P-Z

Hexenverfolgungen Toul, Bistum (Toul) 

Elisabeth Biesel 

13.12.99  

Insgesamt wurden zwischen 1584 und 1623 71 Einwohner der Stadt Toul als mutmaßliche Hexen und Zauberer angeklagt. In Toul wurde offenbar vor 1584 kein Hexenprozeß durchgeführt. Unter den 71 Angeklagten befanden sich lediglich 15 Männer. Geht man von schätzungsweise 5000 bis 6000 Einwohnern im 16. Jahrhundert aus, so kam in Toul ein Hexenprozeß auf 70 bis 85 Einwohner. Die 71 in der Stadt Toul durchgeführten Hexenprozesse endeten in 44 Fällen mit der Hinrichtung des Angeklagten. Durch diese niedrige Hinrichtungsrate relativiert sich die Einordnung Touls als Region intensiver Verfolgungsaktivitäten. Vermutlich wurden hier insgesamt nicht mehr mutmaßliche Hexen und Zauberer hingerichtet als im Herzogtum Lothringen.  

Erst ab 1610 nahm die Verfolgung in der Stadt größere Ausmaße an und mündete in der großen Welle von 1618/19 bis 1622/23. Sie zeigte einen für die Vorphase einer großen Welle und deren Höhepunkt typischen Verlauf: Die Anzahl der Hinrichtungen nahm zu und das Stereotyp der alten weiblichen Hexe wurde immer häufiger durchbrochen, da auf dem Höhepunkt einer großen Welle die Verfolgung über die durch die Besagungen entstehende Kettenreaktion häufig außer Kontrolle geriet. Die Verfahren hörten nach 1623 endgültig auf.  

Die wenigen erhaltenen Prozeßakten lassen sich sowohl durch die ausführlichen Urteile, die im Strafprozeßregister der Stadt (A.C. Toul FF 8) verzeichnet sind, als auch durch die Aufzeichnungen der fünf Enquéreurs in ihrem " Livre des Enquéreurs " vervollständigen. Wertvolle Informationen zur Verfassungs- und Rechtsgeschichte der seit 1552 von Frankreich besetzten Stadt bieten die Memoiren von Jean du Pasquier, der seit 1618 als amtierender städtischer Prokurator an der Hexenverfolgung in der Stadt maßgeblich beteiligt war. Erst seit seinem Amtsantritt führten verfahrenstechnische Neuerungen - die Nadelprobe, der häufigere Foltereinsatz und die Berücksichtigung von Besagungen - zu einer massiven Ausweitung der Hexenprozesse. 

Die soziale Herkunft der Touler Angeklagten entsprach im großen und ganzen der sozialen Gliederung der städtischen Bevölkerung; nur die zahlreich in der Bischofsstadt vertretenen Kleriker blieben von den Prozessen völlig verschont. Besonders häufig fielen die Winzerfamilien in der noch stark vom Weinbau geprägten Region der städtischen Verfolgung zum Opfer. 76 der 77 erfaßten Zeugen lebten in der Stadt; sie gehörten den typischen städtischen Berufsgruppen an; einige wenige städtische und bischöfliche Beamte erschienen vor Gericht. Systematisch wurden Nachbarn, Freunde und Arbeitskollegen der Angeklagten vernommen. 

Die Hexenverfolgungen in der Stadt Toul zeichneten sich durch mehrere Besonderheiten aus: Die Prozesse setzten hier relativ spät ein. Die große Verfolgungswelle begann erst 1618/19, als das umliegende lothringische Herzogtum bereits die zweite größere Welle erlebte. Nur 62 % der Prozesse endeten in Toul mit der Hinrichtung der Angeklagten. Obwohl man in Toul während der großen Welle vermehrt auf die Nadelprobe zurückgriff, blieb man in Bezug auf die Folteranwendung immer noch vergleichsweise zurückhaltend. Selbst während der Jahre 1618/19 bis 1622/23 ließ das Gericht die Angeklagten nur in der Hälfte der Fälle foltern. Diejenigen, die ohne Folterandrohung ein Geständnis abgelegt hatten, wurden in Toul - bis auf eine Ausnahme - nicht mehr der Tortur unterworfen, um die Namen von Komplizen zu erfahren. Dies zeigt deutlich, daß hier Besagungen, die in anderen Regionen der Grund für eine massive Ausweitung der Verfolgungswellen waren, verhältnismäßig wenig Berücksichtigung fanden. 

Besonders hoch war der Anteil der wegen Hexerei angeklagten Frauen. Vor 1602 waren allein Frauen von den Prozessen betroffen; erst während der großen Verfolgungswelle erreichte der Männeranteil an den Verfahren ein Drittel. Betrachtet man die von den Zeugen gegen die mutmaßlichen Hexen und Zauberer erhobenen Vorwürfe, dann zeigt sich, daß in der Stadt vorwiegend innerfamiliäre und nachbarschaftliche Konflikte in Krisensituationen mittels Hexereiverfahren ausgetragen wurden. Der häufig erhobene Vorwurf des Wetterzaubers, bei dem die Weinernte verdorben wurde, spiegelt die Abhängigkeit der städtischen Wirtschaft vom Weinbau wider. Solange das städtische Gericht eine eher indifferente Haltung gegenüber den Zauberei- und Hexereivorwürfen an den Tag legte, erreichte die Verfolgung kaum ein größeres Ausmaß. Erst in dem Moment, in dem der städtische Prokurator Jean du Pasquier und das Gericht der zehn Justiciers verstärkten Wert auf Besagungen legten, die Nadelprobe durchführten und die Folter häufiger einsetzten, konnten die Prozesse außer Kontrolle geraten und zu einer großen Verfolgungswelle werden.

Eine weitere Besonderheit der Touler Hexenverfolgung besteht in den Beschreibungen des Hexensabbats in den Geständnissen der Angeklagten, in denen ein stark von der dämonologischen Theorie bestimmtes Bild der nächtlichen Versammlungen der Hexen und Zauberer gezeichnet wurde. Vielleicht wirkte sich hier der hohe Anteil der Kleriker an der städtischen Bevölkerung aus, die offenbar über Predigten die Vorstellungswelt der Laien in stärkerem Maße beeinflußten. 

Literatur 

Jean-Paul AUBE: Le livre des enquéreurs de Toul. In: Études touloises 41, 1986, S. 17-40. 

Elisabeth BIESEL: Hexerei und andere Verbrechen. Gerichtspraxis in Toul. In: Hexenprozesse und Gerichtspraxis. (Trierer Hexenprozesse - Quellen und Darstellungen 5) Trier 1999, (im Druck). 

Elisabeth BIESEL: Hexenjagd, Volksmagie und soziale Konflikte im lothringischen Raum. (Trierer Hexenprozesse - Quellen und Darstellungen 3) Trier 1997. 

Elisabeth BIESEL: "Son corps ars, bruslé et reduict en cendres". Die Hexenverfolgung in Toul als Versuch innerstädtischer Konfliktlösung. In: Les Cahiers Lorrains , No 1, 1999, S. 9-30. 

Albert Denis: La sorcellerie à Toul aux XVIe et XVIIe siècles. Nancy 1888. 

Henri LEPAGE: Archives de Toul. Inventaire et documents. Nancy 1858. 

Henri LEPAGE: Le livre des Enquéreurs de la cité de Toul. In: Bulletins de la Société d'Archéolgie lorraine 8, 1858, S. 177-247. 

Mémoires de Jean du Pasquier, procureur syndic de la cité de Toul. Toul 1878. 

 

Siehe auch folgende Artikel 

Pasquier, Jean du von Elisabeth Biesel

Toul, Bistum (Toul) - Gerichtspraxis von Elisabeth Biesel

Procureur général de la cité de Toul oder der städtische Prokurator von Elisabeth Biesel

Tribunal des Dix oder die Dix Justiciers und die Cinq Enquéreurs von Elisabeth Biesel

Empfohlene Zitierweise

Biesel, Elisabeth: Toul - Hexenverfolgungen. Aus: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller u. Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: http://www.historicum.net/no_cache/de/persistent/artikel/1631/

Bitte setzen Sie beim Zitieren dieses Beitrags hinter der URL-Angabe in runden Klammern das Datum Ihres letzten Besuchs dieser Online-Adresse.



Erstellt: 15.02.2006

Zuletzt geändert: 09.06.2006

Index P-Z