H-O

Henot, Katharina 

Köln (Reichsstadt) 

Thomas Becker  

13.12.99  

Die Kölner Patrizierin Katharina Henot schreibt aus dem Gefängnis an ihren Bruder Hartger, um ihm Anweisungen für ihre Verteidigung gegen den Vorwurf der Hexerei zu geben. 

Im 16. und 17. Jahrhundert fanden in ganz Mitteleuropa zahlreiche Hexenprozesse statt. Die meisten davon veranstaltete man in Deutschland. Während in manchen Regionen des Reiches jedoch nur sehr wenige Verfahren durchgeführt wurden, gehörte das Rheinland zu den Zonen mit der dichtesten Verfolgung. Ganz besonders viele Prozesse gab es im Kurfürstentum Köln. Die freie und Reichsstadt Köln allerdings, die inmitten dieses Gebietes lag, gehörte zu den verfolgungsärmsten Territorien Deutschlands. Nur vereinzelt war es hier im 16. und 17. Jahrhundert zu Hexenprozessen gekommen. Das änderte sich erst, als im Jahre 1627 die vornehme und reiche Patrizierin und adelige Dame Katharina Henot wegen Hexerei hingerichtet wurde. Der Prozeß zog eine Folge von 32 weiteren Verfahren nach sich, die bis 1630 in zahlreichen Fällen zur Hinrichtung führten. Schon die Literatur des 19. Jahrhunderts sah in Katharina Henot ein junges Mädchen, dem seine Schönheit ebenso wie seine wirtschaftliche Unabhängigkeit zum Verhängnis wurde. Diese Sicht prägt seitdem sowohl romanhafte als auch wissenschaftliche Darstellungen. In Wahrheit war Katharina zum Zeitpunkt ihrer Hinrichtung eine reife Frau, die eine erwachsene Tochter hatte und schon seit einigen Jahren Witwe war. Ihr Bruder Hartger wurde 1571 geboren. Wenn sie etwa in einer Altersstufe mit ihm gewesen ist, dürfte sie zwischen 1570 und 1580 geboren worden sein. Katharinas Vater Jakob war in den 60er Jahren des 16. Jahrhunderts zusammen mit seiner adeligen Frau Adelheid de Haen aus den Niederlanden in die Rheinmetropole geflohen, um den Kämpfen des niederländischen Aufstandes gegen die Spanier zu entgehen. 1569 ist er das erste Mal in Köln bezeugt, aber erst 1576 erhielt er das Bürgerrecht, weil man ihm gegenüber als ehemaligem Calvinisten mißtrauisch war. Die Familie bemühte sich in den folgenden Jahren darum, ihre katholische Gesinnung zu zeigen. Einige der zahlreichen Kinder traten in den geistlichen Stand ein, von denen der Sohn Hartger der ranghöchste war, denn er wurde Mitglied des Kölner Domkapitels, Dechant von St. Andreas, Propst von St. Severin, dazu Doktor beider Rechte, kaiserlicher und kurfürstlicher Rat und päpstlicher Protonotar. Schon an der Häufung der geistlichen und weltlichen Würden kann man absehen, daß die Familie zu einigem Ansehen gekommen war. Durch die Protektion des Fürsten Leonhard von Taxis wurde Jakob Henot nämlich ab 1579 vom Kaiser zum Generalpostmeister bestellt und organisierte bis 1603 das neue Postwesen im ganzen Reich. Dann aber wurde er gestürzt und die Kölner Postmeisterei von den Taxis neu vergeben. Zwei Jahrzehnte lang kämpfte Jakob Henot gegen diese Entscheidung an. Tatsächlich bekam er die Bestallung noch einmal zurück, bevor er 1625 im Alter von 94 Jahren verstarb. Sein Sohn Hartger und seine Tochter Katharina führten einen Prozeß gegen das Haus Taxis, um als Erben die Postmeisterei weiterführen zu dürfen. Dieser Umstand hat dazu geführt, daß man den Prozeß gegen Katharina Henot oft als Intrige im Kampf um diese "millionenschwere" Wirtschaftsposition gesehen hat. Aber ganz abgesehen davon, daß die Beseitigung Katharinas völlig ohne Auswirkung geblieben wäre, solange man ihren Bruder Hartger nicht ebenfalls aus dem Weg räumte, war die Angelegenheit noch vor Prozeßbeginn von allerhöchster Stelle entschieden worden: Am 19.10.1626 erging die endgültige kaiserliche Entscheidung zugunsten der Fürsten von Taxis und ihres Statthalters Johannes Coesfeld. Dies ist die Rahmensituation, in der die Tragödie der Katharina Henot begann. Wie in fast allen Fällen von Hexenverfolgung stand am Beginn ein Gerücht. Im Fall der Katharina Henot war das umlaufende "gemeine Geschrei" schon Mitte des Jahres 1626 so stark, daß sie sich genötigt sah, beim Generalvikar und einer für Hexenfragen gebildeten erzbischöflichen Kommission Beschwerde einzulegen und sich gegen die Gerüchte zu verwahren. Sie identifizierte in ihrem Protestschreiben selber die Quelle der Gerüchte: Im Kölner Kloster St. Klara waren einige Fälle von Besessenheit aufgetreten. Die besessenen Frauen hatten beim Exorzismus Katharina Henot als Ursprung ihres Leidens angegeben. Diese habe einen Pakt mit dem Teufel geschlossen, und nur, wenn man gegen diese Hexe mit äußerster Schärfe vorgehe, würden sie von ihrer Besessenheit erlöst. Nach Katharinas Protestschreiben an den Generalvikar Johannes Gelenius vom 29. August 1626 sind die Gerüchte nicht verstummt, so daß sie sich entschloß, am 25. Oktober den Erzbischof und Kurfürsten Ferdinand von Wittelsbach selber um Hilfe zu bitten. Dieser aber sah sich für die Hexereibeschuldigung einer weltlichen Frau als geistlicher Gerichtsherr nicht zuständig und verwies sie an das weltliche Gericht. Dort strengte ihr Rechtsanwalt nun einen "Purgationsprozeß" an, um sie vom Vorwurf der Hexerei zu befreien. Doch dazu kam es nicht mehr. Denn am 9. Januar 1627 wurde der Rat statt dessen mit einer förmlichen Hexereianklage befaßt, die zur Verhaftung der schon so lange Beschuldigten führte: Vier Punkte waren es, die in den Augen des Rates, der bisher nicht auf die Gerüchte und Anschuldigungen reagiert hatte, im Januar zur Verhaftung schreiten ließen: Da waren einmal die (schon seit Monaten bekannten) Beschuldigungen der besessenen Klosterschwestern von St. Klara. Da war zweitens das darauf fußende "gemein geschrey" (allgemeines Gerücht), auch dies nichts neues. Da war drittens die konkrete Anklageschrift einer Laienschwester von St. Klara, die beim Rat am 8. Januar eingegangen war und die bekannten Punkte noch einmal wiederholte. Und da war viertens - und das war wohl das Ausschlaggebende - das Geständnis einer in Lechenich inhaftierten Frau, der "Langenbergerin", die (zweifellos unter der Folter) die Henot als Mithexe denunziert hatte. Am 18. Januar erklärte der Rat aufgrund der Indizien, vor allem aufgrund des inzwischen eingetroffenen Protokolls der "Langenbergerin" den Verdacht für hinreichend und ließ Katharina ans Gericht überführen. Da sie weiterhin ihre Unschuld beteuerte, wurde Anfang Februar das erste Mal die Folter angewandt. Die ganze Zeit über bemühte sich ihre Familie in Eingaben an Kurfürst und Rat um Freilassung oder wenigstens Haftverschonung, aber vergeblich. Unter dem Einfluß der kurfürstlichen Gerichtsschöffen nahm das Verfahren seinen unweigerlichen Verlauf. Am 19. Mai 1627 wurde das Urteil an der Richtstätte auf Melaten in der für die Hexenjustiz üblichen Weise vollzogen: Strangulation durch den Henker und anschließende Verbrennung des Körpers in einer Reisighütte. Weder der Kampf um die Kölner Poststelle noch die Rache eines verschmähten Liebhabers dürften also für den Prozeß gegen Katharina Henot ausschlaggebend gewesen sein. Statt der Ausnahmesituation einer jungen, zugleich aber wirtschaftlich starken und als Unternehmerin tätigen Frau tritt uns die aus vielen Hexenprozessen vertraute Gestalt der reichen Witwe entgegen, die aus einer einflußreichen Familie stammt, aber selbst nicht die Fäden in der Hand hält. Auch ist oft behauptet worden, hier sei ein regelrechter Fall von Justizmord zu finden, weil Katharina gegen alle damaligen Rechtsbestimmungen ohne Geständnis verurteilt worden ist. Die Forschung stützt sich dabei in der Regel auf die Überlieferung des hier abgedruckten Briefes. Dieser ist nicht im Original erhalten, sondern liegt als Abschrift in einer Notariatsurkunde fest, deren restlicher Text die Begleitumstände schildert. Die Familie hatte den kaiserlichen Notar gebeten, den Brief, in dem Katharina Henot ihre Unschuld beteuerte, von ihr noch einmal beglaubigen zu lassen. Man ließ ihn jedoch nicht mehr zu ihr ins Gefängnis. Daher stellte er sich am Wegesrand auf, als Katharina Henot am 19. Mai zur Richtstätte gefahren wurde. Als der Karren hielt, legte der Notar ihr den Brief vor, und sie erklärte, ihn am letzten Sonntag an ihren Bruder geschrieben zu haben, und zwar mit der linken Hand, weil die Rechte von der Folter gelähmt gewesen sei. Der Brief ist aber eindeutig mit "16. März" datiert. Um den Widerspruch aufzulösen, wurde vorgeschlagen, die Stelle als Verschreibung für "16. Mai" anzusehen. Darauf letztlich basiert die Annahme einer Verurteilung ohne Geständnis. Es spricht jedoch alles dafür, die Datierung des Briefes als richtig anzusehen. Das bedeutet, daß für die Schöffen des Hohen Weltlichen Gerichts zwei Monate Zeit blieben, Katharina bis zur verzweifelten Zuflucht des Geständnisses zu treiben, um der weiteren Qual der Folter und der Verhöre zu entgehen. Aus heutiger Sicht dürfte der Tatbestand des Geständnisses kaum eine Rolle spielen, da ja das ganze Geschehen nicht mehr als Recht gewertet werden kann. In der Welt des 17. Jahrhunderts war dies aber anders, und da machte das Geständnis den entscheidenden Unterschied zwischen Justizmord und rechtmäßigem Verfahren. Was also hat zu dem Prozeß geführt? Die Antwort dürfte nicht in den vielfach kolportierten Verschwörungstheorien eines Komplotts zwischen Rat, Erzbischof und den Fürsten von Taxis liegen, sondern - weniger geheimnisvoll, wenn auch nicht weniger tragisch - in den bekannten Geschehnissen selber liegen. In allen bekannten Quellen dreht es sich nämlich immer um das Kloster St. Klara, und hier liegt wohl auch der Schlüssel zu diesem Fall. Im Kloster St. Klara war nämlich eine der Nonnen, die in die Affäre um die besessenen Schwestern hineingezogen worden ist, Franziska Henot, eine der Schwestern Katharinas. In ihrem Brief erwähnt sie sie (Z. 34). Die Geschichte der besessenen Klarissen, die noch der eingehenden Aufhellung harrt, ist allzu sehr als Kuriosum abgetan worden. Der "welsche Doktor" jedoch, von dem Katharina in ihrem Brief spricht, ist kein gewöhnlicher Visitator oder Exorzist, sondern der päpstliche Inquisitor Pater Vincentius Justiniani OP. Es war allerdings nicht üblich, die Inquisition in Fällen von Besessenheit anzurufen. Genausowenig galt dies in Fällen von Hexerei, die ausschließlich in die Zuständigkeit des weltlichen Gerichtes gehörten. Doch es gab eine Ausnahme: Hexerei von geistlichen Personen. Hier mußte die Inquisition einschreiten, weil es dem weltlichen Arm verwehrt war. Sieht man die Hinweise auf das Gespräch mit dem Inquisitor in Katharinas Brief, vor allem ihre ängstliche Sorge um die Schwester, unter diesem Gesichtspunkt, bekommt der Fall ein anderes Gesicht. Der Prozeß gegen Katharina Henot ist nämlich gar nicht der erste Fall von Hexenverfolgung in der verhängnisvollen Kette der Jahre 1626 - 1630, er ist nur der erste Fall, der vor das weltliche Gericht kam. Die Untersuchungen wegen Hexerei waren tatsächlich schon früher in Gang gekommen, und sie betrafen das Klarenkloster. Nun wird auch klar, warum Katharina Henot sich 1626 an den Generalvikar wandte und nicht an das weltliche Gericht. Dieser war nämlich tatsächlich mit der Untersuchung der Vorgänge in St. Klara betraut. Die zentrale Figur dabei war nicht eine der besessenen Schwestern Margarete, Magdalena oder Maria Raußrath, sondern die so oft genannte "Langenbergerin", jene in Lechenich inhaftierte "Hexe". Diese war nämlich keine Frau aus Lechenich oder Umgebung, sondern eine Schwester aus dem Kloster St. Klara in Köln, die nur zu Vermeidung weiteren Aufsehens nach Lechenich geschafft und dort nach erfoltertem Geständnis am 30. Januar 1627 als Hexe hingerichtet worden war. Sophie Agnes von Langenberg war in Köln eine Berühmtheit gewesen, man hatte ihr Wunderkräfte und Heiligkeit nachgesagt, bevor man sie als Hexe verfolgt hatte. Schon am 22. Januar, also noch vor dem Tod von Sophia Agnes und kurz nach der Verhaftung von Katharina Henot, wurde auch die Klarissin Franziska Henot nach Lechenich in den Kerker gebracht, um ihr den Prozeß wegen Hexerei zu machen. Ob sie mit dem Leben davonkam, wie es in der Literatur zuweilen behauptet wird, ist nicht sicher. So erscheint in der Gesamtschau der Kölner Hexereiverfolgung der Jahre 1626 - 1630 der Prozeß gegen Katharina Henot eingebettet zu sein in eine Kette von Verfahren im Klarenkloster, die wiederum ihre Entsprechung in der aufkommenden Welle von Hexenprozessen in den umliegenden Ämtern des Kurfürstentums haben, wo seit dem Frühjahr 1626 die Scheiterhaufen brannten. 

 

Beilagen 

Aussage der Katharina Henot vom 16. März 1627

 

Siehe auch folgende Artikel 

Köln (Reichsstadt) - Hexenverfolgungen von Gerd Schwerhoff

 

Empfohlene Zitierweise

Becker, Thomas: Henot, Katharina. Aus: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller u. Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: http://www.historicum.net/no_cache/persistent/artikel/1606/

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Erstellt: 15.02.2006

Zuletzt geändert: 14.02.2012