Fokus: Wilhelm von Oranien-Nassau

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Carl-Josef Virnich 

Der "Achtzigjährige Krieg" – Fokus: Wilhelm von Oranien-Nassau 

 

Wilhelm von Oranien-Nassau war die führende Persönlichkeit auf Seiten der Aufständischen. Frühzeitig zur nationalen Identifikationsfigur der Niederlande stilisiert, die dem "Vater des Vaterlands" ihre "Nationsbildung" verdankten, wirkte und wirkt seine Popularität bis in die neueste Zeit fort: 1932 erklärte man "Het Wilhelmus", ein Oranien glorifizierendes Gedicht aus den Anfangsjahren des Achtzigjährigen Kriegs, zur Nationalhymne der Niederlande.
Am 24. April 1533 als Sohn des Grafen Wilhelm des Reichen von Nassau in Dillenburg geboren und lutherisch erzogen, beerbte er 1544 seinen Neffen René von Chalon, zu dessen Besitz neben dem südfranzösischen Fürstentum Orange bedeutende Güter in den Niederlanden, insbesondere um die nordbrabantische Stadt Breda, gehörten. Da er in den Niederladen keinen Lutheraner dulden wollte, sorgte Karl V. für eine katholische Erziehung zunächst in Breda, dann am Brüsseler Hof unter Obhut der Statthalterin Maria von Ungarn. Durch die Heirat mit Anna von Büren (1551) erwarb er weiteren niederländischen Besitz und profilierte sich als Feldherr im Krieg mit Frankreich. Der Thronverzicht Karls zugunsten Philipps II. Ende 1555 bedeutete für Wilhelm einen erheblichen Karrieresprung: Noch im November wurde er Mitglied des Staatsrats und Ritter vom "Goldenen Vlies", einem ursprünglich vom burgundischen Herzogshaus als Konkurrenz zum englischen "Hosenbandorden" gestifteten weltlichen Ritterorden. 1559 stieg er als Statthalter Hollands und Zeelands in den Kreis der einflussreichsten Adligen der Niederlande auf.

Innerhalb der Adelsopposition seit Anfang der 1560er Jahre zwar eine wichtige, nicht aber die zentrale Figur, war Oranien nach seiner Flucht einer der wenigen, die überhaupt einen militärischen Widerstand zu organisieren vermochten. Mit dem Vermögen seiner Familie und Unterstützung vor allem von französischen Hugenotten finanzierte er die ersten Kriegszüge. Die strategisch wichtigen Aktionen der "Zeegeuzen" - ihre Schiffe trugen eine rot-weiß-blaue Flagge, die Farben des französischen Fürstentums, die später auch die der heutigen niederländischen Nationalflagge werden sollten - waren erst durch die Kaperbriefe möglich, die er ihnen in seiner Eigenschaft als souveräner Fürst von Oranien/Orange ausstellte. Die Provinzen Holland und Zeeland blieben auch in Zeiten ärgster Bedrängnis die eigentlichen Widerstandszentren, Oranien der einzige Mann aus dem Hochadel, der ihre Sache vor Ort unterstützte. Holland und Zeeland hatten der "Genter Pazifikation" nur mit Vorbehalten zugestimmt, weil sie die drängende Religionsfrage offenhielt und Oranien zu Recht vor den Absichten des politisch ambitionierten neuen Generalstatthalters Don Juan d'Austria warnte. Oranien war es auch, der im Dezember 1577 die gegenüber Protestanten tolerantere "Nadere Unie" von Brüssel durchsetzte. Dort war er zuvor vom Volk frenetisch empfangen worden und hatte den eigentlichen Höhepunkt seiner Karriere erlebt. 

Im Juli 1578 schlug er den Generalständen eine Art Religionsfrieden für die gesamten Niederlande vor, wonach jede Konfession an den Orten zugelassen werden sollte, wo mindestens 100 Familien sich zur jeweiligen Richtung bekannten. Doch mittlerweile hatte eine Radikalisierung beider Seiten um sich gegriffen, die eine einheitliche Lösung in weite Ferne rückte. Der Union von Utrecht schloss sich Oranien nur widerstrebend an, weil sie nicht seinen politischen Idealvorstellungen eines Einheitsstaats entsprach. Nachdem er von Philipp II. (15. März 1580) für "vogelfrei" erklärt worden war, gab es kein zurück mehr zum spanisch-habsburgischen Königshaus. Oranien ließ gegen das Bannedikt eine "Apologie" verbreiten, deren Schlussworte "Je maintiendrais" den Wahlspruch der heutigen Niederlande bilden. - Ein erster Mordanschlag auf Oranien war am 18. März 1582 gescheitert. Der königstreue Balthazar Gérard hatte mehr "Glück": Am 10. Juli 1584 sank Oranien im Delfter "Prinsenhof" von einer Kugel getroffen zusammen, angeblich mit den letzten Worten "Mon Dieu, Mon Dieu, ayez pitié de mois et de ce pauvre peuple". 

Die Motive Wilhelms von Oranien lassen sich nur schwer auf eine einfache Formel bringen, und schon zeitgenössisch war der Beiname "der Schweiger" (de Zwijger/le Taciturne), der je nach Standpunkt positiv wie negativ interpretiert werden konnte. - Zentral war die Abwehr frühabsolutistischer Herrschaftsansprüche des spanischen Königs, wie sie sich vornehmlich in der Politik der königlichen Generalstatthalter in Brüssel äußerten. Formal und mehr von Kalkül als Dogma geleitet hatte Oranien bis Ende der 1570er Jahre stets seine Treue zu Philipp II. betont. In diesem Zusammenhang bezeichnend war die Gründung der Universität in Leiden im Februar 1575, die auf Oraniens Initiative zurückging und laut Gründungsurkunde von ihm und den Ständen "im Namen des Königs" gestiftet worden sei. - Tatsächlich bedeutete diese Universitätsgründung einen Schritt in Richtung verfassungsmäßiger und "kultureller" Autonomie der aufständischen Provinzen, denn hier sollten reformierte Geistliche sowie künftige Verwaltungsbeamte und Statthalter herangebildet werden. 

Oraniens öffentliches Bekenntnis zum Calvinismus (Dezember 1573) war in erster Linie von politischen Motiven geleitet, schließlich waren die Calvinisten die treibende Kraft der Aufständischen, auch aus dem Ausland war nur von protestantischer Seite Unterstützung zu erwarten. Lutherisch aufgewachsen, dann katholisch umerzogen, in zweiter Ehe mit einer Lutheranerin (1561, Anna von Sachsen), in dritter und vierter Ehe mit französischen Reformierten (1575 Charlotte de Bourbon, 1583 Louise de Coligny) verheiratet, war Oranien religiöser Dogmatismus fremd. Mehrfach hatte er konfessionell vermittelnde Standpunkte eingenommen und sich für die Religionsfreiheit eingesetzt. Dass in den Niederlanden mit ihrer calvinistischen Staatskirche (nicht Staatsreligion!) andere protestantische Bekenntnisse und der Katholizismus zwar nicht verfolgt, aber einen Minderstatus haben sollten, entsprach nicht seinen Vorstellungen.
Überhaupt zeigte sich an Wilhelm von Oranien beispielhaft, wie stark die Folgen des Aufstands von der Ereignisgeschichte bestimmt wurden. Der Führer der Aufständischen hatte gerade die Teilung des Landes zu vermeiden gesucht, eine Teilrepublik mit calvinistischer Staatskirche gehörte nie zu seinen politischen Zielen. Insofern war der "Vater des Vaterlandes" auch ein tragischer Held.

Ergebnisse und Folgen 

Der Westfälische Frieden von 1648 bedeutete die völkerrechtliche Anerkennung der Kriegsfolgen - die Teilung des Landes in die "Königlichen Niederlande" und die "Vereinigten Provinzen" mit ihrer republikanischen Konstitution - wie sie, einfach ausgedrückt, faktisch bereits seit mehr als einem halben Jahrhundert Realität waren. Dies verdeutlicht die Problematik des Begriffs vom "Achtzigjährigen Krieg", der nicht erst mit dem Datum 1648 verbundene "Ergebnisse und Folgen" gezeitigt hat. 

In den südlichen Provinzen stand die habsburgische Oberherrschaft nach den Unionsgründungen von 1579 und der Lossagung der Nordprovinzen 1581 nicht mehr zur Disposition. Die "Königlichen Niederlande" blieben katholisch und Teil der spanischen Monarchie. Unter den Nachfolgern Philipps II. erhielten sie zwar eine gewisse Autonomie, aber wirtschaftlich, gemessen etwa an den früheren, blühenden Zeiten flandrischer und brabantischer Städte, erlebten sie einen kontinuierlichen Niedergang. Nach dem Spanischen Erbfolgekrieg (1701-1713) fielen sie an die österreichische Linie des Hauses Habsburg. Der französischen Herrschaft (1795-1814) folgte eine kurze Zeit als Bestandteil des auf dem Wiener Kongress (1815) entworfenen "Königreichs der Niederlande", die vor allem als Unterordnung empfunden wurde. 1830 beendete die Revolution in Brüssel die Einheit: Als "Königreich Belgien" erlangten die Südprovinzen endgültig ihre Unabhängigkeit. - Im Grunde kann auch die Entstehung Belgiens zu den Spät- oder Nachfolgen des Achtzigjährigen Kriegs gerechnet werden. Die lange Zeit der mit politischer, wirtschaftlicher und religiöser Konkurrenz und Gegnerschaft verbundenen Trennung - kulturelle und sprachliche Unterschiede spielten nach neueren Forschungen eine weniger wichtige Rolle - ließ wenig Raum für einen gemeinsamen "Nationalgedanken". 

Für die Vereinigten Provinzen war der Achtzigjährige Krieg dagegen konstitutiv, die Niederlande "verdanken" ihm unmittelbar ihre nationale Existenz. Da mit der erlangten Unabhängigkeit unvermittelt das als "Goldenes Zeitalter" beschönigte 17. Jahrhundert anbrach, war der "Freiheitskampf" im historischen Bewusstsein der Niederländer stets positiv besetzt.
Viele Angehörige der wirtschaftlichen und intellektuellen Elite der südlichen Provinzen - Protestanten, jüdische Kaufleute, auch viele Katholiken - waren seit den Tagen Albas in den Norden geflohen. Amsterdam war an die Stelle Antwerpens als Zentrum des Welthandels getreten. Mit ihrer im 17. Jahrhundert stärksten Flotte der Welt wurden die Niederlande Kolonialmacht, beherrschten den internationalen Handel und modernisierten ihn nachdrücklich ("Ost-" und "Westindische Kompanie"). Die Niederlande erlebten einen erheblichen Modernisierungsschub: ihre Ingenieure, Architekten, Militärstrategen, Künstler (Rembrandt), Gartenbauer, Philosophen und Juristen (Hugo Grotius) waren überall hoch angesehen. Das Wirtschaftssystem und die effektive Verwaltung hatten nicht zuletzt einen gewissen Vorbildcharakter für die im Aufbau befindlichen frühmodernen Staaten Europas.

Die republikanische Staatsform, zu der man sich nach den misslungenen französischen und englischen Optionen notgedrungen entschieden hatte, war eine eigentümliche Mischform aus Neuem und Althergebrachtem. - Die eigentliche Souveränität lag nach 1587/88 bei den Ständeversammlungen der Provinzen ("Staaten") bzw. den Generalständen ("Generalstaaten"), woher auch die Begriffe des "Ständestaats" bzw. der "Ständestaatsbildung" rühren. Seit 1588 hatten die Generalstände ihren Sitz in Den Haag, wo sie seit 1593 permanent tagten. Hier war vor allem das städtisch-bürgerliche Patriziat vertreten, die Niederlande somit, da weder das "Volk" an der Macht partizipierte noch der im Norden vergleichsweise schwach positionierte Adel entscheidenden Einfluss hatte, eine "bürgerlich-oligarchische" [1] Republik mit einer stark föderalen Struktur. Nur die "Generalitätslande", Gebiete, die seit den 1590er Jahren zurückerobert worden waren, wurden unmittelbar von Den Haag aus regiert.

Nach dem Selbstverständnis der Stände hatte die Souveränität indes schon immer bei ihnen gelegen: In einem vom holländischen Landesadvokaten ("Ratspensionär") François Vranck Ende 1587 ausgearbeiteten Traktat legte dieser dar, dass die ständischen Rechte älter seien als die der monarchischen Herrscher. Auch die Statthalter, denen im wesentlichen die Befehlsgewalt über das Militär ("Generalkapitän"), die Vergabe städtischer und richterlicher Ämter und die Sorge um Wahrung des calvinistischen Bekenntnisses oblag, besäßen keine souveräne Macht, sondern wären vielmehr Diener der Stände. Das Traktat war in der zweihundertjährigen Geschichte der Republik eine Art "Magna Charta" der ständischen Rechte und Ersatzverfassung - einen eigentlichen Verfassungstext gab es nicht -, mit der sich vor allem die Mitglieder des Hauses Oranien, die stets die Statthalter stellten, auseinander zu setzen hatten. 

Tatsächlich kam es noch während des Achtzigjährigen Kriegs zu heftigen inneren Auseinandersetzungen. Ein Machtkonflikt zwischen Moritz von Oranien und führenden "Politikern" Hollands endete in einem Staatsstreich des Statthalters, der 1619 unter anderem den holländischen Ratspensionär Johan van Oldenbarnevelt hinrichten ließ. Unter Friedrich Heinrich von Oranien und seinem Sohn Wilhelm II. entwickelte sich das Statthalteramt zu einer regelrechten Ersatzmonarchie. Da er nach dem Friedensschluss von 1648 seine Entmachtung befürchtete, wagte Wilhelm II. wieder einen Staatsstreich; nur sein plötzlicher Tod beendete die kritische Lage. Die Stände schafften daraufhin das Statthalteramt ab (1651), die Regierung lag künftig in Händen der sogenannten "Regenten".
Indes blieb mit dem Hause Oranien der Nimbus des militärischen Erfolgs verbunden. So wurde 1672, angesichts der Bedrohung durch Ludwig XIV., mit Wilhelm III. (seit 1689 König von England) wieder ein Oranier zum Statthalter berufen. 1748 gelangte das Statthalteramt erblich an die Linie Nassau-Oranien - quasi als Vorstufe des seit 1815 regierenden oranischen Könighauses.

Anmerkung 

[1] Richard van Dülmen: Entstehung des frühneuzeitlichen Europa 1550-1648, Frankfurt/Main 1982, S. 376.

Empfohlene Zitierweise

Virnich, Carl-Josef: Fokus: Wilhelm von Oranien-Nassau. Aus: Der "Achtizigjährige Krieg", in: historicum.net, URL: http://www.historicum.net/no_cache/persistent/artikel/577/

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Erstellt: 03.01.2006

Zuletzt geändert: 03.01.2006