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Wiedergänger 

Peter Dinzelbacher 

(Übersetzung von Johannes Peisker) 

03.Februar 2011 

Gemäß der üblichen folkloristischen Terminologie unterscheiden sich Wiedergänger, d.h. in die Welt der Lebenden Zurückkehrende (vom lateinischen ‚revenire‘), von Geistern dahingehend, dass erstere einen materiellen Körper besitzen, obgleich aus einer fremden Substanz, während letztere körperlos sind. Im Deutschen wird ein Wiedergänger auch ‚Lebender Leichnam‘ oder ‚Untoter‘, im Altnordischen ‚draug‘ genannt. Es gibt mehrere Texte aus Island, welche diese materiellen Gespenster als bösartige und gefährliche Wesen zeigen, gegen die ein Apotropaion und Kampf oder Zerstörung notwendig sind. Ein früher Tod, eine nicht beerdigte Leiche, aber auch ein schlechter Charakter wurden als die Gründe angesehen, warum diese Männer und Frauen nicht ihren Weg in die jenseitige Welt fanden. Als Sonderfall des Wiedergängers muss der Vampir erwähnt werden, eine wiederbelebte, gerne Blut trinkende Leiche. Andere mythologische Figuren, besonders die bergbewohnenden Zwerge, können eine Art der Wiedergänger sein. Allerdings findet sich in den kontinentalen Quellen nicht immer eine scharfe Unterscheidung zwischen körperlichen Wiedergängern und immateriellen Geistern. Als beispielsweise im November 1437 dem Bauern Arndt Buschmann sein verstorbener Urgroßvater erschien, tat er dies zunächst in Gestalt eines scheinbar echten Hundes und erst nach Beschwörung in seiner Form eines menschenförmigen Geistes (wie wir aus einer autobiographischen Quelle wissen, Arndt Buschmanns Miracle).

Christliche Autoren des Mittelalters und folgender Epochen erklärten solche Phänomene als die Erscheinung der Seelen unfrommer und sündhafter Personen, die Hilfe von den Lebenden durch Gebete, Almosen und Gottesdienste erflehten. Ihnen wurde durch Gottes besondere Gnade erlaubt, ihre jenseitige Bleibe, d.h. das Fegefeuer, zu verlassen, um eine Möglichkeit zur Verkürzung ihrer Buße zu erhalten. Solche Berichte begannen ab dem 12. Jahrhundert regelmäßig niedergeschrieben zu werden, erreichten ihre Blütezeit im Spätmittelalter und wurden ab der Reformationszeit diskreditiert. 

Während pagane Wiedergänger meist von einer gefährdenden Art waren, führte der christliche Totenkult zur Legende der ‚hilfsbereiten Toten‘. Diese wurden Wiedergänger für lediglich einen bestimmten Zweck, wovon eine im Spätmittelalter populäre Legende erzählt: Als ein Ritter, der oft für die Toten zu beten pflegte, auf dem Friedhof von seinen Feinden angegriffen wurde, öffneten die Skelette ihre Gräber, stiegen heraus und vertrieben die Aggressoren. Auch in der Legende von St. Fridolin von Säckingen ist eine kooperative Leiche von Bedeutung: Sie begleitet den Heiligen vor Gericht, um ihm zu helfen, seinen Prozess durch ihre Zeugenaussage zu gewinnen. Es gab allerdings auch Geschichten über aggressive Tote, und das Motiv des Totentanzes bestand ursprünglich in einem Tanz der Toten, die die Lebenden mit sich nahmen. 

Kollektive Totenerscheinungen bilden ein weitverbreitetes Element in europäischen Volkstraditionen. In stürmischer Nacht zu bestimmten Jahreszeiten (meistens während des Winters) reitet die Armee der Toten über den Himmel, genannt ‚exercitus ferialis‘, ‚familia Harlechini‘, Mesnie Hellequin, angeführt vom Wilden Jäger, Wütender Jäger, Heerkönig, Dietrich von Bern, Frau Perchta oder einer ähnlichen Figur. Dieser Totenführer ist offensichtlich eine Substitution für irgendeinen vorchristlichen Psychopomp (eine die Verstorbenen in die andere Welt begleitende Gottheit). Auch wurden oft unheilvolle Kämpfe zwischen verstorbenen Männern in der Luft gesehen, die Berichte datieren von der klassischen Antike bis in die Neuzeit. Die ‚Interpretatio Christiana‘ erklärte diese Truppen zu Seelen, welche diese Art des terrestrischen Höllenfeuers erdulden mussten. Dieses Motiv fand seinen Weg in teilweise säkularisierter Form in die Literatur des Mittelalters, z.B. in Andreas Capellanus‘ De Amore (I, 15), Boccaccios Decamerone (V, 8) oder im 16. Jahrhundert Rosnards Hymne des Démons (vs. 347ff.).

Verbindungen zwischen Hexerei und Wiedergängern beschränken sich auf Fälle von Nekromantie und finden in diesem Artikel Erwähnung oder unter ‚Endor, Hexe von‘. Das Zauberer und Zauberinnen ebenfalls Wiedergänger werden konnten, ist innerhalb des christlichen Weltbilds nichts Besonderes, sondern ein mögliches Schicksal für alle Arten von Sündern, obwohl es für sie gemäß der altnordischen Quelle besonders wahrscheinlich war, ein solches Phantom zu werden. 

Literatur 

R. C. Finucane, Appearances of the Dead. Buffalo, NY: Prometheus Books, 1984.

Claude Lecouteux, Fantômes et revenants au Moyen Age. Paris : Imago, 1986.

Claude Lecouteux, Chasses fantastiques et cohortes de la nuit au moyen âge. Paris : Imago, 1999.

Jean-Claude Schmitt, Ghosts in the Middle Ages. Chicago : University of Chicago Press, 1998.

Philippe Walter ed., Le mythe de la Chasse sauvage dans l’Europe médiévale. Paris : Honoré Champion, 1997.

Empfohlene Zitierweise

Dinzelbacher, Peter: Wiedergänger. In: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller und Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: http://www.historicum.net/no_cache/de/persistent/artikel/9008/

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Erstellt: 28.07.2011

Zuletzt geändert: 28.07.2011

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