Biographien

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Kurzbiogramm – Cloots 

Johann Baptist Hermann Maria [Anacharsis] Cloots [Clootz], Baron; * 24.06.1755 Gnadenthal (Kleve); 23.03.1794 Paris (hingerichtet). 

Utopist 

Johann Baptist Cloots kommt als eines von sieben Kindern des angesehenen Holländers Thomas Franziskus Cloots auf Schloss Gnadenthal bei Kleeve zur Welt. Sein Vater, der als überzeugter Katholik die protestantischen Niederlande hatte verlassen müssen, beschließt, seinem Sohn eine französische Erziehung zuteil werden zu lassen. 

Im Alter von neun Jahren verlässt Cloots, nunmehr als Jean-Baptiste, das väterliche Schloss, um eine streng klerikale Ausbildung in Brüssel, Mons sowie am Pariser Collège du Plessis, wo er sich sechs Jahre aufhält, zu absolvieren. Im Rahmen seiner Studien fällt der begabte und selbstbewusste Jüngling allerdings immer wieder durch opponierende Kritik am Regelkatalog seiner katholischen Erzieher auf. 

Im Anschluss an seinen Parisaufenthalt wird Cloots von seinem Vater auf die Militärakademie nach Berlin geschickt. Obwohl Jean-Baptiste Friedrich II. (1712-1786) aufgrund dessen philosophischer Neigungen schätzt, ist ihm das preußische Militärwesen jedoch zuwider. Doch will er seinen Vater vorerst nicht enttäuschen. Erst nach dessen Tod bricht er die ihm zugedachte Karriere ab und lässt sich im Alter von 20 Jahren ausgestattet mit einem stattlichen Erbe in Paris nieder. 

In der französischen Hauptstadt empfängt man den wohlerzogenen und hochgebildeten preußischen Adeligen mit offenen Armen. Cloots frequentiert die renommiertesten Salons der Seinemetropole. Der persönliche Kontakt zu Rousseau (1712-1778) und Voltaire (1694-1778) inspiriert ihn darüber hinaus zu eigener schriftstellerischer Tätigkeit. Er versucht sich zunächst an einem Drama, das unter dem Titel "Voltaire triomphant ou les pretres décus" erscheint. 1780 wird in London das philosophische Werk "La Certitude des Preuves du Mahométisme" publiziert, das Cloots während eines Aufenthalts in seiner Heimat verfasst hat und in dem er den kirchlichen Dogmatismus anprangert, dem er selbst seit frühester Jugend ausgesetzt war. 

In Anlehnung an Voltaire entwickelt sich der schwärmerische Adelige zum vehementen Religionsgegner, der nicht müde wird, im Geiste der Vernunft gegen das Christentum zu polemisieren. Parallel dazu widmet er sich mit fanatischem Eifer der Astronomie, Geologie und Physik. Durch sein öffentliches Auftreten gegen die Kirche fällt er jedoch bei Klerus und Regierung gleichermaßen in Ungnade. Um drohenden Verfolgungen zu entgehen, unternimmt er ausgedehnte Bildungsreisen durch Europa mit Stationen in London, Rom, Lissabon und Amsterdam. 1785 veröffentlicht er ein weiteres Buch, das unter dem Titel "Voeux d'un Gallophile" politische Reformvorschläge ausbreitet. 

Vom Sturm auf die Bastille [14.07.1789] erfährt der Baron während eines Spanienaufenthaltes. Voller Begeisterung begibt er sich zurück nach Paris, um an den revolutionären Ereignissen persönlich teilzuhaben. Er schreibt für Zeitungen wie "La Chronique de Paris", "Le Patriote francais", "Les Annales patriotiques" und "Les Révolutions de France" und ergreift darüber hinaus das Wort in den Klubs sowie auf zahlreichen Kundgebungen. Sein deutscher Akzent und sein Hang zu barocker Bildsprache verhelfen ihm dabei zu einem gewissen Bekanntheitsgrad. Um seine Volksnähe zu dokumentieren, legt Cloots schließlich seinen Adelstitel ab. Wenig später trennt er sich auch von seinem christlichen Vornamen Jean-Baptiste. Fortan nennt er sich Anacharsis nach dem skythischen Philosophen und Weltweisen (~ 590 v. Chr.), der als Vorbild für einen natürlichen Menschen fungiert. 

Am 19. Juli 1790 erscheint Cloots an der Spitze einer multinationalen Delegation in der Nationalversammlung. Im Kreise der erstaunten Abgeordneten hebt er zu einer feierlichen Rede an, die sein teilweise verkleidetes Gefolge als eine "Deputation des Menschengeschlechts" [ambassade du genre humain] an das revolutionäre Frankreich ausweist. Mit der exzentrischen Huldigung der Nationalversammlung wird der sich zum "Redner des Menschengeschlechtes" stilisierende Anacharsis Cloots zu einer der prominentesten Figuren im politischen Milieu von Paris. 

Das utopische Ziel des überzeugten Kosmopoliten besteht fortan in der Ausweitung der Revolution zum Zwecke der Errichtung einer zentralistischen Weltrepublik. In diesem Zusammenhang erweist sich Cloots in den Debatten um die Kriegserklärung an Österreich und Preußen (1792) als entschlossener Parteigänger Brissots (1754-1793) und beschließt darüber hinaus, die kriegführenden Girondisten aus seinem Privatvermögen zu unterstützen. Er legt damit den Grundstein für den Konflikt mit Robespierre (1758-1794), der ihn im Jakobinerklub attackiert. 

Im September 1792 wird der als "Preuße" apostrophierte Cloots, dem auf Antrag der Girondisten das französische Bürgerrecht verliehen wurden, als Abgeordneter des Departements Oise in den Nationalkonvent gewählt. Sein ebenso tollkühnes wie penetrantes Auftreten im Konvent wird jedoch mit Skepsis aufgenommen. Die zunehmende Radikalisierung seines Denkens führt darüber hinaus zu Differenzen mit gemäßigten Girondisten wie Roland (1734-1793) und Condorcet ( 1743-1794), die er schließlich in seinem Pamphlet "Ni Marat ni Roland" attackiert. Doch auch seitens der Jakobiner begegnet man seinem Fanatismus mit Zurückhaltung. Robespierre verdächtigt ihn gar der Spionage im Auftrag des preußischen Königs. 

Im Zuge des Prozesses (11.12.1772 - 17.01.1793) gegen Ludwig XVI. (1754-1793) fordert Cloots "im Namen des Menschengeschlechts" dessen Hinrichtung. Sein strikter Antiklerikalismus führt ihn daraufhin in die Nähe der Hébertisten, deren Vernunftkult [Culte de la Raison] für zusätzliches Konfliktpotenzial mit Robespierre sorgt. Letzterer erblickt in dem ihm verhassten Preußen darüber hinaus einen Kapitalisten, dessen Einkünfte das zulässige Maß bei weitem übersteigen. Vorerst scheint sich die von Cloots ersehnte "Abschaffung des Christentums" jedoch zu realisieren. Am 5. Oktober 1793 tritt der Revolutionskalender in Kraft, der die christlichen Feiertage aus dem Jahresverlauf verdrängt. Am 10. November des Jahres organisiert Cloots einen blasphemischen Gottesdienst in der Kathedrale Notre Dame, die er zu diesem Zweck in einen Tempel der Vernunft und der Freiheit umgestaltet, indem er sämtliche Heiligenfiguren entfernen lässt. 

Zu diesem Zeitpunkt sind die Maßnahmen zu seinem Sturz jedoch bereits eingeleitet. Levasseur (1747-1834) beschuldigt ihn der Spionage; Desmoulins (1760-1794) diffamiert ihn in seiner Zeitung "Le Vieux Cordelier". Am 22. Frimaire des Jahres II (12.12.1773) ergreift schließlich Robespierre im Jakobinerklub das Wort gegen den feurigen Phantasten. Cloots' Reichtum sowie seine Herkunft werden ihm dabei zum Verhängnis. Anacharsis wird noch am gleichen Tag aus dem Klub ausgeschlossen. Er unternimmt einen Versuch zur Gegenwehr, doch findet seine Schrift "Appel au genre humain" kein Gehör mehr unter den Zeitgenossen. Statt dessen wird er am 26. Dezember 1793 zusammen mit Paine (1737-1809) als Ausländer auch aus dem Konvent ausgeschlossen. Tags darauf nimmt man ihn fest und inhaftiert ihn am 28. Dezember 1793 im Pariser Gefängnis Saint-Lazare. 

Nach dreimonatiger Haft wird Cloots am 21. März zusammen mit den Hébertisten dem Revolutionsgericht übergeben. Der anschließende viertägige Schauprozess, in dem er sich glänzend verteidigt, endet, wie zu erwarten, mit dem Todesurteil. Als man ihn am 24. März 1794 zusammen mit dem Kreis um Hébert (1757-1794) zur Guillotine führt, bittet Cloots darum, als letzter hingerichtet zu werden. Er nutzt die ihm gewährte Gunst, um seinen Vernunftenthusiasmus ein letztes Mal öffentlich zu verkünden. 

Literatur 

Avanel, Georges: Anacharsis Cloots. L'orateur du genre humain. Paris! France! Univers! Paris 1976. 

Labbé, Francois: Anacharsis Cloots. Le Prussien Francophile, Paris 1999. 

Mortier, Roland: Anacharsis Cloots ou l'utopie foudroyée, Paris 1995. 

Cloots du Val-de-Grâce, Jean Baptiste Baron de: Œuvres, München; Paris 1980. 

 

Lars Schneider 

 

Empfohlene Zitierweise

Schneider, Lars: Cloots, J.B., in: historicum.net, URL: http://www.historicum.net/no_cache/persistent/artikel/522/

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Erstellt: 03.01.2006

Zuletzt geändert: 03.01.2006