Allianzen vor dem Rheinbund

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Allianzen vor dem Rheinbund 

 

Die Gründer des Rheinbundes vom 14. 8. 1658 konnten auf vorhandene Strukturen aufbauen. Denn zwei Bündnisse bestanden bereits: zum einen die evangelische Hildesheimer Allianz vom 14. 2. 1652 [1]und zum anderen die katholisch geprägte Rheinische Allianz (oder auch Kölner Defensivallianz) vom 15. 12. 1654. Im Großen und Ganzen war der innere Zirkel der Bündnispartner des ersten Rheinbundes von 1658 bereits in diesen beiden Verbünden zusammengefasst.

Schon bald nach 1648 setzten unter den Reichsständen intensive Aktivitäten zur Herstellung von Bündnissen ein. Der Westfälische Friede fungierte gewissermaßen wie ein Signal zur Schaffung von Einungen, Assoziationen und Bündnissen, indem er den rechtlichen Ordnungsrahmen, das „Ius foederis“, schuf. Das im Doppelfrieden von Münster (Vgl. Grafik 31, Zeile 17/16) und Osnabrück (Vgl. Grafik 48. Zeile 11) völkerrechtlich sanktionierte „Ius foederis“ ermöglichte den Reichsständen, Bündnisse sogar mit auswärtigen Mächten zu schließen, sofern sie sich nicht gegen Kaiser und Reich richteten. Dies bedeutete für die Stände einen Zuwachs an außenpolitischem Prestige und die Option, über die Grenzen des Reiches hinweg Außenpolitik zu betreiben (Duchhardt). Zugleich konnte daraus eine Empfehlung zur Schaffung von Bündnissen unter den Ständen herausgelesen werden, z.B. zur Wahrung eigener Interessen, Rechte und Besitzungen gegen Ansprüche anderer Mächte. Allerdings war dieses politische Instrument keine Erfindung der Diplomaten des Westfälischen Friedenskongresses. Fürstliche Bündnisse besaßen schon in dieser Zeit eine eigene, bis ins Mittelalter zurückreichende Tradition, die bis in den 30jährigen Krieg gepflegt wurde. Ein Rheinischer Verein zwischen den vier Kurfürsten Mainz, Köln, Trier und Pfalz wurde z.B. auch 1519 geschlossen und sollte bis zur nächsten Königswahl bestehen bleiben. Ein weiteres Beispiel: 1633-1635 konzipierte der schwedische König den Heilbronner Bund, der auf die Verbindung der evangelischen Stände zielte.

Ohne Frage resultierte das Interesse der Stände an gemeinsamen Vereinbarungen aus der fragilen politischen Situation der 1650er Jahre. Der Friede von Münster war gescheitert, die Kriegsgefahr noch keineswegs gebannt. Spanien und Frankreich standen in Waffen, und neben den Spanischen Niederlanden war auch Lothringen ein ernstzunehmendes Krisengebiet. Zwar konnte der englisch-niederländische Seekrieg schon zwei Jahre nach seinem Ausbruch im Frieden von Westminster (1654 IV 5) beendet werden, und die französische Fronde brach 1652 zusammen, dennoch waren die Jahre zwischen 1652 und 1654 unter dynastischem Gesichtspunkt keineswegs stabil. Denn die neuen Regenten einiger wichtiger europäischer Dynastien waren noch unerfahren. Ludwig XIV. (1638-1715) wurde gerade erst 1651 für volljährig erklärt. Im Jahr 1653 fanden im Reich sowie in England Führungswechsel statt: Ferdinand IV. (1633-1654) wurde zum Römischen König gewählt, und Oliver Cromwell (1599–1658) wurde Lord Protector. 1654 folgte Karl X. Gustav (1622-1660) der zurückgetretenen Königin Christina (1599–1655) auf den schwedischen Thron. In diesen Jahren der dynastischen Neuorientierung in Nord- und Westeuropa konnten oppositionelle Kräfte leichter Gehör finden.

Die Hildesheimer Allianz wurde zwischen der Königin von Schweden als Herzogin von Bremen und Verden, den drei Linien des Herzogtums Braunschweig-Lüneburg und der Landgrafschaft Hessen-Kassel geschlossen. Die treibende Kraft waren die Welfen. Johann Schwartzkopf, braunschweig-wolfenbüttelischer Kanzler, und Friedrich Schenk von Winterstetten, Freund und Vertrauter Herzog Georgs von Braunschweig, riefen den Bund ins Leben und warben intensiv um die Mitgliedschaft Schwedens  für Bremen und Verden. Die Bündnispartner der Hildesheimer Allianz waren die wohl entschiedensten Gegner des Kaisers (Aretin). Als Zentrum der reichsständischen Opposition auf dem Reichstag von 1653/54 versuchten die Bundesgenossen vergeblich, die Macht des Kaisers zu beschränken, etwa durch die Forderung nach ständigen Wahlkapitulationen. Dieser Allianz trat der Bischof von Paderborn noch im Gründungsjahr bei.

Ziel der Hildesheimer Allianz – deren Formular übrigens als Vorlage für die Rheinische Allianz von 1654 genutzt wurde – war eine einheitliche Politik der evangelischen Reichsstände sowie die im Westfälischen Frieden angeschobene Reform der Reichskreise, hier des niedersächsischen Kreises. Im Vertragstext wird deutlich gemacht, dass es auch nach dem Westfälischen Frieden Kriegshandlungen – und zwar „gewaltthätige Angriffe“, „Einquartirung“, „Durchzüge“ sowie „Belagerungen“ gebe –, die unterbunden werden müssten. Die Vertragspartner berufen sich auf das „allersehligste seeligmachende Wort Gottes“, die „natürliche Vernunfft“, „aller Völcker Rechte“ sowie die Gesetze und Verfassung des Reiches und schließlich auf die Exekutions-Ordnung. Neben der friedensstiftenden Absicht des Bundes ging es auch um die reichsrechtliche Stellung Schwedens sowie die Reform des Niedersächsischen Kreises. Schweden wird „in respect obgemeldter Herzogthümer Bremen und Verden [als] ein unzweifeltlicher Stand des Heyligen Römischen Reiches und vornehmes Gliedt des Niedersächsischen Kreyses“ bestätigt. Gemeinsam mit Schweden sollen die braunschweigischen Herzogtümer und Hessen-Kassel als „Stände solches Kreyses, sich dahin bemühen, damit förderlichst in demselbigen ein völliger Kreys Convent angestellet und dabey nach Inhalt [der] executions Ordnung eine [...] beständige verfassung gerichtet“ werde.

Verhandelt wurde in der Folgezeit auch der sehr weit gehende Plan des Grafen Georg Friedrich von Waldeck. Dabei sollte es sich um ein protestantisches anti-habsburgisches Fürstenbündnis unter der Führung Brandenburgs handeln, an dem Kursachsen, Kurpfalz Schweden (für Bremen, Verden und Vorpommern), die drei welfischen Herzöge, der Administrator von Magdeburg, Hessen, Mecklenburg sowie einige kleinere evangelische Reichstände und verschiedene Reichstädte teilnehmen sollten. Auf der Basis dieses Plans wurde 1654/55 ein Bündnis zwischen Brandenburg und den Welfischen Fürsten geschlossen. 

Am 21. März 1651, zeitgleich mit den ersten braunschweigischen Initiativen zur Gründung der Hildesheimer Allianz, kam es zu einer Verbindung der drei geistlichen Kurfürsten, der sich der ober- und kurrheinische Kreis anschließen sollten, was jedoch unterblieb. In der Kölner Allianz des Jahres 1654, drei Jahre später, fanden sich schließlich der Bischof von Münster, der Pfalzgraf von Neuburg sowie die Kurfürsten von Köln und Trier zusammen. Auch der Kurfürst von Mainz trat dem Bündnis im Jahr darauf am 11. August bei. Dabei handelte es sich in erster Linie um ein Defensivbündnis zum Schutz der Territorien vor feindlichen Truppen. Laut Vertragstext der Kölner Allianz sollen die Bündnispartner ein gemeinsames Heer von 7859 Mann zu Fuß und 1970 Reitern unterhalten.

Durch den Beitritt des Kurfürsten von Mainz Johann Philipp von Schönborn (1605–1673) erhielt das Bündnis zusätzlich ein großes politisches Gewicht. Er war der Kanzler des Reiches und Vorsitzender des Kurfürstenkollegiums. Zudem führte er den Vorsitz bei der Wahl des Kaisers und den Beratungen zu dessen Wahlkapitulation. Aufgrund dieser Vorrangstellung übernahm Schönborn bald die Leitung der Allianz und versuchte sie, zu einem Instrument umzuformen, das ihm erlauben sollte, eine weitgehend unabhängige Reichspolitik zu betreiben. Dies gelang ihm aber nur teilweise. Auch war der Verbund nicht frei von inneren Querelen. So war beispielsweise die Beziehung zwischen Maximilian Heinrich von Köln und Johann Philipp von Schönborn nicht konfliktfrei. Dennoch schuf die Allianz ein Gegengewicht zu dem sich formierenden protestantischen Bündnis (Schilling). Damit standen sich in der Wahrnehmung der Zeitgenossen, wie bereits zu Beginn des Dreißigjährigen Krieges, ein katholischer und ein protestantischer Block gegenüber, deren Interessen sich in der gemeinsamen Friedenserhaltung deckten.  

Mit dem Rheinbund von 1658 gelang schließlich dem Mainzer Erzbischof die Verschmelzung der Kölner mit der Hildesheimer Allianz zu einem – und das ist das Besondere – interkonfessionellen Bund. Nur ein großes mächtiges Haus fehlte damals noch: Frankreich, das bereits früh in die Verhandlungen einbezogen war, trat dem Rheinbund am 15. August 1658 bei. Trotz dieser vielfältigen sowie politisch gewichtigen Initiativen und Maßnahmen, denen eine anti-hierarchische und anti-kaiserliche Dimension anhaftete, erhielt das Alte Reich, so sehr es in der Staatsrechtsliteratur als Vorbild für eine alternative anti-absolutistische Verfassungsform diente, aber doch keine föderale Ordnung.

Verfasser: Martin Peters 

 

Literatur: 

Joachim, Erich: Die Entwicklung des Rheinbundes vom Jahre 1658. Acht Jahre reichsständische Politik 1651-1658, Leipzig 1886.

Schnur, Roman: Der Rheinbund von 1658 in der deutschen Verfassungsgeschichte (Rheinisches Archiv 47), Bonn 1955.

Aretin, Karl Otmar von: Der Kurfürst von Mainz und die Kreisassoziationen 1648-1746. Zur verfassungsmäßigen Stellung der Reichskreise nach dem Westfälischen Frieden (=Veröffentlichungen des Instituts für Europäische Geschichte Mainz, Abt. Universalgeschichte Nr. 2), Wiesbaden 1975.

Dotzauer, Winfried: Die deutschen Reichskreise in der Verfassung des Alten Reiches und ihr Eigenleben (1500-1806), Darmstadt 1989.

Aretin, Karl Otmar von: Das Reich. Friedensordnung und europäisches Gleichgewicht 1648-1806, Stuttgart 1992 (ND der Ausgabe von 1986).

Aretin, Karl Otmar von: Das Alte Reich 1648–1806, Band 1: Föderalistische oder hierarchische Ordnung (1648-1684), Stuttgart 1993.

Langer, Herbert: Der Heilbronner Bund (1633-35), in: Volker Press (Hg.), Alternativen zur Reichsverfassung in der Frühen Neuzeit? (Schriften des Historischen Kollegs – Kolloquien 23), München 1995, S. 113-122.

Schindling, Anton: Der erste Rheinbund und das Reich, in: Volker Press (Hg.): Alternativen zur Reichsverfassung in der Frühen Neuzeit? (Schriften des Historischen Kollegs – Kolloquien 23), München 1995, S. 123-129.

Duchhardt, Heinz: Der Friedenskongress, in: Heinz Duchhardt und Franz-Josef Jakobi (Hg.): Der Westfälische Frieden. Das Münstersche Exemplar des Vertrags zwischen Kaiser/Reich und Frankreich vom 24. Oktober 1648, Teil II, Wiesbaden 1996, S. 11-32.

Schilling, Heinz: Höfe und Allianzen - Deutschland 1648–1763, Berlin 1998.

Braubach, Max: Vom Westfälischen Frieden bis zur Französischen Revolution (Gebhardt Handbuch der deutschen Geschichte 10), München, 9. Auflage, 1999.

Klueting, Harm: Das Reich und Österreich 1648-1740 (=Historia profana et ecclesiastica 1), Münster 1999.

Südkamp, Horst: Johann Stucke, ein europäischer Gelehrter und Politiker, Hildesheim 2007.

Aretin, Karl Otmar Freiherr von: Das Alte Reich, eine Föderation?, in: Wolfgang E. J. Weber, Regina Dauser (Hg.), Faszinierende Frühneuzeit. Reich, Frieden, Kultur und Kommunikation 1500-1800. Festschrift für Johannes Burkhardt zum 65. Geburtstag, Berlin 2008, S. 15-26.

Anmerkungen

  • [1]

     Fälschlicherweise datieren Schnur, S. 40-42, die Hildesheimer Allianz auf den 14. 7. 1652 und Braubach, S. 21, auf den 19. 2. 1652.

Empfohlene Zitierweise

Martin Peters: Allianzen vor dem Rheinbund. Aus: Der Erste Rheinbund (1658), in: historicum.net, URL: http://www.historicum.net/no_cache/persistent/artikel/6006/

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Erstellt: 06.08.2008

Zuletzt geändert: 09.10.2014