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Bernd Wegner 

Einführung: Kriegsbeendigung und Kriegsfolgen im Spannungsfeld zwischen Gewalt und Frieden 

aus: Bernd Wegner (Hrsg.): Wie Kriege enden. Wege zum Frieden von der Antike bis zur Gegenwart, Paderborn: Schöningh Verlag 2002
(Krieg in der Geschichte, Bd. 14)

Einführung [Wie Kriege entstehen] 


Autoren und Herausgeber pflegen ihre Werke vorzugsweise mit dem Hinweis auf eine quantitativ oder qualitativ schlechte Literaturlage und die sich daraus ergebende Forschungsbedürftigkeit ihres Gegenstandes einzuleiten. In der Tat ist denn auch die Thematik des vorliegenden Bandes immer wieder als "ein stark vernachlässigtes Forschungsfeld" [1] charakterisiert worden. Vielleicht am prägnantesten brachte bereits vor drei Jahrzehnten der amerikanische Politikwissenschaftler William Fox die Literaturlage zum Thema auf den Punkt: "What makes wars end ('the causes of peace') and what keeps wars from ending ('the conditions of war') has been much less studied than what makes wars start ('the causes of war') and what keeps wars from starting ('the conditions of peace')." [2] Im selben Sinne beklagte Geoffrey Blainey einige Jahre später, daß auf je tausend Seiten, die über die Ursprünge von Kriegen veröffentlicht würden, kaum eine Seite komme, die sich den Ursachen des Friedens widme. [3] Was immer die Gründe für diese offenbar bis heute wenig veränderte Sachlage im einzelnen sein mögen, so dürfte ein Umstand - vielleicht weniger für die Geschichts- als für die Politikwissenschaften, und hier insbesondere für die international dominierende amerikanische Forschung - über Jahrzehnte hinweg von erheblichem Gewicht gewesen sein: die Tatsache nämlich, daß unter dem Horizont nuklearer Kriegsdrohung die Frage der Verhütung von Krieg wesentlich aktueller als jene seiner Beendigung, das Problem der Erhaltung des Friedens ungleich brennender als das seiner Wiederherstellung erschien. Die sich aus der 'Logik' des nuklearen Zeitalters ergebende Konzentration der Forschung auf Fragen der Kriegsprävention [4] schloß freilich nicht aus, daß immer wieder auch die Kriegsbeendigung zu einem bevorzugten Gegenstand wissenschaftlicher Bemühungen geworden ist. Die sich wiederholenden Kriege im Nahen Osten, vor allem aber die traumatischen Erfahrungen des amerikanischen Vietnam-Engagements lösten zeitweise geradezu einen Boom an 'war-termination'-Studien aus [5], sodaß von einer schlechten Literatur- und Forschungslage ganz allgemein gesehen kaum die Rede sein kann. [6]Dies umso weniger, als auch die nach dem Ende des Kalten Krieges weltweit in vermehrter Zahl aufbrechenden begrenzten Kriege das wissenschaftliche Interesse an konkreten Befriedungserfahrungen erneut stimuliert haben [7], ja die Frage aufkommen ließen, ob das internationale System insgesamt nicht an einem dem Jahre 1648 vergleichbaren epochalen Wendepunkt angekommen sei. In Anbetracht eines sich vor dem Hintergrund globaler Vernetzung offenbar beschleunigenden Autonomieverlusts des Staates, vor allem der vielerorts erkennbaren Schwächung seines Gewaltmonopols zugunsten mehr oder minder privater Akteure [8], sehen nicht wenige Beobachter diesseits wie jenseits des Atlantiks den "Abschied vom Westfälischen System", d.h. von einer staatlich garantierten (freilich auch immer wieder staatlich gefährdeten!) Friedensordnung nahen. [9] Dabei fehlt es nicht an historisch begründeten Diagnosen, Ratschlägen und Prognosen für künftige Befriedungsstrategien; irritierend - wenn auch für den Historiker kaum überraschend - ist freilich, daß die teilweise gegensätzlichen Befunde auch jüngster Studien [10] meist auf denselben historischen Erfahrungsschatz - in der Regel die großen Zäsuren des internationalen Systems 1648, 1815, 1918/19 und 1945 - rekurrieren. Historische Erfahrungen, so zeigt sich hier einmal mehr, lassen sich nicht beliebig extrapolieren; der Geschichte Lektionen abgewinnen zu wollen, heißt in der Regel, sie zu überfordern.

Der Anspruch des vorliegenden Bandes ist denn auch wesentlich bescheidener, insofern sich mit ihm gar nicht erst der Versuch verknüpft (angesichts der Unterschiedlichkeit der Autoren auch gar nicht verknüpfen kann), eine übergreifende Theorie des Transformationsprozesses von Kriegs- zu Friedenszuständen zu formulieren. Ob eine derartige "große" Theorie, die bislang nicht einmal in Umrissen erkennbar ist [11], überhaupt möglich und ggf. fruchtbar sein könnte, erscheint im übrigen durchaus zweifelhaft. Wie bei so vielen anderen historischen Vorgängen gilt nämlich auch hier, daß theoretische Erklärungsansätze und Modelle, sobald sie eine bestimmte Abstraktionshöhe überschreiten, die Ereignisgeschichte zu einer Kette von rational-choice-Situationen reduzieren, in denen die oftmals ausschlaggebenden irrationalen Beweggründe der Akteure [12] mehr oder minder ausgeblendet bleiben. [13] Bereitgestellt werden hier allenfalls historische Materialien für eine derartige Theorie, verbunden bisweilen mit vorsichtigen Generalisierungen mittlerer, d.h. epochengebundener Reichweite. Thematisch geht es hierbei neben den innen- und außenpolitischen, militärischen, ökonomischen und ideologischen Bedingungen von Kriegsbeendigung vor allem um deren Formen und Methoden, Instrumente und Katalysatoren sowie um ihre Konsequenzen für die Gestaltung und die Stabilität der jeweils zu schaffenden Friedensordnung. Die in Hinblick darauf von uns ausgewählten Kriegsszenarien sind ausschließlich solche, die aufgrund der Zahl oder Bedeutung der in sie verwickelten Akteure hinreichend komplex [14] erscheinen, um eine theoretische Grundannahme zu überprüfen, die der Herausgabe dieses Bandes - wie bereits jenes über die Kriegsgenese [15] - zugrunde liegt: die Erwartung nämlich, daß es sich bei der für historiographische Analysen so zentralen Beziehung zwischen Struktur und Ereignis letztlich um eine Wechselwirkung handelt, daß mithin nicht nur Strukturen Handlungsspielräume bestimmen, sondern daß auch individuelles oder kollektives Handeln und die von ihm produzierten Ereignisse immer wieder dauerhaft scheinende Strukturen modifizieren. Ersteres erscheint evident; letzteres lohnt, bisweilen in Erinnerung gerufen zu werden. *** 

Der mit vorliegendem Band unternommene Versuch einer Rückbindung der Diskussion an halbwegs konkrete historische Erfahrungen erscheint umso dringlicher, als die allgemeine Diskussion um den Frieden - als das gemeinhin zentrale Ziel jeder Kriegsbeendigung [16] - seit langem auf der Stelle tritt. Zum Frieden 'an sich', so scheint uns (aber möglicherweise nicht allen beteiligten Autoren!), ist alles gesagt; kaum eines der großen öffentlichen Themen wirkt ähnlich abgedroschen. Scheinbar paradoxerweise dürfte dies gerade damit zu tun haben, daß es sich hier um eine der großen Sehnsüchte der Menschheit handelt, eignet sich der Begriff doch gerade darum so gut, "verbalen Konsens herbeizuführen. Gerade weil es so schwer ist, pauschal gegen Frieden zu sein, "wird immer dann, wenn Anstrengungen zur Durchsetzung fast jeglicher Art von Politik gemacht werden [...], behauptet, diese Politik werde neben anderen Idealen auch der Sache des Friedens dienen." [17] So gleicht denn der Friedensdiskurs, abgehoben vom konkreten historischen Einzelfall, einer Tretmühle, in der sich ewig gleiche Bilder und Beschwörungsformeln, Bekenntnisse und Forderungen wiederholen. Dies gilt nicht allein für das hochgradig ritualisierte Reden der Politiker über den Frieden; auch die in ihrem Umfang kaum noch zu überblickende friedenspolitische, philosophische und sozialwissenschaftliche Fachliteratur zum Thema wirkt, von markanten Ausnahmen abgesehen, trotz immer neuer Begriffsbildungen, Definitions- und Differerenzierungsversuche eigentümlich blutleer und in ihrer unablässigen Variation des Gleichen ermüdend. Gerade neuere Forschungen zur frühneuzeitlichen Friedenspublizistik verstärken den Eindruck, daß die grundsätzlich möglichen Strategien, der Kriegsfurie Herr zu werden bis zum Ausgang des 18. Jahrhunderts voll entwickelt waren. Fischbach etwa unterscheidet in seiner Studie zur französischen Aufklärung fünf Strategien, unter denen den Theoretikern der Epoche außenpolitischer Friede herstellbar erschien [18]; es waren dies: 

  1. die Moralisierung der Herrschenden (d.h. der Appell an ihr Gewissen und ihren göttlichen bzw. verfassungsmäßigen Auftrag),  

  2. die Aufklärung, d.h. die Hoffnung auf eine "progressive Vernünftigkeit der Welt" (heute würde man von 'Friedenserziehung' sprechen),  

  3. die Internationalisierung politischer Herrschaft (Schiedsgerichtsbarkeit, Staaten- bzw. Völkerbund, Weltstaat),  

  4. der friedliche Welthandel (auf der Grundlage eines von den Physiokraten propagierten laissez-faire), sowie  

  5. innenpolitische Radikalreformen (im Sinne einer Beseitigung politischer Tyrannei im Innern als Bedingung für Friedfertigkeit nach außen).  

 

Ich sehe nicht, daß die Diskussionen des 19. und 20. Jahrhunderts diesem Katalog grundsätzlich neue Vorschläge hinzugefügt hätten. Allenfalls sind vermehrt Erfahrungen hinsichtlich der praktischen (Nicht-)Umsetzbarkeit der einzelnen Strategien gesammelt worden. 

Ähnlich überschaubar, ja geradezu trivial nehmen sich die gängigen Grundkonstellationen im Übergang vom Krieg zum Frieden aus. Die in nachstehenden Beiträgen skizzierten Fallbeispiele zeigen, daß Kriegsausgänge von der Antike bis zur Gegenwart offenbar immer einer von drei Möglichkeiten entsprachen: entweder gab es eindeutige Sieger und Verlierer, oder es gab weder Sieger noch Verlierer, oder aber es gab 'partielle Sieger' dergestalt, daß innerhalb einer Kriegskoalition unterschiedliche Mächte unterschiedliche Ziele durchzusetzen vermochten. Dem entsprechen einige immer wiederkehrende Grundmuster der Kriegsbeendigung, angefangen vom reinen Vernichtungssieg über unterschiedliche Formen langsamen Absterbens der Gewalt bis hin zu diversen, vor allem in der Neuzeit entwickelten Spielarten eines - mit oder ohne Vermittlung erzielten - Verhandlungsfriedens. [19] 

Wie uns die Vor- und Frühgeschichte, die Ethnologie und die vergleichende Verhaltensforschung lehren, sind einige solcher Grundmuster der Streitschlichtung und Friedenskonsolidierung der Menschheit bereits auf sehr früher Kulturstufe bekannt gewesen, oder sogar in entwickelten Säugetierpopulationen geläufig. Die Ritualisierung von Auseinandersetzungen (z.B. durch Drohgebärden), Unterwerfungsgesten, Streitschlichtung durch Dritte, friedensstiftende Formen von Geselligkeit oder die Kanalisierung von Aggressionen durch Ausbildung einer sozialen Rangordnung sind einige solcher Muster der Konfliktkontrolle, die der Mensch offenbar bereits in einem sehr frühen Stadium seiner Evolution erworben und sich bis heute bewahrt hat. [20] Allerdings hat er sie, und hier wird die Sache historisch interessant, im Laufe der Geschichte immer wieder in dem Maße variieren müssen, in dem sich die sozialen Rahmenbedingungen und Techniken der Kriegführung wandelten. So beispielsweise wurde das ritterliche Kampfzeremoniell obsolet, seit Feuerwaffen die Kriegführung zu dominieren begannen; analog änderte sich die Funktion der Diplomatie als Instrument der Kriegsbeendigung, seit der europäische Kabinettskrieg zum Volkskrieg und dieser zum gesamtgesellschaftlichen Krieg mutierte. [21] Welche Form der Kriegsbeendigung schließlich im Falle eines potentiellen Nuklearkrieges denkbar wäre, hat indes selbst Jahrzehnte nach Hiroshima bezeichnenderweise kaum jemand öffentlich zu diskutieren gewagt. [22] 

Die naheliegende Frage an den Historiker, welche der hier erwähnten, in etlichen der folgenden Aufsätze eingehender erörterten Grundmuster der Kriegsbeendigung sich als besonders geeignet für die Implementierung stabiler zwischenstaatlicher Friedensordnungen erwiesen haben, - diese Frage läßt sich, so unsere Ausgangsthese, nicht zeitlos, sondern nur im Kontext der jeweiligen kulturellen Milieus beantworten. Jede Diskussion des Problems des "Friedens" - der Befriedung, des Friedenschließens -, die davon abstrahiert, bleibt unfruchtbar, da die so zum argumentativen Steinbruch reduzierte Geschichte erfahrungsgemäß für jedes Beispiel ein Gegenbeispiel bereithält. Der Zyniker kann sich ihrer genauso bedienen wie der Utopist. *** 

Eine zweite Beobachtung, die sich bei näherer Beschäftigung mit den historischen Fallbeispielen unseres Bandes aufdrängt, ist die einer nicht ganz leicht zu bestimmenden Asymmetrie zwischen 'Krieg' und 'Frieden'. [23] Diese mag umso mehr überraschen, als uns beide Begriffe - vergleichbar den Wortverbindungen 'Gut und Böse', 'Leben und Tod', 'Gesundheit und Krankheit' - idealiter als einander komplementär, unmittelbar aufeinander bezogen, ja geradezu aufeinander verweisend erscheinen: "Die Zeit aber, in der kein Krieg herrscht, heißt Frieden", heißt es in Thomas Hobbes' erstmals 1651 publiziertem 'Leviathan'. [24] Während das klassische Völkerrecht im Krieg - als "Gegensatz zum Frieden schlechthin" - traditionellerweise eine Ausnahmesituation im Zusammenleben der Völker sieht [25], begreift Hobbes ihn, geprägt von einem zutiefst pessimistischen Menschenbild, als einen auf zwischenmenschlicher wie zwischenstaatlicher Ebene dominierenden, durch Furcht, Vernunft und Berechnung nur unvollkommen gebändigten Naturzustand. [26] Im Gegensatz zu diesem als ethisch neutral, weil natürlich und daher 'vor-moralisch' gedachten Kriegszustand ist der Frieden eine - mittels des Staates als einzigem Sicherheitsgaranten ermöglichte - menschliche Kulturleistung. Auch Kant betonte (ungeachtet aller sonstigen Unterschiede zu Hobbes), daß der Friede, gerade weil er kein status naturalis sei, "gestiftet" werden müsse [27]; er formulierte damit einen Gedanken, der in der modernen Diskussion eine zunehmend zentrale Bedeutung gewonnen hat. So etwa erkennt noch jüngst, Kant folgend, auch Michael Howard, Doyen der britischen Militärgeschichtsschreibung, im Frieden "keine für die Menschheit natürliche Ordnung", sondern im Gegensatz zum Kriege, der "so alt wie die Menschheit" zu sein scheine, "eine moderne Erfindung" und somit ein - ständiger Bemühung bedürftiges - "komplexes und äußerst instabiles Kunstprodukt". [28] Die vielfältigen Bemühungen des modernen Völkerrechts und seiner Institutionen, insbesondere der UNO, um eine Legitimierung bzw. Implementierung unterschiedlichster peace-keeping- bzw. peace-building-Verfahren wurzeln in eben diesem Friedensverständnis. [29] 

'Frieden' als menschliche Sehnsucht ebenso wie als politisches Ziel hat sich, soviel macht die These von seiner "Erfindung" klar, offenbar erst als Reflex auf die Erfahrung des Krieges entwickelt (ähnlich, wie ein Bewußtsein von Gesundheit und das Bedürfnis seiner Erhaltung die Idee der Krankheit vorraussetzt). [30] Schon 1693 etwa klagte William Penn in seinem noch immer eindrucksvollen "Essay zum gegenwärtigen und zukünftigen Frieden von Europa", "daß wir erst in dem Gegenbild des Friedens die Schönheiten und Wohltaten erkennen, die er umschließt". [31] Tatsächlich dürfte damit auch zusammenhängen, daß fast alle großen Friedensentwürfe der Neuzeit, angefangen von Crucé, Sully und Penn [32] bis hin zu Wilsons 14 Punkten oder der Atlantik-Charta, vor dem Hintergrund konkreter Kriegserfahrungen oder in unmittelbarer Anknüpfung an sie konzipiert wurden. Die beiden großen Konzeptionen zum 'ewigen Frieden' aus dem 18. Jahrhundert aus der Feder des Abbé de St. Pierre [33] und Immanuel Kants [34] gleichen bezeichnenderweise sogar ihrer äußeren Form nach zeitgenössischen Friedensverträgen. Ähnliches gilt für die im modernen Sinne wissenschaftlichen Bemühungen um den Frieden, sind Friedens- und Kriegsursachenforschung doch ideell wie institutionell Kinder der Weltkriege und der nuklearen Bedrohungsszenarien des 20. Jahrhunderts. 

Daß beide Teile des auf den ersten Blick so komplementären Begriffspaares "Krieg und Frieden" durchaus unterschiedlichen Abstraktions- und Erfahrungsebenen angehören, zeigt sich auch in den mit ihnen verbundenen sinnlichen Assoziationen. Die Vorstellung des Krieges verbinden wohl die meisten Menschen mit einem vergleichsweise aktiveren Geschehen; von daher ruft sie konkretere, stärkere, lebhaftere Bilder in uns hervor als die Vorstellung des Friedens, den wir eher mit Harmonie und Ruhe ('tranquillitas') zu assoziieren, ihn also eher als passiven Zustand denn als aktives Handeln wahrzunehmen neigen. Nicht zufällig liefern die Medien, allen voran die am stärksten aktionsorientierten visuellen Medien, tagtäglich zuhauf immer neue Bilder und Berichte des Krieges [35], kaum aber solche des Friedens (und wenn, dann in der Regel nur, um ein Ende der Gewalt in irgendeinem Teil der Welt zu dokumentieren). Ein Grund hierfür ist offenkundig, daß Bilder des Friedens meist weniger aussagekräftig sind und leichter langweilen, 'Frieden' mithin als "newsless vacuum" [36] und damit als schwer kommunizierbar und schlecht verkäuflich gilt. 

Daß der "Frieden", wie auch immer wir ihn inhaltlich verstehen mögen, Phantasie, Ideenreichtum und Darstellungsfreude weitaus weniger zu stimulieren vermag als der "Krieg", ist freilich kein neues Phänomen. Schon die mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Darstellungen des Friedens, insbesondere solche des himmlischen Friedens, wirken für sich genommen nicht selten fade, farblos, langweilig. Sie gewinnen ihre Attraktivität erst im Kontrast zu den - für die Zeitgenossen zutiefst erschreckenden und noch uns seltsam faszinierenden - Phantasmagorien und Schreckensbildern des Unfriedens, sei es nun des Fegefeuers oder des irdischen Krieges, wie wir sie aus den Bildern z.B. Boschs, Caillaux' oder später auch Goyas kennen. Analoge Tendenzen sind, wie wir aus neueren Forschungen [37] wissen, auch in der Lesekultur des 18. Jahrhunderts erkennbar, als sich mit der Begründung erster breitenwirksamer Zeitschriften so etwas wie eine publizistische Öffentlichkeit herauszubilden begann. 

Das uns aus Literatur und Kunst, Alltags- wie Wissenschaftssprache so vertraute Gegensatzpaar von Krieg und Frieden erweist sich auch in einer ganz anderen - für die Thematik des vorliegenden Bandes fataleren - Hinsicht als problematisch. Es besteht nämlich eine eklatante Diskrepanz zwischen der Völkerrechts- und Ideengeschichte des peace-making auf der einen und seiner Ereignisgeschichte auf der anderen Seite; diese Diskrepanz findet ihren banalsten Ausdruck in der augenfälligen Tatsache, daß die Herstellung eines dauerhaften Friedens den Praktikern so unendlich viel schwerer fällt als den Theoretikern und Philosophen. Soweit diese Schwierigkeiten nur der Unvollkommenheit der menschlichen Natur geschuldet sind, sollen sie an dieser Stelle nicht weiter interessieren; beschäftigen soll uns jedoch die Frage, inwieweit die hier erwähnte Diskrepanz Folge bestimmter Gewohnheiten ist, historische Realitäten wahrzunehmen, zu verarbeiten und in Theorien abzubilden. 

"Finis belli pax est", das Ende des Krieges sei der Frieden, lehrt das klassische Völkerrecht und suggeriert damit, einer alten europäischen Denktradition folgend, daß sich das politische und gesellschaftliche Zusammenleben gleichsam 'ohne Rest' in Zustände entweder von Krieg oder von Frieden aufspalten lasse, da es zwischen beiden "nichts Mittleres" gibt. [38] Die sich daraus ergebenden Negativdefinitionen des Friedens als Nicht-Krieg ("absentia belli") bzw. des Krieges als Friedensbruch ("ruptura pacis") sind logisch gesehen zweifellos schlüssig, empirisch hingegen mehr als fragwürdig, wird die scharfe Dichotomie beider Begriffe der Vielfalt tatsächlich bestehender Gewaltverhältnisse im internationalen System doch in keiner Weise gerecht. Wenn James Burnham unter dem Eindruck des nach 1945 einsetzenden Kalten Krieges erklärte, die Scheidelinie zwischen Krieg und Frieden sei verschwunden [39], so war dies einerseits sicherlich eine treffende Beobachtung, andererseits jedoch insofern irreführend, als er damit suggeriert, eine derartige Scheidelinie sei für zeitlich frühere kriegerische Konflikte eindeutig benennbar. Tatsächlich ist eben dies allenfalls theoretisch, nur selten jedoch praktisch möglich [40], nachdem sich das vom klassischen Völkerrecht zur Unterscheidung von kriegerischen und friedlichen 'Zuständen' vorgesehene formale Instrumentarium - die Kriegserklärung bzw. der Friedensvertrag - zunehmend als obsolet erwiesen hatte. So etwa hat Quincy Wright darauf hingewiesen, daß von insgesamt 311 ihrem Gewicht nach als "Kriege" einzustufenden militärischen Konflikten der Jahre 1480 bis 1970 nur 137, mithin weniger als die Hälfte, durch Friedensverträge beendet worden seien; vollends seit dem Zeitalter der Weltkriege scheint der förmliche Friedensschluß zu einer "verlorenen Kunst" [41] geworden zu sein. [42] Der Entwicklung von Grauzonen internationaler Gewalt, die der Sache, aber nicht der Form nach Kriege darstellen, hatte die seit Ende des Ersten Weltkrieges augenfällige völkerrechtliche Kriminalisierung des herkömmlichen Krieges in fast allen seinen Erscheinungsformen [43] bereits Vorschub geleistet [44]; die gegenwärtig zu beobachtende Herausbildung neuer Kriegstypen als Ergebnis einer - Entwicklungsdisparitäten weltweit verschärfenden - Globalisierung [45] dürfte diesen Trend, wenn nicht alles täuscht, weiter unterstützen. Dem für so viele Konflikte des 20., aber auch des beginnenden 21. Jahrhunderts (Naher Osten, Afghanistan, Tschetschenien) charakteristischen Zwielicht zwischen Krieg und Frieden und den sich daraus ergebenden Definitionsdilemmata [46] wurde mittlerweile völkerrechtlich insoweit Rechnung getragen, als die Vereinten Nationen in ihrer Satzung - anders als noch der Völkerbund - auf den Kriegsbegriff ganz verzichtet und stattdessen ein generelles Gewaltverbot ausgesprochen haben. [47] Damit hat sich zugleich das Verständnis des Übergangs von Gewalt- zu Friedensverhältnissen 'dynamisiert': der Krieg wird nicht länger als förmlicher Zustand, sondern als Aktion begriffen. Ihn zu beenden, bedarf es demnach nicht eines punktuellen Friedensaktes, sondern eines gesteuerten Friedensprozesses, der schrittweise zur Deeskalation der Gewalt führt. [48] 

Eine klare Grenzziehung im Übergang vom Krieg zum Frieden ist im übrigen aber auch in vielen jener Fälle nicht möglich, in denen tatsächlich Friedensverträge [49] vorliegen. [50] Förmliche Friedensschlüsse brachten, wie etliche der nachstehenden Beiträge zeigen, die Waffen keineswegs immer zum Schweigen. Erinnert sei nur an die Vielzahl, oft schon der Vergessenheit anheimgefallenen Friedensschlüsse während der schier endlosen Waffengänge des Mittelalters [51], aber auch des Dreißigjährigen Krieges, über die der Krieg einfach hinwegging. Selbst die Verträge von 1648 bedeuteten ja, wie Bernhard Kroener eindrücklich nachweist [52], lediglich ein relatives, noch keineswegs allgemeines Abflauen der Gewalt. Ähnliches gilt für 1918/19: wenn wir uns die erbitterten Freikorpskämpfe in Ost- und Ostmitteleuropa, die innerdeutschen Aufstände und Putschversuche [53], den russischen Bürgerkrieg oder den russisch-polnischen Krieg von 1920 ins Gedächtnis rufen, so kann von 'Frieden' - selbst in seiner schwächsten Bedeutung, d.h. als Abwesenheit von Krieg - schwerlich die Rede sein. Erst nach 1923 sollte die Gewalt aus der europäischen Staatengemeinschaft für ein gutes Jahrzehnt weitestgehend verbannt sein. [54] Desgleichen stellten die bedingungslosen Kapitulationen Deutschlands und Japans im Jahre 1945 in gewisser Hinsicht eher symbolisch als real ein Ende des Krieges dar: für viele Menschen, vor allem für jene in frühzeitig befreiten Ländern, war der Krieg am 8. Mai bzw. 2. September schon längst vorüber; für andere, sei es in Osteuropa oder in Griechenland, in Indien, Indochina oder im späteren Indonesien, setzte er sich unter lediglich veränderten Rahmenbedingungen noch über Jahre hinweg fort. [55] 

Ebenso können wir umgekehrt feststellen, daß auch Zeiten des Krieges immer wieder Inseln der Friedfertigkeit aufweisen. Dies gilt keineswegs allein für die Epoche der Kabinettskriege, die bewußt so angelegt waren, daß der Steuerbürger gänzlich unberührt von ihnen bleiben sollte. Es gilt gleichermaßen für die großen Vernichtungskriege des 17. wie des 20. Jahrhunderts. Die großräumigen Verwüstungen etwa, die der Dreißigjährige Krieg hinterließ, dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, daß weite Landstriche selbst in Mitteleuropa, insbesondere solche abseits der großen Vormarschrouten, oft über viele Jahre hinweg vom Krieg mehr oder weniger verschont blieben. Analog ließe sich in Hinblick auf den Ersten oder Zweiten Weltkrieg mit gutem Grund die Frage diskutieren, ob die Masse der Bevölkerung im British Commonwealth oder in den USA ungeachtet des bestehenden Kriegszustandes nicht eher im Frieden denn im Krieg lebte. 

Die Frage, wann und wo (noch) Krieg herrscht oder (schon) Frieden, und ob das eine das andere wirklich ausschließt, ist empirisch also weitaus vertrackter als sie theoretisch erscheint. Beides sind, wie schon an anderer Stelle betont [56], keine der Geschichte 'an sich' eigenen Aggregatzustände, sondern historiographische Etikettierungen zur Bezeichnung von Prozessen der Gewaltverdichtung bzw. -entflechtung. Letztere sind der Gegenstand des vorliegenden Bandes. *** 

Unser Plädoyer für eine historisch konkrete und empirisch gesättigte Erforschung der Übergänge von Kriegs- zu Friedensverhältnissen erstreckt sich auf Prozesse nicht allein zur (Wieder-)Gewinnung eines "negativen Friedens" (im Sinne einer Eindämmung direkter personaler Gewalt), sondern auch zur Gestaltung eines "positiven Friedens", wie ihn die neuere Friedensforschung mit der Forderung nach Abbau auch indirekter, d.h. "struktureller Gewalt" immer wieder angemahnt hat. [57] Auch in Bezug auf ihn gilt unsere eingangs getroffene Vermutung, daß in einem vom historischen Einzelfall abgehobenen, abstrakten Sinne längst alles gesagt sein dürfte. Wer zum Beispiel die in letzter Zeit aus Anlaß des 350jährigen Gedenkens an den Westfälischen Frieden in großer Zahl publizierten Bild- und Textquellen aus den Jahren vor und nach 1648 Revue passieren läßt, findet - in meist allegorischer Verkleidung - praktisch alle Versatzstücke der modernen Friedensdiskussion wieder: da praktizieren pflügende Soldaten das alttestamentarische Motto "Schwerter zu Pflugscharen", während zu Glocken umgegossene Kanonen, als Kochtöpfe verwandte Helme, zu Toiletten umfunktionierte Trommeln und im Herdfeuer verheizte Gewehrschäfte weitere Formen zweckmäßiger Rüstungskonversion bzw. -verschrottung illustrieren. [58] Neben dererlei derb karikierenden finden sich auch subtilere Darstellungen der für einen positiven Frieden als unverzichtbar angesehenen Tugenden. Im Vorgriff auf den ersehnten oder aber zur Feier des endlich errungenen Friedens entstandene Gemälde zeigen z. B. die triumphierende Friedensgöttin Pax immer wieder im Verein mit anderen göttlichen Wesen, darunter oftmals - für die Ideengeschichte des Friedens besonders wichtig - mit Iustitia, der Gerechtigkeit, sowie Merkur, dem Gott des Handels, und Abundantia, die den im Frieden winkenden Wohlstand und Überfluß verkörpert. [59] 

Der sich wiederholende Rekurs auf die Gerechtigkeit einerseits und den Wohlstand verheißenden Handel andererseits war kein Zufall. Schon 1623 hatte Eméric Crucé in der Förderung von Handel und Wirtschaft ein auf längere Sicht wirksames Mittel zur Friedensstabilisierung gesehen, insofern nämlich derart friedfertige Gewerbe jenen kriegerischen Geist dämpften, den er für die Gewaltexzesse seiner Zeit verantwortlich machte. [60] Auch William Penn beschwor Ende desselben Jahrhunderts in seinem schon erwähnten Essay die friedensfördernden Vorteile freien und sicheren Handels für die allgemeine Wohlfahrt der Bürger, der Reichen wie der Armen. [61] Andere, vornehmlich liberale und merkantilistisch, physiokratisch oder utilitaristisch orientierte Autoren folgten ihm in dieser Einschätzung. Für den klassischen Liberalismus waren Handel und Gewerbe die beste Friedensstrategie, galt ihm doch der 'Geist des Handels' als die wirkungsvollste Alternative zum 'Geist der Eroberung'. [62] Erst der Handel, so John Stuart Mill, habe "die Nationen gelehrt, den Wohlstand und das Gedeihen anderer Völker ohne Mißgunst zu betrachten" und darin eine Quelle auch des eigenen Vorteils zu erkennen . [63] Nicht zufällig stellten die Forderungen nach Freiheit der Meere und gleichen Handelsbedingungen für alle ein Kernstück auch in Präsident Wilsons Friedensprogramm der '14 Punkte' zu Beginn des 20. Jahrhunderts dar. [64] 

Lange Zeit umstrittener als in den vom Welthandel lebenden angelsächsischen Ländern war die Wertschätzung der friedensstiftenden Rolle Merkurs und Abundantias in Frankreich und Deutschland. Einerseits zeigte sich z.B. Kant in seinem Entwurf "Zum Ewigen Frieden" überzeugt, daß der Handelsgeist, der sich früher oder später jedes Volkes bemächtige, in Verbindung mit der Geldmacht die Staaten nötige, "den edlen Frieden zu befördern und, wo auch immer in der Welt Krieg auszubrechen droht, ihn durch Vermittlungen abzuwehren" [65]; andererseits stellte etwa für Rousseau, Mably und d'Holbach der 'esprit de commerce' eine geradezu klassische Kriegsursache dar. [66] Aus einem ganz anderen Grunde gerieten Handel und Überfluß mit der einsetzenden Romantik und ihrer Wiederentdeckung des heroischen Gestus in den Mittelpunkt der Kritik: "Der Friede", so beispielsweise Friedrich Ancillon in seinen 1804 publizierten 'Reflexionen über die Ohnmacht der Vernunft', "erzeugt Wohlstand, der Wohlstand vervielfältigt die Vergnügungen der Sinne, und die Angewohnheit dieser Vergnügungen bringt Weichlichkeit und Egoismus hervor." [67]Kein Wunder, daß Ancillon dem kriegerischen Geist gegenüber der Trägheit des Friedens den Vorzug gibt; immerhin schrieb er auf dem Höhepunkt der napoleonischen Bedrohung Europas und war selber soeben zum königlich preußischen Hofhistoriographen ernannt worden. 

Die wenigen hier zitierten Beispiele lassen erkennen, in welch außerordentlichem Maße spezifische historische Konstellationen und persönliche Lebensumstände die Maßstäbe dessen bestimmen, was als dem Frieden förderlich oder abträglich erachtet wird. Augenfälliger noch als im Falle von Wirtschaft, Handel und Wohlstand wird dies, wo es um die für jegliche Diskussion positiven Friedens unverzichtbare, inhaltlich indes besonders interpretationsbedürftige Kategorie der 'Gerechtigkeit' geht. 

Schon bei einigen antiken Denkern (z.B. Pindar) und später im germanischen Rechtsverständnis eng verbunden, bildeten 'pax' und 'iustitia' in der mittelalterlichen Denktradition einen geradezu unauflöslichen Zusammenhang. Seit Augustin galten Frieden und Gerechtigkeit als sich gegenseitig bedingende "Grundkategorien der Weltordnung". [68] Mochten beide Prinzipien ihre Vollendung auch nur bei Gott finden, so galt doch auch für den zeitlich begrenzten irdischen Frieden ('pax temporalis'), daß er als wahrer Friede nur in Verbindung mit der Gerechtigkeit bestehen konnte. Diese Vorstellung, wonach Friedensbruch Rechtsbruch und Rechtsbruch Friedensbruch bedeutete, mußte sich auflösen, als mit der Reformation die eine, universal anerkannte Rechtsordnung hinfällig wurde. "Die konfessionell gespaltene Christenheit vermochte Recht und Friede nicht mehr zusammenzubringen." [69] Schon für Hobbes bestand der Zweck des Staatenfriedens, der 'pax civilis', bezeichnenderweise nicht mehr in der Gerechtigkeit, sondern allein in der dem Bürger gewährten Sicherheit; Einflüsse dieses Denkansatzes bestimmen bis heute die politikwissenschaftliche Diskussion im Umkreis der sog. 'realistischen Schule'. 

Dessenungeachtet blieb die Verknüpfung von pax und iustitia vor allem für die dem Naturrechtsdenken verpflichteten Denker stets auf der Tagesordnung. Im Unterschied zu den während des Krieges suspendierten staatlichen Gesetzen behielten, wie es in der berühmten 'Encyclopédie' Diderots und d'Alemberts Mitte des 18. Jahrhunderts heißt [70], "die ewigen Gesetze, die für alle Zeiten und alle Völker bestimmt und von der Natur geschrieben sind", auch im Kriege ihre Gültigkeit, so sehr dieser auch "die Stimme der Natur, der Gerechtigkeit, der Religion und der Menschlichkeit" zu ersticken trachte. Was den Krieg angeht, so ist das moderne Völkerrecht, wie die internationalen Kriegsverbrecherprozesse seit Ende des Zweiten Weltkrieges [71] und die Errichtung eines internationalen Strafgerichtshofes in jüngster Zeit demonstrieren, zumindest in Ansätzen bereit, dieser Stimme Gehör zu verschaffen und extreme Fälle 'naturrechtswidriger' Ungerechtigkeit zu ahnden. Die entscheidende Frage aber, was denn - ins Positive gewendet - jene Gerechtigkeit ausmache, die als Frucht eines Friedensschlusses zugleich eine notwendige Bedingung für dessen Dauerhaftigkeit sei, ist damit in keiner Weise beantwortet. Die ursprüngliche Frage, worin (positiver) Frieden denn nun bestehe, hat sich mit dem Hinweis auf die Gerechtigkeit lediglich leicht verlagert: "Worin besteht die Gerechtigkeit des Friedens?" 

Für die in den 1970er und 80er Jahren besonders wirkungsmächtige Kritische Friedensforschung war die Antwort darauf zumindest tendenziell klar. Ausgehend von der doppelten Überzeugung, daß zum einen 'negativer Frieden' allein kaum mehr als die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln, oder, wie Senghaas sie nennt, "organisierte Friedlosigkeit" sei [72], zum anderen politische Systeme mit hoher gesellschaftlicher Partizipation prinzipiell friedensfähiger seien als andere [73], verknüpfte sie ihren Begriff des 'positiven Friedens' eng mit dem Postulat sozialer Gerechtigkeit im Sinne einer binnengesellschaftlich tendenziell gleichen Verteilung von Macht und Ressourcen. Frieden ist, so verstanden, kein aktueller Zustand, sondern eine permanente Aufgabe, ein 'Zivilisierungsprojekt', an dessen Ende idealiter eine zwar nicht konflikt-, aber doch gewaltfreie 'Weltzivilgesellschaft' stünde. [74] Das möglicherweise unlösbare Dilemma dieser Vorstellung liegt wohl darin, daß nicht einsehbar ist, warum sich eine hinsichtlich ihrer ethischen Maßstäbe und politischen Kulturen vielgestaltige Welt auf eine derartige, spezifisch 'westliche' Friedensordnung verständigen sollte. Ein im hier skizzierten Sinne ideell eindeutig besetzter 'positiver Frieden' wäre mithin, sollte er überhaupt realisierbar sein, nur mittels Revolution, Krieg oder Hegemonialpolitik durchsetzbar [75], d.h. unter Mobilisierung gerade jener Formen personaler bzw. struktureller Gewalt, deren Abbau zum eigentlichen Ziel erklärt wurde. 

Erneut ist es der Rekurs auf konkrete historische Erfahrungen, der einen Eindruck davon vermittelt, wie schwer die Verständigung über Grundsätze eines 'gerechten Friedens' selbst dort fällt, wo kulturelle Barrieren eine vergleichsweise geringe Rolle spielen: Als im Frühjahr 1919 Wilson, Lloyd George und Clemenceau in Paris über die Grundzüge der für Europa neu zu schaffenden Friedensordnung verhandelten, drängten, wie uns die überlieferten Gesprächsprotokolle zeigen, die angelsächsischen Gesprächspartner immer wieder darauf, daß der kommende Friede bei aller Deutschland gegenüber gebotenen Härte vor allem gerecht sein müsse. So etwa beschwor Präsident Wilson, unterstützt von Lloyd George, seinen französischen Gesprächspartner auf allzu weitreichende Gebietsabtretungen des Reiches, insbesondere gegenüber Polen, zu verzichten: 

"We must not give our enemies even an impression of injustice. I do not fear, in the future, wars prepared by the secret plots of governments, but rather conflicts created by discontent among the peoples. If we are ourselves guilty of injustice, such discontent is inevitable, with the consequences which are bound to follow." [76] 

Die Antwort Clemenceaus enthüllt schlaglichtartig das Dilemma, mit dem Appelle an den Gerechtigkeitssinn immer wieder behaftet sind. Auf drei Punkte vor allem hob der französische Ministerpräsident ab: Erstens warf er die Frage auf, warum das Argument der Mäßigung und Gerechtigkeit ausgerechnet anläßlich des für die angelsächsischen Mächte sekundären, für Paris indes zentralen Problems der deutschen Ostgrenzen aufgeworfen werde. Die Entscheidung über die Abtretung der deutschen Kolonien und die Auslieferung der deutschen Hochseeflotte sei dagegen von London und Washington nie unter dem Aspekt von Gerechtigkeit und Zumutbarkeit getroffen worden. Zweitens machte Clemenceau geltend, daß man sich vielleicht unter den Alliierten über das verständigen könne, was den Deutschen gegenüber gerecht sei, jedoch eine Illusion sei, anzunehmen, dieses Gerechtigkeitsverständnis werde deutscherseits geteilt. Vielmehr werde jedwede deutsche Regierung jedes ihr aufgezwungene Opfer als ungerecht ablehnen und einen entsprechenden Vertrag zu unterlaufen versuchen. Drittens schließlich gab Clemenceau zu bedenken, ob die von seinen Gesprächspartnern geforderte Gerechtigkeit gegenüber Deutschland nicht zwangsläufig eine Ungerechtigkeit gegenüber anderen Völkern darstelle, die man doch aus deutscher bzw. österreichischer Vormundschaft befreien wolle. Insofern gebiete die Gerechtigkeit in der gegebenen Situation vor allem, für Polen und Tschechoslowaken alle Voraussetzungen für eine kraftvolle eigenstaatliche Existenz zu schaffen, nicht aber die deutsche Großmachtrolle zu perpetuieren. [77] 

Damit liegt auf der Hand, woran jede noch so wohlmeinende abstrakte Forderung nach einem gerechten Frieden zu scheitern droht: Die inhaltliche Bestimmung dessen, was 'gerecht' genannt werden soll, ist nämlich unlösbar mit den Interessen derer verknüpft, die diese Bestimmung vornehmen. Einigung über einen 'gerechten Frieden' ist demnach also nur auf dem Wege eines - freiwilligen oder hegemonial erzwungenen - Interessenausgleichs möglich. [78] Die für das beginnende Jahrhundert charakteristische Globalisierung kriegsträchtiger Konflikte, d.h. ihre immer dichtere Vernetzung über traditionelle Kulturgrenzen hinweg, dürfte dabei, wie jüngst der 'Krieg gegen den Terrorismus' schlaglichtartig erhellt [79], die Chancen eines solchen Interessenausgleichs im Vergleich zum Ende des Ersten Weltkriegs sicherlich eher herabsetzen als fördern. In einer 'schrumpfenden' Welt gegenläufiger ideologischer, religiöser und moralischer Grundwerte und Interessen sinkt möglicherweise also die Chance auf einen 'gerechten Frieden' in dem Maße, da die Schwierigkeiten wachsen, sich auf die Inhalte der mit einem solchen Friedensbegriff verknüpften Forderungen zu verständigen. *** 

Wie von einem Historiker vielleicht nicht anders zu erwarten, liefen unsere einführenden Bemerkungen vor allem auf eine Kritik all solcher Ansätze hinaus, die das Problem des Übergangs vom Krieg zum Frieden abstrakt und damit unhistorisch zu lösen versuchten und versuchen. Nicht nur dreht sich diese Diskussion, wie ich zu vermuten wagte, seit mindestens zwei Jahrhunderten im Kreise, sie tendiert auch dazu, die Geschichte zu einem Steinbruch für ideologisch genehme Argumente zu degradieren. Demgegenüber haben wir uns wohl mit der Tatsache abzufinden, daß der beste Weg zum Frieden in unterschiedlichen historischen Konstellationen und unterschiedlichen kulturellen Milieus in unterschiedliche Richtungen verläuft. Nichts spricht dagegen, daß wir aus dem Studium dieser Wegstrecken, selbst wo es Sackgassen waren, Erfahrungen sammeln. Alles aber spricht dagegen, daß wir die Goldene Regel entdecken, die uns zeitlos gültig sagt, was der Friede sei, und wie er herzustellen wäre. Dies ist kein notwendigerweise pessimistisches Fazit, denn - um auf eine schon kurz angeklungene Analogie zurückzukommen: Mein Arzt kann mir auch nicht so genau sagen, was Gesundheit 'an sich' ist, was man gegen Krankheit im allgemeinen tut, und wo präzise die Grenze zwischen beiden verläuft. Und dennoch bin ich guten Glaubens, daß er nicht zwangsläufig hilflos ist, wenn es gilt, im konkreten Fall meine Gesundheit wiederherzustellen. 

Anmerkungen: 

[1] So Eberhard Kolb, Der schwierige Weg zum Frieden. Das Problem der Kriegsbeendigung 1870/71. München 1985, S. 7. 

[2] William T.R. Fox, The Causes of Peace and the Conditions of War, in: The Annals of the American Academy of Political and Social Science, Bd. 392 (November 1970), S. 1. 

[3] Geoffrey Blainey, The Causes of War. New York 1973, S. 245. 

[4] Vgl. in diesem Sinne auch Janice Grossstein, Proxy wars - how superpowers end them: the diplomacy of war termination in the Middle East, in: International Journal 35 (1980), H. 3, S. 478-519, hier S. 478. 

[5] Einige der wichtigeren dieser Studien wie etwa jene von Iklé (1971), Randle (1973) u.a. sind im Literaturverzeichnis am Ende des vorliegenden Bandes nachgewiesen. Auch Grossstein, ebd., widmet sich den Nahostkriegen von 1967 und 1973. Der in Anm. 2 genannte Band der 'Annals' war unter ausdrücklicher Bezugnahme auf den Vietnamkrieg ausschließlich dem Thema "How Wars End" gewidmet. Volker Matthies datiert die Anfänge "einer systematischen und kontinuierlichen Forschung über die Beendigung von Kriegen" auf das Jahr 1966; vgl. die materialreiche Einführung zu seinem Sammelband: Vom Krieg zum Frieden. Kriegsbeendigung und Friedenskonsolidierung. Bremen 1995, S. 8-38, hier S. 12. 

[6] Bezeichnenderweise wird die angeblich dürftige Literaturlage stets auch nur im Vergleich zur - tatsächlich wesentlich intensiveren - Kriegsursachenforschung behauptet, während andere, eher vernachlässigte Themen aus dem Spannungsfeld von Krieg und Frieden unberücksichtigt bleiben. Nicht ohne Grund kam daher Michael Handel schon 1978 in einem noch immer lesenswerten Aufsatz (The Study of War Termination, in: The Journal of Strategic Studies 1 (1978), S. 51-75) zu dem Ergebnis, daß die Literaturfülle zum Thema "immense, if not overwhelming" (S. 51) sei. 

[7] Für die politikwissenschaftliche Forschung im deutschsprachigen Raum sei hier beispielhaft auf die Fallstudien bei Matthies, Vom Krieg zum Frieden (wie Anm.5), verwiesen. 

[8] Diesen Aspekt betont nachdrücklich Herfried Münkler in seinem Beitrag zum vorliegenden Band. 

[9] Vgl. Wilfried von Bredow, Abschied vom Westfälischen System? Die Zukunft der internationalen Staatenwelt, sowie Lothar Brock, Kriege in der Weltgesellschaft - unter Bedingungen der Globalisierung, beide in: Globalisierung und nationale Souveränität. Festschrift für Wilfried Röhrich. Hrsg. v. Dieter S. Lutz Baden-Baden 2000, S. 159-178 bzw. 375-397. In eine tendenziell ähnliche wie die hier skizzierte Richtung gehen die Überlegungen von Michael Howard, der mit der Erosion staatlicher Autorität eher eine Schwächung denn eine Stärkung der Weltordnung einhergehen sieht und daher als Voraussetzung einer künftigen globalen Friedensordnung eine "Weltgemeinschaft" anmahnt, "deren Wesenszüge genau diejenigen sind, die auch eine binnenstaatliche Ordnung gewährleisten"; ders., Die Erfindung des Friedens. Über den Krieg und die Ordnung der Welt. Lüneburg 2001, S. 103. 

[10] Vgl. etwa im Ergebnis so unterschiedliche Arbeiten wie die von John Mearsheimer, The Tragedy of Great Power Politics. New York 2001; G. John Ikenberry, After Victory. Institutions, Strategic Restraint and the Rebuilding of Order after Major Wars. Princeton 2001 oder Ian Clark, The Post-Cold War Order. The Spoils of Peace. Oxford 2001. 

[11] So etwa beklagte Lothar Brock in einem 1990 publizierten Aufsatz, daß man "nach 20 oder 30 Jahren systematischer Friedensforschung [...] heute weiter denn je von einer umfassenden Theorie des Friedens entfernt" sei; ders., Frieden. Überlegungen zur Theoriebildung. In: Den Frieden denken: si vis pacem, para pacem. Hrsg. v. Dieter Senghaas. Frankfurt a.M. 1995, S. 317-340, hier S. 317. Ähnlich das Fazit von Matthies (Vom Krieg zum Frieden (wie Anm. 5), S. 37) bezüglich der hier angesprochenen Transformationsprozesse. 

[12] Ein diesbezüglich eklatantes, aber keineswegs einzigartiges Beispiel ist Hitler, dessen Haltung zur Frage einer möglichen Kriegsbeendigung von den Westalliierten immer wieder viel zu rational und damit grundlegend falsch eingeschätzt wurde; vgl. dazu Bernd Wegner, Hitler, der Zweite Weltkrieg und die Choreographie des Untergangs. In: Geschichte und Gesellschaft 26 (2000), S. 493-518. 

[13] Aus diesen und anderen methodischen und methodologischen, wissenschaftstheoretischen und -praktischen Gründen erscheint auch gegenüber der Vision einer wissenschaftlich "exakten" war-termination-Forschung oder gar einer transdisziplinären 'Friedenswissenschaft' Vorsicht geboten; vgl hierzu auch die skeptischen Bemerkungen so unterschiedlicher Autoren wie Handel, Study of War Termination (wie Anm. 6), und Anatol Rapoport, Ursprünge der Gewalt. Ansätze zur Konfliktforschung. Darmstadt 1990, S. 572ff. 

[14] Diese Komplexität erschien uns im Falle der beiden Weltkriege des 20. Jahrhunderts derart uferlos, daß im Folgenden deren Konsequenzen für das internationale System (vgl. die Beiträge von Niedhart und Dülffer) einerseits und die Bemühungen ihrer innenpolitischen und binnengesellschaftlichen Überwindung (vgl. die Aufsätze von Hansen und Bessel) andererseits trotz des unverkennbaren thematischen Zusammenhangs getrennt erörtert werden. 

[15] Vgl. den als komplementär zum vorliegenden Werk zu verstehenden Band: Bernd Wegner (Hrsg.), Wie Kriege entstehen. Zum historischen Hintergrund von Staatenkonflikten. Paderborn 2000, hier S. 15f. 

[16] "War is instrumental, not elemental: its only legitimate object is a better peace." (Michael Howard, Temperamenta Belli: Can War be Controlled? In: Restraints on War. Studies in the Limitation of Armed Conflict. Hrsg. v. dems., Oxford 1979, S. 1-15, hier S. 14). Dem Sinne nach ähnlich äußerte sich bereits Augustinus, wie das im nachstehenden Beitrag von Schmolinsky/Arnold, S. 25, abgedruckte Zitat aus 'De Civitate Dei' zeigt. 

[17] Johan Galtung, Gewalt, Frieden und Friedensforschung. In: Kritische Friedensforschung. Hrsg. v. Dieter Senghaas, Frankfurt a. M. 1971, S. 55-104, hier S. 55. 

[18] Die folgenden Bemerkungen in enger Anlehnung an Claudius R. Fischbach, Krieg und Frieden in der französischen Aufklärung. Münster/ New York 1990, S. 94f. 

[19] Vgl. in Hinblick auf die Frühe Neuzeit ganz ähnlich auch Miroslav Hroch, Comparing Early Modern Peace Treaties. In: Great Peace Congresses in History 1648-1990. Hrsg. v. Albert P. van Goudoever. (Utrechtse Historische Cahiers 14 (1993), Nr. 2), hier S. 49ff. 

[20] Eingehend dazu: Irenäus Eibl-Eibesfeldt, Krieg und Frieden aus der Sicht der Verhaltensforschung. München/Zürich 1975, hier v.a. Kap. VI; einen guten Eindruck von der neueren soziobiologischen Diskussion zum Thema vermitteln die Beiträge zu dem von J. van der Dennen und V. Falger edierten Sammelband: Sociobiology and Conflict. Evolutionary perspectives on competition, cooperation, violence and warfare. London (u.a.) 1990, hier insbesondere Teil 3. 

[21] Einen kurzgefaßten Überblick bietet Howard, Erfindung des Friedens (wie Anm. 9). 

[22] Ausnahmen bestätigen freilich auch hier die Regel; vgl. beispielhaft Herman Kahn, Issues of Thermonuclear War Termination. In: Annals 1970 (wie Anm. 2), S. 133-182, sowie in Deutschland v.a. die bahnbrechende Untersuchung von Carl Friedrich von Weizsäcker (Hrsg.), Kriegsfolgen und Kriegsverhütung. München 1971. 

[23] Vgl. dazu auch Herfried Münkler, Gewalt und Ordnung. Das Bild des Krieges im politischen Denken. Frankfurt a.M. 1992, S. 11-29. 

[24] Thomas Hobbes, Leviathan oder Stoff, Form und Gewalt eines kirchlichen und bürgerlichen Staates, hrsg. und eingeleitet von Iring Fetcher. Frankfurt /M. 1989, Erster Teil, 13. Kapitel. 

[25] Franz Räber, Das Recht zum Krieg im zwanzigsten Jahrhundert und die Auswirkungen auf den Kriegsbegriff. Diss. Jur., Zürich 1975, S. 20. 

[26] Eine - gleichfalls bis heute nachwirkende - Gegenposition erwuchs aus dem Naturrechtsrationalismus der Aufklärung, deren Vertreter, wie z.B. John Locke, im Frieden keine staatliche Kulturleistung, sondern einen natürlichen Zustand menschlichen Zusammenlebens sahen; einen guten Überblick über die unterschiedlichen Positionen bietet Wolfgang Kersting, Die politische Philosophie des Gesellschaftsvertrags. Darmstadt 1994. 

[27] Immanuel Kant, Zum ewigen Frieden. Ein philosophischer Entwurf, Zweiter Abschnitt, zit. Nach: Ewiger Friede? Dokumente einer deutschen Diskussion um 1800. Hrsg. v. Anita und Walter Dietze, Leipzig/Weimar 1989, S. 82-120, hier S. 87. 

[28] Howard, Erfindung des Friedens (wie Anm. 9), S. 9 und 103. Auf die hier naheliegende Frage, inwieweit Krieg auch im historisch-empirischen Sinne ein Normalzustand der Geschichte war und ist, soll hier nicht näher eingegangen werden. Ich habe meine skeptische Meinung dazu bereits in der Einleitung zu "Wie Kriege entstehen" (wie Anm. 15), S. 11f., dargelegt. Wäre er es, würden im übrigen unsere Chroniken und Geschichtsbücher, die doch gerade das Außergewöhnliche zu berichten pflegen, ganz anders aussehen: dann nämlich stünden in ihnen nicht Kriegs-, sondern Friedenszeiten mit Namen und Daten verzeichnet. Bedenkenswert erscheint im selben Zusammenhang auch Günther Anders' Feststellung (s. Münkler, Gewalt und Ordnung (wie Anm.23), S. 21), daß das Wort "Frieden" im Gegensatz zum "Krieg" keinen Plural kennt, also offenbar als ein - von Kriegen lediglich unterbrochenes - Kontinuum begriffen werde. 

[29] Siehe eingehend dazu Thomas M. Menk, Gewalt für den Frieden. Die Idee der kollektiven Sicherheit und die Pathognomie des Krieges im 20. Jahrhundert. Berlin 1992; vgl. ferner den Beitrag von Volker Matthies im vorliegenden Band. 

[30] Offenbar in diesem Sinne ist Howards Bemerkung (Erfindung des Friedens (wie Anm. 9), S. 10) zu verstehen, der Krieg könne paradoxerweise "integraler Bestandteil" einer auf Frieden hin orientierten Gesellschaftsordnung sein. 

[31] William Penn, Ein Essay zum gegenwärtigen und zukünftigen Frieden von Europa durch Schaffung eines europäischen Reichstags, Parlaments oder Staatenhauses. Abgedr. in: Ewiger Friede: Friedensrufe und Friedenspläne seit der Renaissance. Hrsg v. Kurt von Raumer, Freiburg (u.a.) 1953, S. 321-341, hier S. 322. 

[32] Das Friedensdenken der Frühen Neuzeit ist gerade in den letzten zehn Jahren wieder verstärkt in den Blickpunkt der Forschung geraten. Vgl. zum hier angesprochenen Zusammenhang neben der schon erwähnten Arbeit von Fischbach, Krieg und Frieden (wie Anm. 18), z. B. die Studien von Anja V. Hartmann, Rêveurs de Paix? Friedenspläne bei Crucé, Richelieu und Sully. Hamburg 1995; Jochen Zenz-Kaplan, Das Naturrecht und die Idee des ewigen Friedens im 18. Jahrhundert. Bochum 1995 sowie Marcel Pekarek, Absolutismus als Kriegsursache. Die französische Aufklärung zu Krieg und Frieden. Stuttgart (u.a.) 1997. 

[33] Vgl. Pekarek, ebd., S. 65-95. 

[34] Aus der kaum mehr zu überblickenden Literaturfülle zu Kants Friedensdenken sei hier die kommentierende Analyse von Volker Gerhardt empfohlen: Immanuel Kants Entwurf 'Zum ewigen Frieden'. Eine Theorie der Politik. Darmstadt 1995. 

[35] Den Prozeß zunehmender Amalgamierung von realem und medialem Krieg analysiert (am Beispiel des Golfkrieges von 1991) in ebenso radikaler wie scharfsinniger Weise Paul Virilio, Krieg und Fernsehen. Frankfurt a.M. 1997. - Zu den fragwürdigen Folgen der dem Fernsehen eigenen Abbildungsgrammatik gehört nicht zuletzt, daß der seit je irrige Eindruck einer Omnipräsenz kriegerischer Gewalt weiter verstärkt wird; vgl. auch Krieg mit Bildern: wie Fernsehen Wirklichkeit konstruiert. Hrsg. v. Peter Christian Hall Mainz 2001. 

[36] Blainey, Causes of War (wie Anm.3), S. 4. 

[37] Vgl. Fischbach, Krieg und Frieden (wie Anm. 18), Kap. III. 

[38] "Inter bellum et pacem nihil medium": Marcus Tullius Cicero, Achte Philippische Rede, zit. nach: Ders., Sämtliche Reden. Ausgabe in sieben Bänden, hrsg. von Manfred Fuhrmann. Zürich/München 1982, Bd. VII, S. 302. Ciceros eher beiläufige Bemerkung wurde in der späteren Völkerrechtsgeschichte wiederholt aufgegriffen, u.a. von Hugo Grotius (De jure belli ac pacis, Buch III, Kap. XXI). Dasselbe Verständnis einer scharfen, die Welt als ganze aufspaltenden Dichotomie liegt auch zahllosen mittelalterlichen wie frühneuzeitlichen Allegorien von 'pax' und 'mars', Frieden und Unfrieden, Himmel und Hölle zugrunde. 

[39] Vgl. James Burnham, Strategie des Kalten Krieges. Stuttgart 1950, S. 100. 

[40] Vgl. dazu auch unsere Bemerkungen in der Einleitung zu "Wie Kriege entstehen" (wie Anm.15), S. 17f. 

[41] Begriff nach Hans von Hentig, Der Friedensschluß. Geist und Technik einer verlorenen Kunst. Stuttgart 1952. 

[42] Vgl. Quincy Wright, How Hostilities Have Ended: Peace Treaties and Alternatives, in: The Annals 392 (wie Anm. 2), S. 51-61, hier S. 52. 

[43] Vgl. eingehend dazu Menk, Gewalt für den Frieden (wie Anm. 29), S. 326ff., ferner Gerhard von Glahn, Law among Nations. An Introduction to Public International Law. New York/London 41981, Kap. 24 ("Legal Nature of War today"). 

[44] So auch Wright, Hostilities (wie Anm. 42), S. 54. 

[45] Vgl. Lothar Brock, Kriege (wie Anm. 9), S. 375-397, ferner - mit etwas anderer Akzentuierung - den Beitrag H. Münklers im vorliegenden Band. 

[46] Das Festhalten an der formgebundenen Kriegsdefinition des klassischen Völkerrechts führte so offenkundig zu absurden Schlußfolgerungen, daß z.B. der Hunderttausende von Opfern fordernde japanisch-chinesische Konflikt der 1930er Jahre als Nicht-Krieg, die unblutigen Beziehungen Deutschlands zu den meisten südamerikanischen Staaten während des Zweiten Weltkrieges hingegen als Kriegszustand erschienen; vgl. Menk, Gewalt für den Frieden (wie Anm. 29), S. 294. 

[47] Vgl. Art. 2/ Nr. 4 der Satzung der Vereinten Nationen. Zu den sich daraus ergebenden völkerrechtsdogmatischen Problemen vgl. eingehend Menk, ebd., S. 294-302. 

[48] Vgl. v. Bredow, Abschied (wie Anm. 9), S. 173ff. Der nachstehende Beitrag von Volker Matthies liefert eine Reihe von Fallbeispielen. 

[49] Zur Rolle und Funktion des Friedensvertrages aus vorwiegend begriffsgeschichtlicher Perspektive vgl. die grundlegende Studie von Jörg Fisch, Krieg und Frieden im Friedensvertrag: eine universalgeschichtliche Studie über Grundlagen und Formelemente des Friedensschlusses. Stuttgart 1979. 

[50] Ausnahmen stellen am ehesten die Kabinettskriege des 18. Jahrhunderts dar. 

[51] Vgl. hierzu eingehender die Ausführungen von Klaus Arnold im vorliegenden Band. 

[52] Vgl. Bernhard. R. Kroeners Beitrag ebd. 

[53] Siehe nachstehend den Aufsatz von Ernst Willi Hansen. 

[54] Vgl. im folgenden den Beitrag von Gottfried Niedhart. 

[55] Vgl. dazu auch die gedankenreiche Einleitung der Herausgeber Ulrich Herbert und Axel Schildt, Kriegsende in Europa. Vom Beginn des deutschen Machtzerfalls bis zur Stabilisierung der Nachkriegsordnung 1944-1948. Essen 1998 (hier S. 7f.), ferner den nachstehenden Artikel von Jost Dülffer. 

[56] Vgl. unsere einleitenden Bemerkungen zu "Wie Kriege entstehen" (wie Anm.15), S. 17f. 

[57] Vgl. zu den hier getroffenen Unterscheidungen Galtung, Gewalt, Frieden und Friedensforschung (wie Anm. 17) Kritisch dazu Münkler, Gewalt und Ordnung (wie Anm. 23), S. 14f.; der, polemisch überspitzt, Galtungs 'positivem Frieden' Ludendorffs 'totalen Krieg' als "systematisches Pendant" gegenüberstellt (S. 15). 

[58] Die hier genannten Beispiele sind nur wenige von sehr viel zahlreicheren Motiven aus einem als Flugblatt des Nürnberger Kunsthändlers Paulus Fürst verbreiteten Scherzgedicht "Die Früchte des Friedens vorstellent" (undatiert), abgedr. und erläutert in: 30jähriger Krieg, Münster und der Westfälische Frieden. Ausstellungskatalog des Stadtmuseums Münster. Münster 1998, Bd. 2: Frieden, S. 132f. 

[59] Vgl. als eines von vielen Beispielen das um 1630 in der Werkstatt von Peter Paul Rubens entstandene Ölgemälde 'Frieden und Krieg', auf dem neben den hier genannten Figuren auch die Siegesgöttin Nike sowie Concordia als Verkörperung der Eintracht zu sehen sind (abgedr. und erläutert ebd., S. 152f.). 

[60] Vgl. Hartmann, Rêveurs de Paix? (wie Anm. 32), S. 81ff. 

[61] Vgl. Anm. 31. 

[62] Vgl. zusammenfassend Heinz Duchhardt, Balance of Power und Pentarchie. Internationale Beziehungen 1700-1785 (= Handbuch der Geschichte der Internationalen Beziehungen, Bd. 4). Paderborn (u.a.) 1997, S. 63ff. 

[63] John St. Mill, Grundsätze der politischen Ökonomie nebst einigen Anwendungen auf die Gesellschaftswissenschaft, zit. nach Ernst-Otto Czempiel, Friedensstrategien. Systemwandel durch Internationale Organisationen, Demokratisierung und Wirtschaft. Paderborn (u.a.) 1986, S. 228 (Dok. 25). 

[64] Vgl. die Punkte 2 und 3 des amerikanischen Friedensprogramms vom 8.1.1918; zum Kontext s. Gottfried Niedhart, Internationale Beziehungen 1917-1947. Paderborn (u.a.) 1989, S. 12ff. - Schon Jahre vor Kriegsbeginn hatte bereits der spätere britische Premierminister David Lloyd George den Freihandel als "großen Friedenstifter" bezeichnet; vgl. ebd., S. 13, sowie im vorliegenden Band S. 189 (Beitrag Niedhart). 

[65] Kant, Zum ewigen Frieden (Erster Zusatz), zit. nach Dietze, Ewiger Friede? (wie Anm. 27), S. 102. Zur Interpretation vgl. Gerhardt, Kants Entwurf (wie Anm. 34), S. 124f.; der in diesem Zusammenhang auf Kants Bewunderung für Adam Smith verweist (ebd., S. 53). 

[66] Vgl. Fischbach, Krieg und Frieden, S. 98. 

[67] Zit. nach Dietze, Ewiger Friede? (wie Anm. 27), S. 481. Zu weiteren, gerade im 19. und frühen 20. Jahrhundert zahlreichen Beispielen für die "Verteidigung des Krieges gegen die Perspektive seiner Abschaffung" vgl. nachstehend Münkler, S. 347ff. 

[68] So Wilhelm Janssen in seinem grundlegenden Beitrag "Friede", in: Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland. Hrsg. v. Otto Brunner, Werner Conze, Reinhart Koselleck, Bd. 2. Stuttgart 1975, S. 548; im vorliegenden Band vgl. eingehend dazu den Beitrag von Sabine Schmolinsky und Klaus Arnold. 

[69] So zusammenfassend Janssen, ebd., S. 556. 

[70] Stichwort "Guerre - Krieg" von Jaucourt, im folgenden zit. nach: Jean Le Rond d'Alembert/Denis Diderot (u.a.), Enzyklopädie. Eine Auswahl, hrsg. von Günter Berger. Frankfurt a.M. 1989, S. 159f. 

[71] Siehe dazu im vorliegenden Band auch den Beitrag von Kensuke Shiba. 

[72] Dieter Senghaas, Abschreckung und Frieden: Studien zur Kritik organisierter Friedlosigkeit. Frankfurt a.M. 1969. 

[73] Vgl. zur diesbezüglichen Diskussion unsere Hinweise in Wegner, "Wie Kriege entstehen" (wie Anm. 15), Einführung, S. 14. 

[74] Vgl. ganz in diesem Geiste den wichtigen und materialreichen Sammelband von Senghaas, Den Frieden denken (wie Anm. 11), hierin insbesondere den Beitrag des Herausgebers: "Frieden als Zivilisierungsprojekt" (ebd., S. 196-223). 

[75] Bezeichnenderweise setzen in jüngster Zeit Autoren wie der amerikanische Politikwissenschaftler und -berater G. John Ikenberry (After Victory (wie Anm. 10)) auf eben diese Karte, wenn sie eine dauerhaft institutionalisierte Welfriedensordnung der Zukunft mit Hinweis auf den Siegeszug des demokratischen Verfassungsstaates und die hegemoniale Hüterrolle der USA für realisierbar erklären. 

[76] Conversation between Wilson, Clemenceau, Lloyd George and Orlando, 27 March 1919, zit. nach: The Lost Peace. International Relations in Europe 1918-1939. Hrsg. v. Anthony Adamthwaite, London 1980, Dok. 3, S. 24-30, hier S. 24. 

[77] Ebd. S. 25f. 

[78] Dies gilt prinzipiell selbst für die Hegung des 'negativen' Friedens: auch das scheinbar selbstverständliche Bemühen um Kriegsverhütung ist keineswegs interessenneutral, sondern entspricht den Bedürfnissen mehr oder minder saturierter 'status quo'-Mächte. 

[79] Zum Gestaltwandel des Krieges, wie er sich seit dem 11. September 2001 noch deutlicher abzeichnet als zuvor, vgl. neben den Ausführungen Herfried Münklers am Ende unseres Bandes auch Martin van Creveld, Die Zukunft des Krieges. München 1998, sowie jüngst Erhard Eppler, Vom Gewaltmonopol zum Gewaltmarkt? Die Privatisierung und Kommerzialisierung der Gewalt. Frankfurt a.M. 2002. 

 

Empfohlene Zitierweise

Wegner, Bernd: Kriegsbeendigung und Kriegsfolgen im Spannungsfeld zwischen Gewalt und Frieden (2002), in: historicum.net, URL: http://www.historicum.net/no_cache/de/persistent/artikel/1883/

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Erstellt: 21.02.2006

Zuletzt geändert: 21.02.2006