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Hexenverfolgungen in Düsseldorf

Erika Münster-Schröer 

19. Januar 2009 

Düsseldorf – der letzte Hexenprozess am Niederrhein 

Für die heutige Landeshauptstadt Nordrhein-Westfalens, Düsseldorf, ist nur ein einziger und zudem später Hexenprozess überliefert, der in den Jahren 1737/38 stattfand. Zwei aus dem Städtchen Gerresheim vor den Toren der Stadt stammende Frauen wurden wegen des Vorwurfs, Hexen zu sein, Devotionalien gefälscht, Wunder vorgetäuscht und Hostien geschändet zu haben, mit dem Tod durch Verbrennen bestraft. Der Prozess weist insofern Parallelen zu anderen späten Hexenprozessen auf, als umfangreiche juristische Gutachten erstellt wurden, die weitgehend die gelehrten Schriften der einschlägigen Verfolgungsbefürworter zugrunde legten und jene der Kritiker weitgehend ignorierten.

1. Die Stadt 

Seit 1614 stand Jülich-Berg unter katholischer, pfalz-neuburgischer Herrschaft. Düsseldorf konnte bis 1716 seinen Status als Residenzstadt behaupten, verlor diesen jedoch mit dem Tod Kurfürst Johann Wilhelms (1679/1690-1716) an Heidelberg. Zunächst zeigten sich gravierenden Auswirkungen für Wirtschaft und Gesellschaft. Bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts setzte jedoch, vor allem durch Zuwanderung aus dem Umland bedingt, wieder ein wirtschaftlicher Aufschwung ein. Karl-Phillip (1717-1742), der Bruder Johann Wilhelms, verlegte die Residenz 1720 von Heidelberg nach Mannheim. Er hielt sich auch besuchsweise nie im Rheinland auf.

In Düsseldorf lebten überwiegend Katholiken, erst im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts stieg mit dem wirtschaftlichen Aufschwung die Zahl der Protestanten. Die Angehörigen der städtischen Unterschichten nahmen – wie auch im ländlichen Nahraum der Stadt  - seit dem ausgehenden 17. Jahrhundert stetig zu. Dies führte in der städtischen Armenfürsorge zu einer strengen Kontrolle der Bedürftigen. Düsseldorf hatte um 1730 etwa 10 000 Einwohner, das Städtchen Gerresheim etwa 450. Der Landesherr zeigte sich hart gegenüber Randgruppen und umherziehendem Volk wie Juden, Zigeunern und Bettlern. Der Hexenprozess fand somit in einer Phase der Verschärfung der Strafverfolgung statt.

2. Richter Johann Sigismund Schwarz – der Initiator des Prozesses  

Johann Sigismund Schwarz, der an der Kölner Universität studiert hatte und die Ausbildung mit einer Promotion in den Rechtswissenschaften abschloss, war Richter des Amtes Mettmann mit Sitz in Gerresheim. Schwarz inhaftierte dort 1737 Helena Curtens, Agnes Olmans sowie zwei ihrer Töchter wegen des Verdachts, Hexen zu sein. Die Voruntersuchungen führte er selbst durch und berichtete darüber dem Düsseldorfer Hofrat, an welchen das Verfahren übergeben wurde: Zwar seien wegen der Lehren des berühmten Professors Thomasius (Christian Thomasius: 1655-1728) in den benachbarten Territorien die Hexenverfolgung eingestellt worden, dieser aber habe seine Gedanken in Anlehnung an Johann Weyer und dessen Lehrer Agrippa entwickelt, die selbst Hexenmeister gewesen seien. Keinesfalls könne er den Verfolgungsgegnern beipflichten, dass allein durch Phantasie oder Imagination das Tun der Hexen erklärt werden könne. Eindeutig konstatierte er, dass Helena Curtens und Agnes Olmans sich der Teufelsbuhlschaft, des Flugs durch die Luft, der Tierverwandlung sowie der Hostienschändung schuldig gemacht hätten. Um „natürliche Gründe“ einer psychischen Erkrankung auszuschließen, sperrte er das 15-jähigeMädchen, das Tobsuchtsanfälle bekam, mehrere Tage an einen dunklen Ort. Weder „passiones Hysteriae“ noch andere „Causae Naturales“ hätten aber dabei eine Rolle gespielt, sondern ganz offenkundig habe sich hierin die physische Einwirkung des Teufels auf den menschlichen Körper gezeigt.

3. Die Opfer - Helena Curtens und Agnes Olmans  

Die 15-jährige Helena Curtens war geständig, so dass keine Folter angewandt werden musste. Ihre Familie war schon lange in Gerresheim ansässig. Helena Curtens hatte, so wird mehrfach in den Verhören erwähnt, ein gespanntes Verhältnis zu ihrer Stiefmutter. Die Berichte des Hofrats und Juristen Eckharth von den gerichtlichen Untersuchungen vor dem Düsseldorfer Hauptgericht ergaben, dass das Mädchen krank war und deshalb mit ihrem Vater mehrfach nach Kevelaer, dem wichtigsten Wallfahrtsort am Niederrhein, gereist war. Dort habe sie einige Tücher erhalten, in welche Zeichen von Geistern eingebrannt gewesen sein sollen. Diese Tücher sollten der Beweis dafür gewesen sein, dass sie von ihrer Krankheit genesen sei. Eines der Tücher habe sie vom Teufel selbst bekommen, die anderen von Agnes Olmans, der anderen Angeklagten.

Agnes Olmans war 48 Jahre alt, als sie verbrannt wurde. Schon ihre Mutter stand unter dem Namen „Zaubergreth“ im Ruf der Hexerei. Von zweien ihrer Töchter hieß es, dass sie Hasen und Gluckhennen machen könnten. Zudem stand sie im Verdacht, eine andere Tochter getötet zu haben. Die Familie, die seit zwei Jahren der Familie Curtens benachbart war, hatte in den Jahren zuvor, immer nur für kurze Zeit, in verschiedenen kleinen Dörfern im Umkreis Düsseldorfs gelebt und häufig Probleme mit fälligen Pachtzahlungen gehabt. Agnes Olmans wurde beschuldigt, Helena Curtens zum Schließen des Teufelspakts angestiftet zu haben sowie für die Fälschung von Devotionalien und Hostienschändung (die sie in die Kuhkrippe geworfen habe) verantwortlich zu sein.

4. Die Argumentation im Prozess 

Die umfassenden Prozessakten dokumentieren eine auf hohem wissenschaftlichen Niveau abgehandelte juristische Untersuchung. Die zitierten Gelehrten waren die einschlägigen Verfolgungsbefürworter: Delrio, Benedikt Carpzov, Binsfeld, Bodin, Remy. Aber auch neue Werke des frühen 18. Jahrhunderts wurden durch den dem Hofrat berichtenden Juristen Eckarth angeführt, die die Geschichte der Hexenprozesse überblicksartig behandelten.

Im Verlauf des Prozesses erschien 1738 der erste Teil der umfangreichen „Bibliotheca magica“ des Theologen Eberhard David Hauber (1674-1735), der gleich im ersten Band Johann Weyer als großen Gegner der Hexenverfolgung würdigte. Vor allem die Gegner der Hexenprozesse sollten in dem Gesamtwerk ihre Würdigung finden. Hauber soll, schenkt man seinem Biographen Anton Friedrich Büsching (1724-1793) Glauben, Einfluss auf den Düsseldorfer Hexenprozess gehabt haben, denn er habe verhindert, dass auch die beiden Töchter der Agnes Olmans als Hexen verbrannt worden seien.

Neben dem Hexereivorwurf brachten der Vorwurf der fingierten Devotionalien und des vorgetäuschte Wunders (die Heilung Helenas) die bedeutende Kevelaer-Wallfahrt in Misskredit. Dies lag im Interesse des Richter Schwarz, der ebenso wie seine Familie eine enge persönliche Bindung an den noch neuen Wallfahrtsort Neviges (heute Velbert) in der bergischen Unterherrschaft Hardenberg hatte, welcher 1681 unter dem Fürstbischof von Münster etabliert worden war. Vor allem auch gegenüber den zahlreichen reformierten Untertanen, die es in der Region gab, wurde hierdurch ein deutliches Zeichen für die Rekatholisierung und den Katholizismus gesetzt. 

Richter Schwarz wurde unmittelbar nach dem Ende des Hexenprozesses durch den Landesherrn zum „Geheimen Rat“ befördert, was den schärfsten Prozess des gesamten Hofrats hervorrief. Vermutlich hegte Landesherr Karl Philipp selbst Sympathien für die Hexenverfolgungen.

Der Hexenprozess blieb lange Zeit im dunklen. Erst 1878 wurde auf einer Generalversammlung des „Historischen Vereins für den Niederrhein“ in Düsseldorf darüber berichtet. Zu einem breiteren öffentlichen Thema wurde der Prozess im Jahr 1987, als die Hexenverbrennung auf einem Karnevalsorden dargestellt wurde. An Helena Curtens und Agnes Olmans erinnert heute ein Denkmal in Düsseldorf-Gerresheim. 

5. Zur Einordnung des Prozesses 

Trotz einer noch lückenhaften Forschungslage zeigen sich Parallelen zu anderen späten Prozessen in den deutschsprachigen Ländern. In der Regel gibt es eine sehr umfangreiche Schriftüberlieferung, da die Begründungszusammenhänge aufwändig waren. Dies zeigt sich z. B. auch in den zeitgleichen Prozessen der Reichabtei Marchtal (Störk 2003) oder der katholischen Innerschweiz (Bart 2005), für welche neue Untersuchungen vorliegen. Allerdings vertraten hier Ratskonsulenten wie der Bürgermeister oder Winkeladvokaten neben gelehrten Juristen die Anklage. Die Prozessmuster sind somit, trotz der zumeist umfangreichen Argumentationen, kaum einheitlich.

So wurden manchmal die Hexerei-Vorwürfe auf den Teufelspakt reduziert, während die anderen Bestandteile des kumulativen Hexendelikts gar nicht mehr als Punkte der Anklage erwähnt wurden. Um den Teufelspakt zu beweisen, wurde auch verstärkt medizinischen Fragen wie der konkreten Auswirkung der Macht des Teufels auf den Körper nachgegangen. Brandstiftungs- oder Giftmordbeschuldigungen sowie Hostienschändung und Gotteslästerung sind ebenfalls wiederholt als Anklagepunkte festzustellen. Nicht selten setzten Selbstbezichtigungen von Kindern und Jugendlichen solche Prozesse in Gang. Die Opfer gehörten oftmals zu den randständigen Gruppen der Gesellschaft (z. B. Nicht-Sesshafte). Wenn auch die Zahlen der Verfolgungen des 17. Jahrhunderts nicht mehr erreicht wurden, so waren die späten Hexenprozesse des 18. Jahrhunderts doch längst keine Einzelfälle. Nach einer von Wolfgang Behringer zusammengestellten Übersicht kommt man für die Zeit von 1714 – 1750 auf mehr als 80 hingerichtete Personen in Europa.

Literatur: 

Philippe Bart, Hexenverfolgungen in der Innerschweiz 1670-1754, in: Der Geschichtsfreund 158, 2005, S. 5-161.

Wolfgang Behringer; „Späte Hexenprozesse – letzte Hinrichtungen 1714-1815“. Unveröffentlichtes Papier der Tagung des Arbeitskreises „Interdisziplinäre Hexenforschung“ in Weingarten 29.9.-2.10.2005. Die Veröffentlichung eines Tagungsbandes ist in Vorbereitung.

Clemens Peter Böskens, Hexenprozess Gerresheim 1737/38. Die letzte Hexenverbrennung im Rheinland, Düsseldorf 1996

Erika Münster-Schröer, Ein vorgetäuschtes Wunder, ein Hexenprozess und eine Wallfahrt. Gerresheim und Düsseldorf, Kevelaer und Neviges, in: Rainer Walz / Ute Küppers-Braun /Jutta Nowosadtko (Hg.), Anfechtungen der Vernunft. Wunder und Wunderglaube in der Neuzeit, Essen 2006, S. 97-115.

Erika Münster-Schröer (Bearb.), Toversche und Hexen. Prozesse in Ratingen und seiner Nachbarschaft (1499-1738). Eine Dokumentation, Ratingen (Selbstverlag des Stadtarchivs) 2004, S. 37-47.

Constanze Störk, "Mithin die natürliche Vernunft selbst dictiert, das es Hexen gebe". Hexenverfolgung in der Reichsabtei Marchtal 1586-1757 , in: historicum.net, [19.01.2009], URL: http://www.historicum.net/no_cache/persistent/artikel/941/.

Heinrich Wilhelm Zimmermann; Der Gerresheimer Hexenbrand. Anmerkungen und Materialien zu einem Justizmord. Typoskript Düsseldorf 1998 (Bibliothek des Stadtarchivs Ratingen). Darin (fehlerhafte) Edition der Prozessakten des Bestandes des Landesarchivs Nordrhein-Westfalen, Hauptstaatsarchiv Düsseldorf, Jülich-Berg Hofrat, B VII 235 b.

Beilagen 

1.) Auszug aus der Brüchtenrechnung des Amtes Mettmann, die Hinweise auf die gerichtliche Voruntersuchung und ihren Kontext gibt: Beilage 1.

2.) Öffentlicher Aufruf zur Beiwohnung der Hexenverbrennung: Beilage 2.

Empfohlene Zitierweise

Münster-Schröer, Erika: Düsseldorf, Hexenverfolgungen. Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller und Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: http://www.historicum.net/no_cache/persistent/artikel/6730/

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Erstellt: 19.01.2009

Zuletzt geändert: 19.01.2009

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