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Kurzbiogramm - Condorcet
Marie Jean Antione Nicolas de Caritat Hébert, Marquis de; * 17.09.1743 Ribemont (Aisne); 29.03.1794 Bourg-la-Reine.
Mathematiker; Philosoph; Konventsabgeordneter
Das früheste Betätigungsfeld des hochbegabten Marquis de Condorcet ist die Mathematik. Bereits im Alter von 26 Jahren wird er aufgrund aufsehenerregender Arbeiten auf den Gebieten der Integral- und Wahrscheinlichkeitsrechnung sowie astronomischer Studien in die Académie des Sciences aufgenommen.
Über die Mathematik hinaus entwickelt er lebhaftes Interesse für philosophische, politische und religiöse Fragen. So begeistert er sich unter anderem für die Reformpläne seines Freundes Jacques Turgot (1727-1781), Finanzminister unter Ludwig XVI. (1754-1793). In mehreren Arbeiten entwickelt Condorcet die fruchtbare Theorie eines freien Getreidehandels, der eine Aufhebung der zahllosen Zollschranken voraussetzt. Zwischen 1775 und 1776 veröffentlicht er darüber hinaus Artikel zur Abschaffung des Frondienstes.
Die erste polemische Schrift Condorcets erscheint 1774 anonym unter dem Titel "Lettres d'un théologien". Es handelt sich um ein subtiles und zugleich eloquentes Pamphlet gegen die kirchlichen Lehrmeinungen, das seinen prominentesten Anhänger in François-Marie Arouet (Voltaire) (1694-1778) findet. Ab 1777 kritisiert Condorcet, die Sklaverei in den französischen Kolonien, ein Thema, das er 1781 unter dem Pseudonym D. Schwartz sowie 1789 in einer von der Société des Amis des Noirs vertriebenen Schrift "l'Adresse aux assemblées electorales" erneut aufgreift.
Um 1781 setzt sich der prominente Philosoph und Wissenschaftler verstärkt mit dem Gedanken der Religionsfreiheit auseinander. Aufgrund seiner zahlreichen Publikationen wird er ein Jahr später von den vierzig Unsterblichen in die Académie Française gewählt, wo er mit der Rede "Avantages que l'union des sciences morales aux sciences physiques pourrait procurer à la société" debütiert. In der Folgezeit publiziert er 1786 eine kritische Schrift zur Handhabung des Strafrechts seitens der französischen Monarchie sowie ein Werk zur amerikanischen Revolution und deren Einfluss auf Europa. Am 23. Dezember 1787 heiratet Condorcet Marie Louise Sophie de Grouchy (1764-1822), die Nichte des Präsidenten des Parlaments von Bordeaux, Dupaty.
Zu Beginn der Revolution tritt Condorcet weder als Mitlied der Generalstände [États généraux] noch der Verfassungsgebenden Versammlung [Assemblée nationale constituante] in Erscheinung. Statt dessen begnügt er sich mit dem Amt des Conseiller Municipal de Paris. In den Jahren 1789 bis 1790 veröffentlicht er an die vierzig Abhandlungen zu Themen politischer und wissenschaftlicher Natur. Bis zur gescheiterten Flucht der königlichen Familie ist Condorcet ein überzeugter Verfechter der konstitutionellen Monarchie. Sein frühestes Bekenntnis zur Republik kann auf den 8. Juli 1791 datiert werden. An jenem Tag spricht er der Monarchie in einer kleinen Schrift jeglichen Nutzen für die Erhaltung der Freiheit ab. In zwei darauffolgenden Abhandlungen tritt er kategorisch für eine Republik als Regierungsform ein. Als Schüler Montesquieus (1689-1755) befürwortet er dabei die Trennung von exekutiver und legislativer Gewalt.
Im September 1791 wird Condorcet als Abgeordneter von Paris in die gesetzgebende Versammlung [Assemblée nationale législative] gewählt. Allerdings ist seine Person sowohl in den Reihen der Royalisten [Chénier (1764-1811)] als auch der Patrioten [Marat (1743-1793); Madame Roland (1754-1793)] umstritten. Innerhalb der Legislative ist Condorcet das prominenteste Mitglied des Comité d'instruction publique. Zu den bekanntesten Werken, die während seiner Amtszeit entstehen, zählt neben der Erklärung an die europäischen Staaten vom 29. Dezember 1791 sein Bericht über die öffentliche Bildung vom 20. bis 21. April 1792. Mit dem Ziel der Öffnung des Bildungswesens für die Allgemeinheit schlägt Condorcet ein fünfstufiges Erziehungswesen unter Führung der Société nationale des sciences et des arts vor. Angesichts außen- und innenpolitischer Spannungen wird das Projekt jedoch auf unbestimmte Zeit verschoben.
Zur gleichen Zeit beginnt man im Klub der Jakobiner, Condorcet aufgrund seiner Beziehungen zu Brissot (1754-1793) zu kritisieren. Seine Position wird durch die Angriffe vorerst jedoch nicht gefährdet. Im Zuge der Neuordnung der Exekutive wird Condorcet in die Commission des Douze berufen. In diesem Zusammenhang erhält er den Auftrag, einen Bericht über die Vorkehrungen zur Absetzung des Königs zu verfassen. Der Bericht wird in der Sitzung vom 9. August 1792 verlesen. Einen Tag später wird Ludwig XVI. (1754-1793) seines Amtes enthoben. Noch am 10. August 1792 verfasst Condorcet eine schriftliche Eingabe über die Beweggründe der Legislative zur Absetzung des Königs und zur Einberufung eines Nationalkonvents [Convention nationale].
Wie zu erwarten, wird der Marquis von mehreren Departements (l'Aisne; la Gironde; le Loiret; la Sarthe; l'Eure) als Abgeordneter in den Konvent gewählt. Er entscheidet sich für sein Heimat- Departement Aisne. Im Konvent bemüht er sich, in den an Schärfe gewinnenden Spannungen zwischen den Gruppierungen zu vermitteln. Condorcet setzt sich für die Aussöhnung der Girondins mit Danton (1759-1794) ein und kritisiert zugleich die Angriffe Louvets (1760-1797)auf Robespierre. Als er am 11. Oktober 1792 in das Comité de la Constitution gewählt wird, gehört er weder zu den Girondins noch zu den Montagnards. Dieses Lavieren zwischen den Parteien beginnt sich nunmehr gegen ihn zu wenden. Im Dezember 1792 bezeichnet Robespierre die Chronique de Paris, für die Condorcet schreibt, als schlechteste und niederträchtigste der Pariser Zeitungen.
Im Verlauf des Prozesses gegen Ludwig XVI. findet Condorcet kaum Gehör. In der aufgeheizten Stimmung ist kein Platz für eine philosophische Auseinandersetzung mit dem Gegenstand. Der Marquis stimmt gegen die Todesstrafe, für deren Abschaffung er sich bereits im Vorfeld eingesetzt hatte. Statt dessen solle dem ehemaligen König "la peine de la loi la plus sévère aprè la mort" zuteil werden. Auch seine Forderung nach einem Volksentscheid bleibt in den lebhaft geführten Debatten ohne Resonanz.
Als Mitglied des Comité de la Constitution tritt Condorcet 1793 als Autor eines Verfassungsprojektes hervor. Die sogenannte Constitution girondine, die von Gesonné (1758-1793) im Konvent vorgetragen wird, stößt allerdings auf wenig Gegenliebe auf Seiten der Montagnards. Am 24. April distanziert sich Robespierre in einer langen Rede von dem Projekt. Condorcet indes greift nicht persönlich in die Diskussion ein. Als jedoch am 24. Juni der Alternativvorschlag von Hérault de Séchelles angenommen wird, weist er in einer Schrift an das französische Volk öffentlich auf deren Mängel hin.
Am 8. Juli fordert Chabot (1756-1794) daraufhin erstmals seine sofortige Festnahme. Am 3. Oktober wird Condorcet schließlich zusammen mit den Girondins angeklagt. An die Kraft der Vernunft appellierend, wendet er sich voller Empörung in einem berühmten Schreiben an den Konvent ["Je ne m'abaisserai point à faire l'apologie ni de mes principes ni de ma conduite; je n'en ai pas besoin ni pour la France ni pour l'Europe"], bevor er sich den Nachstellungen seiner Feinde durch Flucht entzieht.
Die folgenden Monate findet Condorcet Unterschlupf bei Madame de Vernet. Der im gleichen Haus wohnende Montagnard Marcoz hat hiervon zwar Kenntnis, verzichtet jedoch auf eine Anzeige bei den Behörden. In dieser Zeit verfasst der Marquis eine seiner berühmtesten Schriften. Das "Tableau historique des progrès de l'esprit humain" liefert wichtige Gedanken für die "loi des trois états" von Auguste Compte (1798-1857) sowie Hegels (1770-1831) dialektische Geschichtsphilosophie. Der Gedanke an eine Hausdurchsuchung, die nicht zuletzt eine Bedrohung für das Leben seiner Gastgeberin darstellt, veranlasst Condorcet schließlich am Morgen des 6. März 1794 nach Fontenay-aux-Roses aufzubrechen. Die Hoffnung, im Landhaus seines Akademiekollegen Suard (1732-1817) Zuflucht zu finden wird jedoch enttäuscht.
Als Condorcet am darauffolgenden Morgen ausgehungert in eine Herberge einkehrt, wird er aufgrund seines auffälligen Äußeren festgenommen, nach Bourg-la-Reine geführt und vor Ort inhaftiert. Tags darauf, am Morgen des 29. März 1794, wird er tot in seiner Zelle aufgefunden. Der ärztliche Untersuchungsbericht diagnostiziert einen Schlaganfall. Eine andere Version besagt, dass der Marquis Selbstmord mit Hilfe eines Giftes begangen habe, das ihm sein Schwager Cabanis (1757-1808) beschafft habe, um ihm die Guillotine zu ersparen.
Literatur
Elisabeth Badinter/Robert Badinter: Condorcet (1743-1794) un intellectuell en politique, Paris 1988.
Dorothee Baxmann: Wissen, Kunst und Gesellschaft in der Theorie Condorcets, Stuttgart 1999.
Pierre Crépel (Hg.): Condorcet. Mathématicien, économiste, philosophe, homme politique, Paris 1989.
Charles Coutel: Condorcet. Instituer le citoyen, Paris 1999.
Anne-Marie Chouillet (Hg.): Condorcet. Homme des lumières et de la Révolution, Fontenay-aux-Roses 1997.
Quellen
La société des Amis des Noirs . [1] / [Condorcet]
Journal d'instruction sociale / par les citoyens Condorcet, Sieyès et Duhamel
Lettres sur le commerce des grains / par M. ** [Condorcet]
Réflexions sur le commerce des bleds / par M. de Condorcet
Essai sur la Constitution et les fonctions des Assemblées provinciales / [Condorcet]
Lettres d'un gentilhomme à messieurs du tiers état / [par Condorcet]
Sur la forme des élections / par M. le marquis de Condorcet
Réflexions sur les affaires publiques par une société de citoyens / [par Condorcet]
Réponse à l'adresse aux provinces / [par Condorcet]
Sur le choix des ministres / par M. de Condorcet
Sur l'étendue des pouvoirs de l'Assemblée nationale / par M. de Condorcet
La République française aux hommes libres / par Condorcet
Réflexions sur la Révolution de 1688, et sur celle du 10 août 1792 / par Condorcet
Ce que les citoyens ont droit d'attendre de leurs représentans / par Condorcet
Lettre de Condorcet à la Convention nationale
Observations de Condorcet sur le vingt-neuvième livre de "L'esprit des lois"
Des conventions nationales / par Condorcet
Sur les élections / [par Condorcet][publ. par A. Condorcet O'Connor,... et M. F. Arago,...]
Sur l'admission des femmes au droit de cité / [par M. Condorcet]
Sur la proposition d'acquitter la dette exigible en assignats / par M. Condorcet
Nouvelles réflexions sur le projet de payer la dette exigible en papier forcé / par M. Condorcet
Adresse aux Bataves / par Condorcet
Réflexions de M. le Marquis de Condorcet sur l'usufruit des bénéficiers
Réflexions d'un citoyen sur la révolution de 1788 / [par Condorcet]
Sur la fixation de l'impôt / par M. de Condorcet
Lettre d'un laboureur de Picardie à M. N.***, auteur prohibitif à Paris / [par Condorcet]
Réflexions sur l'esclavage des nègres / par M. Schwartz, pasteur à Bienne [i.e. Condorcet]
De la République, ou Un roi est-il nécessaire à la conservation de la liberté ? / par Condorcet
Esquisse d'un tableau historique des progrès de l'esprit humain : ouvrage posthume / de Condorcet
Lars Schneider
Empfohlene Zitierweise
Schneider, Lars: Condorcet, M.J., in: historicum.net, URL: http://www.historicum.net/no_cache/persistent/artikel/524/
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Erstellt: 03.01.2006
Zuletzt geändert: 03.01.2006
Index
- Babeuf, F.N.
- Bailly, J.S.
- Barras, P.F.
- Beaumarchais, P.-A.
- Brissot, J.P.
- Chateaubriand, F.R.
- Chénier, A.M.
- Cloots, J.B.
- Condorcet, M.J.
- Corday, C.
- Danton, G.-J.
- Desmoulins, C.
- Fontanes, de J.-P.
- Fouché, J.
- Gorsas, A.J.
- Gossec, F.-J.
- Gouges, M.O. de
- Grégoire, H.
- Guillotin, J.-I.
- Hébert, J.-R.
- Joséphine
- Karl X.
- Lafayette, M.J.
- Le Peletier, L.M.
- Ludwig XVI.
- Ludwig XVIII.
- Marat, J.P.
- Marie Antoinette
- Méricourt, T.
- Mirabeau, A. B.
- Mirabeau, H.-G.
- Napoleon
- Necker, J.
- Robespierre, M.M.
- Sade, F. de
- Saint-Just, L.-A.
- Sieyès, E.J.
- Staël, Mme de
- Talleyrand, C.M.
- Vergniaud, P.V.


