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Weyer, Johann (Kurzbiographie und Forschungsbericht) 

Sonja Kinzler  

02.02.00  

* zw. 24.2.1515 und 24.2. 1516 in Grave/Cleve, + 24.2.1588 in Tecklenburg, Studium in Herzogenbusch und bei Agrippa von Nettesheim in Antwerpen und Bonn, Studium der Medizin in Paris und Orleans, Niederlassung als Stadtarzt von Arnheim, 1550 Ruf an den Hof Herzogs Wilhelm III von Jülich-Cleve-Berg, wo er unbekannte Krankheiten analysierte und seine kritischen Schriften zu Hexerei/Aberglauben verfaßte (1563 Veröffentlichung des Werks "De praestigiis daemonum").  

Die Weyerbibliographie kann einen ersten Eindruck vom aktuellen Stand der Weyerforschung vermitteln. Es fällt auf, daß sich ein Interesse an seinem Leben und seinen Werken - nach den Veröffentlichungen J. Scheltemas (Utrecht 1825 und Haarlem 1828) - erst zum Ende des 19. Jahrhunderts wieder in der Literatur niederschlägt. Sowohl in Veröffentlichungen zur Geschichte der Hexenprozesse als auch in der Renaissanceforschung wurde aber weit darüber hinaus Weyers Kontrahent Jean Bodin - als den "Sieger" in der Debatte um die Möglichkeiten der Hexerei und um die Bestrafung von Hexen und Schwarzkünstlern -, oder spätere Gegner der Hexenverfolgung wie Friedrich Spee beachtet. Die Ausnahmen und Vorreiter der modernen Weyerforschung sind v. a. der Arzt Carl Binz und H. Eschbach, die sich mit Weyer im Rahmen von regionalgeschichtlichen Beiträgen zur Geschichte der Hexenprozesse befaßten, oder der Psychiatriehistoriker O. Snell ("Hexenprozesse und Geistesstörung", 1891).  

Bis zu den 1970er/1980er Jahren entstanden dann eine Handvoll Dissertationen wie die U. F. Schneiders von 1951 oder die der Niederländer L. Dooren (1940) und J. J. Cobben (1960). Impulsgebend für die in diesem Zeitraum beginnende US-amerikanische Weyer-Rezeption, die u.a. 1974 eine Ausstellung in Maryland (J. Nemec, "Witchcraft and Medicine") hervorbrachte, waren die Arbeiten des Herausgebers eines Kompendiums zur Geschichte der Psychologie (1941), G. Zilboorgs "The Medical Man and the Witch During the Renaissance" (1969) und die "Encyclopedia of Witchcraft and Demonology" (R. H. Robbins 1959).  

Im Kontext des ab den 1970er Jahren erwachenden Interesses an der Geschichte der Hexenverfolgungen, später an der Geschichte der Psychiatrie, wurde Johann Weyer verstärkt Aufmerksamkeit zuteil. Es wurde nun z. B. eine Neuübersetzung von Weyers "De praestigiis daemonum" in Angriff genommen (G. Mora et al. 1991). 1983 setzte sich R. van Nahl ("Zauberglaube und Hexenwahn im Gebiet von Rhein und Maas. Spätmittelalterlicher Volksglaube im Werk Johann Weyers") gründlich mit Leben und Werk Weyers auseinander.  

Seither sind zahlreiche Veröffentlichungen erschienen, die Johann Weyer als Dämonologen (wie H. Lehmann und O. Ulbricht (Hgg.), "Vom Unfug des Hexen-Processes", 1992) und Arzt bzw. Psychiater betrachten. Er wird selten von religionsgeschichtlicher Warte aus betrachtet und gilt weiterhin als Bekämpfer eines Wahns, des "Hexenwahns", zugunsten einer "modernen" naturwissenschaftlichen Weltsicht. Es ist dies ein Tenor, der sich lange hielt und teils immer noch hält, v. a. in der medizingeschichtlichen Forschung (Psychiatriegeschichte), aber auch in anderen Veröffentlichungen wie z. B. innerhalb der Renaissancegeschichte - Stichwort Scientific Revolution - , der Tenor der Hochachtung Weyers als Kämpfer gegen einen "mittelalterlichen" Aberglauben (wie W. Lindenberg, "Ärzte im Kampf gegen Krankheit und Dummheit", 1963). "Abergläubische" Aspekte in Weyers Ausführungen, die solchem Fortschrittsdenken entgegenstehen (z. B. sein Teufelsglaube) wurden dabei nötigenfalls ignoriert (Gegenbeispiel: P. Vandermeersch, "The Victory of Psychiatry over Demonology: the Origin of a Nineteenth-Century Myth", 1991). 

Digitalisierte Schlüsselseiten

De praestigiis Daemonum Th. 1/ Aus d. Lat. übersetzt von Joh. Füglino Frankfurt / M. 1566
BSB Phys.m.306-1

Empfohlene Zitierweise

Kinzler, Sonja: Weyer, Johann. In: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller u. Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: http://www.historicum.net/no_cache/de/persistent/artikel/1679/

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Erstellt: 15.02.2006

Zuletzt geändert: 05.05.2006

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