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Erast (Lieber/Lüber), Thomas  

Jürgen-Michael Schmidt 

10. Oktober 2008

* 7. September 1524 in Baden im Aargau (Schweiz), Medizinprofessor, reformierter Theologe; Befürworter der Hinrichtung von Hexen in direkter Diskussion mit Johann Weyer, 31. Dezember 1583 in Basel (Schweiz)

Kurzbiografie 

Der Sohn einer Handwerkerfamilie begann sein Studium in Basel, zunächst an der Artistenfakultät, dann 1542-1544 an der theologischen Fakultät. Anschließend wandte er sich nach Italien (möglicherweise Padua, sicher Bologna), wo er das Studium der Medizin aufnahm und die Tochter eines Bologneser Bürgers heiratete. Konfessionell gehörte er dem reformierten Bekenntnis Züricher Richtung an. Nach der Rückkehr aus Italien konnte Erast schnell seinen Ruf als einer der besten gelehrten Ärzte seiner Zeit begründen. Ab 1554 war er Leibarzt bei den Grafen von Henneberg. 1558 berief ihn der pfälzische Kurfürst Ottheinrich auf eine Medizinprofessur an der Universität Heidelberg. Bereits ein Jahr später war Erast Rektor der Universität und in dieser Funktion an nachhaltigen Reformen beteiligt. Unter Kurfürst Friedrich III. (1559–1576) wurde er zudem kurfürstlicher Leibarzt. In der medizinischen Literatur der Zeit hat sich Erast als Gegner von Theophrastus Paracelsus einen Namen gemacht. Darüber hinaus nahm der universell gebildete Arzt fast zwei Jahrzehnte lang eine führende Stellung im Heidelberger Geistesleben ein, wo er seine eigentliche Bedeutung als Theologe gewann. Unter Friedrich III. spielte Erast eine wichtige Rolle bei der Einführung des reformierten Bekenntnisses und hatte lange Jahre einen großen Einfluss auf die pfälzische Kirchenpolitik. Im Streit um die Kirchenzucht war Erast Führer der gemäßigten Partei der Gegner calvinistischer Kirchendisziplin. Seine in dieser Auseinandersetzung entworfene Souveränitätslehre, die die Kirche dem Staat unterordnete, stellte „wohl das Höchstmaß staatspolitischer Erkenntnis des damaligen Deutschlands“ dar (Wesel-Roth). Erast blieb zwar hinter den zukunftsträchtigeren Ansätzen seines Zeitgenossen Jean Bodin zurück, erlangte aber im 17. Jahrhundert posthum in England einen großen Namen, als er zur theoretischen Grundlegung des englischen Staatskirchentums herangezogen wurde („Erastianismus“). Erasts Stellung in Heidelberg war lange Zeit sehr stark. Der von seinen innenpolitischen Gegnern in Folge der Antitrinitarierprozesse (1570-1572) erhobene Ketzereivorwurf und die Anklage, schuld am „Schisma der pfälzischen Landeskirche“ zu sein (1574) konnten ihm deshalb nicht wirklich gefährlich werden. Erast verlor in der Folge jedoch seinen politischen Einfluss. Die lutherische Restauration unter Kurfürst Ludwig VI. (1576–1583) war für ihn Anlass, 1580 als Professor der Ethik zurück nach Basel zu gehen.

Erasts Schriften zur Hexerei und ihr Entstehungsumfeld 

1572, also genau in der Zeit, in der er selbst wegen seiner antitrinitarischen Freunde in den Verdacht der Ketzerei geraten war, brachte Thomas Erast eine erste Disputation heraus, in der er gegen Johann Weyers De praestigiis daemonum die Todesstrafe für die Hexen als Ketzer verteidigte. Damit drängt sich der Verdacht auf, dass Erast mit seinem Angriff gegen die Hexen gerade zu diesem Zeitpunkt gezielt den Vorwurf entkräften wollte, er habe eine zu große Affinität zur Ketzerei. Es spricht einiges dafür, dass darin eine gewisse zusätzliche Motivation lag (Schmidt), doch wird man diese nicht überbewerten dürfen. Seine Überlegungen waren vielmehr Teil einer sowohl öffentlichen als auch privaten gelehrten Diskussion, die nicht nur innerhalb der Kurpfalz geführt wurde (Schmidt), sondern darüber hinaus auch in einem weiträumig vernetzten protestantischen Gelehrtenzirkel humanistischer Prägung (Gunnoe). Auslöser waren offensichtlich die medizintheoretischen Studien Erasts gewesen. So legte er seine Gedanken zur Hexerei 1572 noch nicht in einer wirkungsvolleren eigenständigen Veröffentlichung vor, sondern lediglich in einem Kapitel seiner großen vierbändigen lateinischen Auseinandersetzung mit Paracelsus (Disputationes de Me­dicina nova Philippi Paracelsi). Hier widmet sich der erste Band der Magie und wird im 8. Kapitel eben jene Disputation De Lamiis seu Strigibus non inutilia scitu geführt. Auf Weyers Hexentraktat war Erast vermutlich erst im Zusammenhang seiner Beschäftigung mit Paracelsus gestoßen. Beide Ärzte gehörten medizinisch demselben antiparacelsischen Lager an und zeigten diesbezüglich große Sympathien füreinander. Ihre theologischen und philosophischen Positionen lagen auch sonst ausgesprochen dicht beieinander. Weyers Kampf gegen die Hinrichtung von Hexen ging Erast aber in seiner Radikalität zu weit. Nur hier sollte auf Dauer Uneinigkeit zwischen den Gelehrten bestehen bleiben.

Bereits Ende 1571 hatte Erast mit dem Züricher Reformator Heinrich Bullinger bezüglich des Themas korrespondiert. In der Folge der Publikation von 1572 entwickelte sich eine weitere briefliche (und in Heidelberg offensichtlich auch mündlich ausgetragene) Diskussion. Deren spärlich erhaltene Überreste lassen als Teilnehmer neben Bullinger und Erast auch die reformierten Theologen Johann Jakob Grynaeus und Hieronymus Zanchi, die Mediziner Theodor Zwinger und  Joachim Camerarius, vor allem aber Johann Weyer selbst erkennen. Nachdem die private Diskussion zu keiner Annäherung geführt hatte, sah sich Weyer veranlasst, in der 1577er Ausgabe von De praestigiis Daemonum Erasts Argumente öffentlich zu widerlegen und die Diskussion von seiner Seite aus für beendet zu erklären. Erast reagierte unverzüglich mit einer Überarbeitung seiner Disputation, die er dabei im Umfang um ein Mehrfaches erweiterte. Unter dem Titel Repetitio disputationis de Lamiis seu strigibus brachte er sie 1578 heraus, diesmal als ein eigenes, selbstständiges Buch. Weyer ging darauf, wie er es angekündigt hatte, nicht mehr ausführlicher ein, nahm in der 1583er Ausgabe von De praestigiis aber immerhin auf einigen Seiten nochmals direkt auf die Repetitio Bezug (Gunnoe).

Inhalt der Repetitio

Innerhalb des weiten Hexereidiskurses ist das spezielle Thema, das sich Erast gestellt hat, vergleichsweise eng gefasst. Ihm geht es vor allem um die Frage, was Hexen sind und ob sie nach dem Willen Gottes mit dem Tode bestraft werden müssen oder nicht. Damit ist auch festgelegt, dass er die Argumentation weitgehend auf dem Boden humanistisch geprägter Theologie und Philologie führt. Die juristische Seite der Hexenverfolgung und die Prozesspraxis finden demgegenüber erklärtermaßen so gut wie keine Berücksichtigung.  

In Bezug auf die physische Realität der Hexerei ist Erasts Position mit derjenigen Weyers und der kurpfälzischen Hexenprozessgegner weitgehend identisch. Sieht man von einigen Widersprüchlichkeiten ab, die sich in nahezu allen frühneuzeitlichen dämonologischen Traktaten finden, haben die Hexen bei Erast genauso wenig physische Macht wie in De Praestigiis, der Teufel vielleicht sogar noch weniger. Was den Schadenzauber angeht, so kann ein solcher weder vom Teufel noch von den Hexen wirklich ausgeübt werden. In seiner für den Protestantismus relativ typischen theozentrischen Weltsicht ist jeder Eingriff in die Natur allein dem allmächtigen Schöpfergott vorbehalten. Mit Trugbildern erweckt der Teufel nur den Anschein eigener Macht. Der Hexensabbat spielt in Erasts Ausführungen keine Rolle.

Bei der Bewertung von Teufelspakt und Teufelsbuhlschaft indes unterscheidet sich Erast von Weyer und den kurpfälzischen Hexenprozessgegnern. Beide Elemente des Hexenglaubens haben für Erast hohen Realitätsgehalt. Der Teufelspakt als Kern des spirituellen Deliktes erfüllt den Tatbestand der Ketzerei (Apostasie und Idolatrie). Darüber hinaus ist die Teufelsbuhlschaft als Unzuchtsdelikt der Bestialität gleichzusetzen. Aber auch der Schadenzauber ist justitiabel: Dass die Hexen diesen gar nicht wirklich verüben können, spielt keine Rolle. Es reicht, dass sie sowohl den festen Willen hatten, den Schadenzauber zu verüben, als auch den Versuch dazu unternahmen. Auf all diese Delikte ist nach Gottes Wille mit der Todesstrafe zu antworten. Wenn Weyer argumentiert, dass die entsprechende Zaubereigesetzgebung des Alten Testaments, namentlich in Exodus 22,18 nicht die modernen Hexen meine, stellt sich Erast auf die gegenteilige Position. Die Hinrichtungsforderungen der Heiligen Schrift ließen sich, so argumentiert er, durchaus auf die modernen Hexen übertragen. Wo er das Hexereidelikt primär als spirituelles Delikt definiert, muss sich Erast allerdings mit dem Neuen Testament auseinandersetzen, das die Ketzerverfolgung nach Mosaischem Recht ablehnt und auf Reue, Buße und Vergebung setzt. Dies jedoch, so Erast, gelte nur für Privatpersonen, während der Staat weiterhin an die Prinzipien der Mosaischen Gesetze gebunden sei. Schon in seiner zuvor entwickelten Souveränitätslehre hatte Erast eine entsprechende Sichtweise vertreten und den von Gott eingesetzten alttestamentlichen jüdischen Staat zum obersten Maßstab für jede Staatsorganisation gemacht. Ähnlich wie bei Bodin finden sich auch bei Erast Verbindungen zwischen Staatstheorie und Hexenprozessbefürwortung.

Schließlich setzt sich Erast mit Weyers These auseinander, dass die Hexen als melancholische alte Frauen juristisch unzurechnungsfähig seien und deshalb nicht bestraft werden dürften. Dies treffe, so Erast, nicht auf alle Hexen zu, hier gäbe es durchaus schuldfähige Täterinnen.

Erasts Disputationen tragen in ihrer Auseinandersetzung mit Weyer und damit auch mit der in der Kurpfalz dominierenden Partei der Hexenverfolgungsgegner nicht den Charakter wilder Kampfschriften, wie sie Bodin kurz darauf veröffentlichte. Es sind freundschaftliche akademische Dispute in Dialogform. Der Name Weyers wird nicht genannt, um alles Persönliche aus dem Spiel zu lassen. Die akademische wie menschliche Ehre des Gegners und seine christlichen Absichten werden ausdrücklich anerkannt. Es geht Erast vor allem darum, der Argumentation Weyers Fehler nach den Maßstäben seines humanistischen Wissenschaftsverständnisses nachzuweisen. In diesem Sinne bezieht Erast gegen Weyers radikale Forderung nach Straffreiheit für die Hexen und eine totale Einstellung der Prozesse Stellung. Erast fällt aber nicht ins andere Extrem: Weder schürt er die Hexenangst noch ruft er zu forcierten Hexenprozessen auf. Auf konkrete Verfolgungen geht Erast nicht ein, das ist nicht sein Thema. Seine Ausführungen sind für ein enges, sehr gelehrtes Publikum bestimmt und nicht auf Breitenwirkung angelegt. Sie sollten sicher keine Hexenjagden anstoßen. Erasts Entscheidung aber, die Prozesspraxis auf diese Weise auszuklammern, positionierte ihn im gelehrten Diskurs der Zeit letztlich doch eindeutig im Lager der Verfolgungsbefürworter. Sollte das ein Missverständnis sein (und vieles in den Disputationen lässt, wie gesagt, eine eher moderate Haltung des Autors erahnen), war Erast selbst schuld daran. Man konnte zu diesem Zeitpunkt die Hexenfrage nicht mehr losgelöst von der Verfolgungspraxis betrachten und im abstrakten akademischen Rahmen die Todesstrafe fordern, ohne Sicherheitsmaßnahmen vorzusehen. Wer das tat, leistete der Hexenverfolgung Vorschub. Der württembergische Reformator Johannes Brenz hatte das in einer nahezu identischen Diskussion mit Weyer schon ein paar Jahre zuvor klar erkannt. Brenz hatte deshalb seine prinzipielle Forderung nach der Todesstrafe für die Hexen mit dem Aufruf zur Vorsicht im konkreten Prozess verbunden und dem Schutz der Unschuldigen höchste Priorität eingeräumt (Midelfort). Von dieser Vorsicht findet sich bei Erast viel zu wenig.

Rezeption, Abdrucke, Übersetzungen 

Was die Wirkungsgeschichte der beiden Disputationes angeht, so ist diese nur ansatzweise erforscht. Da Erast kein Verfolgungshandbuch geschrieben hat, scheint er keine unmittelbare Wirkung auf konkrete Hexenverfolgungen gehabt zu haben, sondern nur einen gewissen Widerhall in der gelehrten Diskussion. Als Gegner Weyers kam ihm insofern Bedeutung zu, als er als Medizinprofessor und einer der angesehensten deutschen Ärzte mit seiner Autorität gut gegen den Berufskollegen ausgespielt werden konnte. Erast kannten und zitierten beispielsweise der Helmstedter Medizinprofessor Hermann Neuwalt, der Trierer Weihbischof Peter Binsfeld, der Kölner Rechtsgelehrte Peter Ostermann, der Kitzinger Arzt Cornelius Pleier und später an bedeutender Stelle auch der Begründer der deutschen Strafrechtswissenschaft Benedict Carpzov aus Leipzig. In England nahm der Skeptiker Reginald Scot die Auseinandersetzung auf. Auch in der lokalen kurpfälzischen Diskussion war Erast naturgemäß präsent (etwa bei Anton Praetorius), ohne die dortige Dominanz der Verfolgungsgegner brechen zu können. Insgesamt ist das Interesse an Erasts Disputationes in Deutschland als begrenzt einzustufen. Es war Jean Bodin, der schließlich als großer Gegner Weyers in die Geschichte des Hexereidiskurses einging.

1581 wurde Erasts Repetitio in einem Nicolas Jacquier gewidmeten Sammelband nochmals abgedruckt. Die letzte Auflage kam 1606 in Amberg heraus. Eine deutsche Übersetzung gab es nicht.

In Genf dagegen erschienen schon 1579 beide Disputationen zusammen mit Weyers De praestigiis daemonum in französischer Übersetzung. Es wäre noch zu untersuchen, ob Erast im französischen Sprachraum stärker rezipiert wurde als in Deutschland.

Quellen: 

Thomas Erast, Disputationum de medicina nova Philippi Paracelsi Pars Prima: In qua, quae de remediis superstitiosis et Magicis curationibus ille prodidit, praecipue examinantur, Basel [1572].

Thomas Erast, Repetitio disputationis de Lamiis seu strigibus: In qua plene, solide, & perspicue, de arte earum, potestate, itemque poena disceptatur, Basel [1578].

Histoires, disputes et discours, des illusions et impostures des diables, des magiciens infames, sorciers et empoisonneurs [...] Le tout comprins en six livres [...] par Jean Wier medecin du Duc de Cleves. Deux Dialogues de Thomas Erastus Professeur en medecine à Heidelberg touchant le pouvoir des sorciers: et de la punition qu'elles meritent, [Genf] 1579 (ND Paris 1885).

Nicolas Jacquier:, Flagellum haereticorum fascinariorum. His accesserunt [...] Thomas Erasti de strigibus liber [...], Frankfurt/M. 1581.

Thomas Erast, Repetitio disputationis de lamiis sev strigibus: in qua plene, solide & perspicue, de arte earum, potestate, itemque poena disceptatur; libellus, cum allis omnibus, tum maxime ad gubernacula rerumpub. & iudicia sedentibus, utilis [...], Amberg 1606.

Literatur:  

Art. Erastus (Lüber), Thomas, in: Biographisch-Bibliographisches Kichenlexikon, Bd. 1 (1975), Sp. 1532f., <online: http://www.bautz.de/bbkl/e/erastus_t.shtml> 

Charles D. Gunnoe, The Debate between Johann Weyer and Thomas Erastus on the Punishment of Witches, in: James van Horn Melton (Hg.), Cultures of Communication from Reformation to Enlightenment: Constructing publics in the early modern German lands, Aldershot/Burlington 2002, S. 257-285.

H.C., Erik Midelfort, Witch Hunting in Southwestern Germany 1562–1684. The social and intellectual Foundations, Stanford 1972. [S. 56ff.]

William Mon­ter: Erastus, Thomas, in: Richard M. Golden (Hg.), Encyclopedia of Witchcraft: The Western Tradition, 4 Bde., Santa Barbara u. a. 2006, Bd. 2, S. 320-321.

Jürgen Michael Schmidt, Glaube und Skepsis. Die Kurpfalz und die abendländische Hexen­verfolgung 1446–1685 (Hexenforschung, Bd. 5), Bielefeld 2000. [S. 161ff.]

Ruth Wesel-Roth, Thomas Erastus. Ein Beitrag zur Geschichte der reformierten Kirche und zur Lehre der Staatssouveränität (Veröffentlichungen des Vereins für Kirchengeschichte in der evang. Landeskirche Badens, Bd. 15), Lahr 1954.

Empfohlene Zitierweise

Schmidt, Jürgen Michael: Erast, Thomas. In: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller und Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: http://www.historicum.net/no_cache/persistent/artikel/6102/

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Erstellt: 10.10.2008

Zuletzt geändert: 10.10.2008

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