Biographien

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Kurzbiogramm – Mirabeau (« Mirabeau-Tonneau ») 

André Boniface Louis de Riquetti, Vicomte de Mirabeau [Mirabeau-Tonneau]; * 30.11.1754 Paris; + 15.09.1792 Freiburg (Breisgau). 

Offizier, Abgeordneter der Nationalversammlung, royalistischer Satiriker 

André Boniface Louis de Riquetti, der jüngere Bruder des Honoré-Gabriel Riquetti (1749-1791), wird am 30. November 1754 als drittes Kind des Marquis Victor de Mirabeau (1715-1789) und dessen Frau Marie Geneviève de Vassan in Paris geboren. Die zahlreichen Spannungen und offen ausgetragenen Konflikte zwischen den Eltern bilden den Rahmen für eine unruhige Kindheit. Darüber hinaus empfindet André Boniface Louis de Riquetti seinen Familiennamen und die an ihn herangetragene Erwartungshaltung als eine Last, der er nicht gewachsen ist. Zur Kompensation entwickelt er zwei gegensätzliche Leidenschaften: das Militär und die Ausschweifungen. 

1771 tritt er im Rang eines Sous-lieutenant in die Légion de Lorraine ein; ab 1774 ist er Chevalier de l’ordre de Malte; 1778 Capitaine im Régiment de Nivernois. Am 2. Februar 1780 schifft er sich von Brest aus nach Übersee ein, um am amerikanischen Unabhängigkeitskrieg teilzunehmen. André Boniface Louis de Riquetti zählt mit La Fayette (1757-1834), Lauzun (1747-1793), Dillon (1750-1794), Lameth (1760-1829), Damas (1758-1829) und anderen zu denjenigen „jeunes colonels“, die sich im Verlauf der militärischen Operationen einen außerordentlichen Ruf in ihrer Heimat erwerben. Mirabeau kämpft zunächst auf den Antillen, dann bei Yorktown. Aus der Schlacht bei Saint-Christophe geht er hoch dekoriert hervor und erhält zusammen mit Livarot und Marigny den Auftrag, am Versailler Hof von den Kampfeshandlungen zu berichten. Im März 1782 wird er    Ludwig XVI. (1754-1793) vorgestellt, der ihn am 14. April des Jahres zum Colonel des Régiment de Touraine befördert.

Die zweite, skandalöse Seite des Vicomte de Mirabeau schadet seinem Ansehen jedoch nachhaltig. Seit seiner Jugend werden ihm Exzesse und Alkoholismus nachgesagt. Sein Vorgesetzter im Régiment de Nivernois beschreibt ihn als einen „débauché des plus acomplis“. Während seines 18-monatigen Malta-Aufenthalts von 1777-78 zerstört er volltrunken eine Reihe von Heiligenstatuen, woraufhin er inhaftiert und auf Anweisung des Ordensvorstehers nach Frankreich zurückgesandt wird. Die Affäre wird im Anschluss von seiner Familie vertuscht. Außerdem fällt André Boniface Louis de Riquetti den Zeitgenossen durch seinen aufgeweckten Geist, seine gehässigen Schriften sowie durch seine Streitfreudigkeit auf. Allein 1781 bestreitet er vier siegreiche Duells innerhalb eines Monats. Körperlich macht er jedoch bereits im Alter von 25 Jahren einen desolaten Eindruck. Gezeichnet von seinen ausschweifenden Lebenswandel, wird dem aufgedunsenen und fettleibigen Adeligen der Spitzname „Mirabeau Tonneau“ verliehen. 

Das Mitglied der Pariser Freimaurerloge „Contrat Social“ sitzt zunächst als Anwalt seiner Mutter in der Assemblée de la noblesse du Haut-Limousin. Am 22. März 1789 wird er als Abgeordneter in die Generalstände gewählt. In Versailles zählt der überzeugte Royalist zu den vehementesten Gegnern der Vereinigung der drei Stände. Am Tag des Ballhausschwurs [20.06.1789] reicht er wutentbrannt den Rücktritt aus seinen Ämtern ein. Doch obwohl ein Nachfolger für ihn benannt wird, zieht er sich nicht aus der Versammlung zurück. Der Vicomte de Mirabeau sitzt im Kreise von d’Éprémésnil (1745-1794), dem Marquis de Foucault, Maury (1746-1817) und Cazalès (1758-1805) auf der rechten Seite des Präsidenten. Die Gruppe zählt zu den lautesten und spöttischsten Vertretern der Gegenrevolutionäre. 

André Boniface Louis de Riquetti macht es sich zur Aufgabe, mit unsinnigen Forderungen und parodistischen Einlagen den täglichen Sitzungsverlauf zu sabotieren. Aufgrund seiner satirischen und ultra-royalistischen Einwürfe rechnet man ihn zur „droite spirituelle“. Die Presse porträtiert ihn gleichermaßen als berühmten und lächerlichen Charakter sowie als bevorzugten Sündenbock. Seine polarisierenden Stellungnahmen sind begleitet von Protesten, lautem Gelächter und Beifallsbekundungen. Der Vicomte betrachtet die Nationalversammlung als seine Bühne. Seine radikale Offenheit und sein mangelnder Respekt stellen jedoch bald ein zunehmendes Ärgernis dar. Wiederholt wird er – sogar gewaltsam – zur Ordnung gerufen. Parallel dazu werden diejenigen Gesetzesvorschläge, die er offen unterstützt, mehrheitlich zurückgewiesen. „Mirabeau Tonneau“ wird darüber hinaus zur Zielscheibe der patriotischen Presse. Angesichts der Vielzahl an Karikaturen und diffamierender Porträts seiner Person verteidigt er sich im Duell. Im Januar 1790 wird er von Latour-Maulbourg (1756-1831) mit dem Säbel verletzt; im Februar trifft ihn Leguen de Kéragal mit der Pistole. 

Auch außerhalb der Gremien sucht der Vicomte die Provokation. Zusammen mit Foucault, de Bouville, Laqueuille, d’Éprémésnil, Maury und Montlosier betreibt er seit dem Frühjahr 1789 die politische Lachgesellschaft der „repris de nation“, die die Patrioten auf den Straßen und Plätzen der Hauptstadt verhöhnt. Gelegentlich vermischt sich die Gruppe in den Cafés und Restaurants des Palais-Royal, beim Verleger Gattey oder bei der Marquise de Chambonas mit den royalistischen „Apôtres“ um Rivarol (1753-1801). Im Kreise von Champcenetz (1759-1794), Suleau, Tilly, Bergasse (1750-1832), Peltier (1765-1825) und d’Aubonne entwerfen sie zahlreiche Kalauer, Pastiches, Epigramme und satirische Komödien, die im Anschluss in den „Actes des Apôtres“ veröffentlicht werden. Im Verlauf des „année satirique“ vom Oktober 1789 bis zum Sommer 1790 spielt André Boniface Louis de Riquetti eine zentrale Rolle in der antiparlamentarischen Presse. Sich zum „Chevalier rieur“ stilisierend, publiziert er eine kommerziell ertragreiche Zeitung, die unter dem Titel „Les Diners, ou la vérité en riant“ die laufenden Debatten der Nationalversammlung verspottet. Seine satirischen Schriften setzen sich dabei weder mit den Prinzipien der Patrioten auseinander, noch entwickeln sie ein gegenrevolutionäres Programm. Mirabeaus Lachen beschränkt sich auf das Nichtanerkennen der gegnerischen Position. 

Jedoch gewinnen die Eklats in der Nationalversammlung an persönlicher Schärfe. Am 13. April 1790 kommt es in einer Debatte zum Katholizismus zu einer heftigen Auseinandersetzung zwischen den Brüdern Mirabeau. Im Zuge der gegenseitigen Vorwürfe gerät die Situation außer Kontrolle. Zahlreiche Abgeordnete verlassen den Saal; auf den Tribünen sowie im Garten der Tuilerien herrscht Aufruhr. Der Vicomte wird zusammen mit Cazalès von der Nationalgarde durch die aufgebrachte Menge eskortiert. Als Opfer unzähliger tätlicher Angriffe und offener Beschimpfungen beginnt Mirabeau um sein Leben zu fürchten. Am 28. Juli 1790 wird das Restaurant im Palais-Royal, in dem er zu Abend isst, von Steine werfenden Patrioten belagert. Nur mit Mühe gelingt es dem Vicomte, sich der Gefahr zu entziehen. Im August des Jahres beschließt er, seines politischen Einflusses beraubt und von der Mehrzahl seiner Freunde verlassen, die Emigration. Sein in Aachen verfasstes Entlassungsgesuch aus der Nationalversammlung trifft am 26. August in Paris ein. Er wird nicht ersetzt. 

Im deutschen Exil unternimmt Mirabeau den Versuch, ein eigenes Regiment zu formieren, um sich der Armee des Prinzen von Condé (1736-1818) anzuschließen. Die „Légion Noir“ setzt sich überwiegend aus im Elsass stationierten französischen Deserteuren zusammen. Am 13. August 1790 führt der Lebemann einen erfolgreichen, jedoch militärisch bedeutungslosen Angriff auf Fort-Louis. Kurz darauf muss er aufgrund einer Niederlage bei Neuhäusel seinen Posten verlassen. Zeit Lebens kehrt André Boniface Louis de Riquetti nicht mehr ins revolutionäre Frankreich zurück. Er verstirbt am 15. September 1792 in Freiburg im Breisgau an den Folgen eines Schlaganfalls. 

Literatur 

Antoine de Baeque: Les Éclats du Rire. La Culture des Rieurs au XVIIIe siècle, Paris 2000. 

Eugène Berger: Le Vicomte de Mirabeau (Mirabeau-Tonneau), 1754-1792, Paris 1904. 

Centre aixois d'études et de recherches sur le XVIIIe siècle: Les Mirabeau et leur temps, Paris 1968. 

Gilles Henri: Mirabeau père, 5 octobre 1715 - 11 juillet 1789, Paris 1989. 

Quellen 

Lettres de messieurs de Chailloué,... le vicomte de Mirabeau,... le comte de Bouville,... à M. le président de l'Assemblée nationale, relative au serment individuel demandé dans la séance du séance du 4 février

Lettre de M. le vicomte de Mirabeau à M. le comte de Mirabeau son frère, trouvée dans les papiers de ce dernier, après la levée du scellé

Réponse de M. le vicomte de Mirabeau à M. de Lanjuinais, qui a argué de faux sa dénonciation sur les troubles de Bretagne, à M. le curé d'Emberneuil qui a paru douter de la vérité des faits qui y sont énoncés

Lettres de messieurs de Chailloué,... le vicomte de Mirabeau,... le comte de Bouville,... à M. le président de l'Assemblée nationale, relative au serment individuel demandé dans la séance du séance du 4 février

Lettre de M. le vicomte de Mirabeau à M. le comte de Mirabeau son frère, trouvée dans les papiers de ce dernier, après la levée du scellé

Réponse de M. le vicomte de Mirabeau à M. de Lanjuinais, qui a argué de faux sa dénonciation sur les troubles de Bretagne, à M. le curé d'Emberneuil qui a paru douter de la vérité des faits qui y sont énoncés 

 

Lars Schneider 

 

Empfohlene Zitierweise

Schneider, Lars: Mirabeau, A. B., in: historicum.net, URL: http://www.historicum.net/no_cache/persistent/artikel/605/

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Erstellt: 04.01.2006

Zuletzt geändert: 04.01.2006