Hintergründe

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Hintergründe - Frankreich im 18. Jahrhundert

I. Monarchie und Absolutismus 

 

Über Jahrhunderte hinweg war der monarchische Ständestaat die politische und gesellschaftliche Grundlage Europas. 

 

1. Selbstverständnis des Königtums 

Legitimation des Königtums 

Die französischen Monarchen des Ancien Régime sahen sich eingebettet in eine lange Tradition des Königtums, die bis ins frühe Mittelalter zurückreichte. Die Würde und das Selbstverständnis des Herrschers legitimierten sich aus einer Abstammung, die bis auf die Karolinger zurückgeführt wurde, aus der Idee des Gottesgnadentums und einem magischen Charisma, das dem König anhaftete. 

sakral-magische Kräfte 

Seit dem 12. Jahrhundert lässt sich eine starke Sakralisierung des Königtums beobachten. So wurde der rex christianissimus mit dem Öl gesalbt, das der Hl. Remigius der Legende nach direkt vom Himmel erhalten haben soll. Nach altem Herkommen legte er nach der Salbung mit den Worten "Der König berührt dich, Gott heile dich." Skrofeln-Kranken (Lymphknotenerkrankung) die Hand auf. Der Mythos des wundertätigen, mit Heilungskräften ausgestatteten Königs blieb im Volk bis ins 18. Jahrhundert hinein lebendig. 

"der unsterbliche König" 

Gegen Ende des Mittelalters entstand die Vorstellung von den "zwei Körpern des Königs": Der König habe einen sterblichen Körper und einen mystischen, der nie stirbt. Diese Vorstellung erlaubte es, zwischen der Person des Königs, die menschlich war und sündhaft sein konnte, und der immerwährenden und vollkommenen Institution des Königtums zu unterscheiden. Die nach dem Tod eines Monarchen verkündete Devise "Le roi est mort, vive le roi !" ist Ausdruck dieses Kontinuitätsgedankens.  

Wandel in der Neuzeit 

In der Neuzeit wichen das mittelalterliche Bescheidenheitsideal und die Verantwortlichkeit des Herrschers gegenüber dem göttlichen Heilsplan einem rationaleren, innerweltlich begründeten Staatsverständnis. 

Die Mémoires Ludwigs XIV., der dem Königtum zu einem zuvor nicht erreichten Autoritätsgrad zu verhelfen wusste, geben Aufschluss über sein Selbstverständnis als Herrscher und dokumentieren die gegenüber dem Mittelalter gewandelte Einstellung.  

Ludwig XIV. 

Ludwig XIV. sah die Befähigung zum Herrscher nicht durch die göttliche Gnade oder Talent und Erfahrung gegeben, sondern in erster Linie aufgrund der durch Geburt erlangten herausgehobene Stellung des Monarchen, die eine höhere Einsicht in die Dinge erlaube. Wenn der Herrscher darüber hinaus Fleiß und Bemühen an den Tag lege und selbst die Regierung führe, könne er dadurch die höchste Wirkung erzielen. 

Trotz eines zunehmend rationaleren Staatsverständnisses blieb die sakrale Natur des Königtums eine seiner wichtigsten Legitimationsgrundlagen.  

 

2. Absolutismus 

 

Mit Absolutismus bezeichnet die Geschichtswissenschaft üblicherweise eine Epoche der neuzeitlichen politischen Geschichte des 17. und 18. Jahrhunderts.  

Absolutismus als moderner Epochenbegriff 

Der Begriff selbst ist jedoch nicht zeitgenössisch, sondern wurde im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts von der frühliberalen Bewegung als polemischer Angriff auf autoritäre, despotische Herrschaftsverhältnisse benutzt. Neben dieser absolutismuskritischen Verwendung kam aber bald in der politischen und historischen Publizistik ein systemgeschichtlicher Absolutismusbegriff auf, der dazu diente, die Entwicklung des frühneuzeitlichen Staates zum institutionellen Flächenstaat mit gestärkter monarchischer Zentralmacht zu etikettieren.  

Staatsrechtslehre der Frühen Neuzeit 

Das Adjektiv absolut in seiner französischen bzw. lateinischen Fassung tauchte jedoch schon im 16. Jahrhundert auf, und zwar in den Schriften des Juristen und Staatsrechtlers Jean Bodin. Mit seinem Werk Les six livres de la République (1576) lieferte er eine Analyse der Machtstrukturen des Staates und leitete die Zeit des säkularen, innerweltlichen Staatsdenkens ein, das sich von der symbolischen, religiös begründeten Weltinterpretation ablöste. 

absolute Souveränität 

Wichtig für Bodins Staatsverständnis ist der Souveränitätsgedanke: "Maiestas est summa in cives ac subditos legibusque soluta potestas." ("Die Souveränität ist eine höchste Gewalt über Bürger und Untertanen, gelöst von den Gesetzen."
Diese Maxime weist der staatlichen Zentralgewalt eine unumschränkte Hoheitsgewalt zu, doch sie ist keine Rechtfertigung für Willkürherrschaft, denn der Souverän steht zwar über den Gesetzen, nicht aber über dem Naturrecht und den Grundgesetzen des Staates (z. B. den salischen Erbgesetzen). 

Merkmale des absolutistischen Staatsaufbaus 

Nach den Religionskriegen, die das Königreich in Jahrzehnte lange Bürgerkriege gestürzt hatten, versuchte die französische Monarchie, ihre Macht in diesem Sinne zu stärken. Die wichtigsten Charakteristika des Aufbaus absolutistischer Herrschaft sind: 

  • Zurückdrängung des Einflusses aller konkurrierender Gewalten (Adel, Stände, Kirche)  

  • Aufbau eines effizienten Beamtenapparates  

  • Ausbau des staatlichen Heer- und Militärwesens  

  • staatlich organisierte und kontrollierte Wirtschaft  

  • Domestizierung des Adels durch enge Bindung an den Hof, der - um den Monarchen gruppiert - zum Angelpunkt des absolutistischen Staatswesens wird  

  • Zentralisierung des gesamten Staates  

unvollendeter Absolutismus 

In der neueren Forschung ist die vollständige Durchsetzung dieses Programms jedoch in Frage gestellt worden (G. Oestreich, F. Hartung, R. Mousnier, D. Parker, D. Gerhard). Verschiedene Ansätze versuchen zu zeigen, dass das idealtypische Absolutismus-Modell kaum realisiert werden konnte, da etwa ständische bzw. regionale Einflüsse oder das hergebrachte Rechtsdenken solchen Bestrebungen anhaltenden Widerstand boten. 

Ein weiterer Einwand gegen die Machtvollkommenheit des Königs ist der Hinweis auf die enormen Kosten von Hof, Beamtentum und Militärwesen, zu deren Finanzierung der Monarch in beachtlichem Maße von Geldgebern bzw. Steuerbewilligungen abhängig und dadurch nicht unerheblich in seiner Machtfülle beeinträchtigt sein musste.

Kontinuität 

Vor allem in der englischen Geschichtswissenschaft ist ein Ansatz verbreitet, der von einer viel stärken Kontinuität der traditionellen Herrschaftspraktiken, der Partizipationsgewohnheiten untergeordneter Mächte und dem Zwang zur Kooperation ausgeht, als es die Idee vom absoluten Königtum suggeriert. Darüber hinaus ist zu bedenken, dass das französische Modell höchst unterschiedliche Nachahmer fand, dass man es also keinesfalls mit einem europaweit einheitlichen Phänomen zu tun hat.  

 

3. Regierungssystem 

Machtfülle des Monarchen 

Im Zentrum des absolutistischen Regierungssystems stand der König. Ihm allein oblag die Gesetzgebung, er war die Spitze der Verwaltung, besetzte Stellen, verlieh Titel, erhob Steuern und entschied über Krieg und Frieden.  

Verwandtschafts- und Klientel-
beziehungen

Der Monarch als Oberhaupt der Königsdynastie war gleichzeitig Mittelpunkt eines weitläufigen Netzes von Verwandtschafts- und Klientelbeziehungen, die am Hof zusammenliefen. Diese personalen Bindungen in der Tradition des mittelalterlichen Personenverbandsstaates waren trotz der zunehmenden Institutionalisierung des Regierungsapparates weiterhin von großer Bedeutung.  

Regentenschaften 

Nicht jeder König übte die Herrschaft persönlich aus: Wiederholt wurden die Regierungsgeschäfte über viele Jahre hinweg von Regenten bzw. leitenden Ministern ausgeführt - so wie etwa von den Kardinälen Richelieu (unter Ludwig XIII.) und Mazarin (bis zur Volljährigkeit Ludwigs XIV.).  

Zurückdrängung des Adels 

Ludwig XIV. verdrängte den hohen Adel erfolgreich aus der geburtsrechtlichen Teilhabe an der Regierungsverantwortlichkeit und besetzte die hohen Ämter mit Männern seiner Wahl und seines Vertrauens, darunter viele geadelte Bürgerliche (noblesse de robe) und Kleriker.
 

königliche Räte und Ministerien 

In wichtigen Angelegenheiten ließ sich der König von verschiedenen Ratsgremien unterstützen. Diese traditionellen Räte verloren im Laufe des 17. Jahrhunderts jedoch zunehmend an Bedeutung gegenüber den "Staatssekretären" (eine Art Minister), die für die Ausarbeitung und Umsetzung der Regierungsbeschlüsse zuständig waren und als oberste Staatsbeamte voneinander unabhängig ihr jeweiliges Ressort leiteten. Der mächtigste unter ihnen war der mit zahlreichen Kompetenzen ausgestattete "Generalkontrolleur der Finanzen".  

Intendanten 

Ihm unterstanden in der Verwaltung der Finanz- und Steuerbezirke (généralités) die Intendanten für Justiz, Polizei und Finanzwesen, die als Bevollmächtigte des Königs vor Ort eingesetzt waren, um Rechtsprechung, Handel, Landwirtschaft, Gewerbe und Steuerwesen zu kontrollieren. Sie zählten zu den modernsten Verwaltungsinstrumenten der französischen Monarchie. 

Krise des absolutistischen Systems im 18. Jahrhundert 

War das absolutistische System unter Ludwig XIV. besonders glanzvoll und mächtig erschienen, so hatte es doch von Anfang an innere Strukturmängel, die im 18. Jahrhundert voll zum Ausbruch kamen und die Krise und Reformbedürftigkeit des Staates unübersehbar machten. Die Hauptursache dafür lag in der Tatsache, dass trotz aller Zentralisierungstendenzen die neue Verwaltungsorganisation und das Steuerwesen die alten Strukturen keineswegs vollständig ersetzten, sondern nur überlagerten. Neben den généralités existierten ältere Einteilungen weiter: die im 16. Jahrhundert festgelegten Militärbezirke (gouvernements) und die auf das 13. Jahrhundert zurückgehenden Gerichtsbezirke (baillages bzw. sénéchaussées), mit jeweils eigenen Verwaltungsstrukturen.

Die Folge waren unübersichtliche Überschneidungen von rechtlichen und administrativen Zuständigkeiten, das Weiterleben regionaler Sonderrechte; ein Wirrwarr, der durch das komplizierte Steuersystem noch gesteigert wurde.  

Provinzialstände 

Es war dem Königtum also keineswegs gelungen, alle "Zwischengewalten" auszuschalten, höchstens, sie in ihrem Einfluss zu beschneiden. Zu den anti-absolutistischen Gegenpolen gehörten auch die Provinzialstände (ständisch gegliederte Vertretungskörperschaften), die in einigen Provinzen des Königreichs bestimmte Mitspracherechte - darunter als wichtigstes das Steuerbewilligungsrecht - besaßen.  

Finanzierungs-
problem

Das Grundproblem der absolutistischen Systems war jedoch sicherlich der enorm steigende Finanzbedarf. Die zur Deckung herangezogenen Maßnahmen stellten keine dauerhaft funktionierenden Lösungen dar bzw. wirkten sich längerfristig als Bedrohung für den gesellschaftlichen Frieden aus: Erstens begab sich die Krone in Abhängigkeit privater Financiers, zweitens trieb sie die Steuern mittels privater Steuerpächter ein, die sich häufig selbst bereicherten und beim Volk verhasst waren, drittens führte die Praxis des Ämterverkaufs zu Korruption und zur Schaffung vieler neuer Ämter, die keinem praktischen Bedarf entsprangen.  

 

4. Hof und Zeremoniell 

Hof als Ort der Selbstdarstellung 

Die absolutistische Monarchie benötigte zur Repräsentation und Versinnbildlichung der vom Untertanenverband abgelösten Stellung besonderen Raum: den Hof. In ambivalenter Gleichzeitigkeit aus Ferne und glanzvollem Herrschaftsmittelpunkt schuf Ludwig XIV. mit Versailles den idealtypischen Ausdruck des neuen Selbstverständnisses. Das prachtvolle Schloss in etwa 25 km Entfernung von der Hauptstadt und dem ursprünglichen Residenzort Paris wurde ab 1682 zum kulturellen und administrativen Zentrum des Königreichs.  

Versailles und seine Sonnensymbolik 

Das ganze Ensemble aus Architektur, Gartenbaukunst, Plastik und Innendekor war in seiner Ausgestaltung als allegorisches Sinnbild der Sonne konzipiert, die Ludwig XIV., der roi-soleil, zu seinem Emblem erhoben hatte. Hinter dieser Bildsprache und ihrer pompösen, glanzvollen Umsetzung steckt eine deutliche politische Intention: die Demonstration der souveränen Macht nach innen wie nach außen. Zwar hatten Hofhaltung und Repräsentation schon immer zu den Herrschaftsmitteln des Königtums gehört, im französischen Absolutismus nahmen sie jedoch ein bisher nicht gekanntes Ausmaß und eine gesteigerte Symbolkraft an. Wie erfolgreich diese Instrumentalisierung Versailles und das französische Hegemoniestreben - zumindest auf ästhetischem Gebiet - waren, zeigen die zahlreichen Kopien durch andere europäische Fürstenhöfe, von Schönbrunn bis Sanssouci. 

Ursprung des Hofs im königlichen Haushalt 

Der Königshof ist zunächst von seinem Ursprung her die erweiterte Haushaltung des Königs und seiner Familie. Zu diesem Haus gehörten in der Tradition der patrimonialen Herrschaftsweise sämtliche dem Monarchen durch Verwandtschaft, Patronage und Klientelbeziehungen verbundene Personen bzw. Familien. Über den "Konzentrationspunkt" des Hofes organisierten auch noch die Könige des 18. Jahrhunderts die flächendeckende Regierung des Landes.  

Kontrolle des Adels 

Die Zulassung zum Hof bedeutete für den Adel den Eintritt in die königliche Hausgemeinschaft. Wer eine Rolle im Königreich spielen, Hof- oder Regierungsämter übernehmen wollte, musste am Hof präsent sein, was aufgrund des teuren, aufwändigen Lebensstils viele ärmere Adlige in den finanziellen Ruin trieb. 

Ludwig XIV. hatte es verstanden, Versailles zu einem "goldenen Käfig" für den Adel zu machen, den er auf diese Weise kontrollieren und disziplinieren konnte.  

Zeremoniell 

Eine ausdifferenzierte, stark ritualisierte Etikette verdeutlichte dieses gesteigerte Machtgefälle zwischen König und Adel und brachte auch die sozialen Rangunterschiede innerhalb der Hofgesellschaft symbolisch zum Ausdruck. So hatten etwa sämtliche am Hof anwesende Mitglieder des hohen und niederen Adels dem königlichen lever (Aufstehen), dem coucher (Zubettgehen) sowie den Mahlzeiten des Königs beizuwohnen. Die zeremoniellen Handlungen erlaubten es dem Monarchen, durch subtile Zeichen seine Gunst und deren Verweigerung zu vermitteln. 

Feste 

Eine Vielzahl von Maskenfesten, Bällen, Umzügen, Theater- und Tanzaufführungen dienten ebenso der Zerstreuung und Unterhaltung der Hofgesellschaft wie der Selbstdarstellung des Herrschers. Beispielhaft sind hier die Ballettaufführungen, an denen Ludwig XIV. in der Rolle der Sonne persönlich teilnahm.  

"System Versailles" 

Die Inszenierung der Gleichsetzung von König und Staat hatte zur Folge, dass sämtliche "privaten" Handlungen des Königs den Charakter von Staatsaktionen hatten, ebenso wie umgekehrt. Ludwig XIV. hatte dieses "System Versailles" in exemplarischer Weise ausgebaut und genutzt. Unter seinen Nachfolgern verlor der Königshof zwar an Glanz und Anziehungskraft - die entstehende öffentliche Meinung richtete sich zunehmend gegen den übersteigerten Luxus und die Exklusivität der Institution - er behielt jedoch weiterhin seine zentralen politischen Funktionen, die Kennzeichen der patrimonialen Herrschaftsausübung sind. 

Einen wichtigen Anstoß zur Erforschung des Königshofes als soziales System gab Norbert Elias 1969 mit seinem Werk "Die höfische Gesellschaft".  

 

Empfohlene Zitierweise

Büttner, Sabine: I. Monarchie und Absolutismus. Aus: Die Französische Revolution - eine Online-Einführung: Hintergründe, in: historicum.net, URL: http://www.historicum.net/no_cache/de/persistent/artikel/393/

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Erstellt: 12.12.2005

Zuletzt geändert: 27.06.2006