Biographien

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Kurzbiogramm - Méricourt 

Théroigne de Méricourt (Anne Josèphe Terwagne, genannt von de Marcourt); * 13.08.1762 Marcourt (Belgien); Paris 09.06.1817. 

Revolutionärin und Kämpferin für die Emanzipation der Frau 

Théroigne wird als 1762 südlich von Lüttich in den österreichischen Niederlanden als Tochter des wohlhabenden Bauern Pierre Théroigne (Terwagne) geboren. Sie wird in einem Nonnenkloster in Roermont erzogen und flieht nach einem Streit mit ihrer Stiefmutter aus dem Elternhaus, um ein unstetes Wanderleben zu führen. So hält sie sich 1782 in London und 1785 in Paris auf. Angeblich tritt sie 1788 in Genua als Konzertsängerin auf. Zu Beginn des Jahres 1789 kommt sie mit dem Marquis de Persan, ihrem Geliebten, nach Paris. 

Begeistert von den Ideen der Revolution, steht sie in engem Kontakt mit Journalisten wie Ronsin (1751-1794), Momoro (1756-1794), Camille Desmoulins (1760-1794) und Pétion (1756-1794). Sie eröffnet in der Rue de Tournon einen Salon und gründet zusammen mit Gilbert Romme (1750-1795), dem Schöpfer des republikanischen Kalenders, eine patriotische Gesellschaft, die "Amis de la Loi". Gekleidet als "Amazone de la liberté", trägt sie Pistolen am Gürtel und den Säbel an ihrer Seite. Bei allen wichtigen Ereignissen und Festen ist sie zugegen. Am 14. Juli 1789 nimmt sie am Sturm auf die Bastille teil. Seit diesem Zeitpunkt ist sie in Paris nur unter dem Namen la belle Liégeoise oder "die schöne Ausländerin" bekannt. Sie steht an der Spitze der Masse, die am 5. Oktober 1789 nach Versailles zieht, um die Königsfamilie zur Umsiedelung nach Paris zu zwingen. 1790 unterhält sie einen politischen Salon und spricht im Club der Cordeliers. 

Um sich einem Gerichtsverfahren zu entziehen, kehrt sie 1790 nach Marcourt und anschließend nach Lüttich zurück. In der Nacht vom 15. auf den 16. Februar 1791 wird sie dort von österreichischen Agenten verhaftet und unter dem Vorwand, ein Komplott gegen Marie Antoinette (1755-1793) geschmiedet zu haben, nach Kufstein (Tirol) und Wien entführt. Schließlich kommt sie aufgrund der Intervention von Kaiser Leopold II. (1747-1792) frei, der sogar die Reisekosten übernimmt. Während ihrer Haft entstehen ihre "Confessions", die allerdings erst 1892 publiziert werden. 

Nach ihrer Rückkehr nach Paris im Januar 1792 genießt sie dort wieder große Popularität und führt am 20. Juni 1792 den Befehl über die dritte Gruppe der bewaffneten Gruppen aus den Vorstädten. Für ihren Mut wird sie mit der Verleihung der Bürgerkrone belohnt. Sie regt erfolglos die Aufstellung von "bataillons d´Amazones" zur Bekämpfung der europäischen Monarchien an. Zugleich fordert sie in zahlreichen Reden vor den Pariser Clubs und Artikeln die bürgerliche und politische Gleichstellung der Frauen ein und bekämpft zugleich die gemäßigten Kräfte. Sie ergreift auch in der Nationalversammlung das Wort. Die Gegner der Revolution halten sich nicht mit Angriffen auf Théroigne zurück. So stellt sie der royalistische Journalist François Suleau (1757-1792) in den "Actes des apôtres", einem konterrevolutionären Journal, als Mätresse des Abgeordneten Populus dar. Die schöne Lütticherin rächt sich. Als ein Kampfgefährte sie am 10. August 1792 auf der Place Vendome auf Suleau aufmerksam macht, wird dieser sofort von der Volksmasse gelyncht. 

1793 gerät Théroigne zunehmend in Isolation, da sie den Girondisten nahe steht und für die Wahrung der Prinzipien der Verfassung sowie die Einheit der verschiedenen revolutionären Gruppierungen eintritt. Als sie am 13. Mai 1793 allein im Jardin des Tuileries spazieren geht, wird sie von jakobinisch gesinnten Frauen als "Brissotistin" angegriffen, ihrer Kleider beraubt und ausgepeitscht. Marat (1743-1793) greift ein und kann sie vor noch Schlimmerem bewahren. Im Juni 1794 wird Théroigne inhaftiert und bleibt bis Dezember desselben Jahres im Gefängnis. Infolge dieser Ereignisse verliert sie den Verstand und wird auf Verlangen ihres Bruders Joseph zuerst in ein Sanatorium gebracht; im November 1800 verlegt man sie in die Salpetière, dann in die Heilanstalt Petites Maisons. Von dort wird sie 1807 wieder in die Salpetière gebracht. Dort steht sie unter der Aufsicht des berühmten Mediziners Étienne Esquirol, der ihre Krankengeschichte veröffentlicht. Bis zu ihrem Tod 1817 bleibt Théroigne geistig umnachtet. 

Schriftsteller wie Michelet, Lamartine und die Brüder Goncourt thematisieren Théroignes Schicksal. Auch Charles Baudelaire widmet ihr ein Sonnet in den "Fleurs du mal", und Sarah Bernhardt verkörpert Théroigne auf der Bühne. 

Literatur 

Christiane Marciano-Jacob: Théroigne de Méricourt ou la femme écrassée. Paris 2001. 

Elisabeth Roudinesco: Théroigne de Méricourt. Une femme mélancholique sous la Rèvolution. Paris 1989. 

Anne J. Théroigne de Méricourt: Aufzeichnungen aus der Gefangenschaft. Salzburg u.a. 1989. 

Quellen 

Discours prononcé à la Société fraternelle des minimes, le 25 mars 1792, l'an quatrième de la liberté, par Mlle Théroigne, en présentant un drapeau aux citoyennes du faubourg S. Antoine

Aux 48 sections / [signé : Théroigne]

 

Stefan W. Römmelt 

 

Empfohlene Zitierweise

Römmelt, Stefan W.: Méricourt, T., in: historicum.net, URL: http://www.historicum.net/no_cache/persistent/artikel/604/

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Erstellt: 04.01.2006

Zuletzt geändert: 04.01.2006