Verlauf

Verlauf der Revolution

I. Inkubationsphase: Vorrevolution 

 

Die Systemkrise des Ancien Régime, das gewachsene Selbstbewusstsein des Bürgertums und die katastrophale Finanzlage verstärkten gegen Ende des 18. Jahrhunderts die sozialen und politischen Gärungen in der Gesellschaft. Die Krise äußerte sich zunächst in der Auseinandersetzung zwischen absoluter Monarchie und Adel. Die Revolte der traditionellen Eliten, die mit Hartnäckigkeit ihre Privilegien gegen die verspäteten Reformversuche der Krone verteidigten, brachte schließlich aber eine Bewegung in Gang, die weit über die ursprünglichen Absichten und Akteure hinausging. 

 

1. Prestigeverlust der Krone 

schwindende Autorität 

Das Königtum hatte im Jahrhundert der Aufklärung viel von seiner integrativen Kraft und seiner sakralen Aura eingebüßt. Das Bild des Monarchen als Inbegriff des Staates und der väterlichen Autorität verlor zunehmend an Überzeugungskraft, und Ludwig XVI. wird allgemein als zu "schwach" charakterisiert, als dass er es hätte wiederbeleben und ausfüllen können.  

"Halsband-Affaire" 

In den 1780er Jahren verlor die Krone v.a. durch die "Halsband-Affäre" Marie-Antoinettes weiter rapide an Ansehen: Kardinal Rohan, am Hof in Ungnade gefallen, versuchte seine Stellung wiederzuerlangen, indem er der Königin ein Diamanten-Collier im Wert von 1,6 Mio. Livres zukommen lassen wollte. Initiatorin und Vermittlerin des Geschäfts war die betrügerische Gräfin Jeanne La Motte, die den Kardinal mit gefälschten Briefen zu dem Vorgehen überredet hatte, dann jedoch mit dem Halsband verschwand.  

Luxus und Verschwendungs-
sucht

Als der leichtgläubige Kardinal das teure Schmuckstück nicht bezahlen konnte, trat der Juwelier mit seinen Forderungen direkt an den Hof heran, in der Annahme, dass Rohan im Auftrag der Königin gehandelt habe. Der Skandal war perfekt.  

Schmähschriften 

Obwohl Marie-Antoinette daran unschuldig war, fiel die Affäre auf sie zurück. In den Augen des Volkes galt sie nun als die "österreichische Hure", und die weit verbreiteten Gerüchte über den überzogenen Luxus und die Verschwendungssucht des Hofes schienen einmal mehr bestätigt. 

Angesichts der geltenden Zensurbestimmungen äußerte die Öffentlichkeit ihre Meinung in geheimen Schmähschriften, Gedichten und Gerüchten. Ein "Bestseller" der verbotenen Literatur war Les amours de Charlot et Toinette / Essai historique sur la vie de Marie-Antoinette, ein obszönes Pamphlet gegen die Königin.  

 

2. Adelsrevolte 

angestrebte Finanzreform 

Das zentrale Problem der französischen Monarchie war der drohende Staatsbankrott. Zur Sanierung des Haushalts legte der Generalkontrolleur der Finanzen, Calonne, 1787 einen Reformplan vor, der vorsah, die groben Ungleichheiten des Steuersystems aufzuheben, den Getreidehandel zu liberalisieren und die Binnenzölle abzuschaffen.  

anti-absolutistische Opposition der Parlements 

Um das übliche Bewilligungsverfahren durch die Parlements (Gerichtshöfe) zu umgehen, wollte er die Gesetze von einer eigens nach Versailles berufenen "Notabeln-Versammlung" (Aristokraten, Kleriker, geadelte Bürger) absegnen lassen. 

Notabeln-
Versammlung

Die Parlements waren mit zunehmender Schwäche des Königtums immer mehr zu Orten der anti-absolutistischen Opposition geworden, wo der (Amts-)Adel seine Privilegien und traditionellen Rechte verteidigte. Hier kam die Spannung zwischen absoluter Monarchie und Adel voll zum Tragen.  

Einberufung der Generalstände-
Versammlung

Doch die Notabeln-Versammlung verweigerte die Zustimmung zu den geplanten Reformmaßnahmen ebenfalls. Unterstützt wurde sie zunächst auch von bürgerlichen Gegnern der Finanzreform, die gegen Absolutismus und Steuerzwänge aufbegehrten. Ludwig XVI. sah sich gezwungen, Calonne zu entlassen und löste am 25. Mai 1787 die Versammlung auf. 

Das Parlement von Paris, unterstützt von der Bevölkerung, führte den anschließenden Machtkampf mit dem König weiter. "Das Volk", so Voltaire, "sieht im Parlament nur den Feind der Steuern, und die Reichen ermutigen das Murren des Pöbels."

Im Sommer 1788 schlossen sich die Provinzen dem Aufbegehren an. Als in der Dauphiné eine Tagung des Parlements verboten wurde, kam es in der Provinzhauptstadt Grenoble zu einem Aufstand. Gegen den Willen des königlichen Statthalters versammelten sich darauf die Provinzialstände in der Ortschaft Vizille. Die Versammlung, auf der die Vertreter des Dritten Standes die Mehrheit stellten, forderte für ganz Frankreich die Einberufung der Generalstände (État Généraux), die mit dem Recht der Steuerbewilligung ausgestattet sein sollten. Ludwig XVI. lenkte angesichts des massiven öffentlichen Drucks schließlich ein und berief am 8. August 1788 die Ständeversammlung für Mai 1789 - zum ersten Mal seit 1614 - nach Versailles ein. 

 

3. Verselbständigung des Dritten Standes 

Forderung nach Gleichgewicht 

Im Streit um die Zusammensetzung und den Abstimmungsmodus der Generalstände zerbrach die Koalition aus Adelsrevolte und bürgerlichen Kräften rasch. 

Der Dritte Stand hatte Ziele, die über den Anti-Absolutismus hinausreichten und sich gegen die privilegierten Stände richteten: Gleichheit vor dem Gesetz und Teilhabe an der politischen Macht.  

Abstimmung nach Ständen vs. Abstimmung nach Köpfen 

Die Parlements verlangten die Einberufung der Generalstände in der "gewohnten Ordnung", die Adel und Klerus automatisch die Mehrheit gesichert hätte: Jeder der drei Stände sollte gleich viele Abgeordnete stellen, die Abstimmung sollte nach Ständen erfolgen. Demgegenüber forderte der Dritte Stand die Verdopplung seiner Vertreter und ein Stimmrecht nach Köpfen. Die berechtigte Hoffnung auf Unterstützung aus den Reihen aufgeklärter Adliger oder des niederen Klerus stellte ihm so die Möglichkeit vor Augen, seine Interessen - die Interessen der Nation - durchzusetzen. 

Der König versuchte eine Kompromisslösung und verdoppelte nach dem Vorbild der Provinzialstände in Vizille die Anzahl der Vertreter des Dritten Standes. Die Frage des Abstimmungsmodus blieb zunächst offen und barg weiterhin Sprengstoff.  

 

4. Vorbereitungen der Generalstände-Versammlung 

Politisierung der Öffentlichkeit 

Die Zeit der Vorbereitung der Wahlen zur Generalstände-Versammlung war eine Zeit der Hoffnung und des intensiven öffentlichen Meinungsaustauschs. In Cafés und Clubs, Freimaurerlogen und mittels Tausender von Flugschriften wurde heftig diskutiert, polemisiert und die Möglichkeiten der Gesellschaftsreform erörtert.  

Beschwerdehefte 

Nöte, Wünsche und Erwartungen der Gemeinden und Körperschaften gelangten in Form von über 60.000
cahiers de doléances (Beschwerdehefte) über die Hände der Abgeordneten vor das Forum der Ständeversammlung.
 

anti-absolutistisch, pro-monarchisch 

Alle drei Stände waren sich einig in den liberalen Forderungen nach einer Beschränkung der absolutistischen Vollmachten des Königs. Zu den zentralen Anliegen gehörten auch die Steuerreform, die Abschaffung lokaler Missstände sowie persönliche Freiheitsrechte. Die Stimmung war jedoch zu diesem Zeitpunkt keineswegs anti-monarchisch, vielmehr erwartete man die Lösung der Probleme und die "Versöhnung der Nation" durch den Monarchen.  

 

5. Fazit 

 

  1. Die Krise, die in der Inkubationsphase der Revolution zum offenen Ausbruch kam, war struktureller Natur und hatte sich schon seit längerem vorbereitet. Die Regierung zeigte sich nicht mehr im Stande, die Reform des Systems aus eigenen Kräften zu leisten. 

  2. Die Entwicklung von 1787/1788 macht deutlich, dass die Revolution nicht aus einem einfachen Gegensatz zwischen "rückständigem" Adel und "aufstrebendem" Bürgertum erwuchs, sondern aus mehrschichtigen, auch innerständischen Spannungen, die sich zunächst in einem gemeinsamen Angriff auf die absolutistische Monarchie - nicht auf den Monarchen selbst – entluden. 

  3. Die anti-absolutistische Koalition von Drittem Stand und Adel zerbrach bald nach der Einberufung der Generalstände. Stattdessen kam es zu neuen Frontstellungen im Kampf um die politische Teilhabe am Staat. 

 

 

Empfohlene Zitierweise

Büttner, Sabine: I. Inkubationsphase: Vorrevolution. Aus: Die Französische Revolution - eine Online-Einführung: Verlauf, in: historicum.net, URL: http://www.historicum.net/no_cache/persistent/artikel/472/

Bitte setzen Sie beim Zitieren dieses Beitrags hinter der URL-Angabe in runden Klammern das Datum Ihres letzten Besuchs dieser Online-Adresse.



Erstellt: 22.12.2005

Zuletzt geändert: 26.03.2007