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Einführung: Arbeiten mit Quellen
Definition
„Quellen nennen wir alle Texte, Gegenstände und Tatsachen, aus denen Erkenntnis der Vergangenheit gewonnen werden kann.“ (Paul Kirn)
„Als historische Quellen bezeichnen wir im weitesten Sinn alle Zeugnisse (Überlieferungen), die über geschichtliche (= vergangene) Abläufe, Zustände, Denk- und Verhaltensweisen informieren, d.h. letztlich über alles, was sich in der Vergangenheit ereignet hat, diese kennzeichnet, von Menschen gedacht, geschrieben oder geformt wurde.“ (Hans-Werner Goetz)
Quelle kann also sehr vieles sein. Ob für den Historiker / die Historikerin etwas zur Quelle wird, hängt allein von der Fragestellung ab, davon, ob ein Text, Gegenstand oder Sachverhalt Antworten auf bestimmte Fragen geben kann.
Quellentypen
Aus dem 19. Jahrhundert (Johann Gustav Droysen / Ernst Bernheim) stammt die Unterteilung in "Überreste" und "Tradition".
1. Tradition
Tradition bezeichnet die "willkürliche" (absichtsvolle) Überlieferung, die zum Zweck der Unterrichtung der Nachwelt geschaffen wurde. In diese Gruppe gehören
schriftliche Quellen, z.B.
Memoiren
Chroniken
Reiseberichte
Geschichtsschreibung
gegenständliche Quellen, z.B.
Denkmäler
Residenzen
Oral History (Zeitzeugenbefragung)
2. Überreste
Unter Überreste versteht man "unwillkürliche" (ohne gezielte Überlieferungsabsicht entstandene) Zeugnisse der Vergangenheit.
Schriftquellen, z.B.
Geschäfts- und Verwaltungsschriftgut (Urkunden / Akten)
Rechtsquellen: staatliche Verträge, Parlamentsdebatten, Gesetzessammlungen
Privates Schriftgut: Briefe, Tagebücher, Geschäftsbücher
Statistische Erhebungen: ökonomische / demografische Daten
Publizistik: Pamphlete, Flugblätter, Zeitungen, Zeitschriften, Filme, Tonaufnahmen
Literatur aus Kunst, Wissenschaft und Unterhaltung: Romane, wissenschaftliche Darstellungen, Dichtung
Bildquellen, z.B.
Gemälde
Druckgrafik
Karikaturen
Fotografien
Karten
Gegenständliche bzw. abstrakte Quellen, z.B.
Gebäude
Waffen
Haushaltsgegenstände
Münzen
Grabstätten
Sprache
Recht
Geografie
Diese gebräuchliche Unterscheidung in "Tradition" und "Überreste" ist nicht unproblematisch, suggerieren doch die Überreste höheres Maß an Objektivität und Verlässlichkeit als die Traditions-Quellen, denen man von vorne herein einen größeren Interpretationsgehalt unterstellen mag.
Der Frühneuzeit-Historiker Winfried Schulze mahnt zu einer gleichermaßen kritischen Untersuchung:
"Ich halte die Unterscheidung für ebensowenig sinnvoll wie die Unterscheidung willkürlicher und unwillkürlicher Überlieferung. Sie kann sogar gefährlich sein, weil solche Einteilungen möglicherweise die weitere Nutzung präjudizieren können. Vielmehr muß gelten, daß alle Quellen den gleichen kritischen Verfahren unterzogen werden müssen, um sie zum Sprechen zu bringen. Die innere und äußere Kritik muß unbeeinflußt von a priori-Kategorisierungen angewendet werden."
(Winfried Schulze: Einführung in die Neuere Geschichte, 2. Aufl. Stuttgart 1991, 33)
Quellenkritik und -interpretation
Die Quellenkritik analysiert die formalen (äußeren und stilistischen) und inhaltlichen Merkmale einer Quelle, die Quelleninterpretation ordnet sie dann in einem nächsten Schritt in den historischen Kontext ein und wertet sie im Sinne der Fragestellung aus.
Folgendes Vorgehensschema ist auf mittelalterliche Quellen zugeschnitten, lässt sich aber ebenso auf die Zeugnisse anderer Epochen übertragen.
1. Fragestellung
Welche Fragen habe ich an die Quelle?
2. Erschließung der Quelle (Verstehen)
Quellenbeschreibung / Aufbereitung der Quelle
Art der Quelle (Bild, Gebäude, Text usw.)
Aufbewahrungsort und ursprüngliche Herkunft (Provenienz)
Charakterisierung von Beschreibstoff, Schrift, Zahl der Blätter, Gestaltung des Textes, Zerstörungen usw.
Textsicherung
„Lesen“: Entzifferung der (Hand-)Schrift
ggf. Übersetzung
Aussage
Was ist die Grundaussage / das Thema der Quelle? (Inhaltsangabe)
Verständnis: Sprachliche / Sachliche Aufschlüsselung
Klärung unbekannter Namen, Begriffe und Sachverhalte
Klärung von Personennamen / Institutionen / Orten / Daten
Bedeutungswandel wichtiger Begriffe?
spezifische Fachbegriffe
Auf welchen historischen Kontext bezieht sich die Quelle? (sozialer, politischer, kultureller Hintergrund)
=> Zur Klärung dieser Fragen dienen die Quellenkommentare (bei edierten Quellen), Handbücher und Lexika
Entsprechende Hilfswissenschaften:
Diplomatik (Urkundenlehre)
Paläographie (Schriftkunde)
Chronologie
Sphragistik (Siegelkunde)
Quellenkritik (Bestimmung des Aussagewerts)
Äußere (formale) Quellenkritik: Ist die Textgestalt glaubwürdig?
Herkunft:
Datierung des Textes?
Entstehungsort?
Wer ist der Verfasser?
Institution (Kanzlei, Behörde usw.)
Adressat? (An wen richtet sich der Text?)
Echtheit:
Ist der genannte Autor der Verfasser?
Überlieferungsgeschichte des Textes?
Echtheit / Fälschung?
Varianten / Parallelüberlieferungen?
Änderungen, Überlieferungslücken?
Innere Quellenkritik: Feststellung des Aussagewerts der Quelle (Ist die Quellenaussage glaubwürdig?)
„Horizont“ des Verfassers: Was konnte der Verfasser wissen?
Person des Verfassers?
Zeitliche und örtliche Nähe zum Geschehen?
Beruhen die Informationen auf eigenen Beobachtungen des Verfassers? Auf wen / welche Quellen stützt er sich?
Welcher sozialen, kulturellen oder politischen Gruppe ist er zuzuordnen?
Welche Wertmaßstäbe legt er an?
Bildungsstand?
„Tendenz“: Was will der Verfasser berichten? (Intention)
Standpunkt des Schreibenden (Idealisierung, Verzerrung der Sachverhalte, Belehrung, Auslassung usw.)?
Verhältnis zum geschilderten Geschehen? (Ist der Verfasser in das Geschehen involviert? Wie steht er zu den genannten Personen?)
Interessen des Verfassers? (z.B. eigene Rechtfertigung)
Wie wird argumentiert? Gibt es Anspielungen?
Verhältnis zum Adressaten?
Gibt es einen Auftraggeber? Was sind dessen Interessen?
Worin werden Zeit- und Standortgebundenheit des Verfassers deutlich?
Textgattung und –stil: Wie berichtet der Verfasser?
Um welche Quellengattung handelt es sich? (Urkunde, Autobiografie usw.)?
Welche formalen Vorgaben / Rahmen sind dem Verfasser damit gesetzt? Wo weicht er evtl. davon ab?
Stilebene, Sprachduktus, Wortwahl, Topoi?
Schlüsselworte des Textes?
Aufbau / Gliederung?
4. Interpretation
Die Interpretation lässt sich nicht scharf von der „Inneren Kritik“ abgrenzen.
Aus der Quelle gewonnene Informationen werden nun auf die Fragestellung bezogen und in die gegebenen Zusammenhänge eingeordnet. Die Einzelinformationen werden zu einem Ganzen zusammengesetzt. Dabei sollte auch geprüft werden, wie sich die gewonnen Erkenntnisse aus der Quelle zum Kenntnisstand bzw. Forschungsstand bezüglich des behandelten Themas verhalten.
Zur besseren Einordnung der Quelle sollten weitere zeitnahe Quellen zum gleichen Thema herangezogen werden.
5. Darstellung der Ergebnisse
Die schriftliche Darstellung der Ergebnisse der Quellenanalyse enthält:
Fragestellung, die an die Quelle gerichtet wird
Grundaussage / Inhalt
Einordnung in den historischen Kontext
Erläuterung der Analyseergebnisse, die im Rahmen der Fragestellung relevant sind
Interpretation
Zusammenfassung der Ergebnisse
Recherche: Wie finde ich Quellen zu einem bestimmten Thema?
1. Gedruckte Quellen:
Quellenverzeichnisse von Handbüchern und Monografien
Quellenkunden (Überblick über die edierten Quellen eines bestimmten Raums, einer bestimmten Epoche bzw. eines bestimmten Sachgebiets)
Fachbibliografien / Studienbibliografien (Baumgart)
2. Ungedruckte Quellen
Quellenverzeichnisse in der Forschungsliteratur
Archivinventare und Findbücher (z.T. auch im Internet)
digitalisierte Quellen im Internet (vgl. dazu http://www.historicum.net/recherche/digitalisierte-quellen/textressourcen/)
3. Quelleneditionen
Historisch-kritische Quelleneditionen sind gedruckte (oder im Internet publizierte) Bearbeitungen von Quellen nach bestimmten methodischen Regeln.
Merkmale einer kritischen Edition:
Dokumentation der Entstehungs- und Überlieferungsgeschichte des Textes
Ausweis der Editionsprinzipien (Auswahl, Kommentierung, Schreibweise)
genaue Wiedergabe der Textgestalt (Kennzeichnung von Textlücken, unleserlichen Stellen, Einschüben, Parallelüberlieferungen usw.)
Akten: genaue Provenienzbezeichnung: Archiv, Aktenzeichen, Signatur, Datierung usw.
Anmerkungsapparat und evtl. Kopfregest
Literaturverzeichnis
Literatur
Goetz, Hans-Werner: Proseminar Geschichte: Mittelalter, Stuttgart 1993.
Grau, Bernhard: Die Quellen der Neuesten Geschichte, in: Wirsching, Andreas (Hg.): Neueste Zeit. Oldenburg Lehrbuch Geschichte, München 2006, 363-378.
Metzler, Gabriele: Einführung in das Studium der Zeitgeschichte, Paderborn u.a. 2004, 48-62.
Pandel, Hans-Jürgen: Quelleninterpretation. Die schriftliche Quelle im Geschichtsunterricht, Schwalbach/Ts. 2000.
Quellen, in: Eine netzbasierte Einführung in das Studium der Neueren und Neuesten Geschichte, Universität zu Konstanz, Lehrstuhl Prof. Dr. Rudolf Schlögl
http://www.uni-konstanz.de/FuF/Philo/Geschichte/Tutorium/Themenkomplexe/
Renz, Rudolf: Prinzipien wissenschaftlicher Quellenanalyse und ihre Verwertbarkeit im Geschichtsunterricht, in: GWU 22 (1971), 536-551.
Theuerkauf, Gerhard: Einführung in die Interpretation historischer Quellen. Schwerpunkt Mittelalter, 2. Aufl., Paderborn u.a. 1997.
Sabine Büttner
Erstellt: 24.01.2007
Zuletzt geändert: 12.02.2007


