Verlauf

Verlauf der Revolution

IV. Revolution in der Krise (1791 bis 1793) 

 

Als die liberale Umgestaltung des Ancien Régime sich nicht verwirklichen ließ, brach Frankreich mit dem Übergang zur Republik im September 1792 vollständig mit der monarchischen Tradition. Durch den Ausbruch des Krieges erhielt die Revolution eine neue Dimension und geriet in den Sog eines starken Wechselverhältnisses zwischen Innen- und Außenpolitik. Ihre Verteidigung gegen innere und äußere Gegenkräfte führte zu wachsender Gewalt und schweren Krisen. 

 

1. Assemblée Nationale Législative 

Assemblée Nationale Législative 

Nachdem die Constituante mit der Verfassungsgebung ihre Hauptaufgabe erfüllt hatte, wurde am 1. Oktober 1791 eine neue Nationalversammlung gewählt, die nun als gesetzgebende Nationalversammlung (Assemblée Nationale Législative) für ein Jahr tätig sein sollte. Tagungsort war die Manège, der ehemalige Reitsaal des Tuilerien-Schlosses. 

ungelöste Probleme 

Die Abgeordneten waren zu einem überwiegenden Teil Juristen und grundbesitzende Bürger, meist junge, politisch unerfahrene Männer. Sie lassen sich grob drei politischen Parteiungen zuordnen: auf der "Linken" die Brissotins oder Girondisten, in der "Mitte" die Indépendants (Unabhängige) und auf der "Rechten" die Feuillants

Maßnahmen gegen gegen Emigranten und "Refraktäre" 

Die offenen Probleme, mit denen sich die Legislative zu befassen hatte, waren zahlreich: die Enttäuschung der Kleinbauern über die Ergebnisse der Agrarpolitik, der politische Ausschluss breiter Bevölkerungskreise durch das Zensuswahlrecht, die anhaltende Wirtschafts- und Versorgungskrise, das Kirchenschisma zwischen eidverweigernden ("Refraktären") und revolutionstreuen Priestern, der Umgang mit den gegenrevolutionären Kräften Hof, Kirche und Emigranten.  

"Ackergesetz" 

Die wichtigsten Dekrete der Jahre 1791 und 1792 richteten sich mit Maßnahmen wie Konfiskation des Besitzes und Deportationen v.a. gegen Emigranten und eidverweigernde Priester.
Außerdem wurde die Königsgarde aufgelöst und in der Nähe von Paris ein Lager für 20.000 Nationalgardisten aus den Provinzen eingerichtet.
Auf Druck der Bauern und Sansculotten kam im August 1792 ein "Ackergesetz" zustande, das die entschädigungslose Abschaffung aller Feudalrechte, für die kein Rechtsanspruch nachgewiesen werden konnte, beschloss. 

 

2. Ludwig XVI.: Flucht, Absetzung, Hinrichtung 

Flucht nach Varennes 

Ludwig XVI. war nicht ernsthaft bereit, den revolutionären Wandel zu akzeptieren und plante mit Hilfe des emigrierten Adels und den europäischen Monarchen die Entwicklung wieder rückgängig zu machen. 

Am 20./21. Juni 1791 versuchte der Monarch mit seiner Familie von Paris nach Metz zu fliehen. Doch das Unternehmen war nicht besonders gut geplant und die königliche Kutsche wurde bereits in Varenne von der Bevölkerung und der Nationalgarde gestoppt. Vier Tage später musste der König von Nationalgardisten flankiert nach Paris zurückkehren, wo ihn eine riesige Volksmenge schweigend empfing. 

Diese Flucht zerstörte den Mythos der Monarchie endgültig, das Doppelspiel und die gegenrevolutionären Absichten Ludwigs XVI. waren offensichtlich geworden. 

Das Parlament beschloss eine vorübergehende Amtsenthebung. Der König schwor daraufhin zwar am 14. Juli feierlich auf die Verfassung, setzte aber in der Praxis seine Blockade-Politik mit Hilfe des Veto-Rechts fort.  


Abb. 1: Ludwig XVI.

  

Absetzung und Gefängnis 

Gut ein Jahr später, im Tuilerien-Sturm am 10. August 1792, wurde der Vertrauensverlust des Volkes in die Monarchie ausdrücklich: Der König wurde abgesetzt und mitsamt seiner Familie im Temple-Gefängnis inhaftiert.  

Prozess 

Der Nationalkonvent strengte wenig später einen Prozess gegen den Monarchen an. Die Anklage stützte sich auf Dokumente des Königs, die im "eisernen Schrank" (armoire de fer) in den Tuilerien entdeckt worden waren, und woraus die konspirativen, gegenrevolutionären Aktivitäten des Königs hervorgingen.
Die Versammlung erklärte ihn des "Verrats an der Freiheit und des Anschlags auf die allgemeine Sicherheit" für schuldig und stimmte am 18. Januar 1793 mit 387 zu 334 Stimmen für die Todesstrafe. 

Hinrichtung 

Am 21. Januar 1793 fand die öffentliche Hinrichtung Ludwigs XVI. durch die Guillotine statt, Marie-Antoinette folgte ihm zehn Monate später, am 16. Oktober 1793, aufs Schafott.  


Abb. 2: Philippe Égalité

 

  

 

3. Krieg 

Deklaration von Pillnitz 

Die beständige Furcht vor konterrevolutionären Angriffen von innen und außen wurde verstärkt durch den Fluchtversuch des Königs und die Deklaration von Pillnitz (27. August 1791), in der Österreich und Preußen auf Druck der Emigranten erklärten, "dass sie die Lage, in der sich der König von Frankreich augenblicklich befindet, als Gegenstand des gemeinsamen Interesses der Souveräne Europas betrachten". Damit war eine - wenn auch verhaltene - Interventionsdrohung ausgesprochen. Frankreich hatte sich im Europa der Allianzen völlig isoliert. 

Kriegsdebatten 

In der Nationalversammlung entbrannten bald heftige Debatten über den Krieg, die zu deutlichen Polarisierungen unter den Abgeordneten führten. Für den Krieg sprachen sich vor allem die Girondisten aus, die erwarteten, dass auf diese Weise die revolutionäre Dynamik der Unterschichten nach außen abgelenkt werden könne und sie selbst die Regierung übernehmen könnten. Mit nationalistischer Propaganda und missionarischem Sendungsbewusstsein warben sie für den Krieg und den universalistischen Geltungsanspruch der Ideale von 1789. Gemäß dem Motto 

"Krieg den Palästen, Friede den Hütten!" 

sollten die despotischen Herrschaften zerstört und die Völker befreit werden.  

Kriegsgegner Robespierre 

Einer der Hauptbefürworter des Krieges aus den Reihen der Girondisten war Brissot, der ebenso wie Robespierre Mitglied des Jakobiner-Clubs war. Robespierre hingegen warnte eindringlich vor dem Krieg und seinen unkontrollierbaren Folgen:
"Schafft bei Euch selbst Ordnung, bevor Ihr daran geht, die Freiheit anderswohin zu tragen!" 

Niederlagen 

Solche Mahnungen fanden jedoch keine Beachtung. Am 20. April 1792 erklärte der Nationalkonvent Österreich den Krieg. Zur Überraschung der Revolutionäre trat bald darauf Preußen an der Seite des Habsburgerreichs in den Krieg ein. Was aus französischer Sicht zunächst als "offensive Verteidigung" der Revolution begann, sollte sich in den nächsten beiden Jahrzehnten zu einem großen europäischen Krieg ausweiten, der erst durch den Wiener Kongress 1815 endgültig beendet wurde.  

Sieg bei Valmy (20.9.1792) 

Freiwilligenregimenter wurden ausgehoben, die Truppen der Föderierten sammelten sich in Paris. Die schlecht gerüsteten und desorganisierten französischen Armeen mussten zunächst mehrere Niederlagen hinnehmen, während die preußischen Verbände Richtung Paris vorrückten. 

Doch dann wendete sich das Blatt. Die Revolutionstruppen errangen bei Valmy einen psychologisch wichtigen Sieg, stießen ins Rheinland vor und besetzten ohne Widerstand Speyer, Worms, Mainz und Frankfurt. Im Südosten wurden Nizza und Savoyen "befreit".  

Erste
Koalition der Gegenmächte (1792-1795)

Für die europäischen Monarchien bedeutete der französische Vormarsch eine doppelte Herausforderung: Zum einen drohte Frankreich durch die territoriale Expansion eine hegemoniale Stellung einzunehmen, zum anderen verbreitete es das Modell der revolutionär umgestalteten Gesellschaft und bedrohte damit die Herrschenden auch von innen heraus. Angesichts dieser Entwicklungen und voller Empörung über die Hinrichtung des Königs reihten sich 1793 auch Großbritannien, die Niederlande, Piemont und Spanien in die Erste Koalition gegen Frankreich ein.  

 

4. Politisierung der Massen 

Volksbewegung 

Der Krieg verstärkte auch die innenpolitischen Auseinandersetzungen. Die regierende Nationalversammlung musste die Handlungsinitiative immer mehr an die Volksmassen und an außerparlamentarische politischen Gruppierungen wie die Clubs und die Komitees der 48 Pariser Sektionen (Verwaltungsbezirke) abgeben. Die sich verselbständigende Volksbewegung entstand aus dem Verlangen nach Absicherung der Existenzgrundlage: eine zentrale Forderung war die Festlegung von Höchstpreisen für Brot und andere Lebensmittel.  

Ziele: soziale Demokratie 

Zunehmend wurden nun aber auch politische Vorstellungen formuliert, die sich gegen die Dominanz des Großbürgertums und die aufkommenden kapitalistischen Wirtschaftsstrukturen richteten und auf die Ausgestaltung einer sozialen Demokratie abzielten. Dementsprechend trat zu den republikanischen Tugenden "Freiheit" und "Gleichheit" ab 1791 auch die "Brüderlichkeit".  

Sansculotten 

Motor dieser Volksbewegung waren die "Sansculotten", kleine Ladenbesitzer, Dienstboten, Angestellte, Handwerker und Künstler, meist aus den Pariser Vororten. Die "Sansculotten" waren - seit dem 14. Juli 1789 - die Hauptakteure der Pariser Journées (Volksaufstände), wie sie auch in den Jahren 1792-95 noch mehrmals entscheidend zum Verlauf der Ereignisse beitragen sollten. 

Föderierte in der Hauptstadt 

Im Juli 1792 trafen 20.000 Nationalgardisten ("Föderierte") aus ganz Frankreich zum Nationalfeiertag, dem dritten Jahrestag des Bastille-Sturms, in der Hauptstadt ein. Unter ihnen war auch das Regiment aus Marseilles, dessen Marschlied als "Marseillaise" Berühmtheit erlangen sollte.  

Forderungen: Neuwahlen und Abstetzung des Königs 

Die Kriegslage war zu diesem Zeitpunkt äußerst kritisch, die Stimmung in der Hauptstadt angsterfüllt und explosiv. Aus den Pariser Sektionen wurden Forderungen nach Neuwahlen und nach der Absetzung des Königs laut, da dieser seine Veto-Politik nicht aufgab. Schon ein Jahr zuvor, am 17. Juli 1791, hatte eine Volksversammlung auf dem Marsfeld für den Übergang zur Republik demonstriert, war aber von Nationalgardisten blutig aufgelöst worden.  

Entscheidung für Neuwahlen 

Während die Girondisten weiterhin mit dem König zusammenarbeiteten und die Volksbewegung einzudämmen versuchten, erkannte Robespierre die irreversible Eigendynamik der Entwicklungen an und machte sich zum parlamentarischen Sprachrohr des Volkes. Nach seinem erfolgreichen Plädoyer beschloss die Legislative Neuwahlen nach dem allgemeinen Wahlrecht. Der neue Nationalkonvent sollte die Aufgabe haben, eine republikanische Verfassung zu erarbeiten.  

Tuilerien Sturm 

Der Parlamentsbeschluss konnte "die Straße" jedoch nicht sofort beruhigen. In der Nacht auf den 10. August riefen Sturmglocken eine große Menschenmenge zusammen und 15.000 Sansculotten und Föderierte stießen zum Tuilerien-Schloss vor. Die königliche Familie hatte sich bereits in Sicherheit gebracht, doch die Schweizergarde verteidigte das Schloss, wobei etwa 100 Angreifer getötet wurden. Nach der erfolgreichen Einnahme machten die Eroberer fast alle 600 Schweizergardisten auf brutale Weise nieder.  

revolutionäre Commune 

Am selben Abend konstituierte sich auch eine revolutionäre Pariser Stadtverwaltung (Commune insurrectionelle), welche die bestehende Commune gewaltsam ablöste und in der Folgezeit eine zentrale Machtposition neben der Legislative einnahm. Von der Commune gingen bald erste "Wohlfahrtsmaßnahmen" aus:
Royalisten, Eidverweigerer und andere "Verdächtige" wurden in großer Zahl verfolgt und verhaftet, Hausdurchsuchungen durchgeführt und Getreidevorräte beschlagnahmt. 

"September-
morde"

Vom 2. bis 4. September 1792 kam es zu einer Eskalation der Gewaltbereitschaft. In den sog. "Septembermassakern" drangen aufgebrachte Sansculotten in die Gefängnisse ein und ermordeten aus Angst vor "Verschwörern" blindlings gefangene Aristokraten, Priester sowie viele kriminelle Häftlinge, die politisch völlig unbeteiligt waren.  

 

5. Nationalkonvent und Republik 

Absetzung des Königs 

Das endgültige Ende der Monarchie wurde am 21. September 1792, einen Tag nachdem die Revolutionsarmee bei Valmy einen entscheidenden Sieg errungen hatte, vom neu gewählten Nationalkonvent mit der Absetzung des Königs besiegelt; ab dem darauffolgenden Tag rechnete man offiziell den Beginn der Republik. Aufgrund der Kriegssituation übernahm das Parlament zur legislativen auch die exekutive Gewalt.  

Parteiungen des Konvents 

Die letzten Anhänger der Monarchie, die Feuillants, wurden aus dem Nationalkonvent vertrieben. Die Girondisten, dadurch nach "rechts" gerückt, waren bis Mitte 1793 die tonangebende Fraktion des Konvents, so dass man für diese Zeit vom "Girondisten-Konvent" spricht.

In der Mitte des politischen Spektrums befand sich die "Ebene" (Plaine) - abfällig auch "Sumpf" (Marais) genannt -, die für die Kontinuität der bürgerlichen Revolution stand, während die Linke nun von den Montagnards ("Berg-Partei") um Robespierre, Danton und Marat dominiert wurde.

Zwischen Montagnards und Girondisten entstand ein tiefer Graben. Während die einen sich zunehmend auf die Volksmassen stützen und eng mit den Sansculotten kooperierten, verstanden sich die anderen als Vertreter des Besitzbürgertums und weigerten sich, eine Politik der "Anarchie" und "Gleichmacherei" zu unterstützen.  

Beschlüsse des Girondisten-
Konvents

Zu den wichtigsten Beschlüssen des Girondisten-
Konvents gehören:

  • Einführung des Zivilstandsregisters anstelle der kirchlichen Registrierung von Geburt, Taufe und Sterbefall  

  • Einrichtung der "Volksvertreter in Mission" zur Durchsetzung der Konventsbeschlüsse in der Provinz  

  • Einsetzung eines Revolutionstribunals  

  • Gründung des "Wohlfahrtsausschusses" (Comité du Salut Public) auf Antrag Dantons  

  • Dekret über Höchstpreise für Getreide (kleines bzw. erstes Maximum)  

  • Dekret über eine nationale Zwangsanleihe
    (1 Mrd. Livres)

 

6. Fazit 

 

  1. Mit der Abschaffung der Monarchie fand eine zweite Revolution statt. Die "Straße" verdrängte die verfassungsmäßigen Organe bei der politischen Initiative weitgehend. Die radikaleren Kräfte bestimmten das Geschehen und schreckten die gemäßigten durch zunehmende Gewalt ab. 

  2. Die Ausnahmesituation des Krieges diente als Rechtfertigung für die Aufhebung der Gewaltenteilung. Parallel zur eigentlichen Exekutive wurde die Pariser Commune zu einem wichtigen Machtzentrum der öffentlichen Gewalt. 

    Zu den Ursachen für die Kriegsinitiative des durch die Revolution eigentlich stark "geschwächten" Frankreich gibt es verschiedene Deutungen: 

    H.Taine und F. Furet / D. Richet sehen den Grund in einer hysterischen Überreiztheit der Revolutionäre als Reaktion auf die (überschätzte) Bedrohung von außen. Viele deutsche Historiker seit H. Sybel interpretieren die Kriegseuphorie v.a. der Girondisten als Ablenkungsmanöver von den innenpolitischen Schwierigkeiten. 

  3. A. Aulard / A. Mathiez hingegen sehen in Ludwig XVI. den Drahtzieher der Kriegsinitiative, der nach seinem Kalkül - entweder als siegreicher Führer der Revolutionsarmeen oder als wiederhergestellter absolutistischer Monarchie - nicht verlieren konnte. 

 

Empfohlene Zitierweise

Büttner, Sabine: IV. Revolution in der Krise. Aus: Die Französische Revolution - eine Online-Einführung: Verlauf, in: historicum.net, URL: http://www.historicum.net/no_cache/persistent/artikel/487/

Bitte setzen Sie beim Zitieren dieses Beitrags hinter der URL-Angabe in runden Klammern das Datum Ihres letzten Besuchs dieser Online-Adresse.



Erstellt: 22.12.2005

Zuletzt geändert: 27.06.2006