Hintergründe

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Hintergründe - Frankreich im 18. Jahrhundert

II. Ständische Ordnung 

 

Seit dem Mittelalter gliederte sich die Gesellschaft in drei Stände, die sich durch unterschiedliche Rechte, Pflichten und soziale Normen auszeichneten: Klerus, Adel und Dritter Stand. Diese Grundordnung galt den meisten Menschen als unantastbar, als Ausdruck der göttlichen Einrichtung der Welt. Obwohl sie als die grundlegende Verfasstheit der Gesellschaft verstanden werden kann, war die ständische Ordnung keineswegs statisch, sondern geriet gerade in der Frühen Neuzeit in Fluss. 

 

1. Klerus 

religiöse Grundordnung 

Der höchste Rang in der ständischen Hierarchie kam der Geistlichkeit zu. Da die gesamte Herrschaftsordnung sakral legitimiert war, bildete die religiöse Tradition das Fundament der sozialen, politischen und geistigen Verhältnisse. Kirche und Frömmigkeit prägten das Leben und die Mentalitäten der Menschen bis tief in den Alltag hinein, vor allem auf dem Land, wo sich der Lebens- und Arbeitsrhythmus der Bauern am kirchlichen Kalender ausrichtete und die Geistlichen zu den wichtigsten Autoritäten vor Ort zählten.  

Staatskirche 

Der Katholizismus war in Frankreich seit 1516 offizielle Staatsreligion. Die Besonderheit der gallikanischen Staatskirche war die enge Bindung an den Monarchen, der das Recht besaß, Bischofssitze und Abteien zu vergeben. Sie bildete einen eigenständigen Machtkomplex innerhalb der Monarchie, der gut organisiert und reich an Besitz war, und der über ein eigenes Finanzsystem und eine eigene Rechtsprechung verfügte.  

Funktionen der Kirche 

Zu den tragenden Verwaltungsaufgaben der Kirche im Staat gehörten der Unterhalt von Schulen und Krankenhäusern, die Armenfürsorge sowie die Registrierung von Taufen, Eheschließungen und Sterbefällen.  

kein einheitlicher Stand 

Die Geistlichkeit als Stand bildete allerdings keine einheitliche gesellschaftliche Gruppe: Welten lagen etwa zwischen Angehörigen des hohen Klerus - meist reiche Adlige - und armen Dorfpfarrern, deren Leben sich kaum von dem der Bauern unterschied. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts lässt sich ein Prozess der Rearistokratisierung der hohen Geistlichkeit beobachten - nach 1783 gab es keinen Bischof bürgerlicher Herkunft mehr -, der die Kluft und die Spannungen innerhalb des Standes noch verstärkte.  

 

2. Adel 

Privilegien 

Zahlreiche Ehrenrechte und finanzielle Privilegien fundierten die Vorrangstellung. Der Lebensstil und die Wertvorstellungen des Adels waren soziales Leitbild der Gesellschaft.  

Hofadlige und Provinzjunker 

Auch innerhalb der Aristokratie gab es bedeutende Unterschiede von Rang, Besitzstand und Interessenlagen: Die Fronten verliefen zwischen aufgeklärten Hofadligen und konservativen Provinzaristokraten ebenso wie zwischen altem Geblütsadel (noblesse d'épée) und nobilitierten Bürgerlichen, dem sog. Amtsadel (noblesse de robe). 

Verbürgerlichung 

Es kam im Laufe des 18. Jahrhunderts verstärkt zu einer "Verbürgerlichung" bestimmter Adelskreise, die sich in traditionellen Wirtschaftsdomänen des Bürgertums wie Handel und Industrie engagierten bzw. bürgerliche Wertvorstellungen und aufgeklärtes Gedankengut übernahmen. Auf der anderen Seite nahm sich das reiche Bürgertum den Lebensstil des Adels zum Vorbild, investierte in Grundbesitz und drängte sich so in die seigneuralen Beziehungen auf dem Land hinein.  

"aristokratische Reaktion" 

Gegenüber dem Vordringen der Neuadligen versuchte der "alte" Adel verstärkt, seine Machtstellung zu bewahren bzw. wiederherzustellen und verteidigte zäh althergebrachte Privilegien, so dass man von einer "aristokratischen Reaktion" sprechen kann (F. Furet u.a.). Ein Beispiel für diese Abschließungstendenzen ist der Erlass von 1781, der nur noch Aristokraten mit vier adeligen Großelternteilen den Eintritt als Offizier in die königliche Armee ohne vorherigen Dienst als Soldat erlaubte. 

Die Blockadehaltung richtete sich auf der anderen Seite auch gegen die Ansprüche der königlichen Zentralgewalt, so dass selbst vorsichtige Reformversuche der Krone kaum Durchsetzungschancen hatten.  


Abb. 1

 

 

3. Der Dritte Stand 

größter Stand, geringster Einfluss 

Der größte Teil des französischen Volkes, 98% (ca. 24,5 Mio.), gehörte dem Dritten Stand an. In eklatantem Missverhältnis zu seiner zahlenmäßigen Stärke stand jedoch seine politische und rechtliche Schwäche: Ihm war der Löwenanteil der Steuerlast auferlegt, die politische Mitbestimmung blieb ihm jedoch fast gänzlich vorenthalten.  

soziale Zusammensetzung 

Die soziale Zusammensetzung des Dritten Standes ist noch bunter und heterogener als die von Klerus und Adel. Zum Tiers-Etat zählen die Vertreter des städtischen Bürgertums (Fabrikanten, Fernhändler, Bankiers) ebenso wie Kaufleute, Juristen, Handwerker und Kleinhändler, Groß- und Kleinbauern bis hin zu den städtischen und ländlichen Unterschichten, die kaum ein gesichertes Existenzminimum besaßen. 

Reformvorstellungen 

Entsprechend vielfältig waren auch die politischen bzw. gesellschaftlichen Reformvorstellungen, die gegen Ende des 18. Jahrhunderts diskutiert wurden: Die reichen städtischen Oberschichten waren in erster Linie an Finanzreformen und Liberalisierung der Wirtschaft interessiert. Aus den stadtbürgerlichen Mittelschichten, die von den Ideen der Aufklärung beeinflusst waren, kam die stärkste politische Dynamik mit Forderungen nach politischer Partizipation und Steuergerechtigkeit. Den Unterschichten blieb kaum ein anderes Mittel, als mit kleinen Revolten auf ihre Probleme aufmerksam zu machen. 

Die ökonomischen und kulturellen Spannungen innerhalb der Gesellschaft, die sich z. T. aus dem ständischen System und seiner Dynamik ergaben, nahmen im Laufe des 18. Jahrhunderts spürbar zu. Dabei verliefen die Fronten jedoch weniger zwischen den Ständen als vielmehr innerhalb: zwischen armen und reichen Vertretern des Dritten Standes ebenso wie zwischen konservativem und fortschrittlichem Denken im Adel.  

 

4. Privilegien und Ungleichheiten 

Verteilung des Grundbesitzes 

Betrachtet man die Verteilung des Grundbesitzes, wird deutlich, wie ungleich die Stände begünstigt waren: etwa 40% des Bodens gehörten Adel und Klerus, die jedoch nur 2% der Bevölkerung ausmachten. Dazu kamen für den Adel weitere Privilegien wie das Recht zur Ausübung der niederen Gerichtsbarkeit (Patrimonialgerichtsbarkeit), Jagd- und Fischereirechte sowie verschiedene Dienst- und Ehrenrechte, die sein soziales Prestige bestärkten.  

Steuersystem 

Die Angehörigen des Dritten Standes, die meist nur kleinere Parzellen Land besaßen bzw. gepachtet hatten, mussten verschiedene Abgaben und Steuern leisten, die von Region zu Region stark variieren konnten. Neben der "Königssteuer" (Taille), die in einem komplizierten Verfahren auf den Einzelnen umgerechnet und durch lokale Steuereintreiber gesammelt wurde, gab es zahlreiche weitere direkte und indirekte Steuern. Der Adel war von diesen Steuerleistungen befreit, der Klerus hatte sich für eine relativ geringe Summe von der Verpflichtung freigekauft.  

grundherrliche Abgaben / Kirchenzehnt 

Kleinbauern und Pächter hatten zusätzlich an ihren Grundherrn Leistungen zu erbringen: die Pacht, Ernteabgaben in Form von Naturalien, Hand- und Spanndienste. In Krisenzeiten sicherten die adligen Grundherren in der Provinz gerne ihren Besitzstand auf Kosten der Bauern, indem sie die Pacht und Abgabenlast erhöhten. 

Auch die Kirche erhielt ihren Anteil: Auf jeden Grundbesitz musste der Zehnt - meist in Naturalien - entrichtet werden.  

Anstieg der Belastungen 

In den Jahren vor 1789 stieg die Steuer- und Abgabenbelastung für die Bauern um ca. 25% deutlich an und verschärfte die sozialen Probleme. 

Trotzdem war der Steuerdruck auf die französischen Bauern im europäischen Vergleich nicht unverhältnismäßig hoch; es war jedoch die extrem ungleiche Verteilung von Privilegien und Pflichten unter den drei Ständen, die die Menschen gegen die Regierung aufbrachte.  

 

Empfohlene Zitierweise

Büttner, Sabine: II. Ständische Ordnung. Aus: Die Französische Revolution - eine Online-Einführung Hintergründe, in: historicum.net, URL: http://www.historicum.net/no_cache/persistent/artikel/444/

Bitte setzen Sie beim Zitieren dieses Beitrags hinter der URL-Angabe in runden Klammern das Datum Ihres letzten Besuchs dieser Online-Adresse.



Erstellt: 22.12.2005

Zuletzt geändert: 27.06.2006