Weg der Recherche

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Gebrauchsanleitung für Archive - Praktischer Leitfaden für den Einstieg in die Quellenrecherche  

4. Von der Frage zur Quelle. Der Weg der Recherche 

 

Inhalt: 

4 Von der Frage zur Quelle. Der Weg der Recherche

4.1 Die richtigen Archive ermitteln

4.2 Die archivischen Find-Hilfsmittel

4.2.1 Gesamtübersicht über die Bestände

4.2.2 Findbuch

4.2.3 Inventar

4.2.4 Online-Findmittel

 

4. Von der Frage zur Quelle. Der Weg der Recherche

Vorweg bemerkt: Wer im Archiv recherchiert, benötigt Geduld und Frustrationstoleranz. Es existiert wohl kein anderes Informationsmedium, bei dem das Verhältnis zwischen Zeitaufwand und quantitativem Ertrag derart miserabel ausfällt. Aber: Wer nicht aus fünfzig Büchern das 51. zusammenschreiben will, dem bleibt kaum eine andere Möglichkeit. Archivalien bieten nicht nur die Chance, etwas völlig Neues zu entdecken, sondern auch die Grundlage dafür, in Ehren ergraute wissenschaftliche Erkenntnisse an der Quelle zu überprüfen und gegebenenfalls mit besserer Beweiskraft vom Sockel zu stoßen. 

4.1 Die richtigen Archive ermitteln

Eine gewisse Hilflosigkeit beim ersten Schritt von der Fragestellung zum Archiv ist nur allzu verständlich. Oft ist es banal klar, welches Archiv das richtige ist, doch häufig erschließt sich diese Materie selbst Professionellen nicht ohne weiteres. 

Gemäß Ihrem Erkenntnisinteresse, Ihrer spezifischen Fragestellung wäre analytisch zu klären 

a) die staatsrechtlich-politische Ebene 


Abb. 1

Welchem territorialstaatlichen Gebilde gehörte das Untersuchungsgebiet vor und nach den bekannten politischen Umbrüchen an, insbesondere den Säkularisierungen im 16. und 19. Jahrhundert, der Mediatisierung im 19. Jahrhundert, den beiden Weltkriegen des 20. Jahrhunderts? Es gilt das Prinzip der so genannten "Archivfolge", das bedeutet: Das Archiv folgt der Herrschaft. So gelangten die Verwaltungsunterlagen des Esslinger Katharinenhospitals in der Reformationszeit unter die Obhut der Reichsstadt und sind heute im Stadtarchiv zu benutzen. Der Landgraf von Hessen übernahm 1533 mit dem Kloster Haina auch dessen Urkunden, die heute im Staatsarchiv Marburg liegen. Die Akten der Provinzialverwaltung Brandenburg im Landeshauptarchiv Potsdam beziehen sich selbstverständlich auf alle zu Brandenburg gehörigen Gebiete, auch die östlich der Oder. Das 1945 geflüchtete Staatsarchiv Königsberg wird seither von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz im Geheimen (das heißt nur noch so) Staatsarchiv zu Berlin gepflegt.

Vordergründig simpel scheint die Sachlage in Kommunalarchiven: Da liegt alles zur Stadtgeschichte? Mitnichten. Die Stadt Konstanz zum Beispiel verlor 1548 ihre Reichsfreiheit, gehörte für die folgenden zwei Jahrhunderte administrativ zu den österreichischen Vorlanden, bis 1806 zur Provinz Vorderösterreich, anschließend zum Seekreis im Großherzogtum Baden. Folglich liegt reiche Überlieferung zur Stadt Konstanz in der Frühen Neuzeit im Landesarchiv in Innsbruck und (auch für die Zeit danach) im Generallandesarchiv Karlsruhe. Die Beschäftigung der nächst höheren Verwaltungsebene mit Konstanz im Alten Reich dokumentiert das Haus-, Hof- und Staatsarchiv in Wien. Dazu treten selbstredend zahlreiche weitere Archive, in denen Stadt-Konstanz-Betreffe zu finden wären. 

b) Die räumliche Zuständigkeit 


Abb. 2

Jedes Archiv hat einen räumlichen Zuständigkeitsbereich, den so genannten "Archivsprengel". Konkret ausgedrückt, kümmert sich ein Archiv z.B. um die angemessene Überlieferung aller kirchlichen Amtsstellen in der Diözese, aller Landesbehörden im Regierungsbezirk, aller Unternehmen, Kammern und Wirtschaftsverbände im Bundesland. Diese Angabe gehört zu den Basisinformationen, die Sie auf jeder Archiv-Homepage finden.

 

c) Die sachliche Zuständigkeit 

Immer in Bezug zur Fragestellung sollten Sie herausfinden, welche Behörden - häufig handelt es sich um mehrere - für das interessierende Sachgebiet zuständig waren. 


Abb. 3

Ein klassisches Beispiel für diese Frage ist der Verwaltungsbereich "Kirche", der für beide Konfessionen bis ins 19 Jahrhundert hinein das zumal niedere Schulwesen organisierte. Wenn Sie also z.B. zur "Elementarbildung im Zeitalter der Aufklärung" forschen möchten, dann sollten Sie zunächst die regional zuständigen kirchlichen Archive aufsuchen. Ebenso führten kirchliche Stellen die Personenstandsregister, wesentliche Quelle in genealogischen Fragen.

Zum anderen, etwas verwickelteren Beispiel, war in Württemberg im 19. und 20. Jahrhundert das Sachgebiet "Statistik und Landesbeschreibung" dem Ressort des Finanzministeriums zugeteilt. In Baden gehörte dasselbe Sachgebiet zunächst zum Handels-, später zum Innenministerium. 

Einen, unterschiedlich guten, Überblick über diese Materie bieten Verwaltungshandbücher, die in jedem besseren Archiv im Benutzersaal stehen (Beispiel: Alfred Dehlinger, Württembergs Staatswesen in seiner geschichtlichen Entwicklung bis heute, 2 Bände 1951 und 1953). In einzelnen Jahrgängen sehr ausführliche Aufgabenbeschreibungen der Ministerien und ihrer untergeordneten Abteilungen bieten die Hof- und Staatshandbücher des 19. Jahrhunderts. 


Abb. 4

Für die Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft gilt es zu berücksichtigen, dass es die Nazis liebten, reguläre Behördenzüge aufzubrechen und parallel zur hergebracht zuständigen Stelle den "Sonderbeauftragten des Führers (respektive Gauleiters oder Oberbürgermeisters) für das Sowiesowesen" zu installieren. Auf Reichsebene liegen dessen Unterlagen im Bundesarchiv, man muss nur den Bestand herausfinden. Auf Länder-, Gau- und kommunaler Ebene lief dies auf eine schräge, oft nur schwer nachzuvollziehende mehrfache Teilüberlieferung hinaus. Konkret: Unterlagen über Zwangsarbeiter oder die Tätigkeit der Geheimen Staatspolizei oder die Lebensmittelversorgung während des Zweiten Weltkriegs müssen so ungefähr überall vermutet werden.

Das gleiche gilt für schriftliche Nachlässe, die außer in Archiven auch von Bibliotheken und Museen verwahrt werden. Im Zeitalter des Internet helfen die Zentrale Datenbank Nachlässe des Bundesarchivs und das Kalliope-Portal der StaBi Berlin.

Über Möglichkeiten der Archivrecherche bei einer biografischen Fragestellung ist kürzlich ein Aufsatz von Jürgen Treffeisen erschienen: [hier]

Um Sie nicht womöglich von einer Archivbenutzung abzuschrecken, bleibt das weitere Feld der Sonderfälle und Ausnahmen hier unbestellt. Stattdessen beschließe eine praktische Empfehlung diesen Abschnitt: Ermitteln Sie, am besten anhand einer jüngeren Dissertation oder anderer wissenschaftlicher Literatur, das erste Archiv mit wesentlichem Quellenbestand zum Thema. Dort stellen Sie Ihr Forschungsvorhaben vor und fragen, wo weitere einschlägige Quellen zu erwarten oder vermuten sind. Professionelle Kolleginnen und Kollegen wissen in konkreten Einzelfällen am besten Bescheid. 

4.2 Die archivischen Find-Hilfsmittel

Im Zusammenhang dieses Abschnitts vermeide ich den Begriff "suchen", da der zu sehr nach Zufall oder Volltextrecherche klingt. Beides kommt im Archiv zwar auch vor, aber grundsätzlich gelangt man hier durch Ermitteln an sein Ziel, man kombiniert sozusagen vom Stamm über den Ast und den Zweig bis hin zum Blatt. 

4.2.1 Gesamtübersicht über die Bestände

Ein "Bestand" im Archiv ist die Überlieferung (von bleibendem Wert), die von einer bestimmten funktionell und zeitlich abgegrenzten Organisationseinheit stammt. Folglich gibt die Beständeübersicht einen Überblick darüber, woher das Archiv seine Archivalien hat; diese Herkunft erlaubt erste Schlüsse, welche Formen und Inhalte zu erwarten sind. Jedes gut geführte und ausgestattete Archiv präsentiert den Überblick über seine Bestände mittlerweile im Internet. 

Beispiele für "Bestände", jeweils noch zeitlich eingegrenzt, sind: "Kultusministerium", "Bezirksamt Wolfach", "Reichsstädtischer Rat", "Werft Bremer Vulkan", "SA-Gruppe Kurpfalz", "Nachlass Rudolf Ditzen" oder auch "Technische Pläne III: Patentschriften". 


Abb. 5


Abb. 6

 

4.2.2 Findbuch

Das Findbuch beschreibt einen Bestand. Grundeinheit im Findbuch ist die - entsprechend einer Klassifikation - platzierte einzelne Akte (analog auch der Band, die Karte, die Konstruktionszeichnung, das Foto, ggf. gruppenweise, z.B. als Fotoalbum oder thematische Gruppe "5 Luftaufnahmen des Neubaugebiets Flurgewann 1970-79"). 


Abb. 7

Die einzelne Akte wird im Findbuch mit folgenden Merkmalen beschrieben: 

a) Titel, das ist der kurze und alles umfassende Betreff à la "Finanzierung des Rathausneubaus" oder "Maßnahmen zur Verhütung erbkranken Nachwuchses", bei Personalakten einfach "Katharina Blum". 

b) Enthält- und Darin-Vermerke beschreiben, soweit nötig, den Inhalt näher, nennen vorkommende (wesentliche) Personen und Orte, weisen auf Besonderheiten hin. 

c) Die Laufzeit gibt an, von wann bis wann die Akte gebildet, also mit Inhalt gefüllt wurde. Unerheblich ist hier, auf welchen Zeitraum sie sich bezieht. Eine Akte "Planungen zum Rhein-Main-Donau-Kanal" mag zwar Wissenswertes über die Fossa Carolina enthalten, ihre Laufzeit beginnt deshalb nicht mit Karl dem Großen (derlei Angaben gehören ggf. in den Titel oder den Enthält-Vermerk). 

d) Die Einheit oder Größenordnung lautet z.B. "1 Faszikel", "1 Band", "3 cm" [dick], "8 Blatt" oder ähnlich. 

e) Die eindeutige Bestellnummer der Akte sollte man nicht verwechseln mit der ebenfalls häufig vergebenen Ordnungsnummer des Stücks im Findbuch. Diese Bestellnummer gehört auch in die korrekte Zitation nach dem Schema Archiv / Bestandskürzel / Bestellnummer (ggf. weiter Blatt oder Seite oder Datierung). Beispiel: "Wirtschaftsarchiv Baden-Württemberg (oder abgekürzt "WABW") / B 1009 / Bü 181". 


Abb. 8

4.2.3 Inventar

Ein Inventar gleicht dem Findbuch, ist aber eher zum Druck oder für das Internet, jedenfalls für eine breite Öffentlichkeit bestimmt. Gesamtinventare beschreiben die Bestände eines Archivs ausführlich, einschließlich Behördengeschichte und Angaben zu andernorts liegenden einschlägigen Quellen. Sachthematische Inventare filtern quer durch mehrere Bestände eines Archivs oder auch durch mehrere Archive alle Akten und anderen Grundeinheiten zum Thema heraus, z.B. den Aspekt "Technikgeschichte". 

 

4.2.4 Online-Findmittel


Abb. 9

Ins Internet sind bislang vor allem Beständeübersichten und Inventare gelangt. Das Einstellen detaillierterer Findbücher ins Netz wird immer noch in Fachkreisen diskutiert, und zwar vor allem unter der Frage, ob man so unter Umständen zu delikate Informationen unkontrolliert preisgibt. Viele Findbücher belegen in Teilen Archivgut, das noch einer Sperrfrist unterliegt; und selbst wenn Sperrfristen abgelaufen sind, möchte ich als Archivar wenigstens mitbekommen, wer da ein berechtigtes Interesse hat, die Tatsache "Gerichtsverfahren gegen Manni Mustermann wegen Konkursbetrugs 1972" zu erfahren. Dennoch stellen inzwischen zahlreiche - vor allem größere - Archive wie das Bundesarchiv und die Landesarchive von Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg eine wachsende Zahl von elektronischen Repertorien ins Netz.

 

 

Empfohlene Zitierweise

Burkhardt, Martin: 4. Von der Frage zur Quelle. Der Weg der Recherche. Aus: Gebrauchsanleitung für Archive, in: historicum.net, URL: http://www.historicum.net/no_cache/persistent/artikel/3104/

Bitte setzen Sie beim Zitieren dieses Beitrags hinter der URL-Angabe in runden Klammern das Datum Ihres letzten Besuchs dieser Online-Adresse.



Erstellt: 28.03.2006

Zuletzt geändert: 28.01.2008