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/ historicum.net
21.07.2006

Unser Titelbild: Ramellis Bücherrad

Das Bücherrad von Agostino Ramelli wird gerne als ein Vorläufer des modernen Hypertextes in Anspruch genommen – und hat daher auf unserer Startseite nicht nur als historisches Zeugnis seine Berechtigung. Der emsige Leser sollte mit Hilfe der rotierenden Lesemaschine in kürzester Zeit zwischen vielen Büchern und Textstellen springen können, ähnlich wie man sich im Hypertext über Links zwischen Web-Seiten und Textmodulen bewegt.

Agostino Ramelli: BücherradDie Mechanik des Rades ist so konstruiert, dass die Bücher immer in derselben Position liegen bleiben und beim Drehen des Rades nicht herunterfallen.

Der Stich findet sich in Ramellis 1588 in Paris publiziertem Buch "Le diverse et artificiose machine" und stellt nur eine seiner zahlreichen Erfindungen dar. Der Band umfasst insgesamt 195 exquisit ausgeführte Konstruktionszeichnungen für hydromechanische Anlagen, darunter zahlreiche Pumpen und militärische Maschinen, die mit ausführlichen Beschreibungen in Italienisch und Französisch versehen sind. Das Werk gilt als ein Klassiker der Ingenieurskunst des 16. Jahrhunderts.

Agostino Ramelli stammte aus Norditalien, wo er um 1531 geboren wurde. Als junger Mann trat er in die Dienste eines italienischen Kriegsherrn und bildete sich in Mathematik und militärischer Ingenieurskunst aus. Später zog es ihn nach Frankreich, wo er weiterhin als "Militäringenieur" in der königlichen Armee tätig war.

Die Lesemaschine lässt sich interpretieren als eine Reaktion auf die mit dem Buchdruck aufgekommenen Herausforderungen der Leser: Diese hatten nicht nur mit einer bislang unbekannten Fülle von Büchern zu kämpfen, sondern auch mit einer großen inhaltlichen wie qualitativen Vielfalt des Lesestoffs. Die gelehrten Zeitgenossen reagierten darauf mit unterschiedlichen Strategien. Dazu gehören Versuche, das nun so inflationär verbreitete Wissen in Universalbibliotheken zu bändigen (Conrad Gesner, 1545), die Entwicklung von Methoden des Memorierens und eben technische Lösungen wie Ramellis Bücherrad.
 

Links zum Weiterlesen:

Ausgewählte Abbildungen aus "Le diverse et artificiose machine" haben die Smithsonian Institution Libraries der Dibner Library of the History of Science and Technology digitalisiert und ins Netz gestellt:
http://www.sil.si.edu/ondisplay/ramelli/

Ein weiteres bedeutendes Werk der mechanischen Künste, das "Theatrum instrumentorum et machinarum" (1578), stammt von Jacques Besson, einem Zeitgenossen Ramellis:
Digitale Edition: http://www.sil.si.edu/DigitalCollections/HST/Besson/besson.htm

Das Deutsche Museum stellt mit Jacob Leupolds "Theatrum Machinarum" ein "Maschinenbuch" des 18. Jahrhunderts ausführlich vor:
http://www.deutsches-museum.de/bib/entdeckt/alt_buch/buch1001.htm