Reformation sozialgeschichtlich

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Thema 5: Reformation sozialgeschichtlich 

 

Zum Thema 

Die Frage nach den gesellschaftlichen Voraussetzungen und Wirkungen des reformatorischen Geschehens zählt zu den Themenbereichen, denen die geschichtswissenschaftliche Forschung seit den 1960er Jahren ihre besondere Aufmerksamkeit hat angedeihen lassen. Das Augenmerk galt dabei, in der deutschen wie angloamerikanischen Forschung zur deutschen Reformationsgeschichte, vorrangig dem Thema von „Stadt und Reformation“. Während zur englischen wie skandinavischen Reformation sozialgeschichtliche Fallstudien zum Themenfeld „Stadt und Reformation“ immer noch Mangelware sind, existieren zur deutschen Reformationsgeschichte zahlreiche Einzelstudien. Ihnen ist allerdings gemeinsam, daß sie sich vorrangig den „Großstädten“ (10.000 Einwohner und mehr) zugewandt haben und damit einer Erscheinungsform von „Stadt“ wie sie für die Frühe Neuzeit untypisch ist. Erst in jüngster Zeit geraten auch vereinzelt kleinere Städte in den Fokus der geschichtswissenschaftlichen Betrachtung. 

Robert W. Scribner (1) hat zu Recht mehrfach darauf hingewiesen, daß die ausschließliche Betrachtung der Reformation als eines Phänomens der Stadtgeschichte das Geschehen unzulässig verkürzt. Denn selbst in dem, im Vergleich mit England und Skandinavien durch eine relativ hohe Städtedichte gekennzeichneten Ursprungsland der Reformation lebten in der zur Betrachtung stehenden Zeit nur etwa 10% der Menschen in Städten.

Was also trotz nahezu 40jähriger Forschungsbemühungen bis heute – von wenigen Ausnahmen abgesehen - immer noch fehlt, sind Untersuchungen zu den sozialen Gruppen, die für die Durchsetzung wie für die Ausbreitung der Reformation ausschlaggebend waren – zum Adel und zur ländlichen Gesellschaft. Der Erforschung der Reformation auf dem Lande stehen jedoch auf Grund der Quellenlage erhebliche Schwierigkeiten entgegen. 

Inhalte 

Die soziale Implementierung der Reformation war ein Prozeß, in den die bevorrechteten Gruppen in den europäischen Städten und Ländern einbezogen waren. Die Haltungen sowohl der städtischen Gemeinden, die sich aus der Minderheit der (männlichen) besitzenden Schicht der Stadtbewohner rekrutierten, als auch der Stände (2) gegenüber den reformatorischen Lehren waren ausschlaggebend für den Gang der Reformationsgeschichte in Europa (Gesellschaftliche Partizipation).

Soziale Erhebungen begleiteten in den skandinavischen Königreichen, vor allem aber im Reich die Auseinandersetzung um den neuen Glauben (Partizipationsforderungen). England und die Schweizer Eidgenossenschaft kannten in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts keine vergleichbaren Bewegungen.

Besonders das Münsteraner Täuferreich erregte über die Grenzen des Reiches hinaus Aufmerksamkeit.

Doch die reformatorischen Lehren beeinflußten auch das alltägliche Miteinander von Männern und Frauen. Ist in der Forschung noch umstritten, ob die Reformation für die gesellschaftliche Stellung der Frau als Gewinn- oder Verlustgeschichte zu schreiben ist, so wird hinsichtlich des erzieherischen Impetus‘, den die Reformatoren gegenüber der Jugend entfalteten, allenfalls kontrovers diskutiert, wie groß jenseits von programmatischen Äußerungen deren faktische Reichweite war (Mann und Frau, Eltern und Kinder). In beiden Bereichen, dem geschlechter- wie bildungsgeschichtlichen, krankt die Forschungsdiskussion daran, daß Arbeiten fehlen, die einen Vergleich mit den Verhältnissen in den altgläubig gebliebenen Ländern erlauben würden.

 

(1) R(obert) W. Scribner, The German Reformation, o. O1986; ders., Paradigms of Urban Reform: Gemeindereformation or Erastian Reformation?, in: Leif Grane / Kai Hørby (Hgg.), Die dänische Reformation vor ihrem internationalen Hintergrund. [...], Göttingen 1990, 111-128. 

(2) Die soziale Zusammensetzung der in einem Gemeinwesen mitspracheberechtigten Gruppen differierte von Land zu Land. In der Regel fanden sich in den frühneuzeitlichen Ständeversammlungen Vertreter des Adels, der Geistlichkeit und der Städte, vereinzelt auch Bauern. 

 

Empfohlene Zitierweise

Thema 5: Reformation sozialgeschichtlich. Aus: Reformation, in: historicum.net, URL: http://www.historicum.net/no_cache/persistent/artikel/3666/

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Erstellt: 10.05.2006

Zuletzt geändert: 10.05.2006