Einführung

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Carl-Josef Virnich 

Der "Deutsche Bauernkrieg" 

1. Begriff 

Unter dem Begriff des "Deutschen Bauernkriegs" wird eine Reihe zusammenhängender Aufstandsbewegungen verstanden, die sich zwischen 1524 und 1526 mit einem Kulminationspunkt im Jahre 1525 über weite Teile Süddeutschlands, der Alpenländer, der Rheinlande und Mitteldeutschlands ausbreiteten. Der traditionelle und allgemein verbreitete Begriff selbst ist wenig treffend und verdankt seine Existenz vor allem den Gegnern der Aufständischen, die die Ereignisse damit abwerteten. Heute wird die Formulierung von der "Revolution des gemeinen Mannes" (Peter Blickle) bevorzugt. 

2. Ursachen und Hintergründe 

Dem Bauernkrieg lag eine Vielfalt wirtschaftlicher, sozialer, rechtlich, politischer und religiöser, zudem von Region zu Region, ja mitunter von Ort zu Ort unterschiedlicher Faktoren zugrunde. Wesentlich waren 

1. die demographische Entwicklung und ihre Folgen  

2. die Belastungen der ländlichen Bevölkerung  

3. ihre rechtliche Minderstellung sowie  

4. die Reformation. Daraus erhellen sich  

5. die Forderungen und Ziele der Aufständischen.  

2.1. Demographische Entwicklung 

Folgenreich für die Sozial- und Wirtschaftsstruktur war der in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts einsetzende Bevölkerungsanstieg. Die Konsequenz war eine Zunahme der ländlichen Bevölkerung insgesamt und ein beträchtliches Anwachsen der klein- und unterbäuerlichen Schichten - mit nachhaltigen Folgen für die Sozialstruktur und Agrarverfassung. In den Realteilungsgebieten ließen wiederholte Hofteilungen immer kleinere, unwirtschaftliche Parzellen entstehen. Auch in Gebieten mit relativ günstigem Erbrecht, der Erbleihe, kam es zu Verschlechterungen. Mitunter wurde der Kreis der Erbberechtigten auf eine Person beschränkt, so dass deren Familienangehörige sozial herabsanken. 

Insgesamt wuchs die Zahl von landarmen und -losen Dorfhandwerkern, Tagelöhnern, Gärtnern, Häuslern usw. an. In Teilen der späteren Aufstandsgebiete machten unterbäuerliche Schichten zur Epochenwende bis zu 50% der Landbevölkerung aus. Das Überangebot an Landlosen drückte die Löhne - bei steigenden Lebensmittelpreisen. So stand einem sinkenden Anteil mittelständischer, für den Markt produzierender Bauern ein wachsender Anteil von solchen gegenüber, die gerade ihr Auskommen hatten. Die Entwicklung hatte seit Ende des 15. Jahrhunderts die sozioökonomischen Spannungen auf dem Lande anwachsen lassen, vor deren Hintergrund erst die Sprengkraft der weiteren Konfliktfelder verständlich wird. 

2.2. Belastung der ländlichen Bevölkerung 

Die Lage des einzelnen Bauern wurde entscheidend mitbestimmt durch die Abgaben und Frondienste, die an verschiedene Herrschaftsträger zu leisten waren. Die ländliche Bevölkerung lebte in einer scharf ausdifferenzierten Form der Grundherrschaft, eine Person konnte mehreren Herrschaftsträgern zugleich unterworfen und verpflichtet sein. - Die wichtigsten dinglichen Abgaben an die Grund- oder Leib-, Gerichts- und Zehntherren waren der Grund- bzw. Pachtzins, der Zehnt und der Handlohn. 

Der jährlich zumeist in Naturalien zahlbare Grundzins konnte sich, bei großen regionalen Unterschieden, auf bis zu 40% des Ertrags belaufen. Hinzu kam der ursprünglich nur von der Kirche verlangte, dann aber häufig in Fremdbesitz gelangte Zehnt. Der sogenannte Kleinzehnt traf besonders ärmere Schichten mit ihren bescheidenen Erträgen. Als dritte, vielerorts erst jüngst eingeführte Abgabe kam der bei Besitzveränderungen fällige Handlohn hinzu. - Dazu traten die Forderungen der Landesherren, die ihren wachsenden Geldbedarf durch neue Steuern zu decken suchten. Außerordentliche Steuern ließen sie in immer kürzeren Intervallen erheben oder schlicht zu regelmäßigen Steuern erklären. Schließlich bedeutete auch die um sich greifende Beschneidung der Allmenderechte eine effektive wirtschaftliche Belastung der ländlichen und städtisch-ackerbäuerlichen Bevölkerung. 

Diese dinglichen Lasten - alle seit dem späten 15. Jahrhundert tendenziell erhöht oder erst eingeführt - waren immer wieder Gegenstand lokaler Beschwerden der Bauern gewesen und gehörten zu den zentralen Ursachen des Bauernkriegs. In diesen Nexus gehören auch die Frondienste, zu denen die Herrschaftsträger ihre "Untertanen" ebenfalls in immer stärkerem Maße verpflichtet hatten. Sie reichten von landwirtschaftlichen Tätigkeiten aller Art, Transport- und Spanndiensten, die Pflicht zur Beherbergung adliger Jagdgesellschaften bis zu gewerblichen Arbeiten wie Spinnen, Weben oder Brauen. 

2.3. Rechtliche Minderstellung der ländlichen Bevölkerung 

Die Belastungen, ob dinglich oder persönlich, ergaben sich aus der rechtlichen Minderstellung der Bauern. Während die Leibeigenschaft, die persönliche Abhängigkeit von einem "Leibherren" in den meisten späteren Aufstandsgebieten nur noch in rudimentärer Form bestand, war sie in den Kerngebieten Südwestdeutschlands seit dem Spätmittelalter sogar intensiviert worden. Die wesentlichen Merkmale waren neben den genannten Belastungen die Einschränkung der Freizügigkeit und der Landflucht sowie drastische Heiratsbeschränkungen. 

Schließlich sind die Bestrebungen der Landesherren zu nennen, im Zuge des Aufbaus frühmoderner Verfassungs-, Gerichts- und Steuerorganisationen die autonomen dörflichen Organe durch landfremde und im römischen Recht ausgebildete Amtsleute, Vögte und Schultheißen zu ersetzen. Dagegen begehrten insbesondere die wohlhabenderen Bauern auf, die vorher die Dorfämter wahrgenommen hatten. Massiv erfolgte der Zugriff der Landesherren auf die Städte. Den selbstgewählten städtischen Organen wurden landesherrliche Amtsleute vorgesetzt, die städtische Gerichtsbarkeit erheblich eingeschränkt. - Diese Eingriffe der Territorialfürsten in die städtische Autonomie sollten gerade die Ackerbürgerstädte namentlich Thüringens und Frankens in das Lager der aufständischen Bauern treiben. 

2.4. Reformation 

In der Zeit um 1500 befand sich die Kirche in einer tiefen Legitimationskrise, die sich unter anderem in einem weit verbreiteten Antiklerikalismus äußerte. Das Herrschaftsgebaren in den geistlichen Territorien, der unverhüllt vorgezeigte Reichtum der Klöster und der höheren Geistlichkeit ließen die Missstände der Kirche offen zu Tage treten. Die Kirche verlor an Glaubwürdigkeit und Autorität, was aber der Laienfrömmigkeit keinen Abbruch tat. Vielmehr erlebte die Volksreligiosität eine nie da gewesene Intensität. Es war indes eine Frömmigkeit, die sich immer mehr von der "Amtskirche" entfernte. 

Mochte aber auch der Unmut über kirchliche Missstände und ein regelrechter "Pfaffenhass" verbreitet sein, so zählten religiöse Fragen doch nicht zu den eigentlichen Ursachen des Bauernkriegs. Die Reformation hatte vielmehr die Funktion eines Auslösers und Katalysators, indem sie den Klagen und Forderungen der Bauern und Bürger eine neue religiös-rechtliche Legitimation gab: Die des "Göttlichen Rechts", nach der alle weltlichen Zustände der biblischen Begründung bedürften. 

2.5. Ziele und Forderungen 

Schon lange hatten Bauern und Bürger die Rechtmäßigkeit der wachsenden Belastungen angezweifelt, die dem "Alten Herkommen" zuwiderliefen. Die Protagonisten früherer Bauernunruhen wie der "Arme Konrad" (1514) in Württemberg oder die "Bundschuh-Verschwörung" im Schwarzwald und Breisgau (1517 und 1513) hatten die Wiederherstellung ihres "Alten Rechts" gefordert, dadurch blieben sie sowohl geographisch als auch hinsichtlich ihrer Zielsetzung begrenzt. Jetzt ermöglichte die Bezugnahme auf das reformatorische, vor allem das von Ulrich Zwingli propagierte "Göttliche Recht", die Zusammenführung der lokal- und regionalspezifischen Beschwerden auf einzelne, prägnante Forderungen, und somit eine geographische Ausweitung der Aufstandsbewegung. Unter dem Namen des "göttlichen Rechts" wurde nicht mehr nur die Wiederherstellung alter Zustände verlangt, sondern viel weiter gehende Reformen, eine Änderung der Gesellschafts- und Herrschaftsordnung auf Grundlage des Evangeliums. 

3. Ereignisse und Zusammenhänge 

Die Ereignisgeschichte des Bauernkriegs - die Summe einer Vielzahl von Protestaktionen, Aufständen, auch von Kriegszügen und Schlachten - erschließt sich, wenn unvermeidbar auch verkürzend, am besten durch ein klassisches "Drei-Phasen-Modell". 

In der ersten, von Mai 1524 bis Anfang 1525 dauernden Phase glichen die Auseinandersetzungen zwischen Bauern und Obrigkeit in vielem noch früheren Widerstandsaktionen um "Altes Recht" und Herkommen. Die zweite zwischen Februar/März und Juli 1525 war die eigentliche Hauptphase, für die noch am ehesten der Begriff Bauernkrieg oder zumindest "Krieg" anwendbar ist. Danach gab es in den Hauptgebieten außer den Alpenländern nur noch einzelne Aufstände, bis auch diese schließlich im Juli 1526 niedergeschlagen waren. 

Seit Mai 1524 häuften sich Protestaktionen von "Bauern" vor allem am Oberrhein (Schwarzwald, Hegau, Klettgau) und vereinzelt in Franken (Forchheim, Gebiet um Nürnberg). Anlässe wie Verlauf der Unruhen waren im Einzelnen sehr verschieden. Generell empfand man die von den jeweiligen Obrigkeiten gestellten Anforderungen als zu hoch, zum Teil als gänzlich unvereinbar mit dem "Alten Herkommen", das noch im Vordergrund stand. Die Protestformen reichten von Zehnt- und Dienstverweigerungen, dem Brechen von Bannregeln etwa für Gehölze und Gewässer bis hin zu Vertreibung herrschaftlicher Amtleute und vereinzelten Plünderungen. Gewaltanwendung blieb aber noch Ausnahme. 

Typisch war, dass sich die Betroffenen unter einem Anführer zusammenschlossen, um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen. Glich dies den Verlaufsformen früherer Herrschaftskonflikte, kam es jetzt durch das neue reformatorische Gedankengut zu ersten vertikalen Ausweitungen. In gemeinsamer Opposition zur Obrigkeit verbündete sich Bauer mit Bürger - so etwa die um das "Alte Recht" streitenden Bauern der Landgrafschaft Stühlingen mit den reformatorisch gesinnten Waldshutern. Diese erste Phase zielte von Seiten der Aufständischen noch ausschließlich auf eine Verhandlungslösung ab. Darauf ging die Gegenseite zunächst ein, vor allem um Zeit zu gewinnen. Denn noch schreckte man vor Gewalt zurück oder war dazu nicht in der Lage. Die Bauern stellten ihre "Artikel" zusammen und suchten den Entscheid höherer Gerichtsinstanzen. Die Untätigkeit der Herren und Verschleppung der Prozesse führte zur ersten Ausbreitung des Protests, der aber aufgrund einer mangelnden, einheitlichen programmatischen Basis noch begrenzt blieb. 

Die "kriegerische" Phase des Bauernkriegs nahm ihren Ausgang und hatte ihre strategische und politisch-ideologische Basis im Oberschwäbischen. Am 6./7. März 1525 beschloss ein in Memmingen tagendes "Bauernparlament" den Zusammenschluss der drei großen, bewaffneten Bauernbünde (Baltringer, Bodensee- und Allgäuer Haufen) zur "Christlichen Vereinigung". Man wollte Stärke und Einigkeit demonstrieren, um die eigene Position gegenüber den im Schwäbischen Bund zusammengeschlossenen gegnerischen Reichsständen zu verbessern. Hier wurden mit der "Bundesordnung" als einer Art Verfassungsentwurf und vor allem den "Zwölf Artikeln" als Verhandlungsgrundlage die beiden wichtigsten Dokumente des bäuerlichen Protests verabschiedet. 

Wesentlich war, dass sich 1. das "Göttliche Recht" als religiös-politisches Prinzip endgültig durchsetzte, 2. statt Wiederherstellung des "Alten Rechts" nun eine im Kern revolutionäre Umgestaltung der Herrschafts- und Gesellschaftsordnung angestrebt wurde und 3. die frühere Vielzahl der Forderungskataloge auf wenige prägnante, allgemein anerkannte "Artikel" reduziert wurden, was erst einen Flächenbrand ermöglichte (> Fokus). Die Haltung des nur taktisch auf Verhandlungen eingehenden Schwäbischen Bundes radikalisierte die Bauern. Ende März gingen die ersten Burgen, Schlösser und Klöster in Flammen auf - die gegnerischen Söldnertruppen schlugen los. Die eigentlichen Kriegshandlungen der nächsten Monate zeigten rasch, dass die "Bauernhaufen" den Söldnertruppen insgesamt physisch und psychisch, in Ausbildung, Bewaffnung und Motivation stark unterlegen waren. 

In Oberschwaben kapitulierten die Aufständischen ohne eigentliche "Entscheidungsschlacht" schon zu Ostern 1525 (Weingarter Vertrag). Zugleich dehnte sich der Aufstand aus, weitere "Bauernheere" bildeten sich, die Brutalisierung nahm auf beiden Seiten zu: Nach Erfolgen der Bauern etwa in Hohenlohe und im Odenwald - hier ergaben sich nach der Einnahme von Weinsberg durch den von Ritter Götz von Berlichingen angeführten "Neckartal-Odenwälder Haufen" Mitte April zahlreiche Burgen, Schlösser und Städte - wandte sich das Blatt. Propagandistisch durch Martin Luthers Schrift "Wider die mörderischen und räuberischen Rotten der Bauern" unterstützt, die den Aufständischen die religiös entwickelte Legitimation absprach, wurden die Bauernheere im Mai (Schlachten bei Zabern, Böblingen und Frankenhausen) und Juni (Schlacht bei Königshofen usw.) vernichtend geschlagen. Im Juli 1525 war der Aufstand in den Hauptgebieten im Wesentlichen niedergeworfen. In den Alpenländern, vor allem in Tirol, Salzburg und Graubünden, rebellierten die "Bauern" und Bürger - hier wesentlich durch Bergarbeiter ergänzt - mit zeitlicher Verzögerung. In Salzburg wurde ein letzter Aufstand erst im Juli 1526 gewaltsam beendet. 

4. Fokus 

Die "Zwölf Artikel" waren "Beschwerdeschrift, Reformprogramm und revolutionäres Manifest" [1] in einem und unzweifelhaft das wichtigste, richtungsweisende Dokument des gesamten Bauernkriegs. Es konnte auch darum eine solche Breitenwirkung entfalten, weil es (neben der "Bundesordnung") als einzige der zahllosen Programmschriften gedruckt wurde. Der erste Druck erschien um den 20. März 1525 in Augsburg. Innerhalb von nur zwei Monaten folgten 25 Auflagen aus 15 nachweisbaren Druckorten mit einer für damalige Verhältnisse ungeheuren Auflagenstärke von 25.000 Exemplaren. - Die Artikel wurden nicht nur im gesamten Aufstandsgebiet und darüber hinaus bekannt, sondern dienten, sofern nicht voll inhaltlich übernommen, zumindest als Grundlage eigener Forderungen.

Ende Februar/Anfang März 1525 in Memmingen niedergeschrieben, fußten die Zwölf Artikel auf den Lokalbeschwerden der Baltringer Dörfer. Als Redakteur und eigentlicher Verfasser der Zwölf Artikel, der die Vorlagen ergänzte, neu gewichtete und ihnen insgesamt ihre Stringenz und innere Logik verlieh, gilt der Kürschnergeselle und Feldschreiber des Baltringer "Bauernhaufens" Sebastian Lotzer. Die Zwölf Artikel nennen indes keinen Verfasser, nicht nur aus Furcht Lotzers vor Verfolgung, sondern weil sie so überzeugender als kollektiver Willen aller präsentiert werden konnten. Die Attraktivität der Zwölf Artikel lag nicht nur daran, dass sie die zentralen Anliegen der Aufständischen auf wenige Artikel komprimierten und diesen damit Prägnanz und Repräsentativität zugleich verliehen. Man rechtfertigte jeden einzelnen Artikel sowie die Erhebung insgesamt aus der Bibel. Die Gegenseite wurde somit des Widerspruchs zum Wort Gottes bezichtigt. - Eine wirkungsvollere Legitimation war kaum möglich, zumindest bis wichtige Reformatoren, vor allem Martin Luther, die Art der Bibelauslegung durch die Aufständischen verwarfen. 

Im Einzelnen wurde gefordert:
1. Das Recht zur freien Wahl und Absetzung der Pfarrer.
2. Die Abschaffung des Kleinzehnten, der Großzehnt sollte zur Versorgung der Pfarrer genutzt werden, Überschüsse der Armenversorgung sowie der Landesverteidigung zugute kommen.
3. Die Aufhebung der Leibeigenschaft, da "uns Christus alle mit seinem kostbarlichen Blutvergießen erlöst und erkauft hat, den Hirten gleich wie den Höchsten [...]". [2]
4. Die Freigabe von Fischerei und Jagd.
5. Die Rückgabe der Forsten.
6. und 7. die Reduzierung der Frondienste und Einhaltung der in den Lehnsbriefen festgelegten Bestimmungen.
8. Die Reduzierung und Neufestsetzung der Gülten [Abgaben], "damit der Bauer seine Arbeit nicht umsonst tue [...]".
9. Die Abstellung von Willkür in der Rechtsprechung.
10. Die Rückgabe unrechtmäßig eingezogener Allmenden.
11. Die Abschaffung der Todfallabgaben.

Gegenüber diesen vergleichsweise konkreten Artikeln ist der 12. bewusst offen formuliert: Man erklärt sich bereit, auf alle Forderungen zu verzichten, falls sie dem Wort Gottes nicht gemäß wären. Andererseits behält man sich vor, sie durch weitere zu ergänzen, die sich aus der Bibel ergeben könnten. - Damit hielt man den Weg offen zu weitergehenden politischen und gesellschaftlichen Veränderungen gemäß dem "Göttlichen Recht", was den 12 Artikeln besondere politische Brisanz verlieh. 

5. Ergebnisse und Folgen 

Überblickt man die zeitgenössischen Ergebnisse und Folgen des Bauernkriegs, so sind - vor den politisch-rechtlichen - zunächst die unmittelbaren Opferzahlen und materiellen Schäden zu nennen. Schätzungen gehen von etwa 75.000 Todesopfern aus, die ganz überwiegend auf Seiten der Aufständischen zu verzeichnen waren. Ergriffene "Rädelsführer" und Hauptleute wurden meist sofort hingerichtet oder grausam zu Tode gefoltert, Gerichtsprozesse waren selten. Die Masse der Aufständischen hatte dahingegen "nur" Strafgelder und Wiedergutmachungszahlungen zu leisten. Die Höhe der individuellen Zahlungen war in den einzelnen Territorien unterschiedlich. Zumeist wurde eine Kopfsumme festgelegt, in Kursachsen zum Beispiel 2-4, im Hochstift Würzburg 8 1/2, im Schwäbischen Bund 6 Gulden. Mitunter hatten die Dorfgemeinden aber ein Mitspracherecht hinsichtlich der Verteilung nach Leistungsfähigkeit, so dass etwa innerhalb des Schwäbischen Bundes die tatsächlichen Zahlungen je Hof zwischen einem und zwölf Gulden schwankten. 

Insgesamt lassen sich über die wirtschaftlichen Folgen durch die Strafgelder aufgrund der vielen mitspielenden Faktoren kaum allgemein gültige Aussagen treffen. Offenbar hat sich aber die wirtschaftliche Lage der Bauern insgesamt auf längere Sicht kaum geändert, weder im guten noch schlechten. - Ebenso sind die tatsächlich entstandenen Schäden durch Plünderungen und Zerstörungen von Schlössern, Burgen, Klöstern, Wirtschaftshöfen usw. kaum zu ermitteln. Effektiv hat manche Herrschaft durch die Entschädigungsleistungen seiner Untertanen sogar Gewinn gezogen. 

Auf politisch-rechtlicher Ebene sind die Folgen des Bauernkriegs kaum auf einen Nenner zu bringen. Von einer generell einsetzenden Restaurations- und Repressionspolitik kann nicht gesprochen werden. Nur in Einzelfällen wurden den Bauern tatsächlich neue Lasten auferlegt. In einigen Aufstandsgebieten kam es zu vertraglichen Lösungen, die die Ursachen einzelner Beschwerden zumindest abmilderten, manchmal die Lage der Bauern sogar wirksam verbesserten (Tirol, Allgäu). In anderen Fällen wurden die bestehenden Verhältnisse vertraglich festgeschrieben, was die "Hintersassen" zumindest vor einer weiteren Verschlechterung ihrer Stellung schützte. Der Reichstag zu Speyer (1526) stärkte im Übrigen das Klagerecht der Untertanen, was eine Zunahme bäuerlicher Prozesse vor dem Reichskammergericht nach sich zog. 

Eine wesentliche Folge des Bauernkriegs war, dass die Reformation ihre "revolutionäre" Sprengkraft verlor. Ob aber die politische Position der "Bauern" wirklich geschwächt wurde, ist zweifelhaft. Die Niederlage der Aufständischen schloss revolutionäre Veränderungen aus, nicht aber den Weg von Reformen. Eher wurde die Position des landsässigen Adels und Klerus gegenüber der Landesherrschaft geschwächt, die Bauern in das bestehende System integriert. Dass die Agrarverfassung bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts "versteinerte", kann kaum als Folge des Bauernkriegs gewertet werden. Und grundlegend verschlechtert hat sich im Laufe der Frühen Neuzeit die rechtliche und soziale Position der Bauern besonders in Ostelbien, das keinen Bauernkrieg erlebt hat. 

6. Rezeption und Forschung 

Mitte des 19. Jahrhunderts setzte die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Bauernkrieg ein, die sogleich kontrovers geführt wurde. - Der radikaldemokratische Paulskirchen-Abgeordnete Wilhelm Zimmermann sah liberal-idealistisch Anfang der 1840er Jahre im Bauernkrieg das positive Urbild europäischer Revolutionen, nicht zuletzt der erwarteten von 1848 " [3]. Leopold von Ranke hat hingegen den Bauernkrieg aus konservativ-protestantischer Sicht als eindeutig negatives Ereignis geschildert " [4]: Eine von Hass bewegte, von fanatischen Predigern angestachelte Masse lebte ihre Zerstörungswut aus, bis ihr endlich Einhalt geboten wurde. Friedrich Engels interpretierte den Bauernkrieg im Sinne der materialistischen Geschichtsphilosophie " [5]. Gegen das "reaktionär-katholische" Lager formierte sich die "revolutionäre" Opposition aus Bauern, städtischer Unterschicht und niederem Klerus.

Die moderne Rezeption begann 1933 mit Günther Franz' "Der deutsche Bauernkrieg" [6]. Dessen Deutung als rückwärtsgewandte "politische Revolution" um Kaiser und Reich und gegen den neuzeitlichen Territorialstaat, deren Niederlage das Ausscheiden der Bauern, dass heißt des Kerns des "deutschen Volks", aus dem politischen Leben bedeutet habe, trug - trotz der Nähe zu nationalsozialistischem Gedankengut - die nächsten Jahrzehnte. Erst seit den 1960er Jahren und insbesondere durch das Gedenkjahr 1975 weckte der Bauernkrieg neues Interesse. Die DDR-Forschung baute ihr Theorem von der "frühbürgerlichen Revolution" mit Thomas Müntzer als Revolutionsführer aus. In der Bundesrepublik gelangte vor allem Peter Blickle zu einer Neuinterpretation einer "Revolution des gemeinen Mannes" [7]. In den letzten Jahrzehnten wurden die Sicht eines einheitlichen Ereignisses "Bauernkrieg" hinterfragt, zugleich Einzelaspekte sowie die landesgeschichtliche Perspektive näher beleuchtet.

"Alle die Erscheinungen, durch welche Staaten im Laufe der Jahrhunderte verändert wurden, sowie diejenigen, welche in unseren Tagen eine gesellschaftliche Umgestaltung vorbereiten, finden ihre Vorbilder in der Bewegung von 1525 [...]".  

Wilhelm Zimmermann: Der grosse deutsche Bauernkrieg, Ausgabe Berlin/DDR 1982, S. 9. 

"Drei Jahrhunderte sind seitdem verflossen, und manches hat sich geändert; und doch steht der Bauernkrieg unsern heutigen Kämpfen so überaus fern nicht, und die zu bekämpfenden Gegner sind großenteils noch dieselben. Die Klassen und Klassenfraktionen, die 1848 und 49 überall verraten haben, werden wir schon 1525, wenn auch auf einer niedrigeren Entwicklungsstufe, als Verräter vorfinden."  

Friedrich Engels: Der deutsche Bauernkrieg, nach: Karl Marx, Friedrich Engels: Werke, Bd. 7, Berlin/DDR 1960, S. 329. 

"Ohne dass sich die wirtschaftliche und rechtliche Lage des Bauernstandes entscheidend geändert hätte, sank der Bauer jetzt doch zum Arbeitstier herab. Er wurde zum Untertan, der seine Tage in Dumpfheit verbrachte und nicht mehr auf eine Änderung hoffte."  

Günther Franz: Der Deutsche Bauernkrieg, Darmstadt 1975 (10. Aufl., zuerst 1933), S. 299. 

"Der deutsche Bauernkrieg spielt im Geschichtsbewusstsein des Volkes der Deutschen Demokratischen Republik eine außerordentlich große Rolle. Gestalten und Ereignisse der Jahre 1524/1526 sind in ihm in einem Maße gegenwärtig und aktuell, das in der älteren deutschen Geschichte kaum Parallelen hat."  

Max Steinmetz: Der geschichtliche Platz des deutschen Bauernkriegs, in: Adolf Laube u.a. (Hgg.): Der deutsche Bauernkrieg 1524/25. Geschichte - Traditionen - Lehren, Berlin/DDR 1977, S. 15-33, Zitat S. 15. 

"Der Gemeine Mann bezeichnet etwas Allgemeines, nicht unähnlich der gemeinen Christenheit, dem gemeinen Nutzen und dem gemeinen Pfennig [...]. Die Bewegung richtet sich nicht gegen eine bestimmte Herrschaft, gegen eine bestimmte Obrigkeit, gegen einen bestimmten Staat, sich richtet sich vielmehr gegen jede Herrschaft, gegen jede Obrigkeit, gegen jeden Staat. Als solche ist sie einmalig."  

Peter Blickle: Der Bauernkrieg. Die Revolution des Gemeinen Mannes, München 1998, S. 45. 

Anmerkungen 

[1] Peter Blickle: Die Zwölf Artikel der oberschwäbischen Bauern von 1525, in ders. (Hg.): Der Deutsche Bauernkrieg von 1525, Darmstadt 1985, S. 360-378, Zitat S. 361.

[2] Zitate nach Günther Franz: Der Deutsche Bauernkrieg, Darmstadt 1975 (10. Aufl.), S. 123f.

[3] Wilhelm Zimmermann: Allgemeine Geschichte des großen Bauernkrieges, Stuttgart 1841-43.

[4] Leopold von Ranke: Deutsche Geschichte im Zeitalter der Reformation, 6 Bde., Berlin 1839-1847, Bd. 2, Berlin 1839.

[5] Friedrich Engels: Der deutsche Bauernkrieg, in: Neue Rheinische Zeitung. Politisch-Ökonomische Revue, Heft 5 u. 6, Hamburg 1850.

[6] Günther Franz: Der deutsche Bauernkrieg, München 1933. - Zum Verhältnis Franz' zum Nationalsozialismus vgl. Wolfgang Behringer: Bauern-Franz und Rassen-Günther: Die politische Geschichte des Agrarhistorikers Günther Franz (1902-1992), in: Schulze, Winfried/Otto Gerhard Oexle (Hgg.): Deutsche Historiker im Nationalsozialismus, Frankfurt/Main 1999, S. 114-141 (auch im Netz unter: http://www.uni-saarland.de/fak3/behringer/HP/pdf_behringer/bauernfranz.pdf)

[7] Peter Blickle: Die Revolution von 1525, München/Wien 1975.

Empfohlene Zitierweise

Virnich, Carl-Josef: Der "Deutsche Bauernkrieg" - Einführung, in: historicum.net, URL: http://www.historicum.net/no_cache/de/persistent/artikel/737/

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Erstellt: 13.01.2006

Zuletzt geändert: 19.03.2013