellen und Darstellungen 4), Trier 1998, S. 211-254. 

 

Siehe auch folgende Artikel:  

Biewer, Reiner von Rita Voltmer

St. Maximin bei Trier (Reichsabtei) - Hexenverfolgungen von Rita Voltmer

Musiel, Claudius von Rita Voltmer

Omsdorf, Petrus, Notar in St. Maximin und Kurtrier (gest. 1615) von Rita Voltmer

Piesport, Johann von, St. Maximiner Amtmann und Hexenrichter (gest. 1594) von Rita Voltmer

Zilles, Nikolaus (1575-1638) von Rita Voltmer

Empfohlene Zitierweise

Voltmer, Rita: Hexenregister des Claudius Musiel (1586-1594). Aus: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller u. Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: http://www.historicum.net/no_cache/persistent/artikel/1611/

Bitte setzen Sie beim Zitieren dieses Beitrags hinter der URL-Angabe in runden Klammern das Datum Ihres letzten Besuchs dieser Online-Adresse.



Erstellt: 15.02.2006

Zuletzt geändert: 09.06.2006