Forschungsprojekte

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Forschungsprojekte 

(Stand Februar 2006) 

Übersicht

Grundlagenprojekte 

Germania Judaica IV - Historisch-topographisches Handbuch zur Geschichte der Juden im Alten Reich (1520-1650)
(Stefan Rohrbacher, Düsseldorf; Michael Toch und Israel Yuval, Jerusalem)

 

Juden in Mitteleuropa 1520-1670: Austria Judaica; Bohemia, Moravia et Silesia Judaica; Hungaria et Slovakia Judaica
(Sabine Hödl, St. Pölten)

Forschungsprojekte 

Rechtspraxis. Ein neuer Zugang zur Geschichte der Juden im Alten Reich?
(Andreas Gotzmann, Stefan Ehrenpreis und Stephan Wendehorst, Erfurt/Leipzig)

 

Jüdische Geschichtsdeutungen in Chroniken und der historisch-liturgischen Literatur aus der Zeit der Verfolgungen unter Bohdan Khmelnitzkij (1648/49)
(Frauke von Rohden, Tübingen)

 

Pragmatik oder Programm: Akkulturationsprozesse in der jüdischen Oberschicht im 18. Jahrhundert
(Rotraud Ries, Düsseldorf)

 

Body Images of Jews in Early Modern Germanic Lands
(Maria Diemling, Dublin)

 

A Repertory of Yiddish Manuscripts from the Northern Netherlands
(Evi Butzer, Düsseldorf)

 

Jüdische Geschichte in internen Quellen: Niederländisch-aschkenasische Gemeindeprotokollbücher des 18. Jahrhunderts als Spiegel der institutionellen Gemeindegeschichten
(Stefan Litt, Düsseldorf)

 

Dissertationen und Habilitationen 

Die Juden unter den Herren von Pappenheim in der Frühen Neuzeit
(Nathanja Hüttenmeister, Duisburg)

 

Supplizieren als Mittel von Kommunikation und Partizipation jüdischer Untertanen in Preußen (1648 - 1812)
(Doreen Levermann, Berlin)

 

Fremde in der Reichsstadt Offenburg im 17. und 18. Jahrhundert
(Irmgard Schwanke, Freiburg)

 

Die Integration von Zuwanderern und Minderheiten in Breisach (1660-1760)
(Eva Wiebel, Konstanz)

 

Bildungsweg und Bildungskonzeption David Friedländers. Zur Formation einer jüdisch-bürgerlichen Kultur
(Uta Lohmann, Hamburg)

 

Kez ha-yamim - Das Ende der Tage. Jüdische Endzeiterwartungen im frühneuzeitlichen Aschkenas
(Rebekka Voss, Düsseldorf)

 

Holzsynagogen mit Wandmalereien als Zeugnisse jüdischen Lebens in Osteuropa und in Deutschland 1648 - 1788
(Ariane Handrock, Potsdam)

 

Das Toponym Judenweg - Schlüssel zu sozio-kulturellen Aspekten des ländlichen Judentums. Volkskundlich-historische Studie anhand einer unterfränkischen Region mit einem Gesamtverzeichnis aller bislang eruierbaren Toponyme mit dem Bestimmungswort Jude (Schwerpunkt Bayern)
(Barbara Rösch, Potsdam)

 

Das eheliche Güterrecht im Judentum des deutschen Sprachraums der Frühneuzeit: Entwicklung seit der Antike und Auswirkungen auf das Verhältnis der Geschlechter und zur christlichen Gesellschaft
(Birgit E. Klein, Duisburg)

 

Einzelforschungen 

Ashkenazic Origins and the Origins of Yiddish: a study based on linguistic and settlement-history evidence
(Steven Lowenstein, Los Angeles)

 

Die Geschäftskorrespondenz des Jobst Goldschmidt
(Rüdiger Kröger, Herrenhut)

 

Die rechtliche Lage der Juden im 17. und 18. Jahrhundert im Spiegel zeitgenössischer juristischer Schriften
(Stephan Wendehors, Leipzig)

 

Die jüdischen Kaiserhuldigungen des 18. Jahrhunderts
(Stephan Wendehorst, Leipzig)

 

Moses Mendelssohn und seine Ärzte
(Robert Jütte, Stuttgart)

  

  

Forschungsprojekte - Beschreibungen

Evi Butzer:

A Repertory of Yiddish Manuscripts from the Northern Netherlands

Die zentrale Bedeutung der Niederlande für den Handel und das Gewerbe im 17. und 18. Jahrhundert führte viele aschkenasische Juden aus allen Teilen Europas nach Amsterdam. Dort fand nicht nur ein Austausch von Waren, sondern auch ein Transfer von Wissen statt, der sich in der Regel auf Jiddisch abspielte. Die jiddischsprachige, aschkenasische Kultur der Niederlande und ihre literarische Blüte blieb allerdings innerhalb der Erforschung jiddischer Kultur, Sprache und Literatur bisher weitestgehend unbeachtet. 


Abb. 1: Brief

Etwa 140 jiddische Handschriften aus den Niederlanden haben sich bis heute
erhalten. Ein großer Teil von ihnen befindet sich in der Bibliotheca Rosenthaliana, Amsterdam: http://www.uba.uva.nl/special_collections/overview.cfm/A491CD50-84C8-4819-BF6C85F04D3D7B2E

 

Im Rahmen des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanzierten Post-Doc-Projektes werden die Handschriften kodikologisch, paläographisch und inhaltlich erschlossen. Sie werden in einer nach Textsorten gegliederten Monographie vorgestellt und besprochen. Die Herstellung jüdischer Manuskripte war zu keiner Zeit in einen feststehenden Produktionsprozess eingebunden, wie man es aus den christlichen Scriptoria kennt. Auch der Übergang vom Zeitalter der Handschriften zum Zeitalter des Buchdruckes gestaltete sich auf andere Weise. Das 'Repertory' wird dieser Tatsache insofern gerecht als es mit einem neu erarbeiteten Konzept einer nachmittelalterlichen Handschriftenbeschreibung arbeitet. Das Verhältnis von Text und Handschriftlichkeit wird in Auseinandersetzung mit der jiddischen Druckgeschichte reflektiert und in die Darstellung einbezogen. Die meisten der noch vorhandenen Handschriften stammen aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Aus dem 17. Jahrhundert, der frühen Zeit der aschkenasischen Einwanderung in die Nördlichen Niederlande, haben sich nur wenige Handschriften erhalten. 

Das Projekt ist an der Abteilung für Jiddische Kultur, Sprache und Literatur am Institut für Jüdische Studien der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf angesiedelt und wird in Zusammenarbeit mit dem Judah Palache Instituut, Universiteit van Amsterdam durchgeführt. Es steht im Rahmen des Gesamtprogramms 'Jiddisch in den Niederlanden', das mehrere Teilprojekte beinhaltet. Die Dauer dieses Projektes ist von Juni 2001 bis Mai 2004 vorgesehen. 

Ein Inventar, das neben den Handschriften auch Archivmaterial und jiddische Drucke umfasst, wurde durch Mirjam Gutschow und Riety van Luit erstellt und wird in Kürze erscheinen (Inventory of Yiddish in the Netherlands, Dordrecht: Kluwer, 2003). 

Dr. Evi Butzer 

DFG-Projekt: A Repertory of Yiddish Manuscripts from the Northern Netherlands 

Abt. für Jiddische Kultur, Sprache und Literatur, Institut für Jüdische Studien 

Heinrich-Heine-Universität 

Universitätsstr. 1 

40225 Düsseldorf 

Raum: 23.02.02.27 

Tel.: 0211-8111976 

Fax.: 0211-8112027 

Evi.Butzer(at)phil-fak.uni-duesseldorf.de

http://www.phil-fak.uni-duesseldorf.de/ijs/butzer.html

  

Maria Diemling:

Body Images of Jews in Early Modern Germanic Lands

The research project is concerned with body images of Jews in the Early Modern Period in the Germanic Lands and the influence of such images on Jewish-Christian relations. One of the aims of the project is to show how images of the body are used in the balance of power between Christians and Jews, how they shape perceptions of power and powerlessness of each religious group, and also how they might strengthen group identity. 

Dr. Maria Diemling 

Sidney Gruson Fellow 

School of Hebrew, Biblical and Theological Studies 

Arts and Social Sciences Building 

Trinity College Dublin 

Dublin 2 

Republic of Ireland 

maria.diemling(at)tcd.ie

  

Andreas Gotzmann, Stefan Ehrenpreis und Stephan Wendehorst:

Rechtspraxis. Ein neuer Zugang zur Geschichte der Juden im Alten Reich?

Mit dem Kooperationsprojekt "Rechtspraxis. Ein neuer Zugang zur Geschichte der Juden im Alten Reich?" des Simon-Dubnow-Instituts für jüdische Geschichte und Kultur, des Max-Planck-Institituts für europäische Rechtsgeschichte in Frankfurt am Main und der Professur für Religionswissenschaften/Judaistik der Universität Erfurt verbinden sich zwei Ziele. Zum einen geht es um einen Paradigmenwechsel von den Rechtsnormen zur Rechtspraxis bei der Erforschung der Rechtsgeschichte und der Lebenswelten der Juden im Alten Reich, zum anderen um das Aufbrechen überkommener historiographischer Traditionen auf der Grundlage der Rechtspraxis. Primäres Ziel des Kooperationsprojektes ist es, die Juden betreffende Rechtsprechung durch nicht-jüdische sowie durch jüdische Gerichte systematisch zu untersuchen und dadurch einen neuen Zugang zur rechtlichen Lage der Juden in der Frühen Neuzeit zu eröffnen. Schwerpunkte der Untersuchung sind die Rechtsprechung und die übrigen jüdischen Betreffe des Reichshofrats (insbesondere für den Zeitraum von 1648 bis 1806), die Rechtsprechung des Reichskammergerichts (für ausgewählte Herrschaften), die Spruchtätigkeit der Leipziger Juristenfakultät und des Leipziger Schöppenstuhls und der Rabbinatsgerichte Altona-Hamburg-Wandsbeck und Heidingsfeld.

Unmittelbar verbunden mit dem Paradigmenwechsel von den Rechtsnormen zur Rechtspraxis bei der Analyse der Geschichte der Juden in der Frühen Neuzeit ist das Aufbrechen historiographischer Traditionen, für deren Fortbestand die Beibehaltung eines normativen Blickwinkels unabdingbar war. Im Verhältnis von Juden und Nicht-Juden lässt sich mit Hilfe der Untersuchung der Rechtspraxis die Vorstellung einer wie auch immer definierten, prästabilisierten jüdischen Kultur, die Voraussetzung jeder nationalgeschichtlichen Zugangsweise ist, und damit die Dichotomie zwischen Innen und Außen in dynamische, interaktive Handlungsprozesse auflösen. Bei der Beurteilung des Gewichts imperialer und territorialer Rahmenfaktoren für die Rechts- und Lebensverhältnisse der Juden im frühneuzeitlichen Alten Reich sind Kaiser und Reich durch eine Kombination der borussischen Historiographie, der österreichischen "Reichsgeschichte" und deren Fortsetzungen im 20. Jahrhundert sowie der jüdischen Historiographie verdrängt worden. Aufgrund des direkten und indirekten Einflusses dieser drei historiographischen Traditionen wurden die quasi-souveränen Territorialstaaten und komplementär dazu die Landjudenschaften als ausschlaggebend für die Gestaltung der Lebenswelten der Juden im Alten Reich angesehen. Für die Rekonstruktion des imperialen Raumes als jüdischem Raum kommt der Rechtspraxis, insbesondere der Nutzung der beiden obersten Reichsgerichte, des Reichskammergerichts in Wetzlar und des Reichshofrats in Wien, besondere Bedeutung zu. 

Mitarbeiterin: Magdalena Drexl 

Aktuelle Informationen zum Fortgang des Projekts finden Sie auf den folgenden Websites: http://www.dubnow.de und http://www.mpier.uni-frankfurt.de

  

Ariane Handrock:

Holzsynagogen mit Wandmalereien als Zeugnisse jüdischen Lebens in Osteuropa und in Deutschland 1648 - 1788

Das interdisziplinäre, von Prof. Grözinger und Prof. Malinowski betreute Dissertationsprojekt wurde im April 2001 unter dem Titel "Das Gesamtkunstwerk der Holzsynagoge als kommunikativer Ort - Zeugnis jüdischen Lebens in Osteuropa und in Deutschland in der Neuzeit" im Rahmen des Graduiertenkollegs "Makom: Ort und Orte im europäischen Judentum" an der Universität Potsdam begonnen. Aus pragmatischen Gründen wurde der Arbeitstitel inzwischen jedoch zu "Holzsynagogen mit Wandmalereien als Zeugnisse jüdischen Lebens in Osteuropa und in Deutschland 1648 - 1788" verändert. Denn im Zentrum der Untersuchung stehen nun die Holzsynagogen von Chodorów in der Region von Rotruthenien (poln. Rus Czerwona), von Mohilev am Dnepr in der Region von Weißruthenien (poln. Bialorus, weißruss. Belarus, russ. Belorussija), die sich beide im Gebiet von Polen-Litauen befanden, sowie die Holzsynagoge von Unterlimpurg auf dem Territorium der Freien Reichsstadt Hall in Deutschland. 


Abb. 2: Holzsynagoge

Bei allen drei Synagogen handelt es sich um Barocksynagogen, die zwischen 1651 und 1739 mit monumentalen Wandmalereien verziert wurden. Obwohl die Gestaltung der Fresken der beiden osteuropäischen Holzsynagogen nur fragmentarisch (fotografisch, malerisch) überliefert ist, lassen sich Ähnlichkeiten in der Gestaltung und Symbolik mit jenen erkennen, welche die Holzsynagoge von Unterlimpurg (im Hällisch-Fränkischen Museum in Schwäbisch Hall) aufweist. Dies trifft auch auf einige weitere Holzsynagogen zu, die von den drei Malern der untersuchten Synagogen, Israel Ben Mordechaj Lisnicki aus Jaryczów (ukrain. Jarycev), Chajm Ben Isaak Segal aus Sluck (beloruss. Sluck) in Polen-Litauen sowie Elieser Sussman, Sohn des Schlomo Katz aus Brod(-y) in Deutschland dekoriert worden sind. In Deutschland betrifft dies jüdische Gemeinden in jener Region, die heute als (Unter-, Mittel-, Ober-, Württembergisch-) Franken bezeichnet wird: in Steinbach, Bechhofen, Kirchheim, Colmberg und Horb. Ob sich eine vergleichbare Aussage auch über die Holzsynagogen von Crailsheim, Allersheim, Abergeschloß, Falkenstein und Rimpar, die angeblich ebenfalls in das Wirkungsfeld des Malers Elieser Sussman gehörten, treffen lässt, kann bisher nur spekuliert werden. Aufgrund ihrer Wandmalereien galten diese Synagogen bisher sowohl Kunsthistorikern als auch Heimatforschern und im Einzelfall Historikern als Sakralbauten jüdischer Flüchtlingsgemeinden aus Polen und somit als "polnische Synagogen". Historische Publikationen, die diese Annahme anhand von Quellen belegen würden, sind bis dato aber nicht vorhanden.

Die mentalitätsgeschichtliche Regionalstudie, welche die Holzsynagogen mit Wandmalereien als Primärquelle zur Erforschung jüdischen Lebens in der Zeit zwischen dem Ausbruch des Kosakenaufstandes 1648 und dem Verkauf der Synagoge von Unterlimpurg 1788 an eine christliche Familie nutzt, geht mit Blick auf Deutschland der Frage nach, wie "polnisch" die jüdischen Gemeinden in Franken tatsächlich waren und welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen ihnen und den jüdischen Gemeinden in Rotruthenien und Weißruthenien im Erleben, Rezipieren und künstlerischen Verarbeiten zeitgeschichtlicher Ereignisse bestanden. Da die untersuchte Epoche in allen drei Regionen von mehreren Kriegen (unter anderem dem Kosakenaufstand in Polen-Litauen sowie dem Pfälzischen Erbfolgekrieg in Südwestdeutschland) geprägt wurde, ist die Untersuchung jüdischen Erlebens und Rezipierens von militärischen, aber auch anderen Gewalteinwirkungen für die Arbeit von besonderem Interesse. Darüber hinaus soll auch das Berufsbild von jüdischen Malern und die Funktion der Künstler als Kulturvermittler zwischen Osteuropa und Deutschland betrachtet werden. 

Ariane.Handrock(at)epost.de

  

Sabine Hödl:

Juden in Mitteleuropa 1520-1670:

  1. Austria Judaica  

  2. Bohemia, Moravia et Silesia Judaica  

  3. Hungaria et Slovakia Judaica  

  1.  

     

Zeitgleich und in Kooperation mit den Fortsetzungsarbeiten an Germania Judaica IV in Deutschland (Prof. Dr. Stefan Rohrbacher, Düsseldorf) und Israel (Prof. Dr. Michael Toch und Prof. Dr. Israel Yuval, Jerusalem) begannen am Institut für Geschichte der Juden in Österreich 1998 Arbeiten zur Erforschung der Geschichte der Juden in Österreich im 16. und 17. Jahrhundert (Austria Judaica). Aufgrund der umfassenden Beziehungen auf wirtschaftlicher, sozialer, familiärer, gesellschaftlicher, religiöser und kultureller Ebene der Juden Ostösterreichs nach Böhmen und Mähren, wie auch nach Westungarn, initiierte das Institut für Geschichte der Juden in Österreich zwei weitere eng mit der Austria Judaica kooperierende Projekte (Bohemia, Moravia et Silesia Judaica, Hungaria et Slovakia Judaica). 

Zur Er- und Darstellung eines Gesamtbildes vom jüdischen Leben im 16. und 17. Jahrhundert im mitteleuropäischen Raum wird eine umfangreiche Materialsammlung erarbeitet. Auf deren Basis werden Fragen nach der rechtlichen Positionierung, wirtschaftlichen Tätigkeit und sozialen Stellung der Juden ebenso bearbeitet, wie familiäre, gesellschaftliche und religiöse Aspekte. Weitere Themen sind Aufbau und Praxis der innerjüdischen Organisation, die Rolle der jüdischen Frau, Beziehungen zwischen Christen und Juden, Siedlungsgeschichte sowie Interaktion und Kommunikation der Gemeinden Mittel- und Ostmitteleuropas. 

Derzeit wird eine Personen- und Quellendatenbank aufgebaut. 

Austria Judaica:

Projektleitung: Dr. Sabine Hödl 

MitarbeiterInnen: Dr. Barbara Staudinger, Dr. Peter Rauscher

Finanzierung: Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (FWF) 

 

Bohemia, Moravia et Silesia Judaica:

Projektleitung: Dr. Helmut Teufel, Mag. Marie Bunatova 

Finanzierung: Ministerium für Unterricht, Wissenschaft und Kultur 

 

Hungaria et Slovakia Judaica:

Projektleitung: Mag. Reinhard Buchberger, Mag. Juraj Sedivy, MAS 

Finanzierung: Hochschuljubiläumsstiftungsfonds der Österreichischen Nationalbank 

Informationen zu allen Projekten: sabine.hoedl(at)nextra.at
Link: http://members.magnet.at/injoest/

  

Nathanja Hüttenmeister:

Die Juden unter den Herren von Pappenheim in der Frühen Neuzeit

Das im Laufe der Jahrhunderte in mehrere Linien verzweigte, reichsunmittelbare Geschlecht der Herren von Pappenheim war seit Ende des 12. Jahrhunderts erblicher Träger des Reichsmarschallamtes. Damit oblag ihm unter anderem die für die Juden im Reich wichtige Aufgabe der Vergeleitung bei Reichs- und Krönungstagen. Zur Deckung ihrer Ausgaben waren den Herren von Pappenheim unter anderem die Judensteuern aus Städten wie Nürnberg, Augsburg und Regensburg verschrieben. Mitte des 14. Jahrhunderts wurden ihre kaiserlichen Privilegien bezüglich der Juden bestätigt und erweitert. 

Die Frühe Neuzeit dagegen ist gekennzeichnet durch einen größeren Einflussverlust: Die meisten Linien des Geschlechts starben aus und ein Großteil der ehemaligen Besitztümer und Einkünfte ging verloren. In den meisten der verbleibenden, eher kleineren und über ganz Süddeutschland verstreuten Besitzungen gab es kleinere und größere jüdische Ansiedlungen, so insbesondere in der Herrschaft Pappenheim selbst, und zwar offensichtlich kontinuierlich spätestens seit dem 14. Jahrhundert. 

In dem von Prof. Rohrbacher betreuten Dissertationsprojekt soll unter anderem untersucht werden, in wie weit die Funktion der Herren von Pappenheim im Reich Einfluss auf ihre eigene Judenpolitik hatte, ob einzelne (z.B. protestantische bzw. katholische) Linien eine unterschiedliche Politik gegenüber "ihren" Juden verfolgten und ob bzw. in wie weit es Kontakte und (familiäre, geschäftliche, organisatorische) Verbindungen gab zwischen den Juden in den einzelnen pappenheimischen Gebieten. 

Kontakt: hut(at)steinheim-institut.de

  

Robert Jütte:

Moses Mendelssohn und seine Ärzte

Der Leidensgeschichte des Berliner jüdischen Aufklärers ist bislang wenig Aufmerksamkeit in der Forschung gewidmet worden. Das gleiche gilt für die ihn behandelnden Ärzte, die ihm alle freundschaftlich verbunden waren. Zwei von ihnen waren wie der Patient aufklärerisch gesinnte Juden, der andere Christ und Schüler des berühmten Schweizer Arztes Albrecht von Haller. Die Rede ist von Marcus Elieser Bloch (1723-1799), Marcus Herz (1747-1803) und Johann Georg Zimmermann (1728-1795). Im Mittelpunkt dieser Studie stehen jedoch nicht die Biographien dieser Ärzte, sondern die Patientengeschichte Moses Mendelssohns. 


Abb. 3: Marcus E. Bloch


Abb. 4: Marcus Herz

 

Bearbeiter: Prof. Dr. Robert Jütte 

Leiter des Instituts für Geschichte der Medizin der Robert Bosch Stiftung 

Straussweg 17 

D-70184 Stuttgart/Germany 

tel. 49-(0)711-46084-173 (direkt), 49-(0)711-46084-171 (Sekr.) 

Fax: 49-(0)711-46084-181 

http://www.igm-bosch.de

robert.juette(at)igm-bosch.de

  

Birgit E. Klein:

Das eheliche Güterrecht im Judentum des deutschen Sprachraums der Frühneuzeit: Entwicklung seit der Antike und Auswirkungen auf das Verhältnis der Geschlechter und zur christlichen Gesellschaft

Das jüdische eheliche Güterrecht bildet einen zentralen Bereich des Privatrechts, welcher die soziale und wirtschaftliche Bedeutung der Ehegemeinschaft maßgeblich bestimmte und bestimmt. Es beruht in seinen Grundzügen auf antiken Rechtsnormen, die nur rudimentär auf biblische Vorgaben zurückgehen, sondern sich überwiegend in rabbinischer Zeit unter dem Einfluss des griechisch-römischen Rechts entwickelt haben. Daher greifen bereits in der Antike die methodischen Fragen der gesamten Untersuchung: Einerseits geht es im innerjüdischen Kontext um das Verhältnis von Rechtsnorm und Rechtspraxis, so um die Frage, inwiefern die Ketubba - die seit der Antike für jede jüdische Eheschließung verbindliche Heiratsurkunde und zugleich Heiratsverschreibung - weniger Rechtspraxis als vielmehr Rechtsnorm widerspiegelt und daher die tatsächlichen Güterverhältnisse in weiteren Verträgen festgehalten wurden. Andererseits stand jüdische Rechtspraxis infolge fehlender staatlicher Autonomie immer im Kontext obrigkeitlich-nichtjüdischer Rechtssysteme; diese beeinflussten die Formulierung und Gestaltung von Eheverträgen und entschieden oft auch darüber, inwieweit nach jüdischem Recht abgeschlossene güterrechtliche Verträge vor Gerichten anerkannt oder in ihrer Rechtskraft mitunter durch Gesetze eingeschränkt wurden. 

Die Zahl dieser Verträge nimmt seit dem Hochmittelalter zu, als in der Ketubba grundsätzlich standardisierte Angaben für den (somit fiktiven) Wert von Mitgift der Braut und ihrer "Vermehrung" durch den Bräutigam, jeweils 50 Pfund Silber, eingeführt wurden; diese insgesamt 100 Pfund Silber wurden seit dem Spätmittelalter nach jeweiligem Orts- oder Landesbrauch (minhag) in die geläufige Währung umgerechnet, zumeist in 600 Gulden. 

Der tatsächliche Wert der eingebrachten Mitgift hingegen wurde in einem seit dem Hochmittelalter nachgewiesenen Vertrag, den tena'im ("Bedingungen"), fixiert, der überdies auch den Wert der (seit dem 13. Jahrhundert gleichfalls belegten) Mitgift des Ehemanns verzeichnete. Bei jeder Heirat individuell (im allgemeinen zwischen den Vätern der Brautleute) ausgehandelt und von Angehörigen aller sozialen Schichten abgeschlossen, regelten die tena'im die Vermögensverhältnisse während der Ehe und sind in großer Zahl überliefert: die größten Bestände mit 2021 tena'im in den Archives Départementales de la Moselle in Metz sowie mehr als 5000 in elsässischen Archiven. Nachweislich seit dem 15. Jahrhundert dokumentierte ein weiterer neuer, bei jeder Eheschließung aufgesetzter Vertrag, zumeist als "Dokument über den halben männlichen Erbteil" bezeichnet, die Erbansprüche der Tochter am Nachlass ihrer Eltern. 


Abb. 5:Verlobungsvertrag


Abb. 6: Ehekontrakt

 

Das Habilitationsprojekt untersucht die Spannbreite der Vertragsbedingungen und ihre Auswirkungen auf das (Macht-)verhältnis der Geschlechter. Wann wurden diese neuen Verträge selbst wieder zum Standard, so dass ihre Einhaltung nicht immer garantiert war? Die Auswertung seriell überlieferter Protokolle von Rabbinatsgerichten liefert detaillierte Informationen zu Familienbeziehungen wie auch zu Vermögenstransaktionen bei Eheschließungen und durch Erbschaften. Obrigkeitliche Prozessakten, von städtischen Gremien bis hin zu den beiden höchsten Reichsgerichten, Reichskammergericht und Reichshofrat, bilden eine wichtige Quelle für die Erforschung des Rechtsbewusstseins in der sozialen Praxis, indem sie z.B. darüber Aufschluss geben, inwieweit Abweichungen vom geltenden Recht sanktioniert wurden und wie Parteien rechtfertigten, welches Recht, das jüdische oder das obrigkeitliche, sie für sich in Anspruch nahmen. Familien- und Erbrecht spiegeln und prägen das Rechtsbewusstsein von Jüdinnen und Juden. Dies gilt in besonderer Weise für die Jahrzehnte der Emanzipation, als das jüdische Recht zunehmend an Legitimität verlor und das Bewusstsein eines möglichen neuen Rechts in Forderungen nach einer Anwendung des nichtjüdischen Rechts mündete. 

Dr. Birgit E. Klein,
bklein15(at)gmx.de

  

Rüdiger Kröger:

Die Geschäftskorrespondenz des Jobst Goldschmidt

Das private Editionsprojekt bezweckt die Aufbereitung der (geschäftlichen) Korrespondenz des Geschäftsmannes Jobst Goldschmidt alias Josef Hamel alias Joseph ben Baruch Daniel Samuel ha-Levi (1597-1677) in Hameln. Erhalten haben sich neben einigen Einzelstücken zwei interessante Reihen. Zum einen handelt es sich um Briefe und andere Aufzeichnungen über seine Geschäfte mit den Bewohnern des Gutes Hehlen an der Weser, zum anderen um einen bilateralen Briefwechsel mit der Stadt Lemgo. 

Die Besonderheit der Korrespondenz, die ihre Edition rechtfertigt, gründet sich auf die Tatsache, daß es sich zu einem sehr großen Teil um Autographen im Sinne von eigenhändigen Schreiben der Aussteller handelt. In wohl einzigartiger Weise sind über einen langen Zeitraum hinweg eine große Anzahl von Dokumenten eines Juden in deutscher Schrift und Sprache überliefert. Die Schreibung allerdings unterliegt unverkennbar jiddischen Einflüssen. Wenige jiddische Rückvermerke belegen zudem Jobst Goldschmidts Muttersprache. 


Abb. 7: dt. Geschäftsbrief

 

Inhaltlich geben die Dokumente exemplarisch Einblick in die Geschäftswelt eines frühneuzeitlichen Juden aus der Zeit vor der eigentlichen Epoche der bedeutenden Hofjuden. Exemplarisch in mehrerlei Hinsicht: als Ausschnitt aus der Vielfalt seiner Geschäfte und in bezug auf die korrespondierenden Geschäftspartner, auf der einen Seite ein Vertreter der jüdischen Oberschicht, der kein "öffentliches" Amt bekleidete, auf der anderen Vertreter des landgesessenen Adels bzw. der Städte. Exemplarisch aber auch hinsichtlich der Tätigkeitsregion im mittleren Wesergebiet, einer, je nach territorialer Zugehörigkeit zwar unterschiedlich stark, im Vergleich etwa zum Rhein-Main-Gebiet jedoch nur spärlich von Juden besiedelten Region. Privates kommt dagegen nur am Rande in den Quellen zum Ausdruck. 

Zudem rechtfertigt auch die Person des Schreibers die Edition, der durch die "Zichronot" seiner Schwiegertochter Glikl bas Juda Leib (Glückel von Hameln) wie auch die Aufzeichnungen seines Kontrahenten Philipp Salomon (Feibusch Minden) bekannt wurde. Zu seinem Verwandtschaftskreis und seinen Nachkommen zählen viele bekannte und bedeutende Persönlichkeiten. Dennoch hat Jobst Goldschmidt selbst in der Literatur nur beiläufig Erwähnung gefunden, meist im Zusammenhang der Glikl-Forschung. Die genealogischen Darstellungen, in denen Jobst Goldschmidt erscheint, sind höchst fehlerhaft und unvollständig. Das beruht aber weniger auf einem Mangel an Quellen, als vielmehr an ihrer mühevollen Auffindung und kritischen Auswertung. Die Einleitung zur Edition wird sich der verschiedenen Probleme annehmen und nicht nur die Biographie und Familie Jobst Goldschmidts behandeln und zeitgenössisch einordnen, sondern auch Fragen zur Literalität und den in den Quellen verwendeten Sprachen thematisieren, um die Aufzeichnungen angemessen würdigen zu können. 

Fragen, Anregungen und Quellenhinweise sind erwünscht unter: 

ruediger.kroeger(at)12move.de

  

Doreen Levermann:

Supplizieren als Mittel von Kommunikation und Partizipation jüdischer Untertanen in Preußen (1648 - 1812)

Während für die letzten Jahre ein gestiegenes Interesse der historischen Forschung an der Quellengattung der Supplikationen, d.h. Eingaben, Vorstellungen und Bittbriefe an verschiedene obrigkeitliche Behörden und Personen, zu verzeichnen ist, findet das Supplizieren jüdischer BittstellerInnen bisher nur marginale Beachtung. Angeregt durch ein Ergebnis meiner Magisterarbeit, wonach die jüdische Bevölkerungsgruppe Kiels am Ende des 18. Jahrhunderts ihre rechtlich-soziale Gleichstellung als Gruppe und als Individuen mithilfe ihrer Supplikationstätigkeit zunehmend selbstbewusster einforderte, soll in meinem laufenden Promotionsvorhaben das Supplizieren jüdischer Untertanen Preußens in der Epoche zwischen dem Ende des Dreißigjährigen Krieges bis zur formal-rechtlichen Gleichstellung der Juden durch das Edikt des Jahres 1812 untersucht werden. In methodischer Hinsicht wird das Supplizieren der jüdischen Untertanen Preußens als Tätigkeit und Praxis - im Sinne einer Umgangsweise mit der vorstrukturierten Handlungsoption "Supplizieren" - erforscht, mit dem Ziel, die Struktur der verschiedenen am Kommunikationsprozess beteiligten Ebenen in ihrem konflikt- und machtbezogenen Wechselspiel möglichst feinteilig herauszuarbeiten. Grundsätzlich verweist die Analyse des Supplizierens als Mittel von Kommunikation und Partizipation auf die Untersuchung von Aushandlungsprozessen rechtlich-sozialer Normen, die im Fall der jüdischen Untertanen im Rahmen des Schutzverhältnisses als umgreifenden rechtlich-sozialen Gefüges, welches jüdisches Leben in den Territorien der FNZ maßgebend umriss, stattfanden. Das Supplizieren stellte im Rahmen dieses Schutzverhältnisses eine elementare Regel im Sinne einer Umgangsweise dar, die prinzipiell darin bestand, dass die Untertanen für jedwede Änderung am ursprünglich nicht vererbbaren Schutzbrief tätig werden, d.h. supplizieren mussten. Es soll geprüft werden, ob und wie stark das Supplizieren in der Hand der jüdischen Untertanen zu einem Gestaltungsmittel der sie umgebenden rechtlich-sozialen Normen und Lebensverhältnisse praktisch uminterpretiert werden konnte. Durch diese Fragestellung soll die These vom "Leben mit minderem Status" (Stefi Jersch-Wenzel) innerhalb einer Mehrheitsgesellschaft nicht vernachlässigt werden, sie muss jedoch ebenso wie die These von der "Allzugänglichkeit" des Supplizierens (Renate Blickle), d.h. die potentielle Nutzung des Supplizierens als Zugangsmöglichkeit zu Obrigkeiten durch alle Gruppen einer Gesellschaft, anhand der konkreten Betrachtung der Handlungsmöglichkeiten einzelner jüdischer Supplizierender in Preußen in der genannten Epoche überprüft und ausgestaltet werden. 

Zwei Fragen stehen bei der Erforschung des Themas "Supplizieren und Partizipation" im Mittelpunkt: Zum einen soll der Bedeutung des Supplizierens für die Konstituierung von Selbstwahrnehmungsprozessen der jüdischen Untertanengruppe vor und mit dem jeweiligen Partner im Kommunikationsprozess nachgegangen werden. Dabei kommt es methodisch darauf an, den Blick von einer Beschreibung der Eigenschaften der Textsorte Supplikation, die im Rahmen der Ego-Dokumente Perspektive angeregt wurde, auf die Umstände der Texterstellung beim Supplizieren zu erweitern, da nur so die Handlungsmöglichkeiten der beteiligten Menschen von Fall zu Fall beurteilt werden können und der Tatsache Rechnung getragen wird, dass es sich beim Supplizieren um ein Kommunikationsverhältnis handelt. Zum anderen soll der tatsächliche Einflussbereich des Supplizierens, dem eine zunehmend größere, die politischen, rechtlichen und sozialen Verhältnisse mitgestaltende Kraft eingeräumt wird, als Mittel der Partizipation jüdischer Untertanen am preußischen Staat vermessen werden. Die danach gewonnenen Erkenntnisse über die Rolle des Supplizierens für identitätsbildende Prozesse einerseits und dessen Rolle bei der Beteiligung der jüdischen Untertanen an der Gestaltung ihrer politisch-rechtlichen und sozialen Verhältnisse andererseits sollen in einem dritten Schritt auf einen der wichtigsten makrohistorischen Begriffe, nämlich den der "Emanzipation der Juden", bezogen werden, um diesen kritisch zu überprüfen.

  

Stefan Litt:

Jüdische Geschichte in internen Quellen: Niederländisch-aschkenasische Gemeindeprotokollbücher des 18. Jahrhunderts als Spiegel der institutionellen Gemeindegeschichten


Abb. 8: Konditionen für Chasan

In dem von der DFG geförderten Projekt an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf werden jiddische Protokollbücher (Pinkassim) aus vier Provinzgemeinden der Niederlande ausgewertet: Middelburg, Den Haag, Leeuwarden und Oisterwijk. Neben Aspekten der jeweiligen Gemeindegeschichte und deren Vergleich zu den anderen Beispielen wird ein Versuch zur Typologie des aschkenasischen Protokollbuches in den Niederlanden aus dieser Zeit in Hinsicht auf Inhalte, Gestaltung, Sprachen und andere Aspekte angestrebt. Das Projekt ist Teil eines binationalen Forschungsprogramms "Yiddish in the Netherlands", das in Amsterdam und Düsseldorf realisiert wird. Voraussichtliche Fertigstellung: Ende 2004 

Stefan.Litt(at)phil-fak.uni-duesseldorf.de
http://www.phil-fak.uni-duesseldorf.de/ijs/litt.html

  

 

Uta Lohmann:

Bildungsweg und Bildungskonzeption David Friedländers. Zur Formation einer jüdisch-bürgerlichen Kultur (Arbeitstitel)

Von zentraler Bedeutung innerhalb der Erziehungskonzepte der jüdischen Aufklärung ist die Bildungsvorstellung David Friedländers (1750-1834). Friedländer war führender Kopf der Berliner Haskala in der Generation nach Moses Mendelssohn. An seinen Schriften wird besonders deutlich, dass und in welchem Maße die Haskala ein Erziehungsprogramm war, mit Hilfe dessen sich die Juden aktiv in die Gestaltung der Moderne einschalteten. Friedländer verband zu diesem Zweck Elemente der jüdischen Tradition mit solchen aus den zeitgenössischen pädagogischen und theologischen Diskursen, speziell mit dem Philanthropismus und der Idee einer allgemeinen Vernunftreligion. Die Wahrung religiös-kultureller Eigenständigkeit suchte er auf biblische Moralvorstellungen zu fundieren.


Abb. 9: David Friedländer

Die Zwänge und strukturellen Konflikte, denen der Prozess der rechtlichen Gleichstellung unterlag, aber auch die innerjüdischen Auseinandersetzungen fanden ihren Niederschlag in Friedländers Biographie und Werk in besonders ausgeprägter Weise. Denn wie kein anderer stand Friedländer an einem Knotenpunkt: zwischen Berlin und Königsberg als Zentren der deutschen und jüdischen Aufklärung, zwischen jüdischen Traditionalisten und jüdischen Aufklärern und nicht zuletzt zwischen der preußischen Beamtenschaft und der Berliner jüdischen Gemeinde. An diesem Knotenpunkt hatte Friedländer nicht nur eine Vermittlerfunktion zwischen den verschiedenen Positionen inne. In der persönlichen Interaktion mit christlichen und jüdischen Aufklärern zeigte er sich vielmehr als maßgeblicher Gestalter von Haskala sowie spätaufklärerischer und neuhumanistischer Bildungsphilosophie. Diese bildeten die geistige Basis für Friedländers Aktivität als politischer Vertreter der preußischen Judenschaft. Das Ziel, das er verfolgte, war die Formation einer jüdisch-bürgerlichen Kultur im zeitgleich verlaufenden allgemeingesellschaftlichen Verbürgerlichungsprozess. Vor diesem Hintergrund gilt es, die bislang vernachlässigten Schriften Friedländers als Bestandteil einer bewusst als solcher gestalteten aufklärerischen Erziehungspraxis zu interpretieren. 

Kontakt: pulz-lohmann(at)t-online.de

  

Steven Lowenstein:

Ashkenazic Origins and the Origins of Yiddish: a study based on linguistic and settlement-history evidence (working title)

This is a book length study of the relationship between the migrations of Ashkenazic Jews and the graduate development of the Yiddish language, covering the period from about the year 1000 to about 1650 or so. The documentary evidence for the early period of the settlement of Jews in Northern Europe is rather sparse and I have tried to supplement it with linguistic evidence such as personal names. I will evaluate theories of an origin in the Romance-language area (France and Italy) and of more easterly origins. The study will also trace changes in the linguistic features of Yiddish texts from the pre-1650 period, comparing them with the changing features of the coterritorial German dialects and with the phenomenon of German colonial dialects in Eastern Europe. An attempt will be made to connect the settlement pattern of Jews in various parts of the German-speaking world and the features of the various dialects in the Yiddish language. 


Abb. 10: Gebete


Abb. 11: Jidd. Bibelerzählung

slowenstein(at)uj.edu

slowenstein(at)uj.edu

  

Rotraud Ries:

Pragmatik oder Programm: Akkulturationsprozesse in der jüdischen Oberschicht im 18. Jahrhundert

Die wichtige 'Inkubationsphase' der Transformationsprozesse in der jüdischen Gesellschaft an der Schwelle zur Moderne steht erst seit wenigen Jahren im Fokus der Forschung. Jenseits der bis dahin gültigen geistesgeschichtlichen Deutungsangebote und ihrer Konzentration auf zentrale Gestalten wie Moses Mendelssohn und die Zeit um 1770/1780 hat sie den Blick gelenkt auf zwei kleine Gruppen, die in je unterschiedlicher Weise für den Beginn der Veränderungen in der jüdischen Gesellschaft stehen: Die ökonomische Elite, allen voran die Hofjuden, deren kulturelle Handlungsoptionen sich infolge politischer Kontakte und ökonomischer Spielräume deutlich erweitern konnten; und die neue intellektuelle Elite, die bislang gültige Denkhorizonte überschritt und im Kontakt mit dem aufklärerischen Gedankengut der umgebenden Gesellschaft neue ideologische und pädagogische Konzepte entwickelte. 


Abb. 12: Alexander David

In dem von der Fritz Thyssen Stiftung geförderten Projekt an der Heinrich Heine-Universität Düsseldorf geht es um die erste der beiden Gruppen. Die jüdische Oberschicht stand als gebildete ökonomische Elite mit oligarchischen Zügen innerhalb der jüdischen Gesellschaft und Kultur an der Spitze einer auf Wohlstand und Ansehen gegründeten Hierarchie, die ihr wesentlichen Einfluss sicherte. Die Relevanz ihres kulturellen Handelns geht also weit über die quantitativ schmale Schicht hinaus und wirft die Frage auf, wie ein etwaiger kultureller Wandel in die jüdische Gesellschaft eingebunden war und inwieweit und wie diese Führungsschicht ihre Macht und Kontakte nutzte, um auch die jüdische Gemeinschaft als Ganzes zu reformieren oder zu modernisieren. Und schließlich, welche Verbindungen es zwischen der neuen intellektuellen und der ökonomischen Elite in Hinblick auf ihre Konzeptionen und ihr politisches Handeln gab. 

Handelte es sich bei dem kulturellen Wandlungsprozess dieser Elite zwar um Vorgänge innerhalb der jüdischen Gesellschaft, so verdankten sich doch viele der damit verbundenen Veränderungen einer Neudefinition des Verhältnisses von Innen und Außen, einer intensivierten Wahrnehmung und Kommunikation über gesellschaftliche Grenzen hinweg. Aus diesem Grund wird der kulturelle Wandel innerhalb der Oberschicht unter Rekurs auf den Kulturbegriff von Gadi Algazi als Akkulturationsprozess untersucht, d.h. als Entwicklung und Erweiterung des eigenen Repertoires von Handlungsoptionen um solche einer anderen Kultur mit der Tendenz zur Neubewertung. Der verwandte Kulturbegriff impliziert, Kultur und ihre Trägergruppen wie -individuen aufeinander zu beziehen, kulturelle Prozesse sozial zu kontextualisieren und zu differenzieren. Dies geschieht mithilfe einer sozialhistorischen Analyse der Gruppe der Akteure, deren stark differierende kulturelle Ausgangslagen und soziale Voraussetzungen im Vergleich untereinander wie zu der anderer jüdischer Schichten und ihrer nicht-jüdischen Orientierungsgruppen bestimmt werden. Der kulturelle Wandel wird sodann v.a. an einigen gut dokumentierten Beispielen mit punktuell repräsentativem Aussagegehalt in Mikroanalysen vorgestellt. 

rries(at)geschichte.uni-bielefeld.de
http://www.phil-fak.uni-duesseldorf.de/ijs/ries.html

  

Barbara Rösch:

Das Toponym Judenweg - Schlüssel zu sozio-kulturellen Aspekten des ländlichen Judentums.Volkskundlich-historische Studie anhand einer unterfränkischen Region mit einem Gesamtverzeichnis aller bislang eruierbaren Toponyme mit dem Bestimmungswort Jude (Schwerpunkt Bayern) [Arbeitstitel]

Ziel des von Prof. Dr. Karl-Erich Grözinger (Universität Potsdam) und Prof. Dr. Michael Brenner (Universität München) betreuten Dissertationsprojektes ist die Erfassung, Analyse und Interpretation der als Judenwege, Judenpfade, Judengassen etc. in schriftlichen Quellen überlieferten Wege- und Flurnamen vor ihrem kultur- und sozialgeschichtlichen Hintergrund. 

Judenwege sind außer in Deutschland, bislang auch in Österreich, Frankreich (Elsaß, Bretagne), Polen (Pommern), Norditalien (Südtirol) und Ungarn belegt. Die Begriffe Judenweg, Judenpfad, Judenstraße, Judenbuck etc. bezeichnen in der Regel Wege und Straßen außerhalb geschlossener Siedlungen, die vorwiegend von jüdischer Bevölkerung begangen wurden. Diese Begriffe sind Fremdbezeichnungen aus der Sprachpraxis der christlichen Umwelt. 

Dreierlei Anliegen verfolgt die Studie: die Rekonstruktion und Dokumentation des nur anhand des Flurnamenbestandes archivalisch fassbaren Netzes an außerörtlichen Judenwegen innerhalb einer ausgewählten Region, sowie die Untersuchung seiner Entstehungsursachen und Funktionsmöglichkeiten, d.h. der historischen, sozialen und ökonomischen Hintergründe dieser Wegbezeichnungen. Dabei werden zahlreiche Aspekte der Sozial- und Kulturgeschichte des ländlichen Judentums in Unterfranken beleuchtet, etwa Religiosität und Brauchtum, Waren- und Viehhandel, Mobilitätszwang, Separatbesteuerung (der sogenannte Leib- und Totenzoll), wie auch Traditionen auf dem Begräbniszug zum Friedhof. Diese Studie wird durch den Vergleich mit sämtlichen der über 400 in Bayern belegten Judenwege vervollständigt und in einen größeren Rahmen eingebettet. 

Den Abschluss bildet ein Gesamtverzeichnis aller bislang eruierbaren Toponyme mit dem Bestimmungswort Jude, die im Zusammenhang mit dem Unterwegssein von Juden stehen (Schwerpunkt Bayern). 

b.roesch(at)ginko.de

  

Frauke von Rohden:

Jüdische Geschichtsdeutungen in Chroniken und der historisch-liturgischen Literatur aus der Zeit der Verfolgungen unter Bohdan Khmelnitzkij (1648/49)

Der Verlauf des kriegerischen Aufstands des kosakisch-tatarischen Bündnisses gegen die polnisch-litauische Adelsrepublik von 1648/49 brachte auch für die jüdische Bevölkerung verheerende Folgen mit sich. Die zumeist als "Khmelnitzkij-Verfolgungen" oder "Kosakenmassaker" bezeichneten Ereignisse brachten Zehntausenden Juden den Tod und bereiteten dem jüdischen Leben in der Ukraine zwischenzeitlich das soziale, ökonomische und institutionelle Ende. In das kollektive Gedächtnis der Juden gingen sie durch hebräische Chroniken sowie hebräische und jiddische historisch-liturgische Texte ein, die von den Ereignissen sowie den Erfahrungen und Handlungsweisen der Betroffenen berichten. Autoren dieser Texte waren teilweise auch Augenzeugen, die ihre individuellen Erfahrungen für unterschiedliche Kommunikationszusammenhänge verschriftlichten. 

Das Forschungsprojekt ist eingebettet in den Sonderforschungsbereich 437 "Kriegserfahrungen in der Neuzeit" der Universität Tübingen. Ausgehend vom erfahrungsgeschichtlichen Ansatz des Gesamt-SFBs ergibt sich für das Forschungsprojekt folgende Fragestellung: Wurde bei der Darstellung und der Interpretation der Erfahrungen auf transzendente Deutungsmuster und Wahrnehmungscodes zurückgegriffen, die seit der Antike und dem Mittelalter in den jüdischen religiösen Texten tradiert wurden, oder kam es angesichts der Ereignisse zu einem Bruch mit diesen, so dass sich neue Erinnerungs- und Interpretationsmuster herausbildeten? Das Forschungsprojekt untersucht zudem mittels der textimmanenten wie auch der intertextuellen Analyse die jeweiligen historiografischen Gattungen beider Sprachen hinsichtlich der Frage, ob und inwieweit sich textsorten- und sprachspezifische Deutungsmuster ausgebildet haben. Darüber hinaus wird untersucht, inwieweit die äußeren Bedingungen - Autor, Lesepublikum, Rezeptionsort - die Deutung der Ereignisse mitbestimmt haben. 

frauke.rohden(at)t-online.de
http://www.uni-tuebingen.de/SFB437/

 

Stefan Rohrbacher:

Germania Judaica IV - Historisch-topographisches Handbuch zur Geschichte der Juden im Alten Reich (1520-1650)

Germania Judaica ist ein bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts begründetes Forschungsunternehmen, das sich die systematische Sammlung und Auswertung der Quellen zur Geschichte der Juden im deutschen Sprachraum bzw. im römisch-deutschen Reich zur Aufgabe gemacht hat. 

Nachdem die Projektphase zum Spätmittelalter (Germania Judaica III) ihren Abschluss gefunden hat, widmet sich Germania Judaica IV nunmehr dem Zeitraum von 1520 bis 1650. Entsprechend den in dieser Epoche andersartigen Grundbedingungen jüdischer Existenz und dem veränderten Quellenaufkommen werden die Erhebungen und Untersuchungen nun nicht mehr ortsbezogen, sondern als Gebietsuntersuchungen durchgeführt. 


Abb. 13: Minhagim


Abb. 14:Verwaltungsbrief

 

Germania Judaica IV ist ein deutsch-israelisches Gemeinschaftsvorhaben mit Arbeitsstellen in Jerusalem und Düsseldorf und steht in einem Forschungsverbund mit Austria Judaica, Bohemia, Moravia et Silesia Judaica, Hungaria et Slovakia Judaica sowie weiteren Einzelprojekten. Germania Judaica IV wird aus Mitteln der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert. 

Projektleitung: 

Prof. Dr. Stefan Rohrbacher (Düsseldorf) 

Prof. Dr. Michael Toch (Jerusalem) 

Prof. Dr. Israel J. Yuval (Jerusalem) 

 

Mitarbeiter: 

Christine Dämgen (Düsseldorf) 

Eli Fraiman (Jerusalem) 

Yacov Guggenheim (Jerusalem) 

Nathanja Hüttenmeister (Düsseldorf) 

Dr. Birgit Klein (Düsseldorf) 

Dr. Ursula Reuter (Düsseldorf) 

Dr. Wolfgang Treue (Düsseldorf) 

http://www.germania-judaica.de

  

Irmgard Schwanke:

Fremde in der Reichsstadt Offenburg im 17. und 18. Jahrhundert

Den Judten solle per decretum ahngezeigt werden, daß Sie die Statt biß negstkommenden Jois Bapta raumen und von hier abziehen sollen. Mit diesem lapidaren Ratsprotokolleintrag endete die ein halbes Jahrhundert währende frühneuzeitliche Ansiedlung einzelner jüdischer Familien in der kleinen südwestdeutschen Reichsstadt Offenburg. In den folgenden Jahrzehnten lassen sich in den Quellen allenfalls geschäftliche Kontakte zu auswärtigen Juden und Beratungen über die Nutzung des jüdischen Friedhofs durch Juden aus umliegenden Dörfern nachweisen. Außerdem finden sich zahlreiche Hinweise auf die Integrationserfahrungen von zwei getauften Juden, die sich in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in der Stadt niederließen.

In der Dissertation geht es um das Verhältnis der Offenburger Bevölkerung und städtischen Obrigkeit zu Juden und getauften Juden, ferner zu Protestanten und Zuwanderern insbesondere aus Italien, Savoyen, Tirol und Vorarlberg. Im Mittelpunkt stehen die wirtschaftlichen Möglichkeiten der Fremden sowie Integrationsmuster und -strategien. Die Dissertation entsteht im Rahmen eines DFG-Projekts an der Universität Freiburg, das unter der Leitung von Mark Häberlein "Reichweite und Grenzen der Integration von ethnischen und religiösen Minderheiten in der Frühen Neuzeit" in Süddeutschland und Pennsylvania vergleichend untersucht. 

Irmgard.Schwanke(at)geschichte.uni-freiburg.de

Informationen zum Gesamtprojekt unter
www.uni-freiburg.de/histsem/minderheiten

  

Rebekka Voss:

Kez ha-yamim - Das Ende der Tage. Jüdische Endzeiterwartungen im frühneuzeitlichen Aschkenas (Arbeitstitel)

Gegenstand des von Prof. Rohrbacher betreuten Dissertationsprojektes sind jüdische eschatologische Hoffnungen im Sinne der Erwartung eines Endes des bisherigen Geschichtslaufs und der Sehnsucht nach der Erlösung der Welt im darauf folgenden messianischen Zeitalter. Der zeitliche Schwerpunkt der Studie liegt auf dem 16. Jahrhundert, einer Zeit, in der sowohl jüdische als auch christliche eschatologische Spekulationen und Aktivitäten eine akute Dringlichkeit erhielten. Geographisches Zentrum bildet der deutsche Sprach- und Kulturraum, der bezüglich der zu betrachtenden Problematik bislang als weitgehend unbedeutend galt. Denn allgemein hin hat die Forschung Aschkenasen und Sefarden unterschiedliche messianische Haltungen zugeschrieben; die Aschkenasen gelten als quietistisch, während die Sefarden als messianisch aktiv charakterisiert werden. Dementsprechend wird die Zunahme jüdischer Endzeiterwartung in der Frühneuzeit fast ausschließlich mit dem sefardischen Milieu verbunden und überwiegend als eine direkte Reaktion auf die Vertreibung der Juden von der Iberischen Halbinsel (1492, 1497) erklärt. 

Ohne die Bedeutung dieses Ereignisses für die Geschichte des jüdischen Messianismus zu bestreiten, wird die Thematik in dieser Untersuchung nicht exklusiv im Rahmen der engeren jüdischen Geschichte betrachtet. Überhaupt ist die Relevanz der Kategorien "aschkenasisch" und "sefardisch" als historisches Erklärungsmodell in diesem Zusammenhang zu diskutieren. Vielmehr wird das Phänomen in den breiteren historisch-kulturellen Kontext seiner Zeit gesetzt, wie es in den letzten Jahren bereits punktuell, allerdings v.a. für eine spätere Zeit und andere geographische Räume, geleistet wurde. Die Bezugspunkte für eine adäquate Erklärung eschatologischer Dynamik werden erweitert, wobei der Reformation eine besondere Bedeutung zuzukommen scheint. Es wird hinterfragt, inwieweit jüdische Endzeiterwartungen in dieser Periode als Ausdruck einer Atmosphäre gelten können, die die Gesellschaft von Renaissance und Reformationszeit allgemein kennzeichnete, und welche Rolle die spezifisch jüdische Situation spielte. Dabei dürfen vor allem ähnliche, parallele Erwartungen unter Christen nicht aus dem Blick verloren werden. Denn deutlich ist ein Muster interkultureller Suche nach eschatologischen Hinweisen in den großen Veränderungen der Zeit festzustellen. Daneben zogen ungewöhnliche Naturereignisse und astrologische Phänomene regelmäßig die gleichzeitige Aufmerksamkeit von Juden und Christen auf sich. Gegenseitige Einflüsse sowie sogar ein direkter geistiger Austausch sind also nicht auszuschließen. Weiterhin wird untersucht, inwieweit frühneuzeitliche Eschatologie in Aschkenas traditionellen Mustern verhaftet blieb, und inwieweit der Kontext der Zeit sich auf Form und Inhalt der überlieferten Ideen vom Ende der Tage auswirkte. 

Kontakt: rebekka.voss(at)fulbrightweb.org

  

Stephan Wendehorst:

Die rechtliche Lage der Juden im 17. und 18. Jahrhundert im Spiegel zeitgenössischer juristischer Schriften

Ziel des Forschungsvorhabens ist es, theoretische zeitgenössische juristische Vorstellungen als Barometer für Veränderungen in der Rechtslage der Juden, die diese in der Frühen Neuzeit erfahren haben, heranzuziehen. Von Interesse ist die zeitgenössische juristische Diskussion auch für die Emanzipationsdebatte. Gerade im 18. Jahrhundert finden sich unterschiedliche, teils auf dem überkommenen Rechtssystem, teils auf den neuen naturrechtlichen Vorstellungen, teils in Mischformen auftretende Argumente. Von weiterführendem Interesse ist die juristische Auseinandersetzung mit Formen jüdischer Kollektivität und Kontinuität, die durch den Druck des modernen (National-)Staates im 19. Jahrhundert abgebrochen wurde.

wendehorst(at)dubnow.de

  

Stephan Wendehorst:

Die jüdischen Kaiserhuldigungen des 18. Jahrhunderts (Arbeitstitel)

Im 18. Jahrhundert kommt es in verschiedenen Reichsstädten zu Kaiserhuldigungen der jüdischen Gemeinden. Diese jüdischen Kaiserhuldigungen sind sowohl für die Verfassungsgeschichte des Alten Reichs als auch für die Geschichte der Juden von Bedeutung. In den von kaiserlicher Seite bewusst gegen den Widerstand der betroffenen Magistrate inszenierten Huldigungen drückte sich das im 18. Jahrhundert auch an anderer Stelle zu beobachtende Bestreben des Wiener Hofes aus, kaiserliche Herrschaftsrechte, zu denen auch die kaiserliche Oberherrschaft über die Juden zählte, wieder stärker zur Geltung zu bringen. Für die jüdische Geschichte eröffnen die Huldigungen die Möglichkeit, unter den Vorzeichen von Herrschaftssymbolik und Kulturanthropologie die Beziehungen zwischen Juden und Kaiser als ein auf gegenseitigen, nicht einseitigen, Leistungen beruhendes Herrschaftsverhältnis zu untersuchen. 

wendehorst(at)dubnow.de

  

Eva Wiebel:

Die Integration von Zuwanderern und Minderheiten in Breisach (1660-1760)

Am Beispiel der Festungsstadt Breisach wird die Integration verschiedener Zuwanderergruppen in eine frühneuzeitliche Stadtgesellschaft untersucht. In der gegen Ende des Dreißigjährigen Krieges französisch gewordenen Stadt bestimmten zunächst die Militärwirtschaft und vor allem der Festungs- und Stadtausbau die Zuwanderung. Als Heereslieferanten und Viehhändler ließen sich unter der Protektion der französischen Militärverwaltung einige jüdische Familien in der Stadt nieder. Ihre Zahl stieg im Laufe von hundert Jahren auf 30 bis 40 Familien. Diese Entstehung einer (zumindest regional) bedeutenden Judengemeinde vollzog sich vor dem Hintergrund einer massiven französischen Zuwanderung. Weitere wichtige Zuwanderergruppen bildeten Männer und Frauen aus Savoyen, der Schweiz, dem Elsaß, Lothringen, Flandern oder Italien. 

Das Projekt gehört zum Freiburger DFG-Projekt 'Reichweite und Grenzen der Integration von ethnischen und religiösen Minderheiten in der frühen Neuzeit - Süddeutschland und Pennsylvania im Vergleich' (Prof. Dr. Mark Häberlein). Es
richtet den Blick weniger auf die zu beobachtenden Migrationsprozesse als vielmehr auf die soziale Praxis der Integration (und Ausgrenzung) im Umgang mit den Zuziehenden: von den formalen Aspekten der rechtlichen Eingliederung in den Stadtverband über soziale Indikatoren wie Heirat, Wohnort, Patenschaften, Ämter, Berufe und wirtschaftlichen Erfolg bis hin zu Beziehungen, Kontakten und Konflikten im alltäglichen Zusammenleben. Am Beispiel einzelner französischer, savoyischer, italienischer und jüdischer Familien lassen sich Prozesse sozialer Integration über mehrere Generationen verfolgen. Untersucht wird dabei auch die Bedeutung beruflicher, landsmannschaftlicher und konfessioneller Netzwerke. Stereotypen, Zuschreibungen von Fremdheit und feindliche Äußerungen finden sich in den Breisacher Quellen in erster Linie entlang der religiösen Grenze zwischen Christen und Juden. Demgegenüber wird die fremde Herkunft der anderen (katholischen) Zuwanderer nur selten als trennendes Element beschrieben.

eva.wiebel(at)uni-konstanz.de
http://www.geschichte.uni-freiburg.de/minderheiten/

 

 



Erstellt: 17.02.2006

Zuletzt geändert: 04.04.2011