Hypertext

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Hypertext - (Geschichte) schreiben 

 

1. Was ist Hypertext? 

Der Hypertext ist eine Verbindung von Wissenseinheiten (so genannte Knoten, im Internet sind es die Webseiten) die netzwerkartig über Verweise (Querverbindungen, im Internet sind es die Links) miteinander verbunden sind. Man spricht in diesem Zusammenhang von dem Verweis-Knoten-Konzept, das dem Hypertext zugrunde liegt. 

Auch das Buch kennt mit Inhaltsverzeichnissen, Registern und Fußnoten Elemente des Hypertextes. 

Entstehung der Hypertext-Idee 

Zum ersten Mal theoretisch durchdacht wurde das moderne Hypertextsystem 1945 von Vannevar Bush in seinem Artikel As We May Think in der Zeitschrift "The Atlantic Monthly".

Nach einigen Vorläufern war es die Erfindung von HTML durch Tim Berners-Lee 1989, die dem Hypertext-System zum endgültigen Durchbruch verhalf. Das gesamte WWW ist nichts anderes als ein gigantisches Hypertext-System.

2. Charakteristika 

  • Nicht-Linearität bzw. Multi-Linearität 

    Ein Hypertext muss keine feste Leserichtung vorgeben. Einzelne Teile (Module) eines größeren Textes stehen nebeneinander und erlauben dem Leser über Navigationspunkte und Links im Text, eigene Lesewege zu gehen. Dadurch ist allerdings auch die Gefahr gegeben, die Orientierung zu verlieren.

  • Interaktivität 

    Mit der Multi-Linearität verbunden ist die Interaktivität: Der Leser muss aktiv entscheiden, wann er welchen Text-Baustein liest, welchem Link er folgt oder nicht. Weitere Elemente von Interaktivität im Internet sind Kommentarfunktionen, Spiele, Foren und Wikis, in denen jeder mitschreiben kann usw. 

  • "Offener" Text  

    Im Gegensatz zum einmal gedruckten und damit abgeschlossenen Buch, besteht im Hypertext prinzipiell die Möglichkeit der Veränderung, Ergänzung und Aktualisierung und Anknüpfung neuer Module.  

  • Multimedialität 

    Verknüpfungen sind nicht nur zwischen Textelementen möglich, auch Bilder, Audio- und  Filmdateien lassen sich leicht einbinden. Was dabei entsteht ist also streng genommen nicht Hypertext, sondern Hypermedia.

3. Hypertext und (geschichts-)wissenschaftliche Darstellung 

Wie wissenschaftliche Ergebnisse dargestellt, wie z.B. Aufsätze und Bücher geschrieben werden, beruht auf Konventionen, die sich mit der Entwicklung der Wissenschaftskulturen  herausgebildet und etabliert haben. Diese Konventionen sind auch vom Medium – dem gedruckten Buch – und seinen Möglichkeiten geprägt, etwa durch Platzbeschränkungen, die Notwendigkeit der linearen Abfolge oder die (aus Kostengründen) spärliche Bebilderung.

Noch ist völlig offen, ob und wie das Internet bzw. der Hypertext die Formen der wissenschaftlichen Darstellungen seinerseits verändern wird. Denkbar ist, dass die spezifischen Merkmale des Hypertextes auch die Text- und Wissensorganisation wie auch Schreibstile beeinflussen werden. 

So ist die freie Enzyklopädie Wikipedia ein Beispiel dafür, dass verschiedene Schreiber an einem Werk zusammenarbeiten. Zudem ist kein Artikel endgültig, er kann jederzeit ergänzt und korrigiert werden. Der einzelne Autor verliert dabei an Bedeutung - ein Modell, das zumindest in den Geisteswissenschaften bislang eher fremd ist.

Was könnte der Hypertext in der geschichtswissenschaftlichen Darstellung leisten?  

Längst ist die moderne Geschichtswissenschaft übereingekommen, dass es nicht die richtige Deutung der Vergangenheit gibt. Jedes Thema lässt sich aus verschiedenen Perspektiven betrachten und selten auf einen eindeutigen Nenner bringen. Die Multiperspektivität der Betrachtung wie auch die Komplexität der vergangenen Wirklichkeit ließe sich durch das Verweis-Knoten-Konzept des Hypertextes darstellen, indem verschiedene Deutungsmuster nebeneinander gestellt und untereinander vernetzt werden.

Die Möglichkeit, über Links verschiedene Textelemente direkt zu verknüpfen, erlaubt es, ein Thema gut in unterschiedlichen Informationstiefen zu strukturieren. Wer eine einfache Zusammenfassung lesen will, tut dies auf der ersten Ebene, wer mehr wissen will, folgt den Links zur nächsten Ebene, wo ausführlichere Informationen angeboten werden. Von dort wiederum könnte man bis auf die zugrunde liegenden Quellen oder weitere Hintergrundinformationen gelangen.  

Zwei Beispiel, die mit dem Einsatz hypertextueller und multimedialer Darstellungsmöglichkeiten für historische Themen experimentieren:  

4. Hypertext schreiben 

Das Lesen von Hypertexten am Bildschirm unterscheidet sich von der Buchlektüre. Daher stellt die Aufbereitung eines Textes für das Internet besondere Anforderungen an die Konzeption und das Schreiben.  

Hier ein paar allgemeine Regeln, die selbstverständlich nicht in jedem Fall angebracht sein müssen. Zu fragen wäre jeweils nach der Eignung für das Schreiben wissenschaftlicher Texte.  

1. Orientierungshilfen  

Das Navigieren in stark vernetzten Hypertexten birgt die Gefahr, den Überblick über das Gesamtangebot und den aktuellen „Standort“ zu verlieren. Daher sollte man als Autor eines Online-Angebots Orientierungshilfen anbieten, z.B. durch eine Sitemap bzw. ein generelles Inhaltsverzeichnis und eine Art vorgeschlagenen Standardwegs durch die einzelnen Module. Wichtig sind außerdem der ständige Link auf die Startseite, eine verständliche Navigation, aussagekräftige Überschriften und eine Orientierungshilfe über entsprechende Farbgebung und Logos.

2. Wenig Text 

Die Wirkung eines Textes am Bildschirm ist eine völlig andere als die in einer Zeitschrift oder in einem Buch. Wenn Sie für den Bildschirm schreiben, empfiehlt es sich, wenig Text pro Bildschirmseite einzusetzen.

Wenn Sie viel Information vermitteln müssen, teilen Sie Ihren Text in sinnvolle Abschnitte auf und verteilen Sie ihn auf mehrere Bildschirmseiten. 

3. Verständliche Sprache 

Verzichten Sie auf Schachtelsätze und Fremdworthäufung. Erklären Sie Fachbegriffe und bemühen Sie sich um einen einfachen Satzbau und eine klare Sprache.

4. Benutzen Sie Absätze 

Machen Sie Sinnabschnitte auch durch Absätze im Text deutlich. Dadurch unterstützen Sie Ihre Gliederung auch optisch und machen es dem Leser einfacher, sich in Ihrem Text zurechtzufinden.

5. Heben Sie Schlüsselwörter hervor 

Schlüsselwörter helfen bei der optischen Gliederung eines Textes und helfen dem Leser einen groben Überblick über den Inhalt zu erlangen. Heben Sie daher Schlüsselwörter optisch hervor.

6. Aussagekräftige Überschriften 

Stellen Sie Ihren Sinnabschnitte Überschriften voran, die den Inhalt des folgenden Absatzes kurz und präzise zusammenfassen. Dadurch erkennt der Leser, ob der entsprechende Abschnitt für ihn interessant ist oder ob er ihn überspringen kann. 

7. Das Wesentliche zuerst 

Nennen Sie zu Beginn Ergebnisse und Schlussfolgerungen. Reichen Sie die entsprechenden Hintergrundinformationen erst später im Text nach. Die Ergebnisse sind das Wesentliche und interessieren den Leser in erster Linie. Eventuell können Sie auf den Hintergrund im Hauptartikel sogar verzichten und nur per Link auf weiterführende Informationen verweisen.

8. Nutzen Sie Listen 

Wenn es möglich ist, nutzen Sie in Ihrem Text zur Verdeutlichung Stichwort-Listen. Sie strukturieren Ihr Werk und machen es lesbar. 

9. Benutzen Sie Bilder, Töne, Videos 

Wenn möglich, nutzen Sie Bilder zur Illustration Ihres Textes. Sie lockern den Text auf und machen ihn attraktiver. Auch passende Töne (Tonaufzeichnungen) oder Videos können sinnvoll sein. Beachten Sie aber, dass lange Ladezeiten zum gegenteiligen Effekt führen können. Achten Sie darauf, dass Sie Ihren Text nicht medial überfrachten.

10. Bieten Sie eine Fassung zum Ausdrucken  

Bildschirmtexte unterscheiden sich deutlich von gedruckten Texten. Ermöglichen Sie Ihren Lesern aber, Ihre Texte auszudrucken. Die für den Druck optimierte Fassung sollte den kompletten Text und die Illustrationen enthalten, aber auf die Navigationselemente gänzlich verzichten.

 

Literaturhinweise und Links 

Art. Hypertext, in: Wikipedia (28.02.06).

Beißwenger, Michael / Storrer, Angelika: Hypertexte planen und schreiben, Dortmund 2002 (Online-Buch), URL: http://www.hypermedia-texte.de/ (28.02.06)

Iske, Stefan: Vernetztes Wissen: Hypertextstrategien im Internet, Bielefeld 2002. 

Thissen, Frank: Kompendium Screen-Design. Effektiv informieren und kommunizieren mit Multimedia. 3. überarb. und erw. Aufl., Berlin 2003. 

Geschichte – Hypertext - Archiv”, ein Essay von Moritz Baßler und Karin Harrasser, in: pastperfect.at.

 

Übungen 

  • Entwerfen Sie eine Navigationsstruktur (Sitemap) für ein historisches Thema Ihrer Wahl (z.B. Revolution 1848/49, Weimarer Republik, Geschichte der DDR). Welche „Zugänge“ wollen Sie legen? Welche Punkte sind auf der Hauptnavigation zu finden? Wie stark vernetzt sollen die einzelnen Blöcke sein? 

  • Schauen Sie sich An Early Information Society und pastperfect als Beispiele für hypertextuelle Geschichtsschreibung an: Was finden Sie gelungen, was nicht? Was sind die Vor- und Nachteile gegenüber herkömmlichen Textformen?

     



Erstellt: 22.05.2006

Zuletzt geändert: 23.04.2013