Themen

Wilfried Loth 

Einleitung 

aus: Wilfried Loth/Jürgen Osterhammel (Hrsg.):
Internationale Geschichte. Themen - Ergebnisse - Aussichten, München 2000
(Studien zur Internationalen Geschichte, Bd. 10), S. VII-XIV


Über "Internationale Geschichte" ist in der deutschen Geschichtswissenschaft nur selten systematisch nachgedacht worden. Methodische Reflexionen und theoretische Anstrengungen galten seit den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts vorwiegend der Sozialgeschichte, seit den achtziger Jahren auch der noch politikferneren historischen Anthropologie. Neuerdings wird auch das Verhältnis zwischen Sozialgeschichte und Kulturgeschichte intensiv diskutiert; Mentalitätsgeschichte ist zu einem beliebten Programmpunkt geworden. Wer hingegen über internationale Beziehungen geschrieben hat, über Außenpolitik, die Geschichte des internationalen Systems oder die wechselseitige Beeinflussung von Staaten und Gesellschaften, kurz: über Krieg und Frieden, über Herrschaft und Abhängigkeit zwischen den Völkern und Nationen, hat in der Regel wenig Anstrengungen auf die explizite Darlegung seiner theoretischen Annahmen und seiner Verfahrensweisen verwendet.

Die Theorieabstinenz der Geschichtsschreibung von den internationalen Beziehungen rührt zu einem Teil daher, daß sie stärker als andere Teildisziplinen der Geschichtswissenschaft in der Tradition des Historismus mit seiner Fixierung auf die "Große Politik" verankert ist. Vielfach knüpft sie an die traditionelle Diplomatiegeschichte an, die sich um die Identifizierung des "Staatsinteresses" und die Rekonstruktion von "Staatskunst" bemühte, der unablässigen Spannung zwischen "Hegemonie" und "Gleichgewicht" nachging, dabei den Blick auf die "Staatslenker", ihre Konzeptionen und Aktionen richtete und in den Akten der Auswärtigen Ämter eine unerschöpfliche Materialgrundlage für ihre Darstellungen fand. Anders als bei den neueren Fragestellungen zunächst der Sozialgeschichte und später der Kulturgeschichte und der historischen Anthropologie konnten Historiker der außenpolitischen Aktionen auf ein vertrautes Repertoire von Instrumenten, bewährten Verfahrensweisen und eingefahrenen Praktiken zurückgreifen, die methodische Reflexionen nicht sonderlich dringlich erscheinen ließen. 

Zudem standen und stehen die Historiker der internationalen Beziehungen vor einem unablässig wachsenden Zustrom neuer Akten, die es zu sichern und zu erschließen gilt. Dies führt sie notwendigerweise dazu, einen Großteil ihrer begrenzten Arbeitskapazität auf die Rekonstruktion der jeweils jüngsten Vergangenheit zu konzentrieren, und hier stoßen sie auf eine permanente Herausforderung durch die zeitgenössische Öffentlichkeit, die im Hinblick auf die Zeitgeschichte in besonderem Maße an Orientierung und politisch instrumentalisierbaren Ergebnissen interessiert ist. Dieser doppelte Druck hat viele Historiker der internationalen Beziehungen dazu verleitet, sich mit den vermeintlich schon beantworteten Fragen nach den konzeptionellen Grundlagen des eigenen Tuns erst garnicht auseinanderzusetzen. 

Natürlich hat die Methodendiskussion über die internationale Geschichte nie ganz gefehlt. Zu erwähnen ist für die deutsche Geschichtswissenschaft insbesondere die Debatte, die in den siebziger Jahren zwischen den Vertretern der sogenannten "Historischen Sozialwissenschaften" und traditioneller orientierten Historikern geführt wurde, insbesondere die Auseinandersetzung zwischen Hans-Ulrich Wehler und Andreas Hillgruber, die ersterer mit der Entgegensetzung von "Moderner Politikgeschichte" und "Großer Politik der Kabinette" charakterisiert hat. [1] Aus heutiger Sicht stellte diese Debatte jedoch weniger ein Ringen um unterschiedliche theoretische Konzepte dar als vielmehr einen Dialog der Taubstummen, dem Elemente eines Kampfs um Paradigmenhegemonie beigefügt waren. Wehler kritisierte an der "traditionellen" Politikgeschichtsschreibung die Verengung auf die Außenpolitik, das Individuum und seine einsamen Aktionen, auf den preußisch-kleindeutschen Nationalstaat und das europäische Staatensystem, in das er eingebunden war. Er bemängelte Theorieabstinenz und Theorieaversion und forderte eine moderne Politikgeschichte als "Teildisziplin von Gesellschaftsgeschichte" - als Teildisziplin, "da eine weitgespannte Gesellschaftsgeschichte die restriktiven Bedinungen und Grenzen politischer Entscheidungen klar zu benennen und zu erklären vermag." [2] Hillgruber und mit ihm Klaus Hildebrand verstanden das als Hegemonieanspruch, den es abzuwehren galt. Sie beharrten auf der Eigenständigkeit der Außenpolitik und der internationalen Beziehungen; sie konzendierten wohl "Verbindungen" zur Sozial- und Strukturgeschichte, betonten aber, daß Methoden der Politikgeschichte nicht einfach aus Nachbardisziplinen abzuleiten seien, und lehnten auf Totalität zielende Großtheorien, wie sie der Begriff "Gesellschaftsgeschichte" suggerierte, aus grundsätzlichen Erwägungen ab. [3] 

Dabei blieb freilich ziemlich auf der Strecke, welcher theoretische Zugriff denn nun angemessen sei und wie das außenpolitische Feld mit den weiteren Gegenständen historischer Analyse verknüpft werden konnte. Wehler begnügte sich mit anspruchsvollen Forderungen nach systematischen Interdependenzanalysen, die einzulösen er nicht als seine Aufgabe betrachtete; Hillgruber und Hildebrand konzentrierten sich auf die Abwehr der Ansprüche der Sozialgeschichte als "neue(r) Orthodoxie", [4] ohne die Methodendiskussion selbst intensiv weiterzuführen. Hillgruber bekannte sich zu dem Ziel "einer der Interdependenz, der vielfältigen Verschränkung innerer und äußerer Faktoren angemessenen Erklärung und Deutung", lehnte aber gleichzeitig jede Art von theoretisch fundiertem Bezugsrahmen als tendenzielle Verzerrung der Realität ab. [5] 

Dabei ist es im wesentlichen über zwanzig Jahre geblieben. Die Polarisierung der Debatte wirkte geradezu als Denkverbot, das weder Verständigungen noch weiterführende Ergebnisse zuließ. [6] In Wehlers Deutscher Gesellschaftsgeschichte, die Mitte der neunziger Jahre bis zum dritten Band gediehen war, wird gewiß konzediert, daß der Streit über den "Primat der Innenpolitik" versus "Primat der Außenpolitik" nicht weiter führe, vielmehr die Interdependenz von Innen- und Außenpolitik immer empirisch analysiert werden müsse, [7] ebenso das Verhältnis zwischen Akteuren und Rahmenbedingungen. [8] In der Darstellung folgen die Abschnitte über die Außenpolitik dann aber weitgehend den klassischen Argumentationsmustern der Politikgeschichte; Verbindungen zu den sonstigen Partien werden nicht ausgeführt. Hildebrands Gesamtdarstellung der Deutschen Außenpolitik von Bismarck bis Hitler [9] konzentriert sich auf die "Fragen nach den Bewegungsgesetzen nationaler Staaten und der Ordnung ihrer wechselseitigen Existenz", die der Autor, "weil es dabei um Krieg und Frieden, um Überleben und Untergang geht, zu den eigentlich zentralen Themen der Geschichtswissenschaft" zählt. [10] Der Primat der Außenpolitik wird nur gelegentlich verlassen oder relativiert; eine systematische Diskussion des Wechselverhältnisses von inneren und äußeren Rahmenbedingungen, von ererbten Problemlagen und neuen Herausforderungen findet ebenso wenig statt wie eine Gewichtung unterschiedlicher Wahrnehmungsmuster und Interessenaggregate, in deren Kontext die Gestalter der auswärtigen Politik agieren. [11] 

Autoren, die zwischen beiden Positionen zu vermitteln suchten, blieben relativ isoliert. Das gilt etwa für Gustav Schmidt, der frühzeitig auf die Defizite auf beiden Seiten der Debatte hinwies [12] und dann in einer mustergültigen Untersuchung der Grundlagen der britischen Appeasement-Politik der dreissiger Jahre "einen Motivations- und Wirkungszusammenhang zwischen sozialer Befriedungspolitik im Innern und der Strategie des friedlichen Wandels in der internationalen Politik" nachweisen konnte. [13] Ähnliche Erfahrungen mußte Gilbert Ziebura machen, in dessen Forschungszusammenhang am Zentralinstitut für Sozialwissenschaftliche Forschung der Freien Universität Berlin Schmidts Studie entstanden war, [14] und der immer wieder Vorstöße unternommen hat, die Analyseebenen "globales System" und "die jeweiligen innergesellschaftlichen Machtverhältnisse" systematisch miteinander zu verbinden, zuletzt in einer Analyse des Zusammenhangs von weltwirtschaftlicher und internationaler Stabilisierung bzw. Destablisierung im Jahrzehnt nach der Etablierung der Versailler Friedensordnung. [15] Auch Zieburas Appell, sich von der Debatte um die Vorstellung von einem "Weltsystem", wie sie Immanuel Wallerstein und mit anderer Akzentsetzung George Modelski vorgelegt haben, [16] zur Entwicklung eines Begriffs von "Weltgesellschaft" anregen zu lassen, in dem "Politik, Ökonomie und Ideologie" ebenso zusammentreffen wie innere und äußere Politik, ist bislang nicht erkennbar aufgegriffen worden. [17] 

Nun hat das begrenzte Echo, das Schmidt und Ziebura gefunden haben, auch mit den Schwierigkeiten des Gegenstands zu tun. Schmidts Befunde zur "Scharnierfunktion der Rüstungspolitik" [18] in der britischen Außen- und Innenpolitik der dreissiger Jahre lassen sich nicht ohne weiteres auf andere Politikbereiche und andere Zeiträume übertragen; die Interdependenz ist nicht überall so evident wie auf dem Feld, das er für seine Analyse ausgesucht hat. Und die von Ziebura bemühten Konzepte des "Weltsystems" oder der "Weltgesellschaft" basieren auf theoretischen Grundannahmen, die nicht für jedermann evident sind; gleichzeitig bereitet ihre Operationalisierung nicht geringe Schwierigkeiten. Hemmend wirkte sich allerdings auch das Lagerdenken in der deutschen Geschichtswissenschaft aus, das aus der Polarisierung der Kontroverse resultiert und durch den zunehmenden Zwang zur Spezialisierung gefördert wird. Ebenso machte sich der Mangel an internationalem Austausch der Geschichtswissenschaft bemerkbar, für Historiker der internationalen Beziehungen eigentlich ein ganz unakzeptabler Befund, gleichwohl aber eine Schwäche, die nicht nur bei deutschen Historikern zu konstatieren ist. Und schließlich spielte auch der Mangel an Kontakten zu den Nachbardisziplinen eine Rolle, die Unterentwicklung der vielbeschworenen interdisziplinären Kooperation. Einen organisierten Dialog zwischen Diplomatiehistorikern und Politikwissenschaftlern, wie er 1997 in der Zeitschrift "International Security" dokumentiert wurde, [19] sucht man in der deutschen Wissenschaftslandschaft vergeblich. 

Die weitgehende Blockierung der Diskussion über die theoretischen Grundlagen der Geschichtsschreibung von den internationalen Beziehungen ändert freilich nichts daran, daß auch dieser Teil der Geschichtswissenschaft stets auf theoretischen Grundannahmen basiert. Sie hat Praktiker der Teildisziplin nicht davon abgehalten, empirische Studien vorzulegen, die sich dem Problem der Interdependenz von Innen- und Außenpolitik tatsächlich stellen und erhebliche methodische Reflexivität aufweisenIn den letzten Jahren sind solche Studien zahlreicher geworden. [20] Gleichzeitig ist deutlicher geworden, daß eine Geschichte des internationalen Systems neben den Beziehungen zwischen den Staaten, Nationen und Gesellschaften immer auch deren Vernetzung mitthematisieren muß: wechselseitige Beeinflussung, Verflechtung, Integration und den Einfluß von Akteuren und Strukturen jenseits der staatlichen Ebene. Sie ist damit nicht nur Politikgeschichte, sondern notwendigerweise auch immer Gesellschaftsgeschichte und Kulturgeschichte, die sich nicht auf die Bindungen an nationale Kontexte und nationalstaatliche Formationen einengen lassen. Sie wird es immer mehr, je deutlicher jene Prozesse in den Blick der Historiker kommen, die anderswo unter dem Schlagwort der "Globalisierung" (oder vielleicht sachgerechter "Internationalisierung" [21]) diskutiert werden. Um diese thematische Ausweitung bewußt zu machen, ist vorgeschlagen worden, in Anlehnung an eine Tendenz in der amerikanischen Geschichtswissenschaft [22] dem Begriff "Geschichte der internationalen Beziehungen" einen Gattungsbegriff "Internationale Geschichte" überzuordnen. [23] 

Wissenschaftsorganisatorische Anstrengungen stützen und verstärken diesen Erneuerungsprozeß der Disziplin. So haben sich unter der Leitung von Heinz Duchhardt und Franz Knipping neun ausgewiesene Historiker der internationalen Beziehungen zusammengefunden, um ein "Handbuch der Geschichte der Internationalen Beziehungen" zu verfassen. Sie konzentrieren sich dabei auf die "zwischenstaatlichen Beziehungen der Neuzeit", haben dabei aber die Wechselwirkungen zwischen inneren Dispositionen und internationalem System ebenso im Blick wie die Vielfalt der Akteure und der Formen internationaler Beziehungen. [24] 

In den "Studien zur Internationalen Geschichte", herausgegeben von Wilfried Loth, Anselm Doering-Manteuffel, Jost Dülffer und Jürgen Osterhammel, erscheinen seit 1996 Monographien, die "sich an einem umfassenden Verständnis von internationaler Geschichte" des 19. und 20. Jahrhunderts orientieren. Zu ihrem Programm gehört es, aufzugreifen, "was die systematischen Sozialwissenschaften zur Erklärung der internationalen Beziehungen bereitstellen", und "mit empirisch dichten Untersuchungen zur Präzisierung theoretischer Einsichten" beizutragen. [25] 

Der vorliegende Band ist im Kreis der Herausgeber der "Studien zur Internationalen Geschichte" konzipiert und diskutiert worden. Wir wollen damit den Erneuerungsprozeß der Disziplin, der mit der Propagierung von "Internationaler Geschichte" signalisiert wird, in dreierlei Hinsicht fördern: 

  • Erstens soll eine Bilanz der disziplingeschichtlichen Entwicklung der Beschäftigung mit internationaler Geschichte vorgelegt werden. Was bleibt von der einst überaus prägenden deutschen Tradition der Geschichtsschreibung zu den internationalen Beziehungen? Welche Denkfiguren und Interpretamente müssen endlich bewußt ad acta gelegt werden, woran lässt sich mit Aussicht auf Erkenntnisgewinn anknüpfen? Was lässt sich aus dem Gang der Diskussion in anderen Ländern lernen? Drei Länder werden hierzu von renommierten Vertretern der jeweiligen nationalen Teildisziplin zusätzlich in den Blick genommen: Frankreich, dessen Historiker der internationalen Beziehungen die Herausforderungen durch die Schule der "Annales" mit ihrem Interesse an kollektiven Haltungen und langfristig wirksamen Strukturen besonders intensiv empfunden haben; Großbritannien, das eine lange Tradition umfangreicher Akteneditionen mit bemerkenswerten Vorstößen zur Erweiterung der Disziplin der Geschichte der internationalen Beziehungen verbindet; schließlich die USA, wo der Zwang zur Selbstbehauptung der Diplomatiehistoriker in der Konkurrenz mit gesellschafts- und kulturgeschichtlichen Forschungsrichtungen in den letzten anderthalb Jahrzehnten zu einer besonders intensiven methodologischen Debatte geführt hat. [26]

  • Zweitens sollen methodische Konzepte vorgestellt und diskutiert werden, die in den letzten Jahren entwickelt wurden und sich bei der Analyse bestimmter Themenfelder als hilfreich erwiesen haben. Insbesondere geht es dabei um Konzepte mittlerer Reichweite, d.h. Konzepte, die es erlauben, die Akteure internationaler Politik in ihren Kontexten zu sehen und solche Kontexte systematisch zu analysieren: also um innenpolitische Einflüsse auf die Gestaltung der Außenpolitik, das Spannungsverhältnis von öffentlicher Meinung und politischer Führung, die Rolle von Weltbildern und langfristigen historischen Prägungen, die unterschiedlichen Formen der Kommunikation und die Schwierigkeiten, einander angemessen wahrzunehmen, schließlich der Einfluß von Geographie und Umwelt. Dabei soll auch aufgegriffen werden, was in den Politikwissenschaften unterdessen an Theorieangeboten entwickelt ist, die über die systemtheoretischen beziehungsweise behavioristischen Engführungen hinausgehen. [27]

  • Drittens sollen auch Themenfelder als solche in den Blick genommen werden, die als Bedingungen internationaler Politik oder Aspekte internationaler Geschichte identifiziert werden können. Dabei sind Konzepte und Themenfelder analytisch nicht immer klar voneinander zu trennen; wir haben uns bei der Formulierung der einzelnen Themen des Bandes pragmatisch an der Entwicklung in der Disziplin orientiert. Das Problem des internationalen Staatensystems und seiner Formierungen wird hier thematisiert, ebenso seine Prägungen durch das Militär, durch das Völkerrecht und durch die Vielfalt der Kulturen, weiter die interkulturellen und die transnationalen Beziehungen. Das Problem der Integration von Staaten und Gesellschaften wird als ein Sonderfall der Transformation von Staatensystem und Staatlichkeit behandelt, der zunehmend Aufmerksamkeit beansprucht.

 

Insgesamt wollen wir also, ausgehend von disziplingeschichtlichen Vergewisserungen, die Erweiterung der Disziplin der Geschichte der internationalen Beziehungen diskutieren: Erweiterung und Verfeinerung des methodischen Instrumentariums und Erweiterung des Gegenstandsbereichs, wie sie der Titel "Internationale Geschichte" andeutet. Das ist natürlich ein Unternehmen mit offenem Ausgang. Es geht darum, Anregungen zu vermitteln, unterschiedliche Ansätze auf ihre Tragfähigkeit hin zu überprüfen, dies durchaus in Konkurrenz zueinander; es geht nicht darum, ein neues Paradigma internationaler Geschichtsschreibung zu entwickeln oder gegen andere durchzusetzen. Die Konzepte und Themenfelder, die hier vorgestellt werden, sind unterschiedlich weit entwickelt und erkundet; deswegen wird in der Präsentation zwischen "Aspekten" und "Perspektiven" unterschieden. Daß die Wege, die hier aufgezeigt werden, stärker erkundet, daß die Anregungen, die der Überblick über Konzepte und Methodendiskussionen ermöglicht, von einem möglichst großen Kreis von Historikerinnen und Historikern aufgegriffen werden, ist das Ziel des Unternehmens. 

Zu seinem offenen Charakter gehört, daß wir nicht alle Themen besetzen konnten, die wir uns vorgenommen hatten. Ein Beitrag zu den historischen Aspekten der internationalen Wirtschaftsbeziehungen, der uns fest zugesagt worden, ist uns im letzten Moment wieder abhanden gekommen; für einige speziellere Themen wie die Historische Soziologie außenpolitischer Eliten und die Historische Migrationsforschung konnten wir keine Autoren gewinnen. Wir hoffen gleichwohl, daß unser Band repräsentativ ist: er soll widerspiegeln, was die deutsche Geschichtswissenschaft gegenwärtig zu den Methodenfragen der "Internationalen Geschichte" beizutragen hat; und er soll darüber hinaus wesentliche Stränge der internationalen Diskussion wiedergeben. 

Danken möchten wir zunächst den Kolleginnen und Kollegen, die sich trotz vielfältiger anderer Verpflichtungen bereitgefunden haben, einen Beitrag zu diesem Gemeinschaftsunternehmen zu leisten und auf unsere Anregungen einzugehen. Ein besonderer Dank gilt in diesem Zusammenhang Gerhard Th. Mollin, der nicht nur gleich zwei Beiträge übernommen hat, sondern auch in der Konzipierungsphase des Unternehmens mit Hinweisen sehr hilfreich gewesen ist. Das Kulturwissenschaftliche Institut im Wissenschaftszentrum Nordrhein-Westfalen war Gastgeber einer Tagung vom 4. bis 6. März 1998 in Essen, auf der wir erste Fassungen der meisten Beiträge dieses Bandes diskutieren konnten; [28] es hat sein Erscheinen darüber hinaus mit einem Druckkostenzuschuß unterstützt. Für beide Formen der Förderung wissenschaftlicher Innovation danken wir sehr herzlich. Frank Bärenbrinker gebührt Dank für die Unterstützung bei der Redaktion des Bandes und die Erstellung des Registers, Corinna Steinert für zusätzliche Hilfe bei den Übersetzungen. 

Das Titelbild zeigt junge Berliner, die im Sommer 1948 den Anflug eines amerikanischen Versorgungsflugzeugs auf den Flughafen Tempelhof beobachten. Sie stehen auf einem Trümmerberg, der vom "Endkampf" um die Reichshauptstadt übrig geblieben ist. Wie die Kraftprobe der Berliner Blockade ausgehen wird, ein entscheidendes Datum bei der Etablierung der Nachkriegsordnung nach dem Zweiten Weltkrieg, ist zu diesem Zeitpunkt noch ungewiß. Es hängt zum Teil von den technischen Möglichkeiten der Alliierten ab, nicht zuletzt aber auch von der Wahrnehmung dieser Berliner Zuschauer. Die Historiker sollten sich bemühen, internationale Geschichte in der Vielschichtigkeit zu erfassen, wie sie in dieser Szene sichtbar wid - das ist, kurzgefasst, die Botschaft dieses Bandes. 

Anmerkungen: 

[1] Hans-Ulrich Wehler, "Moderne" Politikgeschichte oder "Große Politik der Kabinette"?, in: Geschichte und Gesellschaft 1 (1975), S. 344-369. Wehler bezog sich dabei insbesondere auf Andreas Hillgruber, Politische Geschichte in moderner Sicht, in: Historische Zeitschrift 216 (1973), S. 529-552. 

[2] Wehler, "Moderne" Politikgeschichte, S. 369. 

[3] Vgl. insbesondere Klaus Hildebrand, Geschichte oder "Gesellschaftsgeschichte"? Die Notwendigkeit einer politischen Geschichtsschreibung von den internationalen Beziehungen, in: Historische Zeitschrift 223 (1976), S. 328-357. 

[4] So Klaus Hildebrand, Deutsche Außenpolitik 1871-1918 (Enzyklopädie deutscher Geschichte Bd. 2), München 1989, S. 99-106. 

[5] Andreas Hillgruber, Methodologie und Theorie der Geschichte der internationalen Beziehungen, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterreicht 27 (1976), S. 193-210. 

[6] Vgl. Eckart Conze, "Moderne Politikgeschichte". Aporien einer Kontroverse, in: Guido Müller (Hrsg.), Deutschland und der Westen. Internationale Beziehungen im 20. Jahrhundert. Festschrift für Klaus Schwabe zum 65. Geburtstag, Stuttgart 1998, S.19-30. 

[7] Hans-Ulrich Wehler, Deutsche Gesellschaftsgeschichte. Dritter Band: Von der "Deutschen Doppelrevolution" bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges 1849-1914, München 1995, S. 965. 

[8] Hans-Ulrich Wehler, Deutsche Gesellschaftsgeschichte. Erster Band: Vom Feudalismus des Alten Reiches bis zur Defensiven Modernisierung der Reformära 1700-1815, München 1987, 18. 

[9] Klaus Hildebrand, Das vergangene Reich. Deutsche Außenpolitik von Bismarck bis Hitler 1871-1945, Stuttgart 1995. 

[10] So die Formulierung in einer Besprechung von Henry A Kissinger, Die Vernunft der Nationen. Über das Wesen der Außenpolitik, Berlin 1994: Klaus Hildebrand, Von Richelieu bis Kissinger. Die Herausforderungen der Macht und die Antworten der Staatskunst, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 43 (1995), S. 195-219, hier S.198. 

[11] Vgl. die Kritik bei Hans-Ulrich Wehler, "Moderne" Politikgeschichte? Oder: Willkommen im Kreis der Neorankeaner vor 1914, in: Geschichte und Gesellschaft 22 (1996), S. 257-266. 

[12] Gustav Schmidt, Wozu noch "politische Geschichte"? Zum Verhältnis von Innen- und Außenpolitik am Beispiel der englischen Friedensstrategie 1918/1919, in: Aus Politik und Zeitgeschichte B 17 (1975), S. 21-45. 

[13] Gustav Schmidt, Politisches System und Appeasement-Politik 1930-1937. Zur Scharnierfunktion der Rüstungspolitik für die britische Innen- und Außenpolitik, in: Militärgeschichtliche Mitteilungen 25 (1979), S. 37-53, Zitat S. 37; ausführlicher ders., England in der Krise. Grundzüge und Grundlagen der britischen Appeasement-Politik (1930-1937), Opladen 1981. 

[14] Vgl. sein Vorwort in Schmidt, England in der Krise, S. 5-9. 

[15] Gilbert Ziebura, Weltwirtschaft und Weltpolitik 1922/23-1931. Zwischen Rekonstruktion und Zusammenbruch, Frankfurt/M. 1984. 

[16] Immanuel Wallerstein, The Modern World System: Capitalist Agriculture and the Origins of the European World-Economy in the Sixtenth Century, New York 1974; ders., The Modern World System II. Mercantilism and the Consolidation of the European World Economy 1600-1750, New York 1982; George Modelski, The Long Cacles of Global Politics and the Nation-States, in: Comparative Studies in Society and History 1978, S. 214-235; ders., Long Ccles of World Leadership, in: W. R. Tompson (Hrsg.), Contending Approaches to World System Analysis, Beverly Hills 1983. 

[17] Gilbert Ziebura, Die Rolle der Sozialwissenschaften in der westdeutschen Historiographie der internationalen Beziehungen, in: Geschichte und Gesellschaft 16 (1990), S. 79-103, Zitat S. 102. 

[18] So der Untertitel seines Aufsatzes von 1979. 

[19] Colin Elman / Miriam Fendius Elman, Diplamtic History and International Relations Theory. Respecting Difference and Crossing Boundaries, in: International Security, Vol. 22, No. 1 (Summer 1997), S. 5-21; sowie die darauf folgenden Debattenbeiträge von Jack S. Levy, Stephen H. Haber / David M. Kenndy / Stephen D. Krasner, Alexander L. George, Edward Ingram, Paul W. Schroeder und John Lewis Gaddis, S. 22-85. 

[20] Vgl. für den Bereich der Zeitgeschichte die Hinweise bei Eckart Conze, Abschied von der Diplomatiegeschichte? Neuere Forschungen zur Rolle der Bundesrepublik Deutschland in den internationalen Beziehungen 1949-1969, in: Historisches Jahrbuch 116 (1996), S. 137-154; und Wolfram Kaiser, Globalisierung und Geschichte. Einige methodische Überlegungen zur Zeitgeschichtsschreibung der internationalen Beziehungen, in: Müller (Hrsg.), Deutschland und der Westen, S. 31-48. 

[21] Vgl. dazu meinen Beitrag in diesem Band. 

[22] Vgl. Alexander DeConde, On the Nature of International History, in: The International History Review 10 (1988), S. 282-301. 

[23] Im Geleitwort zur Reihe "Studien zur Internationalen Geschichte", herausgegeben von Wilfried Loth, Anselm Doering-Manteuffel, Jost Dülffer und Jürgen Osterhammel; erstmals im Band 1: Gerhard Th. Mollin, Die USA und der Kolonialismus. Amerika als Partner und Nachfolger der belgischen Macht in Afrika 1939-1965, Berlin 1996, S. 13. 

[24] Heinz Duchhardt / Franz Knipping (Hrsg.), Handbuch der Geschichte der Internationalen Beziehungen, Verlagsprospekt Paderborn 1997. - Als erste Bände sind erschienen: Heinz Duchhardt, Balance of Power und Pentarchie. Internationale Beziehungen 1700-1785 (Band 4), Paderborn 1997; und Winfried Baumgart, Europäisches Konzert und nationale Bewegung. Internationale Beziehungen 1830-1878 (Band 6), Paderborn 1999. 

[25] Geleitwort, S. 13. - Ein Überblick über die bislang erschienen Arbeiten findet sich am Schluß dieses Bandes. 

[26] Zu ihrem Stand vgl. neben dem in diesem Band abgedruckten Beitrag von Michael H. Hunt auch Melvyn P. Leffler, New Approaches, Old Interpretations, and Prospective Reconfigurations, in: Diplomatic History 19 (1995), S. 173-196. 

[27] Vgl. etwa Stepen Gill / James H. Mittelman (Hrsg.), Innovation und Transformation in International Studies, Cambridge 1997. 

[28] Vgl. den Tagungsbericht von Wolfram Kaiser in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 46 (1998), S. 542-546. 

 

Empfohlene Zitierweise

Loth, Wilfried: Internationale Geschichte. Themen - Ergebnisse - Aussichten (2000), in: historicum.net, URL: http://www.historicum.net/no_cache/de/persistent/artikel/1881/

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Erstellt: 21.02.2006

Zuletzt geändert: 21.02.2006