Reformation kommunikationsgeschichtlich

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Thema 6: Reformation – kommunikationsgeschichtlich 

 

Zum Thema 

Die Reformationsgeschichtsschreibung wandte sich schon zu Beginn der 1980er Jahre einem Forschungsfeld zu, das als „Reformation in kommunikationsgeschichtlicher Perspektive“ beschrieben werden kann. Sie spielt damit eine Vorreiterrolle im Prozeß der methodischen Neuorientierung der Geschichtswissenschaft, wie er seit etwa zehn Jahren zu beobachten ist. „Kommunikation“ firmiert in einer Geschichtswissenschaft, die ihr Augenmerk auf die wechselseitige Verflochtenheit von übergreifenden Entwicklungen und deren sinnhafter Aneignung durch die Menschen richtet, inzwischen als ein Schlüsselbegriff. 

Besonders hervorzuheben gilt es, daß es gerade der Reformationsgeschichtsschreibung schon früh darum zu tun war, den Kommunikationsbegriff nicht einseitig auf sprachliche Äußerungen zu verengen, sondern ihn in einem weiten Sinn fruchtbar zu machen, der es erlaubt, auch symbolisch vermittelte Interaktion als Kommunikation zu fassen. Der Schwerpunkt der kommunikationsgeschichtlichen Erforschung der Reformationszeit aber lag lange Zeit darauf, die Bedeutung der seit der Mitte des 15. Jahrhunderts entstandenen neuen Medien, der den sog. sekundären Medien (1) zuzuordnenden Druckmedien, für den Gang der Reformationsgeschichte zu untersuchen. Auch wenn die Rezeption von gedrucktem Wort und Bild in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts grundsätzlich anderen Bedingungen unterlag als in unserer eigenen Gegenwart, so ist doch unbezweifelbar, daß die Druckmedien den gesellschaftlichen Kommunikationsraum in einer Art und Weise veränderten, die auch für die „primären“ oder Menschenmedien weitreichende Folgen zeitigte.

Inhalte 

Am Umgang mit dem Bild als Bestandteil der tradierten, spätmittelalterlichen Frömmigkeit  entzündete sich nicht nur sehr früh ein theologischer Disput innerhalb des reformatorischen Lagers, sondern Bilderstürme sind, wenn auch nicht immer in der durch den Begriff signalisierten Radikalität, Formen, in welchen die Laien ihrer Hinwendung zu den theologischen Lehren der Reformatoren Ausdruck verliehen.

Gegen eine allzu einseitig auf die neuen Druckmedien verengte Sicht der medialen Kommunikation über die Reformation wurde und wird der fortdauernde zentrale Stellenwert der mündlichen-kleinräumigen Kommunikation als Multiplikator reformatorischen Ideengutes, aber auch als Ausdruck der unter reformatorischem Vorzeichen stattfindenden Umgestaltung des kirchlichen Ritus herausgearbeitet - Predigt und Gesang.

Doch die Positionierung der alten Menschenmedien im Kommunikationsgefüge veränderte sich durch die Medienrevolution um 1500. Die neuen Druckmedien erlaubten es nicht nur, räumliche und zeitliche Distanz zu überwinden und Wissen dauerhaft zu speichern, sondern sie ließen auch neue Formen von Öffentlichkeit entstehen. Die auf die reformatorische Öffentlichkeit (1) zielende Druckproduktion entwickelte nicht nur neue, auf Massenwirksamkeit zielende Formen, sondern ihr gelang es bereits in den 1520er Jahren eine „neue“ protestantische Bild- und Sprachtradition zu etablieren, deren Wirksamkeit weit über ihren aktuellen, tagespolitischen Entstehungshintergrund hinauswies - Druckmedien.

 

(1) Zum Medienbegriff und den Systematisierungen der Medienwissenschaften vgl. den konzisen Überblick bei Hans-Dieter Kübler, Mediale Kommunikation, Tübingen 2000. 

Für die Mediengeschichte der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts sind zwei verschiedene Formen von Medien ausschlaggebend: 1. die primären Medien, auch Menschenmedien genannt - vom predigenden Theologen bis zum Bänkelsänger; 2. die sekundären Medien, bei denen es für die Produktion des Mediums technischer Geräte bedarf – von Pinsel und Feder bis zur Druckerpresse -, nicht aber für deren Rezeption (betrachten, lesen). Innerhalb der sekundären Medien sind die skriptographisch-handschriftlichen von den typographischen zu unterscheiden, die durch den Einsatz der Drucktechnologie gekennzeichnet sind. 

(2) Der Begriff wurde von Rainer Wohlfeil geprägt; vgl. Rainer Wohlfeil, Reformatorische Öffentlichkeit, Literatur und Laienbildung im Spätmittelalter und in der Reformationszeit, in: Ludger Grenzmann / Karl Stackmann (Hgg.), Literatur und Laienbildung im Spätmittelalter und in der Reformation, Stuttgart 1984, 41-54. 

Wohlfeil versteht darunter qualitative wie quantitative Veränderung öffentlichen Kommunizierens gegenüber früheren wie späteren Formen öffentlicher Kommunikation: qualitativ hinsichtlich des „gemeinen Mannes“ als Adressatenkreises, des gezielten Einsatzes „neuer“ Medien als Mittel und des Bestrebens von Meinungsbeeinflussung als Zweck; quantitativ hinsichtlich der exorbitant großen Zahl von Drucken. 

 

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Thema 6: Reformation – kommunikationsgeschichtlich. Aus: Reformation, in: historicum.net, URL: http://www.historicum.net/no_cache/persistent/artikel/3667/

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Erstellt: 10.05.2006

Zuletzt geändert: 08.06.2006