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Beschimpfung 

Ralf-Peter Fuchs 

16. April 2008 

Heftige Beschimpfungen gehörten in den frühneuzeitlichen face-to-face Gesellschaften zu den häufigen Formen des Konfliktaustrags. Sie lassen sich, je nach Intention und Kontext, in verschiedene Kategorien aufteilen. Zuweilen bereiteten sie körperliche Gewalt vor oder verliehen als Drohungen der Entschlossenheit Ausdruck, zu weiteren Mitteln zu greifen. Eine drastische Form stellte der Fluch dar, indem man jemandem zum Beispiel wünschte, dass ihm der Teufel in den Leib fahre. Zuweilen wurden Beschimpfungen aber auch an Konditionen geknüpft, etwa um Konflikte nicht zwangsläufig eskalieren zu lassen: Man bekundete zum Beispiel, dass man seinen Gegner für einen Schelm oder Dieb halten würde, solange er eine bestimmte Behauptung nicht zurücknähme (Walz 1992, S. 233ff.; Fuchs 1999, S. 103f.). 

Hexerei- bzw. Zaubereibeschimpfungen kamen in sehr verschiedenen Variationen vor. Zudem ist eine weitere Unterscheidung wichtig. „Hexe“, „Zaubersche“, „Werwolf“ etc. konnte einerseits als konkreter Vorwurf eines genauer umrissenen Deliktes (Schadenzauber, Hexentanz), andererseits in sehr weichen, umfassenden Bedeutungen auftauchen. Kumulative Beschimpfungen wie „Zaubersche und Hure“ oder „Dieb und Werwolf“ lassen vermuten, dass man seinen Gegner ganz allgemein als unehrlichen, bösartigen Menschen diffamieren wollte. Komplizierte, oftmals bereits seit langer Zeit im Raum stehende Auseinandersetzungen wurden so im Beisein unbeteiligter Dritter simplifiziert. Gleichzeitig wurde die Gelegenheit gesucht, sich selbst im Kontrast zu seinem Feind als den Normen und Werten der Gemeinschaft verpflichtete Person zu profilieren. Die Ernsthaftigkeit dieses Unternehmens verdeutlichte man zuweilen durch stetiges Wiederholen der Beschimpfungen (Walz 1993, S. 437f.). 

Gegenseitige Beschimpfungen als Ehrkämpfe 

Der Versuch der Selbstinszenierung vor den Nachbarn über die öffentliche Ehrverletzung des Gegners misslang häufig, nicht zuletzt da er in der Regel Verteidigungshandlungen, insbesondere Gegenbeschimpfungen nach sich zog: Es entwickelten sich Ehrkämpfe mit wechselseitigen Zaubereibeschimpfungen, die große Gefahren mit sich brachten, da der Konflikt kaum noch gütlich beizulegen war und der Druck stieg, die Rechtmäßigkeit der Diffamierung nachzuweisen. Vor diesem Hintergrund forderten sich z. B. in Westfalen die Kontrahenten oftmals gegenseitig zur Kampfwasserprobe heraus, um die eigene Ehre zu bestätigen und die Bösartigkeit des Gegners den Nachbarn vor Augen zu führen . Das eigene Scheitern bei der Wasserprobe – nicht selten das beide Seiten treffende und verblüffende Ergebnis – führte dann in der Regel zu weiteren gerichtlichen Untersuchungen, bei denen die Obrigkeit die Folter anwandte (Gersmann 1998a; Fuchs 2002). Aber nicht nur im Zusammenhang mit Wasserproben zeigt sich, dass Hexereibeschimpfungen oder -beschuldigungen unter Umständen für den Diffamanten unkalkulierbare Folgen haben konnten, indem dieser selbst unter Verdacht geriet. Diese Tatsache war auf den Dörfern keineswegs unbekannt. Jenen Personen, die sich über Zaubereibeschimpfungen auf fundamentale Ehrkonflikte einließen, sind daher andere gegenüberzustellen, die sich abwartend und passiv verhielten, selbst wenn sie einen konkreten Zaubereiverdacht hegten.

Zaubereibeschimpfungen und Hexenprozesse 

Zaubereibeschimpfungen musste zwangsläufig eine besondere Bedeutung und Wirkung zukommen, wenn Hexenprozesse in der Umgebung stattfanden. Forschungen zum Fürstbistum Münster haben ergeben, dass das Aufkommen von Beleidigungsklagen, die gegen solche Injurien eingeleitet wurden, parallel zu den Hexenprozessen stieg. Der Druck, sich gegen die Beschimpfung als „Zaubersche“ mit den Waffen der Obrigkeit vehement zu verteidigen, um nicht selbst Opfer eines Hexenprozesses zu werden, ist hierfür offensichtlich ein Erklärungsmoment (Gersmann 1998b).

Andererseits ist eine Zunahme von Klagen gegen Hexereibeschimpfungen, wie etwa Untersuchungen zur niederen Strafgerichtsbarkeit im westfälischen Werl ergeben haben, auch für Phasen zu belegen, die sich an die Zeiten der Hexenprozesse anschlossen (Stodt 2003, S. 436). Dies mag zum Teil im obrigkeitlichen Bestreben begründet liegen, das Kapitel der Hexenprozesse konsequent zu beenden, indem man nun einschlägige Diffamierungsversuche strikt ahndete. Deutlich wird aber auch ein Bedürfnis der Untertanen, die zurückliegenden Ereignisse im Konflikt für sich nutzbar zu machen. Sie griffen ihre Gegner nun mit Beschimpfungen wie „Hexenkind“ an und verwiesen auf die Hinrichtungen derer Mütter, Väter und Großeltern. 

Obwohl die gelehrte Hexenlehre über Flugschriften Einlass in die frühneuzeitlichen Lokalitäten fand und auch illiterate Schichten beeinflusste, zeigt sich im Ehrkampfverhalten der Untertanen, dass die Identität einer Hexe in diesem Kontext weniger vom Geschlecht abhängig gemacht wurde als im dämonologischen Schrifttum. Männer wurden sehr häufig mit Zaubereiinjurien konfrontiert. Auch im Streit unter ihresgleichen wurde die Beschimpfung als Zauberer nicht selten erhoben und war zuweilen von typisch männlichen Habitusformen wie rohen Gewalthandlungen begleitet. Quantitative Auswertungen von Zaubereiinjurien in der Grafschaft Lippe und in Kurköln haben ergeben, dass Frauen nicht stärker davon betroffen waren als Männer (Walz 1993; Heuser 2002). Andererseits ist zu betonen, dass die Hexereibeschimpfung eben auch sehr häufig im Streit unter Frauen, vielfach im Bewusstsein um die tödlichen Folgen, die diese nach sich ziehen konnte, als Waffe eingesetzt wurde. Oft wurde hierüber der Weg zum Hexenprozess geebnet.

Schließlich ist auf eine weitere Form der Beschimpfung einzugehen, der vor allem Alan McFarlane in seiner mittlerweile klassischen Studie über Hexenverfolgung in Essex eine maßgebliche Bedeutung für die Verdachtsgenese zugeschrieben hat. Es handelt sich um Drohungen, die unter anderem auch als „magische“ Drohungen, etwa als Anwünschung von Krankheiten oder Tod, verstanden werden konnten. Systematische Untersuchungen zu diesem Verhaltensmuster, das als Delikt vor den obrigkeitlichen Kriminalgerichten abgehandelt werden konnte, sind rar. Die Untersuchungen von Walz über das Vorkommen von Drohungen im Rahmen von Injuriendelikten in der Grafschaft Lippe haben ergeben, dass sich Männer häufiger als Frauen wegen dieses Delikts zu verantworten hatten. Nur in einem von 46 untersuchten Fällen aus der Mitte des 17. Jahrhunderts, war eine Frau angeklagt worden, die später einem Hexenprozess zum Opfer gefallen war (Walz 1993, S. 267). Ob dieses Ergebnis die Bedeutung der „magischen“ Drohung für die Entstehung des Hexereiverdachts im Sinne der McFarlane-These relativiert, müsste durch weitere Studien geprüft werden (siehe hierzu auch: Schwerhoff 1994).

Literatur 

Ingrid Ahrendt-Schulte, Zauberinnen in der Stadt Horn (1554-1603). Magische Kultur und Hexenverfolgung in der Frühen Neuzeit, Frankfurt; New York 1997.

Robin Briggs, Witches and Neighbours. The Social and Cultural Context of European Witchcraft, New York 1996.

Ralf-Peter Fuchs, Der Vorwurf der Zauberei in der Rechtspraxis des Injurienverfahrens. Einige Reichskammergerichtsprozesse westfälischer Herkunft im Vergleich, in: Zeitschrift für Neuere Rechtsgeschichte 17, 1995, S. 1-29.

Ralf-Peter Fuchs, Um die Ehre. Westfälische Beleidigungsprozesse vor dem Reichskammergericht (1525 - 1805), Paderborn 1999.

Ralf-Peter Fuchs, Hexenverfolgung an Ruhr und Lippe. Die Nutzung der Justiz durch Herren und Untertanen, Münster 2002.

Gudrun Gersmann (1998a), Wasserproben und Hexenprozesse. Ansichten der Hexenverfolgung im Fürstbistum Münster, in: Westfälische Forschungen 48, 1998, S. 449-479.

Gudrun Gersmann (1998b), Gehe hin und verthedige dich! Injurienklagen als Mittel der Abwehr von Hexereiverdächtigungen – ein Fallbeispiel aus dem Fürstbistum Münster, in: Sibylle Backmann u. a. (Hg.), Ehrkonzepte in der Frühen Neuzeit. Identitäten und Abgrenzungen, Berlin 1998, S. 237-269.

Peter Arnold Heuser, Die kurkölnischen Hexenprozesse des 16. und 17. Jahrhunderts in geschlechtergeschichtlicher Perspektive, in: Ingrid Ahrendt-Schulte u. a. (Hg.): Geschlecht, Magie und Hexenverfolgung, Bielefeld 2002, S. 133-174.

Alan McFarlane, Witchcraft in Tudor and Stuart England. A Regional and Comparattive Study. London 1970.

Peter Rushton, Women, Witchcraft and Slander in Early Modern England. Cases from the Church Courts of Durham 1560-1675, in:  Northern History 18, 1982, S. 116-132.

Gerhard Schormann, Hexenprozesse in Nordwestdeutschland, Hildesheim 1977.

Gerd Schwerhoff, Hexerei, Geschlecht und Regionalgeschichte. Überlegungen zur Erklärung des scheinbar Selbstverständlichen“, in: Gisela Wilbertz, Gerd Schwerhoff, Jürgen Scheffler (Hg.): Hexenverfolgung und Regionalgeschichte. Die Grafschaft Lippe im Vergleich, Bielefeld 1994, S. 325-353.

James A. Sharpe, Defamation and sexual slander in early modern England: the church courts at York, York 1980.

Hans Stodt, Hexenwahn und Zaubereiprozesse in Stadt und Amt Werl im 17. Jahrhundert (1628-1630, 1642/43, 1660). Ein Beitrag zur Sozialgeschichte Werls des 17. Jahrhunderts, in: Mitteilungen der Werler Arbeitsgemeinschaft für Familienforschung 24, 2003, S. 301 – 448.

Rainer Walz, Agonale Kommunikation im Dorf der Frühen Neuzeit, in: Westfälische Forschungen  42 (1992), S. 215-251.

Rainer Walz, Der Hexenwahn im Alltag. Der Umgang mit verdächtigen Frauen, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 43, 1992, S. 157-168.

Rainer Walz, Hexenglaube und magische Kommunikation im Dorf der Frühen Neuzeit. Die Verfolgungen in der Grafschaft Lippe, Paderborn 1993.

Empfohlene Zitierweise

Fuchs, Ralf-Peter: Beschimpfung. In: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller und Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: http://www.historicum.net/no_cache/persistent/artikel/5821/

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Erstellt: 16.04.2008

Zuletzt geändert: 16.04.2008