H-O

Hexen-Sonderauftrag; Hexenkartothek 

Jürgen Michael Schmidt  

13.12.99  

Wissenschaftliche Großunternehmung der NS-Zeit zur Erforschung der Hexenverfolgung (früher in der Literatur meist unkorrekt als H-Sonderkommando bezeichnet) 

Das Interesse des 'Reichsführers SS' Heinrich Himmler an der Geschichte der frühneuzeitlichen Hexenverfolgung mündete schon recht bald nach der nationalsozialistischen Machtergreifung in ein institutionalisiertes Forschungsunternehmen, mit dem das Thema wissenschaftlich aufgearbeitet werden sollte: Auf Himmlers Veranlassung wurde 1935 innerhalb des Sicherheitsdienstes (SD) der SS ein 'H[exen]-Sonderauftrag' eingerichtet, der dann ab 1939 im Reichssicherheitshauptamt, Amt II und ab 1941 im Amt VII (>Weltanschauliche Forschung und Auswertung<), eine eigene Dienststelle bildete. Wie die ebenfalls 1935 eingerichtete Forschungsstelle 'Das Ahnenerbe e.V.' steht der 'H-Sonderauftrag' für den Versuch Himmlers, die politische Macht der SS auf den Bereich des geistigen Lebens auszudehnen.  

Dem 'H-Sonderauftrag des Reichsführers SS' gehörten mehrere Forscher aus den Reihen der SS an, die ihre Recherchen überwiegend verdeckt durchführten. Bis 1944 suchten sie in über 260 Archiven und Bibliotheken nach den Spuren der Hexenprozesse und werteten dabei sowohl Akten als auch Forschungsliteratur aus. Es handelte sich also um ein vergleichsweise großes Unternehmen mit wissenschaftlichen Ansprüchen, wie schon der quantifizierende Versuch zeigt, die Hexenprozesse zumindest innerhalb des Alten Reiches möglichst vollständig zu erfassen. Die Ergebnisse wurden auf rund 33.000 Karteiblättern der Größe DIN A4 festgehalten, die heute als "Hexenkartothek" bezeichnet werden. Die Kartothek ist erhalten und hat nach dem Krieg ins Woiwodschaftsarchiv Poznan (Polen) Eingang gefunden; eine Kopie ist im Bundesarchiv, Außenstelle Frankfurt/Main, einsehbar. Für jede Angeklagte oder jede nicht näher auflösbare Gruppe von Angeklagten legten die SS-Forscher ein Karteiblatt an. Dieses war formularartig gestaltet und enthielt 37 vorgedruckte Felder, in denen neben den Quellenhinweisen detaillierte Angaben zur Person des Opfers, zu ihren Verfolgern und zum Prozeßverlauf gemacht werden sollten. Die Dokumentation der Kartothek ist also an den Opfern orientiert. Die Karteiblätter wurden wiederum ortschaftsweise in Mappen zusammengeheftet und nach den Ortsnamen alphabetisch sortiert. Eine Erschließung des Bestandes durch die polnische Archivarin Krystyna Górska-Golaska hat die Zahl von 3621 Ortschaftsmappen ergeben, davon betreffen 3104 Deutschland. Der vergleichsweise geringfügige Rest geht über Deutschland hinaus, in Einzelfällen sogar bis Indien und Mexiko. Die Kartothek, zu der auch eine Quellen- und Bildsammlung gehört, bildet zusammen mit der Dienstbibliothek des H-Sonderauftrags und den Dienstakten die Hinterlassenschaft der SS-Hexenforscher. 

Das Motiv Himmlers zu diesem Forschungsunternehmen ist in seiner Geschichtsbetrachtung zu suchen: Für ihn war die Hexenverfolgung offensichtlich ein Verbrechen, für das er das Christentum und an erster Stelle die katholische Kirche verantwortlich machte. Der H-Sonderauftrag sollte, wie sich vor allem aus den Äußerungen seiner Mitarbeiter erschließen läßt, Material für die antikirchliche Propaganda in diese Richtung liefern. Dabei hat die jüngste Forschung gezeigt, daß Himmler als letzten Drahtzieher hinter den Hexenverfolgungen, in historisch ganz grotesker, aber um so eigentümlicherer Weise, einmal mehr die Juden vermutet hat, also gegen eine angenommene jüdisch-christliche Gesamtkultur ins Feld zog. Daneben hoffte man im Reichssicherheitshauptamt - dies das zweite hervorstechende Ziel des Auftrags -, bei der Untersuchung der Hexenprozesse auf die Reste jener heidnischen altgermanischen Volkskultur zu stoßen, von der man annahm, daß sie durch die Hexenverfolgung ausgerottet werden sollte. Auch bei diesem Projekt standen wieder Rassefragen im Hintergrund. 

Die Arbeit des H-Sonderauftrags ist über das Stadium der Materialsammlung nicht wesentlich hinausgekommen. Dafür wird man nicht nur Zeitnot angesichts eines überdimensionierten Forschungsvorhabens anführen können, sondern vielleicht auch mangelnde Qualifikation bei den Beteiligten, zumindest aber die große Schwierigkeit, aus den Quellen das zu belegen, was als Ergebnis ideologisch schon vorgegeben war: die Schuld der Kirchen und den Kampf der jüdisch-christlichen gegen die germanische Kultur. So hat es eine nennenswerte eigene Auswertung durch die SS-Leute entgegen allen großen Plänen nicht gegeben, wenn man von dem bezeichnenderweise gescheiterten Versuch ihres Leiters, Dr. Rudolf Levin, absieht, sich über das Thema zu habilitieren. 

Die in der Hexenkartothek erhaltenen Notizen zu den einzelnen Hexenprozessen werden von der modernen Forschung nutzbringend ausgewertet, seit Gerhard Schormann Anfang der 80er Jahre das Material in Deutschland bekannt gemacht hat. Besonders die regionalgeschichtliche Forschung, der es um eine flächendeckende Analyse der Hexenverfolgung in einem bestimmten Raum geht, profitiert davon. Die Kartothek ist dort von Wert, wo es um die Kontrolle der eigenen Arbeit geht oder von den SS-Leuten inzwischen verlorene oder ganz abgelegene Archivalien verwendet wurden. Sie kann aber das eigene Quellenstudium in keinem Fall ersetzen. Die bisherigen Erfahrungen mit der Kartothek zeigen nämlich, daß die in ihr enthaltenen und auf die Opfer ausgerichteten Angaben für moderne Fragestellungen in der Regel viel zu dürftig ausfallen und zudem mit großer Vorsicht behandelt werden müssen. Unvollständigkeiten und Fehler ziehen sich bis in die Detailangaben. Wie schwer diese Mängel ausfallen, scheint stark von der Region und damit von den jeweiligen Bearbeitern aus den Reihen der SS abzuhängen. So stehen partiell positivere Ansichten über die Arbeitsqualität des H-Sonderauftrags neben geradezu vernichtenden Urteilen - selbst in bezug auf die Möglichkeiten einer rein quantitativen Auswertung der Kartothek. 

Literatur 

Himmlers Hexenkartothek. Das Interesse des Nationalsozialismus an der Hexenverfolgung, hrsg. von Sönke Lorenz, Dieter R. Bauer, Wolfgang Behringer und Jürgen Michael Schmidt, (Hexenforschung, Bd. 4), Bielefeld 1999;  

Gerhard Schormann, Hexenprozesse in Deutschland, Göttingen 21986;  

Jürgen Matthäus, »Weltanschauliche Forschung und Auswertung« - Aus den Akten des Amtes VII im Reichssicherheitshauptamt, in: Jahrbuch für Antisemitismusforschung 5 (1996), S. 287-330; 

Achim R. Baumgarten, Hexenprozeßforschung im Bundesarchiv, in: Mitteilungen aus dem Bundesarchiv 4 (1994), S. 75-83. 

 

Siehe auch folgende Artikel  

Kursächsische Konstitutionen von Jürgen Michael Schmidt

Witekind, Hermann (Pseud.: Augustin Lercheimer) von Jürgen Michael Schmidt

 

Empfohlene Zitierweise

Schmidt, Jürgen Michael: Hexen-Sonderauftrag: Hexenkarthothek. Aus: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller u. Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: http://www.historicum.net/no_cache/persistent/artikel/1612/

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Erstellt: 15.02.2006

Zuletzt geändert: 09.06.2006