| 1. Ideen der Aufklärung |
Vernunftgebrauch | "Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ... ist also der Wahlspruch der Aufklärung." Kants berühmte Aufforderung von 1784 zum Vernunftgebrauch führt direkt zum Kern des Aufklärungsdenkens: der Überzeugung, dass die Welt vernünftig eingerichtet sei, und dass der kritische Einsatz der menschlichen Vernunft das Denken und Handeln in oberster Instanz bestimmen müsse. |
Ursprünge der Aufklärung | Die Wurzeln der Aufklärung, die in Frankreich im 18. Jahrhundert ihren Höhepunkt hatte, reichen ins davor liegende Jahrhundert zurück. Zu nennen sind ein aufgrund der fortschreitenden naturwissenschaftlichen Durchdringung gewandeltes Weltbild, die Verbreitung von Naturrechtslehren sowie die Denkströmungen des englischen Empirismus und des französischen Skeptizismus. |
Autoritätskritik | Aus der Perspektive des freien, vernunftbestimmten Menschen wurde Kritik an den tradierten Autoritäten Kirche und Staat formuliert, die sich vor allem gegen die Willkürlichkeit und Irrationalität von Herrschafts- und Denksystemen richtete. Da die Vernunft auch den religiösen Bereich bestimmen sollte, setzten die Aufklärer den christlichen Offenbarungslehren eine deistische Religionsauffassung entgegen. |
wichtigste Forderungen | Aus diesen Grundüberlegungen ergaben sich die zentralen Forderungen der Aufklärer: religiöse Toleranz, das Recht auf freie Meinungsäußerung, die Achtung vor den "natürlichen" Rechten des Menschen, Gleichheit aller vor dem Gesetz. |
Fortschritt und "allgemeines Glück" | Das Vertrauen in die Ratio war verbunden mit dem Glauben an die Möglichkeit des individuellen wie des gesellschaftlichen Fortschritts, dessen Ziel das "allgemeine Glück" darstellte. Dem Fortschritt versuchten die Aufklärer auch praktisch, durch die Ansammlung nützlichen Wissens - z. B. mit dem Projekt der Encyclopédie -, zu dienen. Der Ansatzpunkt der Aufklärer war also nicht nur die Reform auf staatlicher Ebene, sondern ebenso die "Verbesserung" des Einzelnen, was die starke pädagogische Ausrichtung ihrer Bemühungen erklärt. |
Enzyklopädie | Den Herausgebern der Encyclopédie, zu denen u.a. der Schriftsteller Diderot zählt, kommt vor allem das Verdienst zu, für eine breite Popularisierung des aufklärerischen Gedankenguts gesorgt zu haben. Das lässt sich nicht zuletzt an der Auflagenhöhe der Enzyklopädie ablesen, die bis 1789 auf 14-16.000 Exemplare stieg und zugleich in immer billigeren Ausgaben erhältlich wurde. |
| 2. Herausragende Vertreter |
| Die Protagonisten der Aufklärungsphilosophie formulierten entscheidende Ideen und Stichworte, die - meist in vereinfachter Form - einen breiten Bewusstseinswandel gegen Ende des 18. Jahrhunderts bewirkten. Ihr Denken und ihre politischen Positionen sind jedoch keineswegs einheitlich. |
Voltaire | Der Philosoph und Schriftsteller Voltaire (1694-1778) setzte sich in seinen ebenso vielseitigen wie geistreichen Schriften vor allem für geistige Freiheit und Toleranz ein. Er übte harte Kritik an der Macht der katholischen Kirche und absolutistischer Willkürherrschaft und sprach sich für eine aufgeklärte Monarchie aus, die vom Einfluss des Adels befreit war und auf einer modernen Bürokratie fußte. Da er wenig Vertrauen in die Erziehbarkeit und politische Reife des "Volks" hatte, beschränkten sich seine Forderungen nach Freiheit und Bildung auf das Bürgertum. Voltaire entwickelte keine umfassenden theoretischen Systeme, sondern kämpfte publizistisch und mit persönlichem Einsatz besonders für praktische Reformen, z.B. des Justizwesens. |
 Abb. 1 |
Montesquieu | Montesquieu (1689-1755), ebenso wie Voltaire vom Denken der englischen Aufklärer beeinflusst, setzt sich in seinem Hauptwerk De l'Esprit des Lois von 1748 (Vom Geist der Gesetze) dezidiert mit der Verfassung des Staates auseinander. Seine Analyse und Diskussion der möglichen Regierungsformen führt ihn zu dem Schluss, dass weder die absolute Monarchie noch die Herrschaft des Volkes wünschenswert sei, sondern eine durch Stärkung der Zwischengewalten beschränkte konstitutionelle Monarchie. Daraus entwickelte er eine Theorie der Gewaltenteilung, welche Legislative und Judikative als Regulativorgane der monarchischen Exekutive vorsah. |
Rousseau | Rousseau (1712-1778) wirkte zunächst als zivilisations- und kulturkritischer Denker, der in seinem Erziehungsroman "Emile" die natürliche Tugend des Menschen im Gegensatz zu den gesellschaftlichen Zwängen propagierte, und der sich skeptisch gegenüber einer einseitigen Vernunftverherrlichung äußerte. Als Verfassungstheoretiker brach er ganz mit der monarchischen Legitimation und trat als Verfechter der radikalen Volkssouveränität auf, deren Begründung er in seinem Contrat social (Gesellschaftsvertrag, 1762) darlegte. Grundlage des idealen menschlichen Gemeinwesens sollte die freiwillige Aufgabe aller Partikularinteressen zugunsten des Gesamtwillens des Volkes, der volonté générale, sein. Voraussetzung dafür sei die Erziehung des Einzelnen zur Tugendhaftigkeit. Rousseaus politische Utopien wurden erst während der Revolution populär und dienten vor allem in der radikaleren Phase vielen als Berufungsinstanz. |
 Abb. 2 |
| Keiner der vorgestellten Philosophen sprach sich allerdings für eine Revolution aus, vielmehr sahen die Aufklärer den Weg zu einer vernünftigen und gerechten Gesellschaftsordnung nicht in der Zerstörung, sondern in der Reform des absolutistischen Systems. |
| 3. Entstehung einer Öffentlichkeit |
| Entscheidend für die Ausbreitung und allmähliche Durchsetzung des aufklärerischen Gedankenguts war die Entwicklung von Institutionen und Strukturen, die den Gedankenaustausch und die Kommunikation ermöglichten. |
neue Kommunikations- sturkturen | Neben der Encyclopédie und den ausführlichen Korrespondenzen der Aufklärer trugen dazu auch neue Publikationsorgane, wie etwa das sich rasch verbreitende Zeitschriftenwesen bei. Persönliche Begegnungen von Gelehrten und Interessierten fanden in Logen, Salons, Cafés und Lesegesellschaften statt. Eine Besonderheit dieser Treffen war, dass die Standesunterschiede der Teilnehmer hier keine Rolle spielten. Die Errichtung von Akademien erlaubte überdies den außeruniversitären institutionellen Zusammenschluss von Wissenschaftlern in ganz Frankreich. Auf der Basis dieser Organisationsformen konnte ein weitläufiges Netz der intellektuellen Eliten entstehen, das ganz Europa einbezog. |
Verbreitung des Wissens | Eine entscheidende Konsequenz des zunehmenden Austauschs war eine beschleunigte soziale Verbreiterung des Wissens, die von den Eliten bis ins Volk hinein nachweisbar ist. Zentrum des intellektuellen Lebens war Paris. Von dort aus fand ein Bildungstransfer in die Provinzen hinein statt. |
"öffentliche Meinung" | Etwa seit der Mitte des 18. Jahrhunderts kann man von der Entstehung einer "öffentlichen Meinung" sprechen, welche die intellektuellen Positionen aufgriff und auch modifizierte. Viele sahen sich nun berechtigt und ermutigt, über den privaten Bereich hinaus zu denken und zu öffentlichen Angelegenheiten Stellung zu beziehen. |
Autoritätsverlust der Monarchie | In den 1770er-Jahren wurde die Öffentlichkeit zu einem politischen Faktor, der sich zunehmend der Beherrschung durch die Monarchie entzog. Ihre Stärke und die internationale Reputation vieler Aufklärer führten dazu, dass trotz der gesetzlichen Zensurbestimmungen die Presse in der Praxis weitgehende Freiheiten besaß. Zugleich schaffte die immer offensichtlicher werdende Legitimationskrise des absolutistischen Staates selbst ein Klima, welches das laute Nachdenken über Reformvorstellungen nährte und in dem die wachsende Unzufriedenheit spürbar wurde. |
Begeisterung für Amerika | Beflügelnd für viele Kritiker des herrschenden Systems wirkten auch die amerikanische Unabhängigkeitserklärung und die Verfassung, welche viele der in Europa diskutierten politischen Ideen in die Tat umsetzte und Freiheit für alle Bürger zu bringen versprach. |