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Del Rio, Martin Antoine 

13.12.99  

*15.5.1551 in Antwerpen, + 19.10.1608 in Löwen 

Martin Antonius Delrio entstammte einer vornehmen kastilischen Familie, die in den spanischen Niederlanden im Dienste des Königs stand. Nach Philosophiestudien in Paris absolvierte er ein Studium der Rechtswissenschaften, zunächst in Douai, später in Löwen, wo er 1570 den Grad eines Baccalaureus für Zivilrecht erwarb. Nach der Promotion 1574 an der Universität von Salamanca wurde er zunächst zum Rechtsberater Philipps II. und 1578 schließlich zum Vizekanzler von Brabant ernannt.  

Dem Eintritt in den Jesuitenorden 1580 folgte nach einem zweijährigen Noviziat eine weitere dreijährige Unterrichtung in Philosophie, bevor Delrio einen Lehrauftrag für Theologie an der Universität in Douai erhielt. Nach Lüttich und Löwen führte ihn sein Weg u.a. nach Graz, wo er von 1601-1603 am dortigen Jesuitenkolleg Vorlesungen hielt, und Salamanca, wo er Theologie lehrte und zahlreiche Schriften verfaßte. 1608 starb Delrio in Löwen.  

Bedeutsam im Rahmen der Hexenforschung ist Delrios Werk Disquisitionum magicarum libri sex , das zum erstenmal 1599/1600 gedruckt wurde und bis zum Jahre 1755 24 Auflagen erlebte. Im Prolog verlieh Delrio seiner Auffassung Ausdruck, als Philosoph, Rechtsgelehrter und Theologe in ganz besonderem Maße für eine Auseinandersetzung mit Fragen der Magie und Zauberei geeignet zu sein. Aus Sorge vor dem Überhandnehmen dieses Deliktes wolle er sich für die Wahrung und Wiederbelebung des katholischen Glaubens einsetzen. Daß die Zauberei überall zunehme, sei Folge eines allgemeinen Glaubensverfalls.

Das zitierte Werk besteht aus sechs umfangreichen Büchern, die streng gegliedert und systematisch aufgebaut sind. Das erste Buch unterscheidet zwischen erlaubter und unerlaubter Magie. Generell versteht Delrio unter Magie die Fähigkeit, durch kreative Kräfte ungewöhnliche, das Fassungsvermögen des Menschen übersteigende Dinge zu vollbringen. Im zweiten Buch warnt Delrio eindringlich vor den Gefahren der schwarzen Magie sowie der Macht der Teufel und Dämonen. Seiner Meinung nach gründeten alle magischen Unternehmungen in einem Pakt mit dem Teufel oder einem Dämon. Folgende Punkte liegen dem Teufelspakt zugrunde: Der Zauberer widerruft seine Taufe und bekommt u.a. einen neuen Namen. Er verleugnet durch den Pakt seine Eltern sowie den chrsitlichen Glauben. Als Zeichen der Unterwerfung opfert der Zauberer dem Teufel ein Kleidungsstück, schwört ihm Gehorsam und muß ihm jährlich ein Geschenk überreichen. Zur Bestätigung des Paktes erhält der Zauberer ein Teufelmahl an seinem Körper.  

Im dritten Buch bezieht Delrio zu verschiedenen Arten des Schadenzaubers Stellung. Das Maleficium setzt für ihn im wesentlichen drei Dinge voraus: Die Zulassung Gottes, die Ausführung durch Dämonen und die freiwillige Mitarbeit des Zauberers. Schaden stiften könnten die Zauberer auf verschiedene Art, durch Pulver, das in Speisen vermischt wird, durch den Einsatz von Pflanzen, Gräser oder Salben, durch Anhauchen, durch Worte oder durch den Gebrauch heiliger Gegenstände.

Das vierte Buch kreist um Prophezeiungen und Wahrsagerei. Delrio unterscheidet die Prophezeiung als göttliche Inspiration, die eine fromme und sensible Natur voraussetze, von der Wahrsagerei, die nur entschuldbar sei, wenn sie unwissentlich geschehe. Im fünften Buch setzt sich Delrio mit dem kirchlichen wie weltlichem Recht auseinander und will damit eine umfassende verfahrensrechtliche Grundlage für die Durchführung von Zaubereiprozessen schaffen. Das sechste und letzte Buch behandelt schließlich das Amt des Beichtvaters.  

Zur Stütze seiner Ansichten zieht Delrio zahlreiche Quellen heran; mittelalterliche Autoren (Heisterbach, Jacques de Vitry, Petrus Venerabilis, Berichte der Jesuiten in In- und Ausland) ebenso wie zeitgenössische hagiographische Werke und Berichte von Inquisitoren oder Auszüge aus Hexentraktaten.  

Die Wirkung des Werkes ist in der Forschung umstritten. Offensichtlich benutzten viele Jesuiten die Disquisitiones als Fundgrube für Predigten und als Exemplasammlung, zusätzlich galt es lange als Nachschlagewerk für Juristen. beschäftigten. Petra Nagel spricht in ihrer 1995 veröffentlichten Dissertation Delrios Werk eine gewisse Ambivalenz zu: Während es einerseits verfolgungsfördernd gewirkt habe, hätte es den Angeklagten andererseits durchaus gewisse Handlungsmöglichkeiten geboten.

Lange blieb Delrio weitgehend unbeachtet in der Forschung. Erst in letzter Zeit wird immer stärker auf die Bedeutung seines Werkes hingewiesen. Zwei wichtige Arbeiten zu Delrio stammen von Edda Fischer und der bereits zitierten Petra Nagel. Während sich Edda Fischer v.a. von philologischer Seite auf den Exempelcharakter der Disquisitiones stützt, konzentriert sich Petra Nagel auf das fünfte Buch, das sie in einer deutschen Übersetzung beifügt. Beide Forscherinnen und auch André Schnyder wollen das bisher gängige Bild von Martin Delrio revidieren, das ihn als einen der schärfsten Hexenverfolger darstellte.

Literatur 

Bursian, Art. Delrio, in: ADB 5, Berlin 1968 (ND), S. 44;  

Wolfgang Behringer, Art. Delrio, in: LThK 3, Freiburg u.a. 1995, Sp. 78. 

Edda Fischer, Die "Disquisitionum Magicarum Libri Sex" von Martin Delrio als gegenreformatorische Exempel-Quelle, Hannover 1975. 

Petra Nagel, Die Bedeutung der "Disquisitionum Magicarum Libri Sex" von Martin Delrio für das Verfahren in Hexenprozessen, Frankfurt/Main 1995 

André Schnyder, Der "Malleus Maleficarum". Fragen und Beobachtungen zu seiner Druckgeschichte sowie zur Rezeption bei Bodin, Binsfeld und Delrio, in: Archiv für Kulturgeschichte 74 (1992), S. 323-364 

Michael Siefener, Hexerei im Spiegel der Rechtstheorie. Das crimen magiae in der Literatur von 1574 bis 1608 (Rechtshistorische Reihe 99), Frankfurt/Main u.a. 1992. 

Bislang erfaßte Werke 

Tractatus de iuramento calumniae. Colonia Agrippina 1599
BSB J.rom.m. 162 m

Disquisitiones Magicae. Libri VI. Lovania 1599-1600
BSB 4 Phys.m. 29

Disquisitiones Magicae. Mainz - Albin – 1603
BSB 2 Phys.m. 4

 

Empfohlene Zitierweise

Del Rio, Martin Antoine. Aus: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller u. Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: http://www.historicum.net/no_cache/persistent/artikel/1591/

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Erstellt: 15.02.2006

Zuletzt geändert: 04.05.2006

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