| 1. Wirtschaftssystem |
kaum Überschuss- produktion | Das Wirtschaftssystem Frankreichs als Ganzes betrachtet überstieg um 1700 noch kaum die Stufe der Subsistenzwirtschaft, d.h. das Gros der wirtschaftlichen Erträge diente unmittelbar der Deckung des Eigenbedarfs und nur ein relativ geringer Anteil der Gesamtleistung wurde als Überschuss für den Markt produziert. |
Landwirtschaft | Der dominierende Sektor war die Landwirtschaft, die aufgrund der traditionellen, wenig technisierten Anbaumethoden auf meist kleinbäuerlichen Betrieben vergleichsweise geringe Erträge erwirtschaftete und stark abhängig von zyklischen Produktionskrisen war. Kam es zu Missernten, war meist die gesamte Wirtschaft unmittelbar davon betroffen. |
Gewerbe | Die gewerbliche Produktion beruhte im Wesentlichen auf dem ländlichen Heimgewerbe, den z.T. staatlichen Manufakturen und dem Handwerk. Für die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts lässt sich eine Expansion des ländlichen Heimgewerbes feststellen, das jedoch von agrarischen Rohstoffprodukten abhängig und daher ebenfalls deutlichen Schwankungen unterworfen war. |
Handwerk | Das Handwerk zeigte sich als relativ statische Größe, die im betrachteten Zeitraum kaum quantitative oder qualitative Veränderungen aufwies. Das Bestreben des Staates, namentlich des "Finanzministers" Turgot, durch die gänzliche Abschaffung der Zünfte die handwerkliche Produktion im Sinne merkantilistischer Wirtschaftsförderung zu reformieren und zu öffnen, ließ sich nicht durchsetzen, allerdings wurden die Zunftschranken seit den 1770er-Jahren gelockert. |
Industrie | Moderne industrielle Produktionsweisen fanden in Frankreich eher zögerlich Eingang: Die ersten mechanischen Baumwollspinnereien wurden seit Mitte des 18. Jahrhunderts eingerichtet, die ersten Dampfmaschinen zum Betrieb von Pumpen tauchten erst in den 1790er-Jahren auf. Von "Industrie" lässt sich vorsichtig für das Bauwesen und das Textilgewerbe sprechen, wobei starke regionale Konzentrierungen zu berücksichtigen sind; so war das Textilgewerbe vornehmlich in Nordwestfrankreich angesiedelt. Ein qualitatives, beschleunigtes Wachstum der gewerblichen Erzeugung im Sinne der Industrialisierung ist in Frankreich jedoch erst in den 1820er- und -30er-Jahren zu finden. |
Handel | Ein stark expandierender Wirtschaftssektor war hingegen der Handel: Im maritimen Warenverkehr innerhalb Europas lässt sich zwischen 1715 und 1789 ein Zuwachs um das 5-fache verzeichnen, im Überseehandel mit den Kolonien war er sogar noch größer. Die Gewinner dieser Entwicklung waren vor allem die Kaufleute und Handelsgesellschaften in den Handelsmetropolen der Küste wie Nantes, Bordeaux und Marseilles. |
relativ wenig "kapitalisitsche" Dynamik | Die Ursachen für die trotz des Wachstums in manchen Zweigen relativ schwache Innovations- und Kapitalisierungskraft der französischen Wirtschaft - vor allem im Vergleich zum Nachbarland England - liegt möglicherweise in der Beharrungskraft der hergebrachten Wirtschaftsformen und des ökonomischen Denkens. Das Bürgertum trat jedenfalls kaum als einheitlicher Motor "kapitalistischer" Innovation auf, sondern reinvestierte unternehmerische Gewinne den traditionellen Anforderungen des Sozialprestiges folgend vorwiegend in den Erwerb von Grundbesitz und Ämtern. |
keine klare Trennung von Bürgertum und Adel | Ein grundsätzlicher Gegensatz der Wirtschaftsinteressen von Bürgertum und Adel - wie von der sozialistisch-marxistischen Forschung als Erklärung der Revolution lange behauptet (A. Mathiez, G. Lefebvre, A. Soboul) - lässt sich jedenfalls kaum erkennen: Denn ebenso wie die Bourgoisie "adeliges" Wirtschaftsgebaren nachahmte, lassen sich im Adel "bürgerliche" Verhaltensweisen wie die finanzielle Beteiligung in Handel und gewerblicher Produktion feststellen. |
| 2. Konjunktur und Krisen |
langfristige positive Entwicklung | Auf das gesamte 18. Jahrhundert hin betrachtet stieg die Konjunkturkurve der französischen Wirtschaft stark an. Vom Aufschwung begünstigt waren der Außenhandel, die Textilindustrie, die landwirtschaftliche und die gewerbliche Produktion. Ein Indiz für den wachsenden Reichtum ist der Anstieg der Bevölkerungszahl von etwa 20 auf 26 Millionen. |
ungleiche Gewinnverteilung | Mit der Produktion stiegen ab den1730er-Jahren jedoch auch die Preise; die Teuerung erreichte bis 1780 50-60%. Die positive Wirtschaftsentwicklung kam folglich nicht allen Schichten gleichermaßen zugute: Von den gestiegenen Preisen für landwirtschaftliche Produkte, verbunden mit einem starken Anstieg der Pachten, profitierten in erster Linie marktorientierte Großbetriebe. Da die Lohnkurve hinter der Preissteigerung zurückblieb, sanken die Reallöhne und die Lohnempfänger verarmten. |
Teuerungs- unruhen | Diese Entwicklung traf mit dem Bestreben der Regierung seit den 1760er-Jahren zusammen, im Zuge allgemeiner Wirtschaftsliberalisierung die bisher strikte staatliche Reglementierung des Getreidehandels zu lockern. Als es infolgedessen zu Getreidespekulationen und zeitweilig hohem Preisanstieg kam, machte sich die Wut der betroffenen Konsumenten in Teuerungsunruhen Luft. Im sog. "Mehlkrieg" von 1775 kam es in Paris und im Umland zu regelrechten Aufständen. |
mittelfristige Krise | In den Jahren unmittelbar vor Ausbruch der Revolution ging das Preisniveau für die beiden agrarischen Hauptprodukte Getreide und Wein im Vergleich zur Hochkonjunktur der 1760er-Jahre in Folge der Überproduktion wieder zurück und schwächte damit die Kaufkraft der ländlichen Erzeuger.
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Senkung der Importzölle | Um den Weinexport zu unterstützen, senkte die Regierung 1786 - sozusagen als Gegenleistung - die französischen Importzölle auf englische Waren. Die Konkurrenz der englischen Produkte wirkte sich jedoch negativ auf andere Branchen, vor allem die Textilindustrie, aus und führte zu einem merklichen Anstieg der Arbeitslosigkeit. |
"feudale Reaktion" und Modernisierung | Ein Teil der adeligen Großgrundbesitzer reagierte auf den Rückgang der Gewinne aus dem Boden durch Erhöhung der Feudalabgaben bzw. Wiederbelebung längst vergessener Rechte, was häufig als rückwärtsgewandte Haltung verstanden wurde. Diese Reaktionen lassen sich jedoch auch als eine "verschleierte Modernisierung" (E. Schulin) interpretieren und in die schon seit der Jahrhundertmitte erkennbare Tendenz zu steigender Rationalisierung der Bewirtschaftungs- und Verwaltungsmethoden einordnen. Durch viele dieser Modernisierungsmaßnahmen wie die Vergrößerung der Domänen, Einhegungen, Usurpation von Gemeinderechten sowie durch den Anstieg der Bodenspekulation fühlten sich die Bauern in ihrer traditionellen Wirtschaftsweise bedroht. Ihr Protest gegen die zunehmende Kapitalisierung der Landwirtschaft ist u.a. an den zahlreichen Prozessen ablesbar, die sie gegen ihre Grundherren anstrengten. |
kurzfristige Krisenfaktoren | Zu den kurzfristigen Faktoren im Ursachenbündel der Revolution gehörte die verheerende Missernte im Sommer 1788, die durch Unwetter verursacht worden war. Sofort stiegen die Getreidepreise wieder rapide an und stürzten einen Großteil der ärmeren Stadtbevölkerung in Hungersnot. Die Brotpreise erreichten ihr Maximum am 14. Juli 1789 - und blieben auch in der Folgezeit in wichtiger Indikator für die Revolutionsbereitschaft der genannten Bevölkerungsgruppen. |
| 3. Finanzkrise |
| In den Jahrzehnten vor Ausbruch der Revolution führten die strukturellen Mängel des absolutistischen Staates zu einer tiefen Finanzkrise, die sich schließlich als Bedrohung für das gesamte System darstellte. |
Reformversuche Turgots und Neckers | Seit den 1770er- und 80er-Jahren fehlte es nicht an engagierten Reformvorschlägen aus den Reihen der politisch Verantwortlichen: Turgot, Generalkontrolleur der Finanzen, setzte 1774 zu umfassenden Neuerungen des Systems im Sinne eines aufgeklärten Absolutismus an, verlor aber bald das Vertrauen des Königs. Sein Nachfolger Necker, der 1781 erstmals das Staatsbudget öffentlich machte - allerdings mit geschönten Zahlen - konnte seine Pläne ebenfalls nicht durchsetzen. Als skandalös empfand die Öffentlichkeit vor allem die Ausgaben und die luxuriöse Lebenshaltung des Hofes, obwohl diese nur einen relativ geringen Anteil des Gesamthaushalts ausmachten. |
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Haushaltsdefizit | 1786 informierte Calonne den König vom bevorstehenden Staatsbankrott. Nach seinen ausführlichen Berechnungen würden die Staatsausgaben in diesem Jahr die Einnahmen um ¼ übersteigen. Das Haushaltsdefizit war damit seit dem Regierungsantritt Ludwigs XVI. (1774) stetig gewachsen und hatte 1789 die Summe von 5 Mrd. Livres erreicht. |
Gründe der Verschuldung | Die Ursachen für die ständige Neuverschuldung sind in erster Linie in der Tilgung der bereits aufgelaufenen Schulden und in den hohen Militärausgaben zu sehen. Das Engagement Frankreichs im Siebenjährigen Krieg (1756-1763) und die Unterstützung der amerikanischen Kolonien im Unabhängigkeitskampf gegen das britische Mutterland hatten tiefe Löcher in die französische Staatskasse gerissen. |
Calonnes Reformvorschläge | Calonne schlug zur Bekämpfung der Krise umfassende Reformen des Steuersystems und der Verwaltung vor, die von einer Notabelnversammlung abgesegnet werden sollten. Als die Notabelnversammlung sich jedoch weigerte, Calonnes Pläne zu unterstützen, geriet eine Bewegung in Gang, die in der Versammlung der Generalstände ihren vorläufigen Höhepunkt fand. |