Biographien

  / historicum.net / Themen / Französische Revolution / Biographien

Kurzbiogramm – Sieyès 

Emmanuel Joseph Sieyès; * 3.5.1748 Fréjus; 20.6.1836 Paris. 

Konventsmitglied; Mitglied des Direktoriums 

Sieyès wird als Sohn eines Postdirektors geboren und schlägt eine geistliche Karriere ein. Er wird Vikar des Bischofs von Chartres und dann Mitglied der Provinzialversammlung des Klerus von Orléans. Er interessiert sich auch für die politischen Probleme, die in Frankreich debattiert werden und lässt im Sommer 1788 die Schrift "Vues sur les moyens d´execution dont les représentants de la France pourront disposer" drucken. Er verschiebt allerdings die Veröffentlichung auf das folgende Jahr. Im November 1788 verfasst er den "Essai sur les privilèges" und das berühmte Pamphlet "Qu´est-ce que le tiers état?", das im Januar 1789 publiziert wird. Diese Schriften, die zu einem großen Erfolg werden, geben den Ausschlag dafür, dass Sieyès zum Deputierten des Dritten Standes von den Pariser Wählern bestimmt wird. Er wird der Motor der Vereinigung der Stände bei den Generalständen und verfasst den Ballhausschwur. Nach der berühmten Sitzung vom 23. Juni 1789, wo Ludwig XVI. die Beschlüsse des Dritten Standes kassiert und die Beratung nach Ständen befiehlt, prägt er das von Mirabeau (1749-1791) gefeierte Dictum: "Nous sommes aujourd´hui ce que nous étions hier [...] Délibérons." Seine Aktivitäten während der Constituante sind beachtlich. So legt er als Mitglied des Verfassungsausschusses das Fundament für die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte (Juli 1789) und wird zum maßgeblichen Motor der Einteilung Frankreichs in Departements. 

Nach 1791 schwindet jedoch sein Einfluss. Er kann seine Ideen zu einem Zweikammersystem sowie zur Etablierung von Schwurgerichten im Zivilprozess nicht durchsetzen. Auch sein Engagement für den Erhalt des Zehnten bleibt erfolglos. Nach der Schließung der Sitzungen der Constituante zieht er sich zurück und eröffnet eine literarische Polemik gegen Thomas Paine (1737-1809), der für eine republikanische Regierungsform Partei ergreift, während Sieyès die konstitutionelle Monarchie verteidigt. 

1792 wird er in drei Départements zum Konvent gewählt, der Gironde, der Orne und der Sarthe. Er entscheidet sich für die Abgeordnetengruppe, die als "Ebene" bezeichnet wird. Als Mitglied des Comité d´instruction publique spielt er im Konvent eher die Rolle eines Zuschauers als Akteurs. Im Prozess gegen den König stimmt er gegen die Befragung des Volkes und für dessen Hinrichtung. Man schreibt ihm - wahrscheinlich fälschlicherweise - die Formulierung "La mort sans phrases" zu, die aber vermutlich von Dyzès (1742-1803) stammt. Während der Sitzung vom 10. November 1793 gibt er wie zahlreiche Geistliche sein Priestertum auf. Bis auf diese eine Gelegenheit ergreift er im Konvent nie das Wort und verharrt während der revolutionären Umwälzungen in Schweigen. So kann er später, als man ihn nach seinem Verhalten während der Terreur fragt, zur Antwort geben: "J´ai vécu." Auch nach den Tagen des Thermidor bleibt Sieyès stumm und weigert sich, Mitglied des Komitees zu werden, das die neue Verfassung vorbereitet. 

Er wird am 5. März 1795 zum Mitglied des neuen Wohlfahrtsausschusses bestimmt und bringt am 21. März ein Dekret auf den Weg, das die öffentliche Sicherheit im Blick hat. Das von ihm lavierte Gesetz vom 1. Germinal des Jahres III sieht die Todesstrafe für Anstifter von Aufständen gegen den Konvent vor. Dieses Gesetz eignet sich vortrefflich für die Aufstände vom 12. und 13. Germinal. Es erlaubt die Deportation von Barère (1755-1841), Billaud-Varenne (1756-1819) und Collot d´Herbois (1749-1796) nach Guyana ohne Prozess und die Inhaftierung von acht Deputierten, die zu den radikalen Montagnards gehören. Am 12. April wird Sieyès zum Präsident des Konvents gewählt, lehnt aber die Amtsübernahme ab und geht zusammen mit Reubell (1747-1807) nach Holland, wo er den Friedensvertrag mit der Batavischen Republik (16.05.1795) unterzeichnet, der die französische Besatzung, die Okkupation Flanderns und die französische Grenze an Meuse und Rhein regelt. 

In der Folgezeit wird er in den Rat der 500 gewählt, wo er das Direktoriumssystem als Regierungsform entwickelt. Er weigert sich aber, die ihm angetragene Funktion eines Direktors zu übernehmen. Am 16. Mai 1799 tritt er schließlich doch ins Direktorium ein, nachdem er zum Nachfolger Reubells gewählt worden ist. Er beginnt ein kompliziertes politisches Spiel zwischen Barras (1755-1829), Bonaparte (1769-1821), dessen er sich auf den Einsatz Roederers (1754-1835) und Talleyrands (1754-1838) hin annimmt, und Bernadotte (1763 - 1844). Schließlich entscheidet er sich für Bonaparte, vielleicht aus der Überlegung heraus: "De tous les militaires c´est encore le plus civil." Die zwei Männer einigen sich, der Staatsstreich vom 18. Brumaire findet statt, und Sieyès wird unmittelbar darauf der erste der drei provisorischen Konsuln. Jedoch bestimmt Bonaparte auf der Grundlage seiner Armee und seines wachsenden Ruhmes das politische Leben und drängt Sieyès ohne Schwierigkeiten beiseite. Dieser wird Senator und erhält ein ansehnliches Landgut in Crosne. Napoleon ehrt ihn mehrfach - so wird er 1804 Grand officier der Ehrenlegion und 1808 Graf des Empire. 

Nach der zweiten Rückkehr der Bourbonen wird Sieyès als Königsmörder geächtet. Er zieht sich nach Brüssel zurück, wo er bis 1830 lebt. Er kehrt nach der Julirevolution (27.-29.07.1830) nach Paris zurück und stirbt dort im Alter von 88 Jahren. 

Literatur 

Jean-Denis Bredin: Sieyès. La clé de la Révolution française, Paris 1988. 

Murray Forsyth: Reason and revolution. The political thought of the Abbé Sieyès, Leicester 1987. 

Thomas Hafen: Staat, Gesellschaft und Bürger im Denken von Emmanuel Joseph Sieyès, Bern u.a. 1994. 

Pasquale Pasquino: Sieyès et l´invention de la constitution en France, Paris 1998. 

William H. Sewell: A rhetoric of Bourgeois revolution. The Abbé Sieyès and What is the Third Estate?, Durham u.a. 1994. 

Quellen 

Oeuvres de Sieyès . [2]

Journal d'instruction sociale / par les citoyens Condorcet, Sieyès et Duhamel

Conspiration infâme découverte par le Directoire, tendante à allumer la guerre civile et livrer la France aux ennemis, Liste générale et noms des conspirateurs arrêtés par ordre du Directoire, et qui vont être jugés par le tribunal criminel / [signé : Sièyes, président]

Découverte d'un nouveau rassemblement de Jacobins, arrestation de cinquante des principaux chefs... / [signé : Sièyes, président]

Essai sur les privilèges / [par Sieyès]

Qu'est-ce que le Tiers état ? / [par Sieyès]

Vues sur les moyens d'exécution dont les représentans de la France pourront disposer en 1789 / [Sieyès]

Quelques idées de constitution applicables à la ville de Paris, en juillet 1789 / par M. l'Abbé Sieyès

Préliminaire de la Constitution françoise : reconnoissance et exposition raisonnée des droits de l'homme & du citoyen / par M. l'Abbé Sieyès

Observations sur le rapport du Comité de constitution concernant la nouvelle organisation de la France / [Sieyès]

Observations sommaires sur les biens ecclésiastiques : du 10 août 1789 / par M. l'abbé Sieyes

Essai sur les privilèges / [par Sieyès]

Qu'est-ce que le Tiers-Etat ? / [Sieyès]

Discours du citoyen Sieyès, président du Directoire exécutif, à la célébration de l'anniversaire du 10 août

Qu'est-ce que le Tiers état ? / par Emmanuel Sieyes ; éd. critique avec une introd., par Edme Champion

 

Stefan W. Römmelt 

Empfohlene Zitierweise

Römmelt, Stefan W.: Sieyès, E.J., in: historicum.net, URL: http://www.historicum.net/no_cache/persistent/artikel/612/

Bitte setzen Sie beim Zitieren dieses Beitrags hinter der URL-Angabe in runden Klammern das Datum Ihres letzten Besuchs dieser Online-Adresse.



Erstellt: 04.01.2006

Zuletzt geändert: 04.01.2006