Definition

Definition 

 

Das DFG-Projekt „Europäische Friedensverträge der Vormoderne“ operiert mit begrifflichen Voraussetzungen, die im Verlaufe des Vorhabens überprüft werden. Es geht aus von fest umschriebenen geographischen, zeitlichen Grenzen und einer präzisen Vorstellung von den Archivalien. Welche Territorien gehören zu Europa, welche Zeit umfasst das Vorhaben und was ist unter einem Friedensvertrag zu verstehen? 

Zeitraum 

Das Vorhaben ist zeitlich begrenzt auf die Vormoderne. Nachgewiesen und systematisch gesammelt werden ausschließlich sämtliche Friedensverträge der Zeit zwischen ca. 1450 und 1789. Dabei wurde weder das Jahr 1450 noch das Jahr 1789 aus inhaltlichen, sondern aus organisatorischen Erwägungen eher willkürlich ausgewählt. Insofern sieht sich das Projekt als weiterer Baustein der seit über 300 Jahren andauernden Bemühungen um eine möglichst vollständige Friedensvertragssammlung.

Europa 

Nachgewiesen werden sämtliche europäische Friedensverträge. Im einzelnen werden in den maßgeblichen Archiven der folgenden Staaten und Länder recherchiert: in den deutschen Bundesländern (ehemalige Reichsstände), Österreich (Habsburg-Österreich), in der Schweiz (Eidgenossenschaft, u.a. Zürich, Luzern, Basel, Genf), in Italien (den ehemaligen italienischen Stadtstaaten und Gemeinwesen wie Venedig, Vatikan, Turin, Genua, Neapel, Mailand), ferner in Frankreich, Spanien, Portugal, Großbritannien, Schweden, Dänemark, in den Niederlanden (Generalstaaten), in Polen, Russland, Ungarn, Rumänien (Fürstentum Siebenbürgen) und auch in der Türkei (Osmanisches Reich). Ausgeschlossen werden Verträge mit Nordafrika und Kolonialverträge mit Amerika.

Friedensvertrag 

Nach einer Definition des Frühneuzeithistorikers Hermann Weber (Mainz) besitzen Friedenverträge eine doppelte Bedeutung. Zum einen beenden sie Krieg und zum anderen sichern sie Frieden:

„1. Traité en relation avec la fin d'une guerre (terme pris dans un sens large, y compris armistice, trêve...) 2. Traité dont l'intention est (expressis verbis ou non) la prolongation, la fortification ou l'extension etc. de l'état de paix (ou terme synonyme)".  

Der Friedenswahrung diente z.B. der Kongress von Cambrai (1722-1725), während der Friede von Rijswijk (1697 IX 20) – um jeweils nur ein Beispiel zu geben – kriegerische Handlungen beendete, nämlich die militärischen Operationen Ludwigs XIV. in der Pfalz. Die Definition lässt durchaus Raum für Diskussionen. So kann kontrovers darüber debattiert werden, ob der Teilungsvertrag von St. Petersburg (1772 VIII 5), die 1. Polnische Teilung, durch den weite polnische Gebiete an Russland, Habsburg-Österreich und Preußen fielen, ein Friedensvertrag ist. Im Laufe des Projekts ist deutlich geworden, und dies spricht dafür, ihn in die Sammlung aufzunehmen, dass eine große Anzahl von Friedensverträgen und Allianzen zwischen zwei Parteien gegen Dritte geschlossen wurde. 

Friedensverträge, dies gilt für die Frühe Neuzeit, sind Willenserklärungen der Vertragspartner und Vertragsparteien, die durch bestimmte Merkmale charakterisiert werden. Von einigen Ausnahmen, wie z.B. Beitrittserklärungen, Friedensplänen oder auch Deklarationen abgesehen, werden Friedensverträge von mindestens zwei Vertragspartnern, häufig von mehreren, unterzeichnet. Die Instrumente des Westfälischen Friedens 1648 wurden von folgenden Vertragspartnern signiert: vom Kaiser, Schweden, Frankreich, Venedig, Spanien und von den deutschen Reichsständen (als Verbündete Schwedens).

Friedensverträge werden durch den Souverän beziehungsweise im Namen des Souveräns geschlossen. Schon Hugo Grotius (1583-1645) erörterte diese Grundbedingung in seinem Werk „De jure belli ac pacis libri tres“ (1625). Somit verstehen wir Friedensverträge der Vormoderne nicht als Staatsverträge, wie es seit dem 19. Jahrhundert der Fall ist, bei denen der Staat Subjekt der Vertragsschließung ist und das Staatsoberhaupt Vertreter des Staates. Vielmehr handelt der Souverän nach dynastischen Interessen. Problematisch bei dieser Definition ist nun die Bestimmung der Souveränität. Eine Instanz, die die Souveränität festschrieb, gab es nicht. Das Projekt nimmt daher auch diejenigen nicht-souveränen Gemeinwesen auf, die nach Souveränität strebten.

Grundsätzlich ist bei den Friedensverträgen zwischen zwei Beurkundungsverfahren, nämlich dem einfachen unmittelbaren und dem zusammengesetzten, zu unterscheiden. Letzteres ist das häufigere und in die drei Vertragsstufen Vollmacht, Unterhändlerausfertigung und Ratifikation zu gliedern. In der Vollmacht (> Lexikonartikel  > Quellenbeispiel) überträgt der Souverän dem Unterhändler das Mandat, im Namen des Souveräns Verhandlungen zu führen. Kernstück für unser Projekt ist die Unterhändlerausfertigung (> Lexikonartikel  > Quellenbeispiel), die aufgrund sachlicher und pragmatischer Gründe das Datum des Vertragsabschlusses bestimmt. Denn im Unterhändlerinstrument werden vollständig die Verhandlungsergebnisse dargestellt und es wird zu einem bestimmten Zeitpunkt beurkundet, was bei den Ratifikationen (> Lexikonartikel  > Quellenbeispiel) nicht der Fall ist. Häufig wird daher der Friedensvertrag mit der Unterhändlerausfertigung synonym gesetzt. Mit der Ratifikation wird dieses Verhandlungsergebnis vom Souverän und den Verfassungsorganen des Gemeinwesens, z.B. durch das Parlament, bestätigt.

Friedensverträge können inhaltlich sehr facettenreich sein. Es sind viele verschiedene Formen und Kategorien von Friedensverträgen überliefert. Einige von diesen sind im „Lexikon“ dieses Themenportals beschrieben. So unterscheiden sich Waffenstillstände, durch die militärische Operationen eingestellt werden, in Inhalt und Intention von Verkehrs- und Handelsverträgen, die die gegenseitige Kommunikation der Vertragspartner vertiefen. Sogar Eheversprechen können in Friedensschlüssen aufgenommen werden, wie z.B. im 33. Artikel des „Pyrenäenfriedens“ (1659 XI 7) zwischen Frankreich und Spanien. Weitere Formen von Friedensverträgen sind: Tripel- und Quadrupelallianzen, Präliminarfriedensverträge, Konventionen, Subsidienverträge, Grenzrezesse, Erneuerungs- und Verlängerungsverträge, Familienpakte u.v.m.

Verfasser: Martin Peters 

 

Literatur: 

Bierther, Kathrin, Die Politik Maximilians I. von Bayern und seiner Verbündeten 1618-1651, 2. Teil, Bd. 10, Der Prager Frieden von 1635. (4. Teilbd.), München-Wien 1997.  

Fisch, Jörg, Krieg und Frieden im Friedensvertrag. Eine universalgeschichtliche Studie über Grundlagen und Formelemente des Friedensschlusses, Stuttgart 1979.  

Duchhardt, Heinz, Gleichgewicht der Kräfte – Convenance – Europäisches Konzert, Darmstadt 1976.  

Bittner, Ludwig, Die Lehre von den völkerrechtlichen Vertragsurkunden, Stuttgart/Berlin/Leipzig 1924. 

 



Erstellt: 27.07.2006

Zuletzt geändert: 23.08.2006