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Bekker, Balthasar 

Andrew C. Fix 

(Übersetzung von Thomas Gawron) 

7. November 2007 

(english version ↓)

* 20. März 1634 in Metslawier, † 01. Juni 1698 in Amsterdam; niederländischer reformierter Pfarrer lebte unter anderem in Amsterdam und war einer der wichtigsten Kritiker der Hexenverfolgung.  

Kurzbiografie 

Balthasar Bekker war zunächst in Friesland, später in Holland, Pfarrer der niederländischen reformierten Kirche. Er studierte Philosophie und Theologie an den nordniederländischen Universitäten von Groningen und Franeker, und erlangte dort den Doktor der Theologie. Beeinflusst durch den Kartesianismus, wurde er mit seinem Buch De Betoverde Weerld (Die bezauberte Welt) zu einem der wichtigsten Kritiker des Hexenglaubens. Er argumentierte gegen die Möglichkeit, dass Geister Kontakt zu menschlichen Wesen aufnehmen, sie beeinflussen oder böses antun könnten, wie er sich insgesamt gegen die Möglichkeit der Existenz von Hexerei aussprach. Bekker starb 1698 an einer Brustfellentzündung in Amsterdam.

Bekker war gleichfalls an anderen Disputen innerhalb der niederländischen Kirche beteiligt, was ihm ebenso viele Feinde wie Unterstützer einbrachte. Seine Arbeit blieb bis in das 18. Jahrhundert hinein wichtig für die Hexereidebatte. Durch seine Teilnahme an der kircheninterne Debatte um erlaubte Aktivitäten am Sabbat wie seinem starken Interesse an der kartesianischen Philosophie wurde er von Vertretern der konservativen niederländischen sehr skeptisch eingeschätzt. Nichtsdestoweniger war er ordiniert und nahm an mehreren Kongregationen in Friesland und Utrecht teil, bevor er 1680 eine Anstellung in Amsterdam erhielt. Nachdem er einen kritischen Aufsatz über den irdischen Einfluss von Kometen verfasst hatte, begann Bekker sich für andere populäre Magievorstellungen einschließlich der Hexerei und Zauberei zu interessieren. Er näherte sich diesen Themen von der Sichtweise eines reformierten Pfarrers, der die Macht und den irdischen Einfluss Gottes gegen die fiktive Macht der Hexen und Geister erhob. Nachdem er mehrere hexereikritische Predigten gehalten hatte, ermutigten ihn einige Freunde, seine Ideen in einem Buch auszuarbeiten, welches schließlich zwischen 1691-1693 auf vier Bände anwuchs und ins Deutsche, Französische und Englische übersetzt wurde. 

Kritik an der Hexenverfolgung 

In den Diskussionen über den Sabbat, den irdischen Einfluss der Kometen und der Hexerei wurde Bekker teilweise vom kartesischen Rationalismus, aber auch von seiner calvinistischen Idee von einem omnipotenten Gott sowie teilweise von seiner Sicht auf die Bibelauslegung beeinflusst, welche die Doktrin der Akkommodation, der Idee, dass Gott in einigen Stellen der Schrift dem beschränkten Verständnis des Menschen seine heilige Sprache offenbart. Im ersten Band von Die bezauberte Welt stellt Bekker die Behauptung auf, dass der Glauben an den Teufel und böse Geister ebenso wie Wahrsagerei, Zauberei und Hexerei ursprünglich dem paganen Glauben entstammen und durch Ignoranz, Vorurteile und Angst Einzug in die katholische Kirche und letztendlich in Bekkers eigene reformierte Tradition halten konnten. Im zweiten Band wendet Bekker den kartesischen Dualismus an, um zu belegen, dass die materielle und die spirituelle Welt außerhalb der Menschen nicht miteinander interagieren und dass körperlose Geister wie der Teufel keinen Einfluss oder Wirkung auf Personen haben können. Tatsächlich würden weder irgendwelche Gründe oder Erfahrungen dafür sprechen, dass körperlose Geister überhaupt existieren, obwohl Bekker einräumt, dass die Existenz guter und böser Geister durch die Bibel belegt wird. Bekker konzentriert sich jedoch auf das irdische Wirken von bösen Geistern. Die Bibel zeigt, dass der Teufel tatsächlich nicht in der Lage ist, Menschen auf der Erde zu steuern. Mit dem Buch Genesis belegt er, dass der Teufel und all seine bösen Engel in der Hölle gefangen sind und dort bis in alle Ewigkeit festsitzen. So fragt Bekker: Wie könnten solche Geister auf der Erde wandeln und die Menschen plagen? Hexerei und Zauberei können demnach nicht existieren, wie Bekker schlussfolgert.

Aber wie ging Bekker mit diesen Bibelpassagen um, welche, wenn die Bibel wörtlich verstanden wird, von den irdischen Aktivitäten des Teufels zu sprechen scheint. An Stellen wie diesen benutzt Bekker die Doktrinen der Akkommodation. Er interpretierte die Bibel an diesen Stellen rein metaphorisch, sah darin tatsächlich jedoch das Wirken sündiger Menschen oder der Todfeinde Gottes. Wenn die Bibel also Wörter wie Magier oder Zauberer benutzt, so meint sie im Sinne Bekkers lediglich einfache Gauner und Schwindler. Zu allem Übel hätten spätere schlechte Übersetzer der Bibel selbst an den Teufel und böse Geister geglaubt und häufig griechische und hebräische Wörter als „Teufel“ falsch übersetzt, wenn sie eigentlich besser Begriffe wie „Verleumder“, „Feind“ oder „Gegner“ hätten nutzen sollen, um von Gottes Todfeinden zu berichten. Am schwierigsten war es für Bekker die verschiedenen Passagen des Neuen Testaments zu erklären, die von Geisterbesessenheit zu berichten scheinen. Bezug nehmend auf einige Werke früherer Skeptiker wie der Niederländer Jacob Vallick und Johannes Weyer bzw. der Engländer Reginald Scot, argumentiert Bekker, dass sich diese Passagen tatsächlich auf Geisteskrankheiten beziehen, sich jedoch in eine Sprache kleiden, die der gemeine Mann verstehen kann.

In Band drei, ausgehend von seinen vorherigen Grundvoraussetzungen, verwirft Bekker jegliche Art von Hexerei und Zauberei als bloßen Betrug und Täuschung. Die berühmte biblische Hexe von Endor im ersten Buch Samuel, Kapitel 28, sei lediglich eine Bauchrednerin gewesen und andere biblische Erzählungen von Zauberei in Wirklichkeit Darstellungen von Abgötterei. Im vierten Band berichtet Bekker von einer Reihe von zeitgenössischen Fällen vermeintlicher Hexerei, Zauberei und Geistesbesessenheit, die alle, wie er behauptet, natürliche Ursachen gehabt hätten. Die Leute würden häufig Besessenheit vortäuschen, um damit Geld zu verdienen. Einige vermeintlich besessene Personen seien tatsächlich Opfer der „Melancholie“ oder einer anderen organischen Krankheit. Wohl bekannte Fälle des Übernatürlichen wie die Wunderheilung des Kenelm Digby, die Geschichte des Maurers in Bolsward, dem Rattenfänger von Hameln, die Teufel von Macon und Tedworth sowie die Geister von Annenberg und Lausanne erklärt Bekker zu Betrügereien. 

Bekker beendet sein Werk mit einer massiven Kritik an der Grausamkeit und Irrationalität der Hexenverfolgungen, in denen törichte und falsche Zeugenaussagen Richter dazu brachten, unschuldige Menschen zu verurteilen. Er betont nochmals wie irrig der verbreitete Glauben an Zauberei und Hexerei sei, da sie schlicht nicht existieren. Etwa ein Jahrzehnt bevor Bekker seine Bücher schrieb, endeten die Prozesse gegen Hexerei in der niederländischen Republik weitestgehend und in den 1690ern teilten viele Gelehrte der niederländischen medizinischen, rechtlichen und intellektuellen Welt Bekkers Ansichten. Dennoch sorgte De Betoverde Weerld für einen Aufruhr in der niederländischen reformierten Kirche. Der konservative Flügel der Kirche war aufgrund seiner kartesianischen und exegetischen Sichtweisen sowie wegen seiner Position in der Sabbat-Frage stets gegen Bekker und nutzte das Erscheinen von De Betoverde Weerld um Bekker und seinen Ideen im großen Stil den Krieg zu erklären. In der Ablehnung jeglicher dämonischer Mächte wurde ein Widerspruch zur Bibel und damit die Verleugnung des Glaubens in göttliche Wunder und letztendlich in Gott selbst gesehen. Bekkers Ideen galten als ketzerisch, skandalös und beleidigend gegen Gott. Ein langer Kirchenprozess endete damit, dass sein Buch verdammt, er selbst von seinem reformierten Pfarramt enthoben und letztendlich von der Kommunion ausgeschlossen wurde.

Bekkers Ideen hatten bedeutenden Einfluss. Sein Buch war ein Bestseller der 1692 nicht weniger als zwei Auflagen erfuhr, gefolgt von einigen späteren niederländischen Drucken und zahlreichen Komplettübersetzungen. Außerhalb der Niederlande erfuhr das Buch in Deutschland seinen größten Erfolg, wo es bis weit in das 18. Jahrhundert in den Bibliotheken vieler aufgeklärter Leser und Sammler gefunden werden konnte. Bekker war sicher einer der Hauptfiguren der Überwindung der Hexenverfolgung in Nordeuropa. Er gehört zu einer Gruppe von Autoren des späten 17. Jahrhunderts, die einen anhaltenden Angriff auf die Hexerei und teuflische Magie eröffneten, einen Angriff, der die Aufklärung zur Vollendung brachte. 

Digitalisierte Ausgaben vor 1800 

The world bewitch'd, or, An examination of the common opinions concerning spirits: their nature, power, administration and operations, as also the effects men are able to produce by their communication, Warwick-Lane 1695, (Englisch)
http://historical.library.cornell.edu/cgi-bin/witch/docviewer?did=015

The World turn'd upside down: OR, A Plain Detection of ERRORS, In the Common or Vulgar Belief, RELATING To Spirits, Spectres or Ghosts, Dæmons, Witches, &c.
London 1700 (Englisch)
http://historical.library.cornell.edu/cgi-bin/witch/docviewer?did=139

(De Betoverde Weereld, 4 vols, Amsterdam 1691.- Die Bezauberte Welt, 4 vols, Amsterdam 1693.- Le monde enchanté, Amsterdam 1694.- The World Bewitched, London 1695.) 

Literatur 

Robin Attfield,  Balthasar Bekker and the Decline of the Witch-Craze: The Old Demonology and the New Philosophy, in: Annals of Science 42, 1985, S. 383-395.

Balthasar Bekker, Die bezauberte Welt, Wiep van Bunge (Hg.), Stuttgart, 2000.

Andrew Fix, Fallen Angels: Balthasar Bekker, Spirit Belief, and Confessionalism in the Seventeenth-Century Dutch Republic, Dortrecht 1999.

Jonathan Israel, The Bekker Controversy as a Turning Point, in: Dutch Crossings 20,  1996, H. 2, S. 5-21.

Margaret Jacob, The Crisis of the European Mind: Hazard Revisited, in: Phyllis Mack / Margaret Jacob (Hg.), Politics and Culture in Early Modern Europe: Essays in Honor of H.G. Koenigsberger, Cambridge 1987, S. 251-271.

Wiep van Bunge, Balthasar Bekker’s Cartesian Hermeneutics and the Challenge of Spinozism, in: The British Journal of the History of Philosophy 1, 1993, S.55-80.

Wiep van Bunge, Balthasar Bekker on Daniel: An Early Enlightenment Critique of Millenarianism, in: History of European Ideas 21, 1995, H. 5, S. 659-673.

Wiep van Bunge, Du Betoverde weereld au Monde enchantẻ. Traces de Bekker dans les premières Lumières françaises, in: Miguel Benitez (Hsg), Materia actuosa Antiquitẻ Age classique, Lumières: Mẻlanges en honneur d’Olivier  Bloch, Paris 2000, S. 453-471.

Jacob van Sluis, Bekkeriana: Blathalsar Bekker biographic en bibliographic, Leeuwarden 1994.

English version

* 20.03.1634 in Metslawier, † 01.06. 1698 in Amsterdam; Dutch Reformed minister in many locations including Amsterdam and critic of witch-hunting.  

Blathasar Bekker was a minister in the Dutch Reformed church first in Friesland and then in Holland. He was educated in philosophy and theology at the northern Dutch universities of Groningen and Franeker, becoming a Doctor of Theology at Franeker. Influenced by Cartesian philosophy, he was an important critic of belief in witchcraft in his book De Betoverde Weerld (the World Bewitched) in which he argued against the possibility that disembodied spirits could contact, influence, or do evil to human beings, and thus against the possibility of witchcraft. He died of pleurisy in Amsterdam in 1698.

 Bekker was also involved in other disputes within the Dutch church which won him many enemies as well as supporters, and his work remained important in the witchcraft debate well into the eighteenth century.  His interest in Cartesian philosophy made him suspect in the eyes of conservative Dutch clerics and he became involved in the debate within the church over what activities were permissible on the Sabbath. He was nevertheless ordained and served several congregations in Friesland and Utrecht before ending up with an appointment in Amsterdam in 1680. After writing a work critical of the terrestrial influence of comets Bekker became interested in other popular superstitions including witchcraft and sorcery. He approached these topics from the point of view of a Reformed minister upholding the power and earthly influence of God against the supposed power of witches and spirits. After preaching several sermons critical of witchcraft Bekker was prevailed upon by friends to expand his ideas into a book, which grew to reach four volumes during 1691-1693 and was translated into German, French, and English.

In the discussions around the Sabbath, the earthly effects of comets, and witchcraft Bekker was motivated in part by Cartesian rationalism, in part by his Calvinist idea of God’s omnipotence, and in part by his view of Scriptural exegesis, which included the doctrine of accommodation, the idea that God had in some places accommodated his holy language to the limited understandings of men. In volume one of The World Bewitched Bekker maintained that belief in the Devil and evil spirits as well as in such things as fortune telling, sorcery, and witchcraft were originally pagan beliefs founded upon ignorance, prejudice, and fear that had over time crept into the Catholic church and even into Bekker’s own Reformed tradition. In volume two of the work Bekker applied Cartesian dualism to argue that the material and spiritual worlds could not interact with each other outside man and therefore spirits without bodies such as the Devil could have no influence or effect on people. In fact neither reason nor experience proved that disembodied spirits even existed, although Bekker was willing to concede the Bible’s point that both good and bad angelic spirits did indeed exist. But Bekker’s main concern was with the earthly activity of evil spirits. The Bible testified that the Devil did not in fact act on people on the earth, Bekker argued, with the book of Genesis saying that the Devil and all of his evil angels had been cast into Hell where they were to remain chained for all eternity. How could such evil spirits wander the earth and torment people? Bekker asked. Thus witchcraft and sorcery could not exist, Bekker argued. 

But how was Bekker to deal with those Scriptural passages that seemed, when the Bible was taken literally, to speak of the earthly activities of the Devil. In places such as this Bekker employed the doctrine of accommodation. He said that in these places the Bible spoke figuratively and really meant evil men or the mortal enemies of God. When Scripture used the terms magician or sorcerer it meant simple tricksters or frauds. To make matters worse later translators of the Bible themselves believed in the Devil and evil spirits and often mistranslated Greek and Hebrew words as “Devil” when they could have been more correctly rendered as “slanderer,” “enemy,” or “opponent,” again referring to God’s mortal enemies. Most difficult of all for Bekker was to explain various New Testament passages seemingly speaking of spirit possession. Drawing on the work of such earlier skeptics as Dutchmen Jacob Vallick and Johannes Weyer and the Englishman Reginald Scot, Bekker argued that such passages really referred to cases of mental illness but were clothed in language that the common people could understand.

In volume three Bekker built upon his earlier foundation by rejecting all manner of witchcraft and sorcery as mere fraud and deception. The famous biblical Witch of Endor in the First Book of Samuel, chapter twenty-eight, was merely a ventriloquist, and other scriptural stories of sorcery were really accounts of idolatry. In volume four Bekker related a series of contemporary cases of supposed witchcraft, sorcery, and spirit possession all of which, he asserted, had natural causes. People often faked spirit possession, he charged, in order to make money. Some supposedly possessed people were actually victims of “melancholy” or physical illness. Bekker proclaimed as frauds well-known cases of the supernatural such as the miracle healing of Kenelm Digby, the story of the bricklayer in Bolsward, the pied piper of Hamlen (usually spelled Hamlin), the devils of Macon and Tedworth, and the ghosts of Annenberg and Lausanne. 

Bekker ended his work by decrying the cruelty and irrationality of witchcraft trials in which foolish and false testimony had led judges to condemn innocent people. Popular beliefs about sorcery and witchcraft were mistaken, he insisted, because these things simply did not exist. Trials for witchcraft had largely ended in the Dutch Republic nearly a century before Bekker wrote, and by the 1690s many in the Dutch medical, legal, and intellectual worlds shared Bekker’s views. Still, The World Bewitched led to an uproar within the Dutch Reformed church. The conservative wing of the church was already angry with Bekker because of his Cartesian and exegetical views and because of his position on the Sabbath issue, and this wing took the opportunity of The World Bewitched to declare full-scale war on Bekker and his ideas. His denial of demonic power contradicted Scripture, they charged, and would inevitably lead to a denial of belief in divine mysteries and even in God himself. Bekker’s ideas were thus called heretical, scandalous and slanderous to God. A long church process ended by condemning his book, deposing him from the Reformed ministry, and even excluding him from communion. 

Bekker’s ideas had considerable influence. His book was an instant best seller, going through at least two editions in 1692, followed by several later Dutch printings and numerous major translations. Outside of The Netherlands the book experienced its most success in Germany, where it could be found in the libraries of many “enlightened” readers and collectors far into the eighteenth century. Bekker was clearly a major figure in ending the witch persecutions in northern Europe He was among a group of late-seventeenth-century authors who opened a sustained assault on witchcraft and diabolical magic, an assault that the Enlightenment would bring to conclusion. 

Empfohlene Zitierweise

Fix, Andrew C.: Bekker, Balthasar. In: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller und Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: http://www.historicum.net/no_cache/persistent/artikel/5576/

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Erstellt: 06.11.2007

Zuletzt geändert: 16.01.2008

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