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Thomas Maissen 

Worum ging es im Schwabenkrieg? 

Zum 500. Jahrestag des Friedens von Basel (22. September 1499) 

 

Der Krieg wie der Friede von 1499 haben mit dem Deutschen Reich nichts zu tun. Im Bodenseeraum stehen sich zwei Ordnungsmodelle gegenüber: das bäuerlich-genossenschaftliche der Eidgenossen und ein aristokratisch-herrschaftliches im Schwäbischen Bund, dessen sich Maximilian als Landesherr bedient. Dazwischen liegen Städte wie Konstanz, dem das «sweytzer werden» nach längerem Ringen verwehrt bleibt. 

Im Januar 1499 besetzen österreichische Truppen das Kloster St. Johann im Münstertal. Über die Tiroler Linie der Habsburger beansprucht hier der deutsche König und spätere Kaiser Maximilian I. die Vogteirechte, die ihm aber der Bündner Gotteshausbund streitig macht. Er und die Stadt Chur rufen umgehend die Eidgenossen zu Hilfe, mit deren sieben östlichen Orten seit dem Vorjahr ein Bündnis besteht. Ihrerseits wenden sich die Tiroler an den Schwäbischen Bund, der 1488 von Rittern und Reichsstädten mit zugewandten Fürsten gegründet worden ist, um in Zusammenarbeit mit Maximilian den Expansionsgelüsten der bayrischen Wittelsbacher Grenzen zu setzen. Damit stehen sich im Bodenseeraum der eidgenössische und der Schwäbische Bund gegenüber, die in mancher Hinsicht (Netz von Einzelbündnissen, Schiedsgericht, Landfriede als Ziel) ähnlich aufgebaut sind; allein das in Schwaben wichtige adlige Element fehlt in der Schweiz.  

Der Schwabenkrieg spielt sich als eine Reihe von Schlachten und blutigen Plünderungen am Rhein ab, unter denen vor allem die ländliche Bevölkerung leidet. Im Februar 1499, bis zur Schlacht beim Hard, setzen sich die Eidgenossen im Rheintal vom Luziensteig bis zum Bodensee durch; im Frühling folgen Raubzüge in den Hegau und Klettgau sowie die Siege auf dem Bruderholz bei Basel (22. März), in Schwaderloh bei Konstanz (11. April) und im vorarlbergischen Frastanz (20. April). Am 28. April greift Maximilian ein, nachdem er die Reichsacht gegen die Eidgenossen verhängt hat, ohne dass ihm dies nennenswerte Unterstützung bei den Reichsständen eingebracht hätte. Obwohl der Kampf zu Propagandazwecken formal als Reichskrieg geführt wird, unterliegen die Habsburger am Ausgang des Münstertals, an der Calven, den Bündnern unter dem sagenhaften Benedikt Fontana (22. Mai), und bei Dornach erringen die Solothurner und heranrückende eidgenössische Hilfstruppen am 22. Juli 1499 den entscheidenden Sieg über das hochmütige Ritterheer.  

In dieser Situation versucht der Herzog von Mailand und Onkel von Maximilians Frau, Ludovico il Moro, die Kriegsparteien auszusöhnen, denn er benötigt beider Hilfe, um die Herrschaft in Mailand zurückzugewinnen. Von dort hat ihn soeben der französische König Ludwig XII. vertrieben, der den Frieden zu sabotieren sucht, wobei die Schweizer entsprechend ihren aussenpolitischen Orientierungen schwanken: mit Ambitionen im Westen eher königsfreundlich und friedfertig Bern und Freiburg, auch Zürich, frankophil dagegen die Innerschweizer mit ihren Ambitionen im Mailändischen. Die Versöhnlichen setzen sich durch, am 22. September 1499 wird der Friede in Basel geschlossen. In territorialer Hinsicht hält er den Status quo fest, die Thurgauer Landgerichtsbarkeit fällt zulasten von Konstanz an die Schweizer; das Verhältnis der Eidgenossenschaft zum Reich ist im Vertragswerk nirgends thematisiert.  

DIE REICHSREFORM  

Allerdings regelt der neunte und letzte Paragraph, dass «die küngklich Majestät uß gnaden ufheben und abtun sol, Alle und Jegklich vechden, ungnad, Acht, processen und beswärungen, so In dem krieg oder vor dem krieg wider die Eydgnossen, Ir unndertanen, zugehörigen oder verwanndten . . . angesechen oder ußgangen sind». Das kann als Anspielung auf die ungenannte Wormser Reichsreform von 1495 verstanden werden, die ein Reichskammergericht institutionalisiert hat. Ausserdem ist in Worms die Privatfehde verboten und sind massive Strafen für Landfriedensbrecher angekündigt, der «gemeine Pfennig» als Reichssteuer für den Türkenkrieg verfügt und der Reichstag auf einen jährlichen Turnus festgeschrieben worden. Damit hat sich der Dualismus zwischen Kaiser und vor allem fürstlichen Reichsständen in der Verfassung verfestigt.  

Der Basler Friede ist keine Befreiung von der Reichsreform, sondern bestätigt allenfalls, dass Maximilian wie schon zuvor keinen Anstoss am Abseitsstehen nimmt. Die Eidgenossen haben die Bemühungen der Reformer ignoriert, über intensivierte Staatlichkeit innen- und aussenpolitische Ordnung herzustellen. Doch ein solches konservatives Beharren beim alten Herkommen ist nicht Absage an das Reich, sondern an dessen «nüwerungen», die Modernisierung und «gestaltete Verdichtung» (Peter Moraw): Das Verhältnis soll so locker bleiben, wie es ist, die Schweiz einen Nischenplatz in der Reichsverfassung einnehmen. Will Maximilian dies verweigern, durch den Schwabenkrieg die Eidgenossen den Wormser Bestimmungen unterwerfen? Das ist schon insofern unwahrscheinlich, als die Reichsreform nicht sein Werk, sondern ihm von den Fürsten abgerungen ist. Ausserdem boykottieren auch andere Randgebiete des Reichs, von Böhmen über Savoyen zu den Niederlanden, die Wormser Reformen, ohne dass die Reichsstände oder gar der König deswegen an Krieg denken würden. - Im ursprünglichen Vertragsentwurf haben die Eidgenossen gefordert, dass man ihnen die alten Freiheiten belasse, sie nicht durch fremde Gerichte bedränge «und üns gnediclich wider zum rich lässen wel». Später lassen die Schweizer diesen Passus jedoch weg, weil er einen Angriff auf das Reich impliziert, der durch königliche Gnade verziehen werden müsste. Dagegen verstehen sie sich als Opfer einer Aggression, allerdings nicht durch König und Reich, sondern von (Vorder-) Österreich und Schwäbischem Bund, was etwa der Chronist Niclaus Schradin deutlich macht. Anders als spätere Historiker legen die Zeitgenossen stets Wert darauf, die verschiedenen Funktionen Maximilians deutlich auseinanderzuhalten - im Frieden ist er nur «von wegen sine Maiestät Graffschafft Tirol» präsent, als Landesherr und nicht als König im Reich. Von der Unterzeichnung des Friedens wird nach Freiburg i. Ü. vermeldet, «das wir uns mit der Römischen kgl. Mt. als erzherzogen zu Oesterrych und von des Swäbischen Punds und nit des richs wegen haben verricht» (versöhnt) - das Reich hat mit dem Frieden so wenig zu tun wie mit dem Krieg. Die Eidgenossen hüten sich davor, den Eindruck zu erwecken, sie hätten gegen das Heilige Römische Reich gekämpft, denn gerade dieses (in seiner Abstraktion, nicht in der Person des gegenwärtigen Königs) garantiert über Privilegien ihre Freiheiten.  

Für die Schweizer Orte bleibt das Imperium auch im 16. Jahrhundert diejenige Instanz, die ihre Existenz als des «heilgen Römschen richs besunders gefryete staend» legitimiert. Insofern wird es nicht im modernen Sinn als (Territorial-) Staat verstanden, von dem eine Sezession nötig wäre; vielmehr ist es, als Universalmacht neben dem Papst, Quelle aller Staatlichkeit. 1507 lädt Maximilian die Eidgenossen als «Glieder und Verwandte des Heiligen Römischen Reichs» zu einem glanzvollem Reichstag nach Konstanz ein. Nicht nur leisten sie Gefolge, sondern versprechen in der Erbeinigung von 1511, ihrem «allergnädigsten Herren dem Römischen Keyser» getreue Dienste zu erweisen. Der Humanist Glarean bezeichnet dieses Bündnis mit dem Kaiser 1512 als ewig: «Helvetia aeterno Caesar tibi foedere iuncta est.» Dem Universalherrscher widmet Petermann Etterlin 1507 das erste Geschichtswerk der gesamten Schweiz, die «Kronica von der loblichen Eydtgnoschaft». Für Bonifacius Amerbach, in einem Gutachten von 1546, ist Karl V. selbstverständlich «unser allergnedigster Herr» und Basel eine «keiserliche frystat», und 1566 bestätigt Maximilian II. als letzter Kaiser die «Freihaitten» und Privilegien aller 13 Orte zusammen.  

ORDNUNGSMODELLE 

Worum, wenn nicht um Reichsreform und Ablösung vom Reich, ging es denn in den äusserst blutigen Kämpfen von 1499? Bekannt ist die Konkurrenz zwischen schwäbischen Landsknechten und schweizerischen Reisläufern, welch letzteren der Ruf und die Verdienstmöglichkeiten als beste Söldner Europas bestritten, aber auch die fehlende Belastung durch Reichspflichten wie den gemeinen Pfennig geneidet wird. Die Schweizer Chroniken der Zeit geben nicht Maximilian die Schuld am Krieg, sondern dem schwäbischen Adel, dem auch die dortigen Söldnerführer entstammen. Indem die königliche Propaganda die Rebellion gegen die göttliche Ständeordnung anprangert und die Schweizer «Bauern» als eidbrüchige «ustilger des adels» verflucht (vgl. folgenden Artikel), nimmt er diese ideologisch überhöhte, aber in der historischen Entwicklung und Realität begründete Frontstellung auf.  

Im oberschwäbischen Raum stossen zwei gegensätzliche Ordnungsmodelle aufeinander: ein aristokratisch-herrschaftliches und ein bäuerlich- genossenschaftliches. Von den Städtebünden des 14. Jahrhunderts bis zum Bauern- und schmalkaldischen Krieg im 16. Jahrhundert stehen die Städte, aber auch die gleichermassen von fürstlicher Territorienbildung bedrohten Kaiser im Spannungsfeld dieser Optionen, wobei allerdings dauernde und handlungsfähige ländliche Autonomie nur bei den Innerschweizern ausgebildet wird. Gemeinsam mit den Stadtorten verwirklichen sie in ihren Landen selbständig einen vergleichsweise soliden Landfrieden; insbesondere stellen seit der Vertreibung des Adels die Raubritter keine Bedrohung mehr dar. Gerade deshalb sind die Schweizer auf die Wormser Reformen zur Friedenssicherung nicht angewiesen; vielmehr drohen als deren Konsequenz Interventionen des Reiches, und das heisst: von monarchisch-aristokratischen Ordnungskräften und -prinzipien. Grund dafür besteht durchaus: Saubannerzüge gehören gleichsam zu den schweizerischen Initiationsriten, womit die endemische «fraeffenlich gewalt», wie sie im Stanser Verkommnis heisst, nicht gebändigt, sondern vielmehr exportiert wird. 

UNORDNUNGSMODELLE  

Man darf nicht übersehen, dass mit den erwähnten Ordnungsmodellen zwei Unordnungsmodelle korrespondieren: Der Gärtner ist in der Regel auch der Bock. Die Gefahr für den Landfrieden geht im Reich von (Raub-)Rittern aus, wie es Kaufleute 1521 in einer Bittschrift an Karl V. festhalten: «das dise und derglichen gewalthaten und verechtlich beschedigungen nit eynen geringen theil durch unser gnedige hern, etlicher rychsoberkeiten vorgelaitung gewachsen». Gleiche Wirkung haben im Bereich der Eidgenossenschaft die Saubannerzüge, worunter derjenige von 1477 gegen Genf nur der berühmteste und trotz dem folgenden Stanser Verkommnis keineswegs der letzte ist. Dieselben Magistratsfamilien, die unter den Eidgenossen den Landfrieden garantieren, schauen zu, wie ihre Söhne und die übrige Jungmannschaft ausserhalb der verbündeten Orte marodieren und plündern. Diese Praxis lässt sich in gewisser Hinsicht mit der der Mafia vergleichen: In Gegenden, wo eine effiziente staatliche Ordnung fehlt, werden «Schutzzahlungen» erpresst; demjenigen, der sie verweigert, zündet der verschmähte «Beschützer» das Haus an.  

Gleichermassen an die Mafia erinnert die gewaltige Bedeutung, die um 1500 der «Ehre» zukommt: Auf sie berufen sich die Ritter, wenn sie gegen Handelsmonopole vorgehen, wie man das Ausplündern von Kaufleuten auch umschreiben kann; und ähnlich warten die eidgenössischen Besucher in den schwäbischen Städten nur darauf, dass man sie als «Kuhschweizer» verunglimpft, um danach empört einen Raubzug vom Zaun zu reissen. Der «Plappartkrieg» von 1468 ist das beste Beispiel dafür: Nachdem ein Konstanzer eine Berner Münze als «Kuhplappart» bezeichnet hat, plündern Innerschweizer Freischaren das Umland und erpressen von der Stadt 3000 Gulden an Brandschatzung.  

Wo, wie im Spätmittelalter, kein staatliches Gewaltmonopol Rechtsprechung und -vollzug gewährleistet, dort dienen Ehrverletzungen als Rechtfertigung für die von hohen kirchlichen und weltlichen Autoritäten delegitimierte, aber allgegenwärtige Gewalt, insofern sie gleichsam in Notwehr zur Selbsthilfe berechtigen und damit die Landfriedensbemühungen unterlaufen. Da das Fehderecht in der Theorie ein Privileg des Adels ist, macht im Umkehrschluss die Fehdepraxis eine Streitpartei mit diesem gleichrangig. Wer seine Ehre selbst, also mit Waffengewalt, verteidigen kann, darf Gewalt ausüben, wird also nicht nur fehde-, sondern auch herrschafts- und damit ordnungsfähig. Diese Rolle nehmen die eidgenössischen «Bauern» zusehends im Bodenseeraum wahr, sowohl zugunsten ihrer Bürger und Untertanen, gerade auch der Händler, als auch der Verbündeten, so des Abts von St. Gallen 1489 beim Rorschacher Klosterbruch; dazu kommt als elementares Anliegen die gesicherte Versorgung mit schwäbischem Getreide und Salzlieferungen. Dabei sind die Übergänge vom Freischarenzug zur offiziell angesagten Intervention fliessend und ebenso diejenigen zwischen Verteidigung der Ehre und Raub.  

Das eidgenössisch-bäuerische Ordnungsmodell ist nicht so revolutionär, wie man im nachhinein denken könnte: Die Eroberung des Aargaus wird durch König Sigismund und das Konstanzer Konzil gerechtfertigt, und Papst Pius II. legitimiert die Expansion im Thurgau, beides an sich eklatante Verstösse gegen hergebrachte Rechte der Habsburger und die eben geschlossenen Friedensabkommen von 1412 beziehungsweise 1459. In beiden Fällen verfolgen die Universalgewalten natürlich eigene Ziele; aber sie sind gerade in den fernliegenden Gebieten darauf angewiesen, dass die eigentliche Gewaltausübung von lokalen Ordnungsmächten verrichtet wird. Noch viel mehr als Papst und König stehen die Städte mit ihren Kaufleuten, die mit Geld und Waren schwach beschützt durch das Land ziehen, jeweils vor der Entscheidung, ob sie mit bäuerlichen oder adligen Gewalten kooperieren sollen: Wo verspricht der - finanzielle - Aufwand eher langfristige Stabilität? In der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts stellt sich diese Frage neben dem Elsass vor allem für das städtereiche Schwaben zwischen Zürich und Rottweil; bezeichnenderweise wird in dieser Zone vor 1499 auch das Reichskammergericht aktiv und der gemeine Pfennig eingefordert, während die Zehn Orte selbst solche Eingriffe nicht mehr zu befürchten haben.  

Schon längst haben sie in mutwilligen Freischarenzügen, die oft durch nachträgliche Absagebriefe als legitime Fehden camoufliert werden, ihre Ansprüche angemeldet: Im Plappartkrieg 1458 fällt Rapperswil an die Eidgenossen, zwei Jahre später mit dem Thurgau auch Winterthur und Diessenhofen; Schaffhausen ist im Visier und im «Hohenburger Handel» von 1482 auch Strassburg. Die Expansion im Westen und Süden folgt ähnlichen Mustern, hat aber andere Gegenspieler. Da in den betroffenen Städten meistens eine eidgenössische Partei von sozial eher niederem Rang einer patrizisch-habsburgischen gegenübersteht, heisst «sweytzer werden» in diesen Jahrzehnten nicht generell ein freiwilliger oder erzwungener Schritt: Je nach innerem Kräfteverhältnis und äusserer Bedrohungslage obsiegt eine Option.  

BAUERNTUGEND GEGEN DEN ADEL 

Die Ausdehnung der Eidgenossenschaft ist um 1500 noch keineswegs vorgegeben, schon gar nicht im modernen Sinn «natürlicher» Grenzen. Ab 1438 wird die Situation zusätzlich kompliziert, weil die regionale Vormacht Habsburg auf Dauer die Königs- und Kaiserkrone erlangt und damit nicht nur als Fürstenhaus dynastische Interessen verfolgt, sondern auch das Reich repräsentiert. Wie labil diese Situation ist, zeigt der Alte Zürichkrieg, als sich die «keiserliche Stadt», wie sie sich seit 1433 nennt, den Habsburgern annähert. Dies impliziert unter anderem eine Entscheidung für das rationale Reichsrecht gegenüber dem bundesgemässen Recht der Eidgenossenschaft, das auf Verhandlungen und Schiedsgerichten fusst und den Innerschweizern mehr Einfluss verspricht als die gelehrte Jurisprudenz. So entscheiden sich die Zürcher mit ihren Handelsinteressen im Reich, dass sie nicht «den puren zuo willen» sein wollen.  

Bezeichnenderweise entwirft während des Zürichkriegs ein Anhänger der Habsburger, der Zürcher Chorherr Felix Hemmerli, einen Dialog «De nobilitate et rusticitate», in dem die Schweizer ausführlich als bäuerische Rebellen gegen die naturgegebene Adelsherrschaft verunglimpft werden. Als Reaktion entwickeln die Schweizer das Idealbild des tapferen und selbstbewussten Bauern, dessen Tugendadel über den hochfahrenden Geblütsadel triumphiert. Dieses Deutungsmuster übernehmen die städtischen Eliten in der Schweiz nicht nur, sie sind bei dessen Formulierung sogar führend - wer ein «Bauer» ist, weiss sich sicher vor den unruhigen Jungmannschaften der Landschaften, die sich dafür schadlos halten bei den an sich ähnlichen, aber als «adlig» beschimpften Städten im habsburgischen Einflussbereich. Umgekehrt ist die identifikationsstiftende Verherrlichung Schwabens beim ritterlichen Kleinadel populär, dessen Einkünfte durch Schweizer Raubzüge geschmälert werden - die ideologischen Fronten sind schon lange vor 1499 bezogen.  

Der Schwabenkrieg gehört in den spätestens seit dem Alten Zürichkrieg dominierenden Streit darum, welche Bundes- und Ordnungsvorstellungen im Bodenseeraum das Gewaltmonopol erlangen und den Landfrieden sichern. Im Mittelpunkt steht diesmal der alte schwäbische Vorort Konstanz. Als Bischofssitz ist die linksrheinische Stadt das geistige Zentrum eines grossen Bistums, das vom Aarelauf über den Breisgau bis nach Stuttgart reicht und in einer noch sehr klerikal geordneten Welt einen zusammengehörigen Kulturraum bildet. Konstanz ist aber auch ein politisches Zentrum der Eidgenossenschaft: Noch 1498 findet hier, wie schon oft zuvor, eine ausserordentliche Tagsatzung statt. Konfliktstoff fehlt jedoch nicht, so die erwähnte hohe Gerichtsbarkeit im Thurgau oder die Einschränkung der bischöflichen Rechtshoheit über die Geistlichen in den vier schweizerischen Archidiakonaten.  

KONSTANZ 

Konstanz, die Stadt ebenso wie der Bischof, versucht angesichts der wachsenden Spannungen und mancher Lockrufe lange, neutral zu bleiben. 1494 und 1497 schliesst der Bischof Freundschaftsverträge mit den Eidgenossen, womit er in den Augen der Zeit auch politisch der «Schweyzer» wird, der er als geborener Oberwinterthurer schon ist. Annäherungsversuche der Stadt Konstanz an die Eidgenossen werden 1483 und 1495 durch kaiserliche Interventionen unterbunden, und gleichzeitig wächst der Druck, sich dem Schwäbischen Bund anzuschliessen. 1495 wird Konstanz im «Judenkrieg» Opfer eines typischen Privatkriegs und Plünderungszugs des Urner Landvogts Muheim. Im folgenden Jahr erwägt die Tagsatzung, ob Konstanz als zugewandter Ort aufgenommen werden soll, doch bezeichnenderweise widersetzen sich die Urkantone. Dabei und in ähnlich gelagerten Fällen geht es nicht nur um die Angst, von einer Vielzahl mächtiger Städte im Bund überspielt zu werden, sondern um die bewährte Fehdepraxis: Jede Stadt, die sich durch den Beitritt zur Eidgenossenschaft vor deren Saubannerzügen in Sicherheit bringt, fällt als potentielles Opfer erpresserischer Raubzüge weg.  

Am 3. November 1498 schliesst sich Konstanz schweren Herzens, aber als vollwertiges Mitglied dem Schwäbischen Bund an - der reichsnahe Zusammenschluss mit Adligen setzt sich gegen die Anhänger der Schweizer «Bauern» durch. Was folgt, könnte als - entsprechend grausamer - «Bürgerkrieg im Bistum Konstanz» bezeichnet werden, der überlagert und verstärkt wird vom dynastischen Gegensatz zwischen Habsburgern und Valois. Der für Konstanz besonders verlustreiche und bittere Waffengang setzt der Schweizer Option kein Ende. Maximilian interveniert 1507 und gar militärisch 1510 gegen einen Anschluss von Konstanz an die Eidgenossenschaft; während der Reformation schliesst die Stadt 1527/28 ein «christliches Burgrecht» mit Zürich und Bern, das Zwingli bis nach Ulm und Strassburg zu erweitern sucht. Erst die Beteiligung am Schmalkaldischen Bund und, nach dessen Niederlage gegen Karl V., die Unterwerfung unter die Habsburger machen 1548 dieser Zwischenlage ein Ende. Schon im Bauernkrieg von 1525 wird der ähnliche Traum der rechtsrheinischen Landbevölkerung zunichte, das Innerschweizer Modell zu imitieren. Die Erweiterung des Schweizerbundes durch die (teilweise) rechtsrheinischen Städte Basel und Schaffhausen sowie Appenzell zeigt dagegen, dass man bis zur Reformation in der strittigen Zwischenzone durchaus noch «sweytzer werden» kann.  

«KUH-SCHWEIZER» 

Wenn das Jahr 1499 bei dieser langen Ausmarchung Episode ist, so prägt es doch schon bei den Zeitgenossen das kollektive Selbstverständnis. Die Eidgenossen übernehmen den vom Kanton Schwyz abgeleiteten Sammel- und Schimpfnamen (Kuh-)«Schweizer», den sie bisher als Beleidigung abgelehnt haben, und füllen ihn positiv auf - nicht der einzige Fall eines solchen «stigma management» in der Geschichte. «Hie Lanz! Hie Schwytz!» so lautet der Kriegsruf 1499: Schweizer gegen Schwaben - und nicht Schweizer gegen das Reich. Entsprechend heisst der Schwabenkrieg nördlich des Rheins bis heute «Schweizerkrieg». Im Schwabenkrieg verlassen die Eidgenossen nicht das Reich, sondern sie werden nachträglich zu dem, was sie historisch nicht sind, einem germanischen Stamm: Neben Franken, Sachsen, Bayern und namentlich neben die Schwaben treten nun die «Schweizer».  

Ein analoges landsmannschaftliches Selbstbewusstsein wird durch den humanistischen Rekurs auf die antiken «Helvetii» begründet, um das feudale Bündnisgeflecht der Eidgenossen mit dem geographischen Neologismus «Helvetia» territorial und ethnisch zu unterbauen. Mit dem Bürgerkrieg im Bistum Konstanz wird ein im frühen Mittelalter entstandener Kulturraum gespalten: Anstelle des (Boden-)Sees wird das Gebirge zum Bezugspunkt des schweizerischen politischen Selbstverständnisses. 1501 spricht der kaisertreue Elsässer Humanist Jakob Wimpfeling noch abfällig von «Alpinates», doch auch diese Fremdbezeichnung wird positiv umgedeutet: In Johannes Stumpfs Chronik von 1547 betritt das «helvetisch Alpenvolck» die historiographische Bühne. 

Aus: Neue Zürcher Zeitung LITERATUR UND KUNST Samstag, 18.09.1999 Nr. 217 83
mit freundlicher Genehmigung von © NZZ-Online

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Empfohlene Zitierweise

Maissen, Thomas: Worum ging es im Schwabenkrieg?. Zum 500. Jahrestag des Friedens von Basel (22. September 1499), in: historicum.net, URL: http://www.historicum.net/no_cache/persistent/artikel/1069/

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Erstellt: 31.01.2006

Zuletzt geändert: 07.06.2006