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Invocatio (Anrufung)
Anrufung Gottes, entweder durch ein Symbol (Bsp.: Chrismon) und/oder durch eine verbale Formel wie „In nomine sancte et individue trinitates“ (Im Namen der heiligen und unteilbaren Dreifaltigkeit; Friedensvertrag von Krakau, 1525 IV 8) oder „Au nom et à l'onneur et louange de la tres sainte et indivisée trinité et de toute la court celestielle, (Im Namen und zur Ehr und Lobpreisung der heiligsten und unteilbaren Dreifaltigkeit und den himmlischen Heerscharen; Waffenstillstand von Utrecht, 1517 IX 17).
Die Invocatio stellt zum einen die Bitte um den Segen Gottes für eine Rechtshandlung dar, zum anderen eine Legitimation für den Amtsträger mit dem Hinweis auf eine von Gott verliehene Vollmacht: Christus/Gott ist der wahre Herrscher der Welt, in dessen Auftrag der Urkundenaussteller während seiner irdischen Herrschaft lediglich zeitweilig tätig ist. Dieses Verständnis, im Auftrag Gottes zu handeln, kommt bis ins 18. Jh. häufig auch in der => Narratio zum Ausdruck mit Formulierungen wie „le Souverain bien, que le Roi des Rois Dieu nôtre Créateur, duquel seul nous tenons nôtre Roiaume, ait laisseé aux mortels“ (Vertrag von Senlis, 1493 IV 23).
Die Anrufung göttlicher Mächte geht schon weit in die vorchristliche Zeit zurück (ca. 18. Jh. v. Chr.), wobei sie in der römischen Antike nicht gebräuchlich war. Im christlichen Kontext ist die Invocatio ab dem 6. Jahrhundert in den Konzilsakten und den byzantinischen Kaiserurkunden zu finden. Ideelle Grundlage hierfür dürfte die Weisung des Apostel Paulus liefern, stets „in nomine domini Iesu Christi“ zu handeln.
Neben Gott/Christi werden in Vertragsurkunden gelegentlich auch Maria oder andere Heilige angerufen. Nach der Reformation verschwinden solche Formulierungen zunächst aus interkonfessionellen Verträgen und werden nach und nach allgemein seltener. Bei Verträgen mit nichtchristlichen Vertragspartner werden Kompromissformeln gewählt wie z.B. „Au nome de dieu unique“.
Verfasser: Peter Seelmann
Literatur:
Steiger, Heinhard, Vorsprüche zu und in Friedensverträgen der Vormoderne, Vortrag gehalten auf dem Wolfenbütteler Arbeitsgespräch „Kalkül – Transfer – Symbol: Europäische Friedensverträge der Vormoderne“, 15./16. März 2005 (Druck in Vorbereitung).
Koch, Walter, Invocatio, in: LexMA, Bd. V, 1999, Sp. 483-484.
Fichtenau, Heinrich, zur Geschichte der Invokationen und Devotionsformeln, (= Beitr. Zur Mediävistik 2), 1977.
Bittner, Ludwig, Die Lehren von den völkerrechtlichen Vertragsurkunden, Stuttgart – Leipzig – Berlin 1924.
Erstellt: 27.07.2006
Zuletzt geändert: 23.08.2006




