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Hexenverfolgungen Ellwangen, Fürstpropstei 

Wolfgang Mährle  

02.05.00  

Die Fürstpropstei Ellwangen ging im Jahre 1460 aus einem säkularisierten Benediktinerkloster hervor, dessen Wurzeln bis ins 8. Jahrhundert zurückreichten. Anfangs in starker Abhängigkeit vom Herzogtum Württemberg, erlangte das Stift im Laufe des 16. Jahrhunderts unter dem Schutz von Kaiser und Reichsverfassung eine relativ große politische Autonomie. Seit den 1550er Jahren griff der epochale Prozeß der Konfessionalisierung . Die Fürstpröpste versuchten, ein geschlossen katholisches Territorium aufzubauen und konfessionsspezifische Frömmigkeitsformen zu internalisieren.  

Einschneidenden Veränderungen unterlag im 16. Jahrhundert die fürstpröpstliche Strafrechtspflege. Die Rezeption des römischen Rechts (-> Römisches Recht) im Reich führte im Ellwanger Stift sowohl zu einer Verwissenschaftlichung der Rechtssprechung als auch zu einer weitgehenden Zentralisierung der fürstpröpstlichen Jurisdiktion. Seit dem ausgehenden 16. Jahrhundert wurden in der Fürstpropstei Strafverfahren ausschließlich am Ellwanger Hochgericht unter der Leitung fürstlicher Räte verhandelt.  

Die Hexenverfolgungen in der Fürstpropstei Ellwangen nehmen im süddeutschen Raum eine bedeutende Stellung ein. Sowohl die absolute Zahl von ca. 450 Prozeßopfern als auch die zeitweilige Intensität der Verfahrensführung sind außergewöhnlich. Ähnliche Muster der Verfolgung lassen sich in Süddeutschland nur in den Prozeßserien der fränkischen Hochstifte Würzburg , Bamberg und Eichstätt sowie in Kurmainz nachweisen. 

Hexenprozesse fanden in der Fürstpropstei - von wenigen Einzelverfahren abgesehen - lediglich in den Jahren 1588 und 1611-1618 statt. Die Verfolgung des Jahres 1588 forderte mindestens 17, vielleicht sogar bis zu 20 Menschenleben. In den Jahren 1611-1618 wurden im Ellwanger Stift insgesamt ca. 430 Personen wegen Hexerei hingerichtet. Die größten Hinrichtungszahlen datieren in die Jahre 1611 und 1612, in denen knapp 300 Menschen den Tod fanden.  

Die Verfolgung des Jahres 1588 fiel in die Regierungszeit des Fürstpropsts Wolfgang von Hausen (1584-1603). Entscheidend für den Beginn der Prozesse waren vor allem zwei Faktoren: erstens die Vorbildwirkung anderer Verfolgungen im ostschwäbischen Raum, besonders der seit 1587 stattfindenden Prozesse im Hochstift Augsburg ; zweitens Hexereibeschuldigungen, die in Ellwangen im August 1588 im Zusammenhang mit Strafverfahren wegen Sittenvergehen erhoben wurden. 

Der Verlauf und die Durchführung der Ellwanger Prozeßserie von 1588 lassen sich nur mehr zum Teil rekonstruieren. Nach den vorliegenden Informationen fanden im Stift von August bis Anfang Dezember 1588 kontinuierlich Hexenprozesse statt. Die Ellwanger Verfolgungsmuster stimmten weitgehend mit denjenigen zeitgleicher Prozeßserien in anderen süddeutschen Territorien und Reichsstädten überein. Die Verfahren in der Fürstpropstei wurden vom Biberacher Henker Hans Vollmair durchgeführt, der auch an anderen Hexenprozessen im ostschwäbischen Raum beteiligt gewesen ist. In dem im Stift praktizierten " processus extraordinarius " waren die Verteidigungmöglichkeiten der Angeklagten durch massiven Foltereinsatz radikal beschnitten. Als Indiz zur Verhaftung genügte das Vorliegen einer Besagung , zur Folterung der Beklagten mußte die Fixierung des Hexenmals durch den Scharfrichter hinzutreten.  

Die Unterwerfung der Beklagten unter die Tortur hat in den Ellwanger Verfahren des Jahres 1588 in allen bekannten Fällen entweder zum Tod der Verdächtigen in der Haft oder zum Geständnis der Hexereivorwürfe geführt. Die Geständnisse der Delinquenten lassen eine Verfahrensführung auf der Basis des elaborierten Hexereidelikts erkennen. Alle obligatorischen Bestandteile dieses Delikts sind in den ausgefertigten Urgichten enthalten: Teufelspakt , Teufelsbuhlschaft , Hexenflug , Hexensabbat sowie Schadenzauber .  

Charakteristisch für die fürstpröpstliche Prozeßpraxis war eine große Zahl von Besagungen in allen Verfahren, die zu einer gewaltigen Ausdehnung des verdächtigen Personenkreises führte. Durch die Vielzahl der vorliegenden Denunziationen wurde die prozessuale Verwertbarkeit des Besagungsindizes reduziert. Dies machte prozeßsteuernde Eingriffe nötig, vor allem die Auswahl von zu inhaftierenden Personen aus dem großen Kreis der Besagten. 

Das offizielle Urteil der Verfahren lautete stets auf Hinrichtung durch das Feuer. Zumindest in einigen Fällen, vielleicht sogar durchgehend, hat jedoch Fürstpropst Wolfgang von Hausen die verkündeten Urteile abgemildert und vor der Verbrennung des Körpers die Enthauptung bzw. Strangulierung der verurteilten Personen angeordnet. Nach der erfolgten Exekution behielt der Propst von den Hinterbliebenen Konfiskationsgelder ein, die aller Wahrscheinlichkeit nach die Höhe von "Kindsteilen", d.h. Erbanteilen eines Erben, hatten. 

Die Opferstruktur der Verfahren ist durch eine zunehmende Entspezifizierung des betroffenen Personenkreises geprägt. Während zu Beginn der Verfolgung zumeist ältere Frauen, die aus einfachen sozialen Verhältnissen stammten, hingerichtet wurden, gerieten mit fortschreitender Verfolgungsdauer auch jüngere sowie - spätestens seit November 1588 - sozial höherstehende Personen in das Räderwerk der Verfahren. Weitgehend begrenzt wurde die Ausweitung des Opferkreises in geschlechtsspezifischer und geographischer Hinsicht: Der Verfolgungswelle des Jahres 1588 fiel nur ein Mann zum Opfer, alle bekannten hingerichteten Personen stammten mit ebenfalls einer Ausnahme aus der fürstpröpstlichen Residenzstadt Ellwangen. 

Für die Einstellung der Verfahren war in der Fürstpropstei wie in vielen anderen Territorien vor allem die soziale Expansion der Verfolgung entscheidend. Daneben dürfte es zum Konsensbruch über das den Verfahren zugrundeliegende Indizienrecht gekommen sein. Da die massenweise Ausstreuung von Denunziationen während der Verfolgung bewirkte, daß die "Hexenproduktion" der Prozesse stets die Zahl der Hinrichtungen überstieg, lag der Ellwanger Prozeßserie letztlich eine aporetische Verfolgungsstruktur zugrunde. 

Die zweite Ellwanger Hexenprozeßserie wurde während der Regierungszeit der Fürstpröpste Johann Christoph I. von Westerstetten (1603-1613) und Johann Christoph II. von Freyberg und Eisenberg (1613-1620) durchgeführt. Für den Beginn der Prozesse waren wie 1588 sowohl überregionale Einflüsse als auch spezifische Ellwanger Gegebenheiten entscheidend. Begünstigend für die Verfahren wirkte die in Süddeutschland nach 1590 feststellbare Konfessionalisierung des Hexendiskurses, die die Verfolgungsneigung in katholischen Herrschaften erhöhte. Auslöser für die Prozeßeinleitung war wiederum ein skandalöser Vorfall. Im April 1611 wurde eine alte Frau unter dem Verdacht der Hostienschändung verhaftet. Während des gegen sie eingeleiteten Verfahrens gestand sie unter der Folter die Mitgliedschaft in der Hexensekte und denzunzierte mehrere angebliche "Gespielen". 

Die besonders in den beiden ersten Prozeßjahren feststellbare Intensität der zweiten Ellwanger Prozeßserie wurde durch eine gegenüber 1588 teilweise veränderte Durchführung der Verfahren ermöglicht. Drei Veränderungen erwiesen sich als besonders folgenschwer für die Prozeßpraxis: Erstens setzte der Fürstpropst bereits Ende Mai 1611 eine ständig mit der Verfahrensführung betraute Hexendeputation ein, die aus zwei fürstlichen Räten bestand. Diese organisatorische Veränderung begünstigte die Durchführung der Verfolgung, da sich die deputierten Hofräte von der Propagierung der Hexenprozesse Karrierevorteile erhofften. Zweitens wurde das den Ellwanger Hexereiverfahren zugrundeliegende Indizienrecht verändert. Als " indicium ad torturam " genügte jetzt bereits eine einzige Besagung, das Hexenmal spielte keine Rolle mehr. Drittens unterlag die Durchführung der Prozesse einem zunehmenden Standardisierungsprozeß: Durch weitgehend vereinheitlichte Verfahrens- und Geständnisformen wurde eine reibungslosere Abwicklung der Verfolgung garantiert. 

Die Opferstruktur der Verfahren zeigt eine weitgehende Entspezifizierung des betroffenenen Personenkreises. Vor allem in den späteren Verfolgungsphasen wurden Personen nahezu jeden Alters, Geschlechts und Standes hingerichtet. Im Unterschied zur Prozeßserie von 1588 machten die Verfahren auch vor Angehörigen des männlichen Geschlechts, ja sogar vor Geistlichen nicht mehr halt. Insgesamt stellten die Männer während der Prozeßserie einen Opferanteil von 20%. Nur Kinder unter 14 Jahren sowie die Familien der höchsten weltlichen und geistlichen Repräsentanten des Stifts blieben von der Verfolgung verschont.  

Bedeutsam war, daß zwischen den Opfern häufig enge verwandtschaftliche oder soziale Bindungen bestanden. Nicht selten fanden ganze Familien in den Hexenprozessen den Tod. Der Grund hierfür war, daß die fürstlichen Hofräte die Beklagten in den Verhören oft zu Besagungen ihrer eigenen Verwandten zwangen, da sie die Mitgliedschaft ganzer Familien in der Hexensekte für besonders plausibel hielten.  

Die territoriale Verteilung der Prozeßopfer ist sehr markant. Die Verfahren blieben auf eine relativ geringe Zahl von Orten beschränkt. Zentren der Verfolgung waren vor allem die Stadt Ellwangen sowie das sie umschließende fürstpröpstliche Ammanamt. Von dort stammten ca. 85% der Prozeßopfer, deren Heimatort bekannt ist. Daneben waren das östlich von Ellwangen gelegene Amt Rötlen sowie das Amt Tannenburg im Nordwesten des Stifts von einer größeren Zahl von Verfahren betroffen.  

Widerstand gegen die Ellwanger Hexenprozesse ist kaum zu erkennen. Kritik der Ellwanger Einwohnerschaft an der Verfolgung hat sich nach den vorliegenden Zeugnissen nur in gelegentlichen Schmähungen der Obrigkeit niedergeschlagen. Auch das Stiftskapitel hat zu keinem Zeitpunkt entscheidend gegen die Verfahren opponiert. Widerstand von außerhalb der Propstei ist nur in einem einzigen Fall überliefert: Im Jahre 1618 protestierte die benachbarte Grafschaft Oettingen - ohne Erfolg - gegen die Ellwanger Hexenprozesse.  

Die Beendigung der Verfolgung im Jahre 1618 hatte mehrere Gründe: Evident wurden wie schon im Jahre 1588 die strukturellen Aporien einer Prozeßführung auf dem Indiz der Besagung. Daneben trat im Jahre 1618 die soziale Dysfunktionalität der Verfolgung hervor. Die Hinrichtung breitester Bevölkerungsschichten hatte nicht nur zu einem gewaltigen demographischen Einschnitt, vor allem in der fürstpröpstlichen Residenzstadt Ellwangen, geführt, sondern auch jedes soziale Vertrauen im Stift zerstört. Auch die abrupten ökonomischen Umschichtungen, die durch die fürstpröpstliche Konfiskationspraxis bedingt waren, wirkten destabilisierend auf das gesellschaftliche Gesamtsystem.  

Die Ellwanger Prozeßserie hatte starke indirekte Folgewirkungen. Im überregionalen Kontext der süddeutschen Hexenverfolgungen bedeuteten die Verfahren in der Fürstpropstei die Einführung eines neuen Verfolgungsparadigmas, das rasch in anderen Territorien Vorbildcharakter erlangte. Ihre größte Wirksamkeit entfalteten die Ellwanger Prozeßpraktiken im Fränkischen: Als im Jahre 1616 die großen Hexenverfolgungen in den Hochstiften Bamberg , Würzburg und Eichstätt begannen, orientierten sich die dortigen prozeßführenden Instanzen von Beginn an an den Ellwanger Verfolgungsmustern.  

Nach dem Ende der großen Ellwanger Verfolgungswelle der Jahre 1611-1618 zeigte sich in der Fürstpropstei eine hochgradige Resistenz gegen die Einleitung weiterer Prozeßserien.Zwar fanden im Stift noch bis ins Jahr 1694 einzelne, im ganzen fünf Verfahren statt, in die ca. 15 Personen verwickelt waren, jedoch wurden nur mehr in den Jahren 1622 und 1627 zwei Todesurteile wegen Hexerei vollstreckt. 

Literatur 

Midelfort, H.C. Erik: Witch Hunting in Southwestern Germany 1562-1684, the Social and Intellectual Foundations, Stanford 1972. 

Mährle, Wolfgang: "O wehe der armen seelen", Hexenverfolgungen in der Fürstpropstei Ellwangen (1588-1694), in: Johannes Dillinger/Thomas Fritz/Wolfgang Mährle: Zum Feuer verdammt, die Hexen-verfolgungen in der Grafschaft Hohenberg, der Reichsstadt Reutlingen und der Fürstpropstei Ellwangen, Stuttgart 1998 (= Hexenforschung; 2), S. 325-500. 

Empfohlene Zitierweise

Mährle, Wolfgang: Ellwangen - Hexenverfolgungen. Aus: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller u. Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: http://www.historicum.net/no_cache/persistent/artikel/1615/

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Erstellt: 15.02.2006

Zuletzt geändert: 15.02.2006

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