Rezeption und Forschung

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Carl-Josef Virnich 

Der "Achtzigjährige Krieg" - Rezeption und Forschung 

 

Von den unzähligen zeitgenössischen Schriften abgesehen, welche die ganz Europa interessierenden Ereignisse in den Niederlanden je nach "spanischem" oder "unabhängigem" Standpunkt bewerteten, setzte die "wissenschaftliche" Auseinandersetzung mit dem Achtzigjährigen Krieg mit Friedrich Schiller ein [1]. Aus seiner Sicht ging es den Aufständischen um die Bewahrung ihrer Freiheit und die Befreiung vom spanischen "Joch", die Helden sind Wilhelm von Oranien und das städtische Bürgertum. Seit dem 19. Jahrhundert deckten sich die Befürworter des Aufstands im Wesentlichen mit dem protestantischen Lager, wobei es sich nicht zwangsläufig – wie etwa beim Amerikaner John Lothrop Motley oder Robert Fruin, dem "Gründer" der niederländischen Geschichtsschreibung [2]– um liberale Standpunkte handelte. Auch deutschnational-konservative Historiker wie Heinrich von Treitschke [3] konnten ihre Bewunderung für den Aufstand ausdrücken, indem angebliche Parallelen mit dem Aufstieg Preußens konstruiert wurden.

Anfang des 20. Jahrhunderts rückten soziale Interpretationen des Kriegs in den Mittelpunkt. Der Belgier Henri Pirenne maß armen Tucharbeitern im südwestlichen Flandern eine zentrale Rolle im Aufstand zu. Pirenne glaubte zudem, dass die belgische Staatsgründung von 1830 eine historische Notwendigkeit war, deren Wurzeln lange vor dem Achtzigjährigen Krieg lagen [4]. Ein Beispiel für die marxistische Geschichtsschreibung ist Erich Kuttner, der im "Hungerjahr" 1566 die Ursachen des Aufstands verortete. Kuttners Buch entstand 1940 im niederländischen Exil, wo er 1942 von den Nazis ermordet wurde [5]. In den letzten Jahrzehnten entstanden neben einigen Gesamtdarstellungen, etwa von Geoffrey Parker, Alastair Duke oder Jonathan Iruine Israel [6], vor allem in den Niederlanden zahlreiche, offenen Forschungsfragen nachgehende Spezialuntersuchungen. Sie zeigten z.B., dass die religiösen Gegensätze in den (Gesamt-)Niederlanden des 16. Jahrhunderts lange überbewertet wurden und die Vorstellung von einer "protestantischen" niederländischen Republik ein Ergebnis der politischen Historiographie des 19. Jahrhunderts war.

"Groß und beruhigend ist der Gedanke, daß gegen die trotzigen Anmaßungen der Fürstengewalt endlich noch eine Hilfe vorhanden ist, daß ihre berechnetsten Plane an der menschlichen Freiheit zu Schanden werden, daß ein herzhafter Widerstand auch den gestreckten Arm eines Despoten beugen, heldenmüthige Beharrung seine schrecklichen Hilfsquellen endlich erschöpfen kann. Nirgends durchdrang mich diese Wahrheit so lebhaft, als bei der Geschichte jenes denkwürdigen Aufruhrs, der die vereinigten Niederlande auf immer von der spanischen Krone trennte – und darum achtete ich es des Versuchs nicht unwerth, dieses schöne Denkmal bürgerlicher Stärke vor der Welt aufzustellen, in der Brust meines Lesers ein fröhliches Gefühl seiner selbst zu erwecken und ein neues unverwerfliches Beispiel zu geben, was Menschen wagen dürfen für die gute Sache und ausrichten mögen durch Vereinigung."
Friedrich Schiller: Geschichte des Abfalls der vereinigten Niederlande von der spanischen Regierung, Weimar 1788

(zitiert nach dem E-Text beim "Projekt Gutenberg-DE", URL: http://gutenberg.spiegel.de/schiller/niederld/niede02.htm).

"Die Geburt der Niederländischen Republik ist und bleibt eines der entscheidensten Ereignisse der Neuzeit. Ohne das Entstehen dieses großen Gemeinwesens hätte es die verschiedenen historischen Phänomene des 16. Jahrhunderts und der darauffolgenden Jahrhunderte entweder überhaupt nicht gegeben, oder sie wären in sehr wesentlich veränderter Form aufgetreten." 

John Lothrop Motley: Der Abfall der Niederlande und die Entstehung des holländischen Freistaats, 3 Bde., Dresden 1857-1860 (orig. London 1856), Bd. 1, Vorwort. 

"In ihrem Kern stellte die niederländische Revolution eine Auseinandersetzung innerhalb der aus Adel, Großbürgertum – in geringem Maße auch Großbauerntum – zusammengesetzten politischen Elite dar. Weder dieser Bruch quer durch die Führungsschicht noch die Koalition zwischen ihren Fraktionen lassen sich primär auf lang- oder kurzfristige ökonomische Entwicklungslinien zurückführen. Sie wurden vielmehr durch politische und administrative Veränderungen hervorgerufen, die der zunehmend vom Fürsten monopolisierte Staat durchzusetzen bestrebt war und die den gesellschaftlichen Status eines Teils der traditionellen Führungsschicht beeinträchtig[t]en." 

Heinz Schilling: Der Aufstand der Niederlande: Bürgerliche Revolution oder Elitenkonflikt?, in: Wehler, Hans-Ulrich (Hg.): 200 Jahre amerikanische Revolution und moderne Revolutionsforschung, als: Geschichte und Gesellschaft, Sonderheft 2, Göttingen 1976, S. 177-231, Zitat S. 203. 

"Der Aufstand der Niederlande war ein Zusammenprall zahlloser verschiedener Interessen und Ansichten in Politik und Religion. Diese Konfliktsituationen riefen eine lange Verkettung zufälliger, unvorhersehbarer Ereignisse und eine politische, militärische sowie wirtschaftliche Kettenreaktion hervor. Sehr oft kann man an einem bestimmten Punkt des Aufstandes sagen: Wenn es damals nur etwas anders verlaufen wäre, hätte der Aufstand eine völlig andere Wendung genommen." 

Anton van der Lem: Opstand! Der Aufstand in den Niederlanden, Berlin 1996 (orig. Utrecht/Antwerpen 1995), S. 150. 

"Die Niederländische Republik war der erste Staat im neuzeitlichen Europa, der seine Existenz und seine Identität einer Revolte verdankte. Paradoxerweise schafften die Niederländer die Monarchie in einer Zeit ab, als überall in Europa der Fürstenstaat auf Kosten der lokalen und regionalen Gewalten an Stärke gewann." 

Michael North: Geschichte der Niederlande, München 1997, S. 28. 

Anmerkungen 

[1] Friedrich Schiller: Geschichte des Abfalls der vereinigten Niederlande von der spanischen Regierung (Weimar 1788), nach dem E-Text vom "Projekt Gutenberg-DE", URL: http://gutenberg.spiegel.de/schiller/niederld/niederld.htm.

[2] John Lothrop Motley: Der Abfall der Niederlande und die Entstehung des holländischen Freistaats, 3 Bde., Dresden 1857-1860 (orig. London 1856); Robert Fruin: Tien jaren uit de 80jerigen oorlog, Leiden 1857.

[3] Heinrich von Treitschke: Die Republik der Vereinigten Niederlande, Heidelberg 1869.

[4] Henri Pirenne: Histoire de Belgique, Bde. III u. IV., 3. Aufl., Brüssel 1923 u. 1927.

[5] Erich Kuttner: Het hongerjaar 1566, Amsterdam 1949 (posthum) (deutsch: Das Hungerjahr 1566: eine Studie zur Geschichte des niederländischen Frühproletariats und seiner Revolution, Mannheim 1997).

[6] Geoffrey Parker: Der Aufstand der Niederlande. Von der Herrschaft der Spanier zur Gründung der Niederländischen Republik, München1979 (orig. London 1977); Alastair Duke: Reformation and Revolt in the Low Countries, London/Ronceverte 1990; Jonathan Iruine Israel: The Dutch Republic: Its Rise, Greatness, and Fall, 1477-1806, Oxford 1995.

Empfohlene Zitierweise

Virnich, Carl-Josef: Rezeption und Forschung. Aus: Der "Achtzigjährige Krieg", in: historicum.net, URL: http://www.historicum.net/no_cache/persistent/artikel/579/

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Erstellt: 03.01.2006

Zuletzt geändert: 03.01.2006