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Abtreibung und Empfängnisverhütung in der Frühen Neuzeit 

Robert Jütte 

20. September 2007

Eine widerlegte Hypothese 

Vor fast zwanzig Jahren erregten die Thesen zweier deutscher Sozialwissenschaftler Aufsehen. Sie meinten nämlich einen Zusammenhang zwischen dem (vor allem in West-, Mittel- und Südeuropa zu beobachtenden) Bevölkerungsrückgang im Spätmittelalter und der damals in diesen Ländern verstärkt einsetzenden Hexenverfolgung gefunden zu haben. Gunnar Heinsohn und Otto Steiger behaupteten, dass „die Geburtenkontrolle nicht nur durch die Hexenverfolgung weitgehend beseitigt worden ist, sondern dass die Vernichtung der „weisen Frauen“ und Hebammen ausdrücklich in bevölkerungspolitischer Absicht zur Unterbindung der Geburtenkontrolle von Kirche und Staat ins Werk gesetzt wurde“ (Heinsohn/Steiger 1987, S. 13). Nun fehlt es in der Hexenforschung, die sich über mangelndes Leserinteresse kaum beklagen kann, nicht an abenteuerlichen Thesen, und man wäre seitens der Fachwissenschaft sicherlich mit einem Achselzucken über das Buch von Steiger und Heinsohn hinweggegangen, wenn nicht der übergroße publizistische Erfolg eine ausführlichere Antwort und Kritik notwendig gemacht hätte. So wiesen Vertreter der sozialhistorisch-anthropologisch orientierten Hexenforschung darauf hin, dass der „gelehrte Diskurs“ über Geburtenkontrolle durch Abtreibung auch in der frühen Neuzeit weitergegangen sei und dass im Volk auch andere Techniken der Familienplanung wie Anal- oder Oralverkehr, coitus interruptus oder Selbstbefriedigung weiterhin praktiziert worden seien. Außerdem machte man darauf aufmerksam, dass in der einschlägigen archivalischen Überlieferung insbesondere Schadenzauberprozesse überwiegen und dass dabei die Hebammentätigkeit in den Aussagen der Bauern und Bürger keine prominente Rolle spielt (vgl. u. a. Behringer 1987; Jütte, 1989).  

Die in Teilen der Frauenforschung immer noch unkritisch rezipierten Thesen von Heinsohn und Steiger stimmen zudem nicht mit den Befunden der Historischen Demographie zur Chronologie der Verbreitung der Geburtenbeschränkung überein. Wie die einschlägigen Studien zeigen, kann kein Zweifel daran bestehen, dass bereits vor dem zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts – trotz der angeblichen Auswirkungen der Hexenverfolgung – antikonzeptionelles Verhalten in Europa durchaus verbreitet war. 

Historische Demographie und Geburtenbeschränkung 

Was sind nun die statistisch fassbaren Indikatoren für die Verbreitung der Geburtenbeschränkung in einer vormodernen Population? Historische-demographische Untersuchungen, die sich an den komplizierten Messgrößen des französischen Demographen Louis Henry aus den 1950er Jahren orientieren, sind eher selten. Es überwiegen die Studien, die sich alternativer Indikatoren für die Verbreitung von Geburtenbeschränkung bedienen. Besonders viele Nachahmer fand die Methode, die Dupâqier und Lachiver 1969 erstmals angewandt haben, um die Anfänge der Familienplanung im Frankreich des Ancien Régime zu bestimmen (vgl. Dupâquier/Lachiver 1969). Dabei wird nur die Durchschnittsfruchtbarkeit einer Ehe untersucht, und zwar für Ehen, die vor dem 35. Lebensjahr geschlossen wurden und mindestens bis zum 40. Lebensjahr der Frau dauerten. Die betreffenden Ehen werden gemäß ihrer durchschnittlichen jährlichen Fruchtbarkeit in vier Gruppen eingeteilt: kurze Intervalle (weniger als 19 Monate), mittlere Intervalle (19-30 Monate), lange Intervalle (31-48 Monate) und sogenannte „sterile Ehen“, bei denen der Abstand zwischen den Geburten über 48 Monate liegt. Dass diese Vorgehensweise durchaus zuverlässig ist, konnte Ulrich Pfister für Zürich nachweisen (Pfister 1985). Eine Klassifizierung der Ehen in vier Intervallgruppen nach der Methode Dupâqier/Lachiver bestätigt im wesentlichen die Ergebnisse der aufwendigeren Untersuchung, die mit den von Louis Henry entwickelten Indikatoren arbeitet. So stieg in Zürich, das ja bekanntlich im 16. Jahrhundert ebenfalls zum Protestantismus überging, der Anteil von Ehen mit einem überaus langen Geburtsintervall (mehr als 48 Monate) im Zeitraum von 1580 bis 1819 von 12,4 auf 45,8 Prozent, wobei sich als markante Zäsuren ebenfalls die Jahre 1720 und 1780 erweisen.

Welche der in der Historischen Demographie bekannten Methoden zum Nachweis einer Abkehr von der „natürlichen“ Fruchtbarkeit hin zu einer wie auch immer motivierten Familienplanung man auch anwendet, an ihrer generellen Zuverlässigkeit und Aussagekraft kann aufgrund jahrzehntelanger Forschung kaum ein Zweifel bestehen. Sie sind jedenfalls ein zuverlässigeres Instrumentarium als die Generalisierung von verstreuten Quellenzeugnissen gleich welcher Provenienz.

Der bislang ausführlichste Erklärungsversuch für diesen Verhaltenswandel stammt ebenfalls von Ulrich Pfister. Der Schweizer Sozialhistoriker nimmt an, dass die Sexualität bei Protestanten in der Tat schon früh durch ein zweckrationales Verhalten geprägt ist, das sich von der traditionellen, eher wertrationalen Einstellung der katholischen Kirche unterscheidet, die sich an Gottes Gebot „Seid fruchtbar und mehret Euch“ (Gen 1, 28) orientiert. Pfister zitiert in diesem Zusammenhang einen Kommentar Calvins zu Psalm 127,3 („Siehe, Söhne sind eine Gabe des Herrn, ein Lohn ist die Frucht des Leibes“): „Mit gutem Recht erörtert Aristoteles in den Politika, ob eine grosse Kinderzahl als Segen zu betrachten sei; er verneint dies, wenn mit den Kindern nicht auch eine Güte ihrer Natur vereinigt ist“ (zitiert nach Pfister 1985, S. 34). Und der Genfer Reformator fügt noch hinzu: „Und sicher wäre das Aussterben der Linie oder das Fehlen von Kindern viel glücklicher einzuschätzen als der Überfluß an Kindern voller Tränen und Jammer.“

Doch wie erklärt sich nun, dass Calvins Ehemoral erst mehr als ein Jahrhundert später bei den Genfer Bürgern in die Praxis umgesetzt wurde? Darauf hat Pfister eine überzeugende Antwort parat. Zwar habe die Reformation ein zweckrationales Fortpflanzungsverhalten begünstigt, doch hätten anfangs nicht die sozialen und demographischen Bedingungen geherrscht, die eine Beschränkung der ehelichen Fruchtbarkeit notwendig machten. Trotz Vorherrschens eines zweckrationalen Fruchtbarkeitsverhaltens seien in einer Zeit hoher Säuglings- und Kindersterblichkeit keine kontrazeptiven Verhaltensweisen zum Tragen gekommen, sondern hätten sich erst nach einem Absinken der Sterblichkeit verbreitet. Neben diesem demographischen Wandel als Auslöser gilt es nach Pfister, noch weitere Faktoren zu berücksichtigen. So seien insbesondere haushaltsökonomische und schichtenspezifische Überlegungen als Variablen mit einzubeziehen. Auf diese Weise könne dann näher untersucht werden, ob sich eine Bevölkerung sowohl vor als auch nach einer erkennbaren Verbreitung von kontrazeptivem Verhalten zweckrational verhält und, wenn dies der Fall sei, welche Faktoren zu dieser Erscheinung geführt haben. 

Empfängnisverhütung und Abtreibung in der Praxis 

Bereits in der Frühen Neuzeit stand Männer wie Frauen ein ganzes Arsenal von Möglichkeiten zu Verfügung, ungewollten Schwangerschaften vorzubeugen (vgl. Jütte, 2003). Die Frage stellt sich, woher sie dieses Wissen hatten, da doch die weltliche und kirchliche Hand angeblich alles daran setzten, durch die „Vernichtung der weisen Frauen“ (Heinsohn/Steiger 1985) die letzten Reste des volkstümlichen Verhütungswissen zu beseitigen. In diesem Zusammenhang verdient ein Hinweis David Gaunts besondere Aufmerksamkeit. Er kommt in seiner Studie über das Familienleben in den nordischen Ländern zu dem Schluss, dass in der frühen Neuzeit in skandinavischen Familien keine massenhafte Geburtenkontrolle stattgefunden habe, die Empfängnisverhütung zur selben Zeit aber unter Prostituierten weit verbreitet gewesen sei (vgl. Gaunt 1983, S. 242). In dem für die Weitergabe von Verhütungswissen so wichtigen und seitens der Forschung meist vernachlässigten mündlichen Diffusions- und Tradierungsprozess spielen eben nicht nur Hebammen, Bader und Scherer ein Rolle, sondern vor allem die Prostituierten, die durchaus in der Frühen Neuzeit nicht so gesellschaftlich isoliert waren, wie man gemeinhin annimmt (vgl. u. a. Schuster 1992). Dass unter Prostituierten kontrazeptive oder abortive Methoden Anwendung fanden, wird in den meisten Studien zur Geschichte des „ältesten Gewerbes der Welt“ allerdings nur am Rande erwähnt. Anders dagegen die Schriften mittelalterlicher und frühneuzeitlicher Autoren, die häufig solche Praktiken mit “Huren“ in Verbindung brachten, wie zum Beispiel Hieronimus Bock, der in seinem „Kreuterbuch“ (1556) über den als Abortivum bekannten Sadebaum schreibt: „Die Messpfaffen und alte Huren genießen des Sevenbaumes am besten“ (zitiert nach Marzell 1935/36, Sp. 869). Bezeichnend ist jedenfalls für die Geschichte der Geburtenkontrolle, dass sie zunächst bei sexuellen Beziehungen außerhalb oder vor der Ehe Anwendung fand. Diese in außer- oder vorehelichen Verbindungen erworbenen Kenntnisse, Techniken und Methoden konnten später bei Bedarf und entsprechender Motivation zur Familienplanung eingesetzt werden.

In diesem Zusammenhang gilt es, die von Arthur E. Imhof in Hinblick auf das traditionelle Verhütungswissen aufgestellte These von einer Doppelmoral der Oberschichten zu relativieren, denn der Nutzen volkssprachlicher Kräuter- und Arzneibücher mit ihren einschlägigen Abschnitten über Abortiva dürfte für den Großteil der Bevölkerung, der nicht lesen und schreiben konnte, eher begrenzt gewesen sein. Gemeint ist mit Doppelmoral die „Übernahme von Unterschichtenkenntnissen, Monopolisierung durch Buchdruck, Diskriminierung der Praktiken bei ihren aus Verantwortung handelnden Inventoren, gleichzeitige heimliche Weiteranwendung in den eigenen Reihen“ (Imhof 1986, S. 216). Insofern ist es eine Verkennung der sozialen Realität, von einer Monopolisierung dieses Alltagswissens durch den Buchdruck zu sprechen. Bis weit in die Frühe Neuzeit hinein bleiben, wie im Folgenden zu zeigen sein wird, die traditionellen Vermittlungswege erhalten. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass unter den verbrannten Hexen gelegentlich Hebammen zu finden sind.

Sowohl die einschlägige populär-medizinische Literatur des 16. und 17. Jahrhunderts als auch die archivalische Überlieferung beweist, dass Frauen nicht nur theoretisch über Abortiva und Geburtenkontrolle Bescheid wussten, sondern dass sie dieses durch verschiedene Kanäle erworbene Wissen auch in die Tat umsetzten. Wer damals heimlich Rat in Sachen Abtreibung suchte, der musste nicht unbedingt eine unter obrigkeitlicher Aufsicht stehende Hebamme aufsuchen. Es genügte vielfach, in eine Apotheke zu gehen und dort fruchtabtreibende Mittel unter allerlei Vorwänden zu kaufen; denn nicht alle Apotheker hielten sich offenbar an die Bestimmung der Medizinalordnung, keine Abortiva frei zu verkaufen. Wem dieser Weg vielleicht zu riskant erschien, dem standen noch andere Anlaufstellen und Bezugsquellen offen. Ein Kölner Knecht, der eine Witwe geschwängert hatte, besorgte sich beispielsweise von einer Frau aus dem Bergischen Land für den stattlichen Preis von einem Goldgulden ein Schlangenfell, welches die Schwangere „mit warmen wein genetzet auf ihren nabel“ (Historisches Archiv der Stadt Köln, Verfassung und Verwaltung G 252, f. 224v-225v, 3.4.1631) legen sollte. So obskur und abenteuerlich uns heute ein solches, vermutlich eher magisch wirkendes Abtreibungsmittel erscheinen mag, die Zeitgenossen zweifelten jedenfalls nicht an seiner Wirksamkeit. Ein vor ein kölnisches Gericht zitierter Brauer sagte als Zeuge aus, dass dieses Mittel bei einem Esel gewirkt habe. Die Wirksamkeit bei Menschen wurde in diesem Fall nicht auf die Probe gestellt, da die Frau wegen ihres schlechten Gewissens rechtzeitig ihren Beichtvater einweihte und daher das Schlangenfell ihrem Liebhaber in pulverisierter Form wieder zustellte, nachdem sie bereits vorher einen ihr ebenfalls aufgedrängten Abtreibungstrank durch eine geschickte Täuschung nicht eingenommen hatte.

Eine wichtige Vermittlerrolle im informellen Laiensystem, das über Abtreibungswissen verfügte, spielten, wie bereits angedeutet, die Prostituierten und Kupplerinnen. Ihr unehrenhafter „Beruf“ machte ein Wissen um Geburtenkontrolle geradezu notwendig. Von einer stadtbekannten Kölner Kupplerin wird berichtet, diese habe einmal zu einer gewissen Lisbeth gesagt, sie „durffte nit sorgen schwanger zu werden, dan sie eine zop (Trank, Suppe) beim feur hette, welche, wan sie wurde geßen haben, solte es mit ihr besser werden“ (Historisches Archiv der Stadt Köln, Verfassung und Verwaltung G 257, f. 238r, 24.4.1641). Leider wissen wir in diesem Falle nicht, welches volkstümliche Abtreibungsmittel gemeint war. Wahrscheinlich handelte es sich um „Galgan(t)“ (radix galangae) oder Sadebaum (juniperus sabina), denn diese beiden Mittel scheinen, wie auch anderswo, im rheinischen Prostituiertenmilieu bekannt gewesen zu sein. Eine Kölner Dirne, die 1629 wegen ihres unzüchtigen Lebenswandels der Stadt verwiesen wurde, bekannte im Verhör, dass sie „zu vertreibungh der frocht sievenbaum und andere sachen gebraucht“ (Historisches Archiv der Stadt Köln, Verfassung und Verwaltung G 250, f. 204v-206v, 20.4.1629) habe. Dieses in der Volksmedizin gebräuchliche Abtreibungsmittel war aber allem Anschein nach in Köln nicht so leicht zu bekommen, obwohl die Pflanze damals nicht nur in Südeuropa, sondern auch in nördlicher gelegenen Ländern heimisch war. Die Frau versuchte nämlich, den Sadebaum zunächst bei einem Weingärtner zu bekommen, und als sie keinen Erfolg hatte, ging sie schließlich zu dem Totengräber von St. Johann Baptist in der Spielmannsgasse, wo sie mehr Glück hatte. Den Hinweis auf die abtreibende Wirkung des Sadebaums hatte sie von einer „Kollegin“ bekommen. Diese hatte ihr zu verstehen gegeben, dass „sie es auch gepraucht hette, zu dem endt, dass sie nit schwanger werden mochte und wan sie schwanger were, dass es alsdan die frocht abtreiben mochte“. Die betreffende Dirne hatte ihre einschlägigen Kenntnisse wiederum von ihrer Schwester erworben. 

Alltagswissen 

Das Wissen um Abtreibung scheint in erster Linie Frauensache gewesen zu sein, auch wenn Männer gelegentlich einen aktiven Part übernahmen, indem sie meist die von ihnen geschwängerter Frauen und Mädchen zu einer Abtreibung drängten und sich gelegentlich sogar erboten, die notwendigen Abortiva zu besorgen. Dass die Initiative zur Abtreibung häufig von den Männer oder Liebhabern ausging, deutet die Studie einer französischen Sozialhistorikerin an. In der von ihr untersuchten Region (Languedoc) stand der Vorschlag, eine Abtreibung vorzunehmen, immerhin an siebter Stelle (= 8 Prozent) der männlichen Verhaltensweisen in den Fällen von vor-und außerehelichen Beziehungen, die 1676-1786 gerichtsnotorisch wurden (Phan 1986, S. 109).

Die betroffenen Frauen wussten damals offensichtlich sehr gut um das mit der Abtreibung verbundene gesundheitliche Risiko. Die Furcht vor den oft fatalen Nebenwirkungen dieser Abortiva war jedenfalls weit verbreitet. So erfahren wir beispielsweise, dass die besagte Kölner „Dirne“ den in altem Bier und Brandwein gesottenen Sadebaum zunächst nicht einnehmen wollte. Daraufhin entschloss sich die Ratgeberin mit Namen Susanne von Münstereifel, es ihr vorzumachen. Sie schluckte das offenbar nicht besonders wohlschmeckende Gebräu ohne mit der Wimper zu zucken herunter und forderte ihre Kollegin auf, dasselbe zu tun, indem sie bissig bemerkte: „Nu, sterbt ihr nit davon!“ Natürlich leugnete Susanne später im Verhör ab, dass es sich dabei um ein Abtreibungsmittelgehandelt habe, es sei vielmehr eine Medizin zur „wiederbringung der stunden (= Periode)“ gewesen!

Im Unterschied zur Abtreibung scheinen andere Methoden postkoitaler Geburtenkontrolle in der Praxis kaum von Bedeutung gewesen zu sein. Kindstötung beispielsweise, die im Entdeckungsfall in der frühen Neuzeit meist die Todesstrafe zur Folge hatte, war ein sehr riskantes Unternehmen und fiel als Verzweiflungstat unverheirateter Mütter statistisch kaum ins Gewicht.  

Wenn die Frau weder ein größeres gesundheitliches noch strafrechtliches Risiko eingehen wollte, blieb ihr nichts anderes übrig, als sich auf die damals bereits bekannten, wenn auch unsicheren Verhütungsmethoden zu verlassen. Neben der in archivalischen Quellen nur schwer nachweisbaren, dafür aber in theologischen Traktaten jener Zeit wohl nicht von ungefähr scharf kritisierten Praktik des „coitus interruptus“ war der sexuelle Verkehr während der „Tage“ oder „Stunden“ der Frau, wie man es damals nannte, vermutlich verbreiteter als bisher angenommen wurde. Allerdings findet man nur gelegentlich in den Quellen (vor allem in Bußbüchern und theologischen Traktaten) Hinweise darauf, dass Frauen während der Menstruation Geschlechtsverkehr hatten. Die Kirchenstrafen für dieses Vergehen schwankten im Mittelalter zwischen zwanzig und vierzig Tagen öffentlicher Buße und lagen damit erheblich unter dem Strafmaß, das die mittelalterliche Kirche bei Abtreibung vorsah. Unter Berufung auf das Alte Testament hielt die Mehrzahl der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Theologen den Geschlechtsverkehr während des „Unwohlseins“ der Frau für eine Todsünde. Dies tat man allerdings nicht, weil man bereits von der kontrazeptiven Wirkung wusste, sondern aus der Furcht heraus, dass aus solch einer geschlechtlichen Vereinigung später vielleicht ein anormales Kind geboren werden könnte. Diese Befürchtung teilten auch die zeitgenössischen Mediziner. Nach den frühneuzeitlichen Zeugungstheorien konnte bereits beim Koitus die Frucht durch allzu viel Feuchtigkeit und mütterliches Blut bleibenden Schaden nehmen und somit später abortiert werden. So schrieb beispielsweise der bekannte Eisenacher Arzt Johann Storch (1681-1751), der eine Vielzahl von Frauen in seiner Praxis behandelte, zu Beginn des 18. Jahrhunderts, dass „Menses die vornehmste Causa molarum [Grund zur Abortion, R. J.] seyn können [...], unordentliche Menses aber verhindern entweder die Conceptionem, oder schwämmen per nimium affluxum das concipirte vor der Zeit wieder aus [...] (zitiert nach Duden 1987, S. 191). Dass dieses Wissen kein Arkanum der Ärzte war, zeigt ein Fall aus Storchs Praxis. Eine Frau hatte offensichtlich durch Selbsterfahrung herausgebracht, dass die ihre künstlich induzierten „Haemorrhagias“ ein geeignetes Mittel waren, „damit die Kinder fortzutreiben“ (zitiert nach Duden 1987, S. 192).

Angesichts der angedrohten weltlichen und kirchlichen Strafen ist es verständlich, dass über Abtreibung und Empfängnisverhütung damals nur in Andeutungen gesprochen wurde. Die Betroffenen entwickelten sprachliche Verheimlichungsstrategien, um ihr verbotenes Handeln vor der Obrigkeit zu verbergen. Nur die Eingeweihten, das abtreibungswillige Liebespaar und die zu Rate gezogenen „Engelmacher/innen“ wussten, was mit bestimmten euphemistischen Bezeichnungen gemeint war. Aufschlussreich ist der folgende Kölner Fall: Euphrosina von Memmingen wurde von einem Geistlichen Herrn dezent gebeten, eine Abtreibung bei seiner Konkubine vorzunehmen. Er ermunterte nämlich die heilkundige Frau, „sie solte der personen einen gutten starken tranck machen, sie were starcker natur.“ Für diesen Dienst versprach er ihr einen Königstaler. Vor Gericht redete sich Euphrosina später damit heraus, dass ihr erst nachher Zweifel gekommen seien, und zwar nach einer eingehenden Untersuchung, welche eine vermutete Schwangerschaft bestätigte. Sie habe daraufhin die betreffende Person zur Rede gestellt und auch dem geistlichen Herrn die Schändlichkeit seines Handelns offenbart.

Den Frauen erschienen die ersten Schwangerschaftswochen damals meist als eine Art „Gratwanderung“ (Duden 1987, S. 181), da die Zeichen nicht immer richtig gedeutet wurden. Größere Klarheit brachte meist erst die Zeit nach dem vierten Monat, wenn der Bauch sichtbar wird und die Frucht sich spürbar zu regen beginnt. So war es für die Betroffenen leicht, gegebenenfalls dem Diskurs über eine vermutete Schwangerschaft mit dem Hinweis auf eine Frauenkrankheit auszuweichen. Das Ausbleiben der monatlichenRegel konnte, wie es dem medizinischen Denken der damaligen Zeit entsprach, sowohl auf eine Empfängnis als auch auf die gefürchtete „Blutstockung“ hindeuten. Das wusste wohl auch Margrieth Rüsing, die ein schwangeres Mädchen in ihrem Haus zur Rede stellte und die Antwort bekam, dass „ihro die frewliche stunden ausgeschlagen und [sie] deswegen so grob von leib were“ (HAStK Verfassung und Verwaltung  G 260, f. 34r, 6.4.1645). Ähnliche Fälle häufen sich auch in der Praxis des bereits erwähnten Eisenacher Stadtphysikus Johann Storch. Viele Frauen baten den Arzt um Verordnung „öffnender“ Mittel, um die von ihnen häufig durchaus glaubwürdig dargestellte „Blutstockung“ aufzulösen. Nicht selten entsprach der Arzt diesem Wunsch nach austreibenden Mitteln, hegte aber meist Verdacht, wenn es sich um ledige Mädchen handelte, deren unnatürlicher „Schwulst“ sich alsbald als Schwangerschaft herausstellte.

Fazit 

Von einer „Monopolisierung oder gar „Ausrottung“ des Wissens um empfängnisverhütende und abortive Maßnahmen kann also nicht die Rede sein. Zwar lässt sich nicht verleugnen, dass die Volkskultur im 17. und 18. Jahrhundert einem Anpassungs- oder Akkulturationsprozess unterworfen wurde, an dem die Kirche einen zentralen Anteil hatte, und die „Unterdrückung der Seelen“ (Muchembled 1985, S. 187) auch vor dem Sexualleben nicht halt machte, doch ist der jahrhundertelange Kampf der Kirche gegen Empfängnisverhütung damit noch nicht unbedingt in eine neue Phase eingetreten. Was sich änderte, waren nicht so sehr die disziplinarischen Absichten als die Bedingungen, unter denen eine bestimmte Sexualmoral dem Volk eingeschärft wurde. Mit Hilfe des Staates gelang es sowohl der katholischen als auch der protestantischen Kirche, im Laufe des 16. und 17. Jahrhunderts gewisse Erfolge im Kampf gegen sexuelle Ausschweifungen, Hurerei und Unzucht, wie sie es nannte, zu erringen. Doch von der Absicht, „den schnellen und leichten Zugriff der weiblichen Bevölkerung auf verhütende und abtreibende Mittel zu unterbinden“ (Heinsohn/Steiger 1985, S. 125), bis zur Durchsetzung einer solchen, wie auch immer motivierten Politik seitens des Staates oder der Kirche, war es ein weiter Schritt. Eine systematische Durchsicht der Akten kirchlicher und weltlicher Gerichte aus der Zeit des 17. und 18. Jahrhunderts vermag jedenfalls zu zeigen, dass der kirchliche Feldzug gegen kontrazeptive Praktiken eher ein Kampf gegen Windmühlenflügel war, da selbst nach Intensivierung der Aufsicht über das Hebammen- und Apothekerwesen noch immer Residuen des einschlägigen Wissens in der medizinischen Alltagskultur bis weit in das Zeitalter der Aufklärung erhalten blieben.

Literatur

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Empfohlene Zitierweise

Jütte, Robert: Abtreibung und Empfängnisverhütung. In: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller und Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: http://www.historicum.net/no_cache/persistent/artikel/5518/

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Erstellt: 19.09.2007

Zuletzt geändert: 19.09.2007

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