Hintergründe

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Hintergründe - Frankreich im 18. Jahrhundert

III. Lebenswelten 

 

Die relativ geringe Mobilität der Menschen des 18. Jahrhunderts band sie fest in ihre jeweiligen Lebenswelten ein, die wiederum enge Rahmenbedingungen für die Lebensgestaltung des Einzelnen vorgaben. Neben der Heterogenität, die auf die große regionale Vielfalt Frankreichs zurückging, brachte der Gegensatz zwischen Land und Stadt sicherlich die grundlegendsten Unterschiede mit sich. 

 

1. Agrarische Welt 

ländliche Gesellschaft 

Die Gesellschaft des Jahres 1789 war noch immer stark ländlich geprägt: Nicht mehr als 16% der Bevölkerung wohnte in Orten mit über 2.000 Einwohner.  

Seigneurie 

Das von den Bauern bewirtschaftete Land befand sich überwiegend im Besitz eines Herrn, des Seigneur. Als solche traten Klerus und Adel, aber auch in zunehmendem Maße reiche Stadtbürger auf. Die - in der Regel persönlich freien - Bauern traten dem Seigneur als Pächter bzw. Halbpächter gegenüber und waren diesem für die Nutzung des Bodens regelmäßige Geldzahlungen und Naturalleistungen schuldig. Der Umfang dieser feudalen Belastungen war regional sehr verschieden. Kleinbauern, die nur Parzellen von geringer Größe bewirtschafteten, waren darüber hinaus auf Zusatzverdienste - häufig gewerbliche Heimarbeit - angewiesen. 

obrigkeitliche Rechte 

Die Machtstellung des grundbesitzenden Seigneur innerhalb des ländlichen Sozialgefüges beruhte aber weniger auf den wirtschaftlichen Abhängigkeiten als vielmehr auf seiner obrigkeitlichen Gewalt, die gerichtliche, polizeiliche und administrative Funktionen umfasste und auf diese Weise in die dörfliche Selbstverwaltung eingriff.  

kollektive Nutzung 

Neben dem individuell bewirtschafteten Land besaßen die Dorfbewohner auch kollektive Nutzungsrechte am Gemeindeland (z.B. Ährenlese), die v.a. für die unterbäuerlichen Schichten der Tagelöhner und Wanderarbeiter von Bedeutung waren. Manche dieser Kollektivrechte wie z.B. Jagd- oder Fischereirechte beanspruchten die Seigneurs jedoch exklusiv für sich. 

soziale Hierarchie des Dorfes 

In der sozialen Rangordnung des Dorfes folgten auf die Großgrundbesitzer meist der Pfarrer als Vertreter der kirchlichen Autorität, dann die Inhaber größerer landwirtschaftlicher Betriebe, Händler und Rentiers. Am unteren Ende der gesellschaftlichen Leiter standen die landlosen Familien, die ihr Leben mit Gelegenheitsarbeiten, Bettelei oder Vagabundieren fristeten.  

enge Lebenswelt 

Für den einfachen Bauern und seine Familie stellte das Dorf den festen Lebenshorizont dar. Wer nicht aus wirtschaftlicher Not das Dorf verließ, bewegte sich im Laufe seines Lebens kaum über die nähere Umgebung hinaus. Die meisten Landbewohner waren Analphabeten und hatten nur spärlichen Zugang zu weiterreichenden Informationen, so dass sie kaum in der Lage waren, das gewohnte Weltbild und die soziale Ordnung in Frage zu stellen.  

dörfliches Gemeinschaftsleben 

Die Ordnung der Kirche, religiöse Vorstellungen und Bräuche stellten neben dem natürlichen Jahresrhythmus den Bezugsrahmen des Alltagslebens dar. Wichtig für die dörfliche Gemeinschaft und ihren Zusammenhalt sind kirchliche und weltliche Feste wie die Kirchweih, das Erntedankfest sowie Zunft- und Gildenfeiern.  

 

2. Städtische Welt 

Wachstum der Städte 

Das Bevölkerungswachstum und die konjunkturellen Krisen trieben im 18. Jahrhundert viele Landbewohner auf der Suche nach Arbeit in die Städte, die sich bald über ihre bisherigen Grenzen hinaus in neu entstehende Vororte ausdehnten. Auch der Adel suchte vermehrt die Nähe der kulturellen und politischen Zentren - allen voran natürlich Paris - und investierte dort in prächtige Wohnhäuser.  

soziale Hierarchie 

Die soziale Rangordnung war in den großen Städten, wo vielfältige Lebensformen räumlich stark konzentriert waren, durchlässiger und weniger restriktiv spürbar, vorhanden war sie jedoch auch. An der Spitze standen die stadtsässigen Adeligen und die Inhaber der hohen kirchlichen, königlichen und städtischen Ämter, die meist neben dem Stadthaus auch über großen ländlichen Besitz verfügten. 

Etwa Dreiviertel der Einwohnerschaft war zum "Volk" zu zählen, darunter gut situierte Handwerker, Gesellen, Arbeiter, Tagelöhner, Hausbedienstete, Arme und Bettler. Während die ärmeren Leute meist zur Miete wohnten, konnten sich Handwerksmeister z.T. auch eigene Häuser leisten.  

Abhängigkeit von den Getreidepreisen 

Die Masse der städtischen Unterschichten verdiente kaum mehr, als für den Lebenserhalt nötig war: So musste ein einfacher Arbeiter etwa 50% seines Lohnes für das Hauptnahrungsmittel Brot einrechnen. Aus diesem Sachverhalt ergibt sich eine extreme Abhängigkeit der kleinen Leute von den Brot- und Getreidepreisen, die starken Schwankungen unterlagen. Kam es zu Teuerungen, entlud sich die existentielle Bedrohung der Unterschichten häufig in spontanen Gewaltakten, die von kleinen Ladenbesitzern und Handwerkern angeführt wurden.  

kulturelle Zentren 

Große Bedeutung kam den Städten auch als Kommunikationsknotenpunkte, als kulturelle Zentren und Orte gesellschaftlicher Vergnügungen zu. Paris, das Ende des 18. Jahrhunderts etwa 600.000 Einwohner zählte, besaß zu dieser Zeit innerhalb Europas den größten Bildungs- und Alphabetisierungsgrad bis in die Schichten der einfachen Leute hinein. Hier traf sich die Elite der Künstler, Literaten und Wissenschaftler zum Austausch, hier bestand die Voraussetzung zur Entstehung einer Öffentlichkeit, die zunehmend auch politische Forderungen artikulierte.  

 

 

Empfohlene Zitierweise

Büttner, Sabine: III. Lebenswelten. Aus: Die Französische Revolution - eine Online-Einführung: Hintergründe, in: historicum.net, URL: http://www.historicum.net/no_cache/persistent/artikel/392/

Bitte setzen Sie beim Zitieren dieses Beitrags hinter der URL-Angabe in runden Klammern das Datum Ihres letzten Besuchs dieser Online-Adresse.



Erstellt: 12.12.2005

Zuletzt geändert: 19.12.2005