persistent

Sie haben den folgenden Artikel über eine stabile URL aufgerufen:

Auszug aus Willibald Pirckheimers Schweizerkrieg: Dritter Zug ins Hegau, Schlacht an der Calven 

Willibald Pirckheimer (übersetzt von Ernst Münch): Dritter Zug ins Hegau. Schlacht auf der Malserheide 

Die Eidgenossen, nachdem sie die Nachricht von des Kaisers naher Ankunft erfahren, rückten nicht mehr weiter vor, sondern zwangen die Einwohner dieser Landschaft bloß zu einer sehr starken Geldsumme, nahmen Geiseln und zogen ab. Nun herrschte schon lange, wie zwischen Grenznachbarn meistens der Fall, ein Haß unter den Hegäuern und Schweizern; er ward verstärkt durch tägliche Plackereien und Beschimpfungen. Jetzt ertrugen die Schweizer dies nicht länger, sondern fielen mit gesamter Macht in jene Landschaft ein und huben an, sie mit Feuer und Schwert zu verwüsten. Die Hegäuer, welche kurz zuvor den größten Trotz in Worten gezeigt, dachten so wenig daran, dem Feind entgegenzuziehen, daß sie aus Furcht selbst ihre festesten Burgen räumten und all ihre Habe dem Feind zur Beute überließen. Nun schalteten und walteten die Schweizer nach Belieben im ganzen Lande; was ihnen in die Hände fiel, ging in Flammen auf. Sie gelangten zum Besitz mehrerer ganz unbezwinglicher Burgen, welche, wenn sie verteidigt worden wären, durch keine Macht der Erde hätten erstürmt werden mögen. Aber die Edlen dieser Zeit waren damals nur kühn, wenn sie Straßenraub vollführen oder wegelagern konnten, nicht aber, wenn ein gewaffneter Feind ihnen gegenüberstand. Sie trieben dieses von ihren Vätern hinterlassene Gewerbe nach Kräften fort und glaubten ihre Tapferkeit und ihren Adel nicht wenig dadurch zu beurkunden, wenn sie den Dieben gleich vom Raub und Elend anderer lebten. Viel schlecht gewonnenes Gut ging hier auf gleiche Weise wieder verloren. Bloß in der einzigen Feste Hoburg fand man an die 10000 Goldgulden, welche der Herr derselben aus den geraubten Gütern vieler Menschen gesammelt. Denn wo immer etwas gestohlen wurde, trug mans nach dem Hegäu, als der Freistätte aller Diebe und Straßenräuber. 

Jetzt rückten die Schweizer weiter, vor das Städtchen Stockach, weil es die Übergabe verweigert, belagerten es mit Feldschlangen und fingen an, die Mauern gewaltig zu erschüttern. Aber mit nicht geringerer Entschlossenheit ward es von der eingelegten Besatzung verteidigt. Zugleich wurden die Eidgenössischen vom Schloß Nellenburg aus, welches auf einem die Stadt überragenden Hügel lag, unaufhörlich mit Feldschlangen beschossen. Als sie nun hier ihre Anstrengungen fruchtlos sahen, denn wie oben schon bemerkt worden, verstehn sie sich auf Städtebelagerung keineswegs, wollten sie lieber hier ihre Leute schonen, sammelten daher ihr Gepäck und beschleunigten den Abzug. Sie hörten nämlich überdies, daß die Kaiserlichen mit einem großen Kriegsheer in der Nähe wären, welches jene von allen Seiten her nach der benachbarten Stadt Überlingen in der Hoffnung zusammengetrieben hatten, den Feind einmal, was sie schon oftmals gehofft, auf freiem Feld erreichen zu können, was jener aus Mangel an aller Reiterei sehr vermied. 

Bevor sie jedoch mit ihrem Nachtrab sich hatten vereinigen können, kamen ihnen an 1500 kaiserliche Reiter, mit Pferd und Waffen äußerst gut versehen, über den Hals. Die Schweizer, im Anblick der drohenden Gefahr, wählten 1000 der Ihrigen, welche die Reiter so lange aufhalten mußten, bis der übrige Heerhaufe, mit Gepäck und manch unnützem Volk beschwert, die Ebene zurückgelegt und das Städtchen Stein erreicht hatte. Dieser Zug hatte so ziemlich das Ansehen einer Flucht. Denn jeder eilte und suchte aus Furcht vor den Reitern der erste zu sein, und in der Tat, wenn die Reiterei mit Umgehung jener Tausend einen Angriff auf die übrigen getan hätte, würde sie keine kleine Niederlage unter ihnen angerichtet haben. Jetzt aber, da sie nur die Nachhut verfolgten, ließen sie die trefflichste Gelegenheit, einen Streich auszuführen, aus den Händen. Aber auch diese letztern getrauten sie sich nicht, herzhaft anzugreifen, sondern setzten ihnen nur dadurch zu, daß sie unablässig die hintersten Reihen verfolgten, welche, der großen Gefahr wohl bewußt, in der sie schwebten, in festgeschlossenen Gliedern weiterzogen. Um aber den Ihrigen einen sichern Ausweg zu verschaffen, waren sie alle entschlossen, einen ehrenvollen Tod fürs Vaterland nicht auszuschlagen. 

Schon war man bereits bis zu einem großen Dorfe gekommen, das kurz zuvor in Flammen aufgegangen; hier glaubten die Reiter, würde der Feind haltmachen, sich zur Gegenwehr rüsten und keinen weitern Marsch versuchen. Sie hofften aber, denselben mit Hilfe des noch nicht angekommenen Fußvolkes ganz bequem und ohne viele Gefahr für sie aufreiben zu können. Aber sie täuschten sich gewaltig in ihrer Meinung. Denn die Schweizer zogen geradenwegs durch das Dorf und verfolgten die Spur ihrer Landsleute. Da riefen von allen Seiten die Ritter aus: "Es gereiche zur ewigen Schmach, wenn auch jetzt auf ebenem Felde ein so schwacher Feind ihnen entrinnen würde; man müsse daher etwas wagen, damit nicht solch herrliche Gelegenheit, einen Streich auszuführen, vorbeischlüpfe." Dieser Aufruf bewog die Anführer, sämtliche Reiterei aufzustellen und mit allen Kräften den Angriff zu wagen. 

An diesem Tage bildeten die Fränkischen das Vorder-, die Schwaben aber das Hintertreffen. Denn sie pflegten Tag für Tag zu wechseln. Damit aber die Schwaben sich nicht für übergangen wähnen möchten, wurde ihnen das erste Treffen unter den Pfeilschützen anvertraut. Die Eidgenössischen, als sie die Reiter aufgestellt und zum Angriff fertig erblickten, machten nun plötzlich auch eine Wendung und schickten sich an, mit vorgestreckten Speeren die Reiter aufzunehmen. Die Pfeilschützen, angeführt von einem schwäbischen Edeln, von Rechberg genannt, griffen jene mannlich an und streckten durch ihre Armbrust viele zu Boden. Die fränkischen Lanzenreiter aber, statt die feindlichen Scharen anzufallen, wichen ihnen gänzlich aus, trieben ihre Pferde seitwärts und zogen sich auf die vorige Stelle zurück. Ihnen folgten auch die schwäbischen Speerreiter, die gleichfalls keinen Angriff sich getrauten. 

Als nun die Pfeilschützen zu Pferde das feige Benehmen der Lanzenreiter wahrnahmen, stunden auch sie von fernerm Angriff ab; denn sie waren unaufhörlich dem Feuer der Feldschlangen ausgesetzt. Da eilte der schwäbische Feldhauptmann hinzu, überhäufte die Franken mit vielen bittern Schimpfworten, nannte sie Lettfeigen und solche, die unwürdig wären, Reiterdienst zu tun. Die gemeinsame Schmach hatte seine besondere Gefahr noch verstärkt, denn er hatte am Arm durch einen Büchsenschuß eine bedeutende Wunde empfangen. Aber weder Scham noch Scheltworte konnten die Furcht der Franken besiegen; sie hörten lieber unbewegt die härtesten Vorwürfe an, als daß sie in die vorgehaltenen Feindeslanzen rannten. Hauptsächlich erwarb sich ihr Anführer, dessen Namen ich, wiewohl er mir gut bekannt ist, aus Schonung hier verschweigen will, einen bösen Leumund. 

Die Schweizer, als sie die Feinde von jeder Verfolgung abstehen sahen, eilten nun auch mit starken Schritten den Ihrigen zu, welche bereits die Ebene zurückgelegt und ihr Gepäck vorausgeschickt hatten. Mit großem Jubel wurden sie empfangen, indem sie schon als dem Tod verfallen aufgegeben worden und niemand geglaubt hatte, sie je wiederzusehen. 

Auch die Reiter wandten sich nun und traten den Rückzug an, während, wie's zu geschehen pflegt, einer die Schuld auf den andern schob. Denn die Schwaben maßen den Fränkischen diesen großen Schimpf zu; die Franken aber hinwiederum klagten die Schwäbischen an, daß sie ohne ihre Beihilfe nicht einmal einen Angriff auf den Feind gewagt, ohngeachtet ihrer Zahl so groß gewesen, daß sie auch ohne die Franken den Sieg gar wohl hätten erfechten mögen, insbesondere, da sie täglich um die Ehre des ersten Angriffs sich gezankt hätten. Auf solche Weise verhaderten sie unter wechselseitigen Schmähungen die Zeit untereinander, und war doch [k]ein Teil vermögend, von dem Vorwurf der Furcht und der empfangenen Schmach sich reinzuwaschen. 

Mittlerweile langte der Kaiser an, und die Reichsfürsten und Städte wurden abermals um schleunigen Zuzug gemahnt. Sie säumten keineswegs, sondern erschienen teils in Person, teils sandten sie gutgerüstetes Kriegsvolk. Der Kaiser, begierig, von den frühern Vorfällen genaue Kunde zu erhalten, forderte über alles Rechenschaft und entschied nach angestellter Untersuchung, daß nicht so fast durch der Soldaten Vermessenheit und Ungehorsam, als durch Unklugheit und Feigheit der Anführer so viele Unglücksfälle bisher erlitten worden. Damit daher in Zukunft mit mehr Umsicht zu Werk gegangen würde, befestigte er sämtliche den Schweizern offenstehenden Orte mit starken Besatzungen, legte Vorrat hinein und befahl allenthalben fleißigere Aufstellung von Wachten und Lagerposten. Er selbst verlegte die von Zeit zu Zeit ankommenden Truppen in nah gelegene Orte, bis er mit vereinigter Streitmacht aus allen Kräften den Angriff auf die Feinde unternehmen könnte. 

Bei dieser Gelegenheit wurde ich von dem Nürnbergischen Freistaat an die Feldhauptmannstelle gewählt, mit 400 Mann Fußvolk, einem aus 60 Mann bestehenden Reitergeschwader, sechs Feldschlangen und einem größeren Stück Geschütz, endlich acht Wagen voll Schießpulver, Gezelten und sonstigen Kriegsbedürfnissen zum Kaiser geschickt. [17] Unter andern Edlen ward mir ein Ritter, Namens Hans von Beyrstorf [Hans von Weichsdorf], ein im Kriegswesen äußerst erfahrner Mann, sowie einige andere Obristen und Hauptleute, alle in Waffen trefflich geübt, beigegeben. Von Nürnberg trat ich daher meinen Marsch geradenwegs zum Kaiser an, welcher damals am Bodensee verweilte, und führte meinen Kriegshaufen nicht ohne große Gefahr und Merkmale von Abneigung der Einwohner durch Schwabenland. Denn die Nürnberger hatten nicht so fast mit den Schwäbischen als mit den Herzögen von Bayern Verbündnis gemacht, zu großem Verdruß der erstern. Zudem schmerzte sie's, nachdem sie von den Ihrigen eine große Anzahl Leute verloren und eine schwere Menge Geld eingebüßt, die Nürnbergischen Völker frisch und gesund und jetzt erst in den Streit ziehen zu sehen. Die Nördlinger und Ulmer und alle andern, durch deren Grenzen wir ziehen mußten, sahen daher unsern Durchzug mit scheelen Augen an. 

Der Kaiser aber, als er von meiner Annäherung Kunde erhalten, sandte mir welche entgegen und befahl mir, nach dem Städtlein Tettnang am Bodensee, im Gebiet der Grafen von Montfort, zu ziehen. Dort hielt er sich auf. Ich gehorchte ohne Säumen und langte daselbst an. Der Kaiser aber, der über meine Scharen selbst Heerschau halten wollte, setzte sich alsogleich zu Pferd und besichtigte sie sehr genau, nicht ohne herzliche Freude, wie ich aus der Heiterkeit seines Antlitzes wahrnehmen mochte. Fußgänger und Reiter waren mit roten Mänteln und ebenso auch die Wagen behangen. Außerdem waren sie mit Waffen tüchtig versehen und in denselben geübt, alles gediente Krieger, aus großer Menge erlesen, dem Kaiser selbst mehrenteils nicht unbekannt, indem sie vor vielen Jahren schon tapfer unter ihm gefochten. Dies gilt hauptsächlich von den Obristen und Hauptleuten, die der Kaiser aufs allerhuldreichste empfing. Das einzige, was ihnen ihre Ehrenfeinde vorwerfen konnten, war ihre geringe Zahl, während die von Ulm einen ums Doppelte größern Zuzugs gesandt. Allein sei bedachten nicht, daß ein ganz verschiedenes Interesse die Schwäbischen und die Nürnberger hier bewegte und jene ohne Not den Schweizern Krieg angekündigt, diese aber bloß aus Gehorsam gegen den Kaiser wider die Eidgenossen ausgezogen. 

Dieser störte sich wenig an diesem Wortgezänk und gestund frei und offen, er wolle lieber nur so viel Veteranen als noch einmal so viele Neulinge haben. Unter den vielen Gemütstrefflichkeiten [Charakterzügen] dieses Kaisers war diese keine der mindesten, daß er nicht leicht Verleumdern Gehör gab, sondern standhaft an deren Unschuld glaubte, deren Schuld nicht offenkundig vor ihm lag. Und in der Tat würde auch die Nürnberger des Kaisers Unhuld bald getroffen haben, wäre er nicht nach diesen preiswerten Grundsätzen zu Werk gegangen; denn allenthalben wurden Ränke gegen sie gesponnen und alle unglücklichen Ereignisse und alle Vorfälle, welche scheinbar irgendeinen Makel aufbrennen konnten, auf des Nürnbergischen Feldhauptmanns Rechnung geschoben, so zwar, daß man ihn selbst eines geheimen Bündnisses mit den Schweizern und eines ihnen geleisteten Beistandes beschuldigte. [18] Der einzige Grund von dem allem lag in einem Haß, in der Verkehrtheit ihres Herzens und in dem Umstand, daß manche die eigene Schuld mit fremder Schuldlosigkeit verschleiern wollten. 

Der Kaiser sandte mit den Befehl, nach dem Städtchen Lindau und bald darauf nach Feldkirch zu rükken; er selbst folgte uns bald; denn er hatte die Nachricht erhalten, daß die Graubündner, Churer und Engadiner beschlossen hätten, mit einem großen Teil ihrer Streitmacht in diese Landschaft einzufallen. Er glaubte aus allen Kräften dies verhindern zu müssen und entbot daher von allen Seiten Kriegsvolk nach Feldkirch, um nach Besatzung der Gebirge dem Feinde den Einfall unmöglich zu machen; zugleich mußten, um seine Heerkraft zu vereinzeln, die Sund- und Breisgauer einen Einfall in des Feindesland unternehmen. Sie zögerten nicht, sondern überzogen mit vereinigten Massen die Gegend von Dorneck [Dornach]. 

Als die Eidgenössischen dies vernommen, eilten sie alsbald ihnen nach, ordneten sich zur Schlacht und stunden streitgerüstet, falls jemand Lust zum Angriff bezeigte. Die Kaiserlichen sahen dies nicht sobald, als sie mehr an Flucht, denn an ein Treffen dachten. Sie zerstreuten sich schändlich und kehrten mit Schimpf über und über bedeckt zu den Ihrigen wieder. Die Schweizer verfolgten sie nicht weiter, weil sie der Reiterei nicht trauten, sondern traten, nachdem sie einige Landgüter verwüstet, ebenfalls den Rückmarsch an. 

Während der Kaiser noch mit dem Zusammenzug seiner Völker beschäftigt war, brachen die Engadiner früher als man sie erwartet hatte durch das Münstertal und drangen in die sogenannte Malserhaide vor. 

Es ist dies eine sehr breite, von mehreren Bergen umschlossene Ebene, fruchtbar und anmutig, mit vielen Städtchen, Dörfern und Landhäusern bevölkert; auf ihrer Höhe entspringt der Etschstrom, welcher von da mit großem Rauschen in das welsche Land herabströmt. Die Kaiserlichen, um dem Feind das weitere Vordringen zu wehren, hatten das Münstertal, das den einzigen Durchgang bot, mit Wall und Graben gar wohl verschanzt und überdies eine starke Besatzung als Beobachtungsrotte hineingelegt. Sobald aber des Feindes Nähe gemeldet ward, strömte von allen Seiten Volk in Masse herbei. 

Inzwischen waren die Feinde ziemlich zahlreich angelangt und huben an, mit großer Hitze die Verschanzungen zu stürmen. Aber sie wurden von der weit größern Zahl zurückgeworfen, so daß sie mehr als einmal zur Flucht sich wenden mußten. Jetzt trieben jedoch ihre Anführer von vorn und hinten nicht nur mit Worten und Mahnungen, sondern selbst mit Schlägen und Schimpfworten in den Streit sie zurück. Lang währte derselbe: Eine Menge Feinde stürzte, durch das Geschütz der Feldschlangen erreicht, von Wall herunter. Als sie aber sahen, daß Durchbrechen hier unmöglich, stiegen sie nicht so fast, sondern stürzten in Rotten zerteilt durch ungebahnte Pfade und von Gebirgsabhängen wild sich herab, fielen die Kaiserlichen im Rücken an und richteten unter dem Nachtrab ein bedeutendes Blutbad an. Die Reiter, obgleich sie dies mit ansahen, brachten dennoch den Ihrigen keine Hilfe, sondern blieben, wiewohl an Zahl weit überlegen, unbeweglich und ruhige Zuschauer ihrer Bedrängnis. 

Da nun die Kaiserlichen in ihrem Rücken und von vorn solch heftigen Andrang erlitten, sahen sie sich gezwungen, zuerst ihre Verschanzungen zu verlassen, hernach, in dem Treffen besiegt, die Flucht zu ergreifen. Hätten ihnen die Reiter noch beizeiten Beistand gebracht, so würden sie die Feine entweder gänzlich geschlagen oder wenigstens vom Durchgang abgehalten haben. Nun aber mochten sie, aller Hilfe von seite der Ihrigen entblößt, länger nicht widerstehen. Auch dies jagte ihnen Schreck ein, daß die Feinde in ein Kühhorn bliesen. Denn getäuscht durch diesen Schall, glaubten sie, die von Uri nebst allen übrigen Eidgenossen seien jetzt angekommen. Diese aber pflegten durch jenen Ton den Mut der Ihrigen zur Schlacht anzufeuern. 

Die Reiter, als sie die Flucht ihrer Landsleute bemerkten, getrauten sich nicht, die Feinde auf der Ebene anzugreifen oder weiteres Vorrücken zu wehren, sondern gaben ihren Pferden den Sporn und flohen auf die schändlichste Weise. Die Feinde hingegen setzten ihren Zug auf der Ebene fort, brannten das Städtchen Glurns, Mals und sämtliche Landhäuser bis zur Letzi aus und plünderten und hausten solchergestalt, daß nicht geringer Schreck über die Anwohner der Etsch kam. Als sie aber von des Kaisers Nähe berichtet worden, unterstunden sie sich nicht, weiter vorzudringen, sondern zogen sich eiligst zu den Ihrigen zurück, nachdem sie zuvor in zwei ungeheuern Gräbern die Leichname ihrer Gefallenen bestatteten. Die Kaiserlichen ließen sie unter freiem Himmel unbegraben liegen [etwa tausend Erschlagene], gleichwohl war ihr Verlust um ein bedeutendes größer gewesen. 

Als der Kaiser [in Landeck] diese Niederlage erfuhr, wurde er von tiefstem Unwillen dahingerissen; vor allem aber empörte ihn des Anführers [Ulrich von Habsberg] und der Reiter Feigheit. Nachdem jener aber bald hierauf selbst anlangte, suchte er die Schuld durch viele Worte und die Behauptung von sich abzulehnen, es wäre keineswegs rätlich gewesen, mitten in diesen Bergschluchten einem so mutigen Feind gegenüber die Reiterei zu entwickeln. Der Beistand mächtiger Freunde, so damals viel an des Kaisers Hofe galten, scheint des letztern Zorn etwas beschwichtigt zu haben. Aber der Heerführer kehrte nie wieder, im Bewußtsein des großen Schimpfes, in sein Vaterland zurück, indem er, nicht mit Unrecht, den Zorn derjenigen fürchtete, deren Verwandte er nicht nur auf die Schlachtbank geführt, sondern überdies schmählich im Stich gelassen hatte. Auch war zu dem allem noch ein leiser Verdacht von Verräterei rege gemacht worden. Denn seine Landsleute hielten dafür, daß, wenn auch dem Fußvolk von wegen des ungünstigen Schlachtplans nicht leicht hätte geholfen werden mögen, der Anführer wenigstens ohne Mühe auf offenem Feld den Verfolgungen des Feindes hätte Einhalt tun und dessen ungezügelte Wut im Plündern und Verheeren beschränken können. 

 

Willibald Pirckheimer, Der Schweizerkrieg. Mit einer historisch-biographischen Studie hrsg. von Wolfgang Schiel. Übersetzt aus dem Lateinischen von Ernst Münch, Berlin 1988, S. 98-111. Die Auswahl erfolgte um der Erwähnung des schwäbisch-fränkischen Konflikts um das Vorstreitrecht willen. Die Schlacht an der Calven wurde lange irrtümlich als Schlacht auf der Malserheide bezeichnet. 

Bearbeitung: Klaus Graf 

Empfohlene Zitierweise

Pirckheimer, Willibald: Auszug aus Willibald Pirckheimers Schweizerkrieg: Dritter Zug ins Hegau, Schlacht an der Calven, in: historicum.net, URL: http://www.historicum.net/no_cache/persistent/artikel/1204/

Bitte setzen Sie beim Zitieren dieses Beitrags hinter der URL-Angabe in runden Klammern das Datum Ihres letzten Besuchs dieser Online-Adresse.



Erstellt: 07.02.2006

Zuletzt geändert: 07.02.2006